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Full text of "Die Traumdeutung [7. Auflage]"

PRINCETON 

UNIVERSITY 

V LIBRARY J 




DIE 

TRAUMDEUTUNG 

VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 



»FLECTERE Sl NEQUEO SUPEROS, ACNE RON TA MOVEBO« 



SIEBENTE AUFLAGE 



MIT BEITRÄGEN VON 

Dr. OTTO RANK 



LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUT1CKE 
1Q22 



Wrlags-Nr. 2782. 



I k rnn Pnnl darin. Winn. II.. ZirltlueuM« 1» 



Vorbemerkung. 



Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, 
glaube ich den Umkreis neuropathologisehcr Interessen nicht über- 
schritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psycho- 
logischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer 
Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die 
Zwangs und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen 
beschäftigen müssm. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann 
der Traum — wie sieh zeigen wird — Anspruch nicht erheben; um 
so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, und wer 
sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird 
sieh auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen, 
eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen. 
Derselba Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtig- 
keit verdankt, ist aucli für die Mangel der vorliegenden Arbeit ver- 
antwortlich zu machen. Di» Bruch flächen, welche man in dieser Dar- 
stellung so reichlich finden wird, entsprechen cbensovielcn Kontakt- 
stellen, an denen das Problem der Traumbildung in umfassendere 
Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt 
weiden konnten, und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und 
weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet wer- 
den sollen. 

Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung 
erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer «remacht. Es 
4 wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur 
erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine 
^ Zwecke unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen 
*~ den eigenen Träumen und denen meiner in psychoanalytischer Behand- 
lung stehenden Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials 
g«, wurde mir durch den Umstand verwehrt, daß hier die Traumvorgänge 
2l einer unerwünschten Komplikation durch die Kinmengung neurotischer 
rj Charaktere unterlagen. Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume, 
aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von den Intimitäten 



9 









n 

meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr eröffnete, als 
mir lieb sein konnte und als sonst einem Autor, der nicht Poet, son- 
dern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt- Das war peinlich, aber 
unvermeidlich; ich habe mich also darein gefügt, um nicht auf dio 
Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse überhaupt ver- 
zichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung nicht 
widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen 
Indiskretionen die Spitze abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte 
es dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten 
Nachteile. Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser 
dieser Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um 
Nachsicht mit mir zu üben, und ferner daß alle Personen, die eich 
in den mitgeteilten Träumen irgendwie betroffen finden, wenigslens 
dem Traumleben Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen. 



Vorwort zur zweiten Auflage. 

Baß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung 
des ersten .Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, 
verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in 
den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der 
Psychiatrie scheinen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das 
anfängliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige 
Auffassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von 
Beruf, die nun einmal gewohnt, Bind, die Probleme des Traumlebens 
als Anhang zu den Bowußtseinszuständen mit einigen — meist den 
nämlichen — Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daW 
man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer 
gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen 
muß. Das Verhalten: der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur 
zur Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schick- 
sal dieses meines Werkes sein müsse; auch die kleine. Schar von 
wackeren Anhängern, die meiner Führung in der ärztlichen Hand- 
habung der Psychoanalyse folgen und nach meinem Beispiel Träume 
deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von Neurotike.rn zu 
verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht erschöpft. So 
fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten und Wiß- 
begierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die Aufforderung ver- 
schafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit 
nach neun Jahren von neuem vorzunehmen. 

Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern 
fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner 
vermehrtun Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen 
wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über 
den Traum und seine. Deutung sowie über die daraus ableitbaren 
psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert geblieben; es hat 
wenigsten.« subjektiv, die Probe der Zeit bestanden. AVer meine anderen 
Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psychoneurosen) kennt, 
weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich 
stete bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreitenden 
Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich 
bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen Jahren 
meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins 
Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es 
immer wieder die „Traumdeutung", an der ich meine Sicherheit 



IV 

wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also 
einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der 
Trauniforscliung nicht folgen wollen. 

Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch 
die, Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen 
ich die Hegeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der 
Revision ein Beharrungsvermögen, das eich eingreifenden Änderungen 
widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere 
subjektive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen 
konnte. Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als 
meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste 
Ereignis, den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. 
Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren 
dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleich- 
gültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und deuten 
lernt. 

Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zu- 
sammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten 
Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet*. 

Berchtesgaden, im Sommer 1908. 



Vorwort zur dritten Auflage. 

Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage, dieses 
Buches ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das 
Bedürfnis einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre 
bemerkbar gemacht. Ich darf mich dieser Wandlung freuen: wenn 
ich aber vorhin die Vernachlässigung meines Werkes von Seite der 
Leser nicht als Beweis für dessen Unwert gelten lassen wollte, kann 
ich das nunmehr zu Tage getretene Interesse auch nicht als Beweis 
für seine Trefflichkeit Verwerten. 

Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die 
..Traumdeutung" nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 nieder- 
schrieb, besiand die „Sexualtheorie" noch nicht, war die Analyse der 
komplizierteren Formen von Psyehoncurnsen noch in ihren Anfängen. 
Die Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel weiden, um die psy- 
chologische Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat. das 
vertiefte Verständnis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes 
zurückgewirkt. Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat sich 
nach einer Richtung weiterentwickelt, auf welche in der ersten Auf- 
lage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen war. Durch eigene 
Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. Stokel und anderen halte 
ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im Traume 

* Diese wurden bei den fulgviidcu Auflagen uie<lvr lulleii gclans ■ , l. 



V 

(oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt 
So h:it sich im Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was Berück- 
sichtigung verlangte. Ich habe- versucht, diesen Neuerungen durch 
zahlreiche Einschaltungen in den Text und Anfügung von Fußnoten 
Rechnung zu tragen. Wenn diese Zusätze nun gelegentlich den Rah- 
men der Darstellung zu sprengen drohen, oder wenn es doch nicht 
an allen Stellen gelungen ist, den früheren Text auf das Niveau 
Unserer heutigen Einsichten zu heben, so bitte ich für diese Mängel 
des Buche-' um Nachsieht, da sie nur Folgen und Anzeichen der nun- 
mehr beschleunigten Entwicklung unseres Wissens sind. Ich getraue 
mich auch vorherzusagen, nach welchen anderen Richtungen spätere 
Auflagen der Traumdeutung ■ — falls sich ein Bedürfnis nach solchen 
ergeben würde — von der vorliegenden abweichen werden. Dieselben 
müßten einerseits einen engeren Anschluß an den reichen Stoff der 
Dichtung, des Mythus, des Sprachgebrauchs und des Folklore suchen- 
anderseits die Beziehungen des Traumes zur Neurose und zur Geistes- 
störung noch eingehender, als es hier möglich war. behandeln. 

Herr Otto Rank hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle 
Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. 
Ich bin ihm Und vielen and-ren für ihre Beiträge und Berichtigungen 
zu Dank vorpflichtet. 

[Wien, im Frühjahr 1911. 



Vorwort zur vierten Auflage. 

Im Vorjahre (1913) hat Dr. A. A. Brill in New York eine eng- 
lische Übersei zung dieses Buches zu Stande gebracht- [The iuterpreta- 
tion of dreams. G. Allen & (X. London.] 

Herr Dr. Otto Rank hat diesmal nicht nur die Korrekturen be- 
sorgt, sondern auch den Text um zwei selbständige Beiträge bereichert. 
(Anhang zu Kap. VI.) 

.Wien, im Juni 1914. 



Vorwort zur fünften Auflage. 

Das Interesse für die „Traumdeutung" hat auch während des 
Weltkrieges nicht geruht und noch vor Beendigung desselben eine 
neue Auflage notwendig gemacht- In dieser konnte aber die. neue 
Literatur seit 1911 nicht voll berücksichtigt; werden: soweit sie 
fremdsprachig war. kam sie überhaupt nicht zu meiner und 
Dr. R ank'a Kenntnis. 



vr 

Eine ungarische Übersetzung der Traumdeutung, von den Herren 
Dr. Hollös und Dr. Fere-nczi besorgt, ist dem Erscheinen nahe. 
In meinen 1916/17 veröffentlichten „Vorlesungen zur Einfüh- 
rung in die Psychoanalyse" (bei H. Heller, Wien), ist 
das elf Vorlesungen umfassende- Mittelstück einer Darstellung des 
Traumes gewidmet, welche elementarer zu sein bestrebt ist und einen 
innigeren Anschluß an die Xeurosenlehrc herzustellen beabsichtigt. 
Sie hat im ganzen den Charakter eines Auszugs aus der „Traum- 
deutung", obwohl sie an einzelnen Stellen Ausführlicheres bietet. 

Zu einer gründlichen Umarbeitung dieses Buches, welche es auf 
das Niveau unserer heutigen psychoanalytischen Anschauungen heben, 
dafür aber seine historische Eigenart vernichten würde, konnte ich 
mich nicht entschließen. Ich meine abor, es hat in nahezu 20jäkriger 
Existenz seine. Aufgabe erledigt. 

Budapes t- St ein br uch, im Juli 1918. 



Vorwort zur sechsten Auflage. 

Die Schwierigkeiten, unter donen gegenwärtig das Buchgewerbe steht, 
haben zur Folge gehabt, daß diese neue Auflage weit später erschienen ist, als 
dem Bedarf entsprochen hätte, und daß sie — zum ersten Mal - als unver- 
änderter Abdruck der ihr vorhergehenden auftritt. Nur das Literaturverzeichnis 
am Ende des Buches ist von Dr. 0. Rank vervollständigt und fortgeführt 
worden. 

Meino Annahme, dieses Buch hätte in nahezu zwanzigjähriger Existenz 
seine Aufgabe erledigt, hat also keine Bestätigung gefunden. Ich könnte viel- 
mehr sagen, daß es eine neue Aufgabe zu erfüllen hat. Handelte es sich früher 
darum, einige Aufklärungen über das Wesen des Traumes zu geben, so wird es 
jetzt ebenso wichtig, den hartnäckigen Mißverständnissen zu begegnen, denen 
diese Aufklärungen ausgesetzt sind. 

Wien, im April 1931, 



Inhaltsverzeichnis. 



MM 

I Dia wissenschaftliche Literatur der Trnnmprobl e tue (bis 

1900) 1 

in heziehuug des Traumes zum Waclilebf-n 4 

b) Das Trauniroateria). — Das Gedächtnis im Traume 7 

c) Traumreize und Truumqnellen • 15 

ii) Warum mau den Traum mich dem F.rwncheo vergiCt? 30 

e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes 33 

/) Die ethischen Gefühlt) im Traume 45 

g) Traumtheoriea uud Funktion des Traumes 52 

Ii) Beziehungen zwischen Traum und GeisteBkrankheiU-u ül 

II. Die Methode der Traumdeatung. Die Analyse eiues Trauui- 

mnsters C7 

MI. Der Traum ist eine \V uuscher f/D 11 0.11g 86 

IV. Die Traumeutstellung 94 

V. Das Tranramaterial uud die Trnu nitiucll v n 114 

a) Das Kezente uud das Indifferente im Traume 116 

b) Das Infantile als Tranm.iuelle 131 

c) Die somatischen TraumuueHeu 162 

d) Typische Traume 16G 

•> Der Verlegeuheitstraum der Nacktheit 167 

{!) Die Träume vom Tod teurer Personen 171 

•f) Der Priifungslraum 188 

VI. Die Traumarbeit 190 

o) Die VerdichtuugiarLeit 191 

b) Die Verschiebungsarbeit 208 

e) Die Darsti'llangsmittel des Traumes 212 

d) Die ROcksicbt auf Darstellbarkeit 232 

t) Die Darslellutig durch Symbole im Traum ••. — Weitere typische Träume 239 

/) Beispiele von Darstellungen. — Recbneu und Reden im Traume .... 276 

g) Absurde Traume, l'ie intellektuellen Leistungen im Traume 288 

h) Die Affekte in. Traume 312 

») Die sekundäre Bearbeitung 332 

Anhang 1. Traum und Dichtung (O. Rank) 316 

Anhang 2. Traum und Mythus (O, Bank) 368 

VII. Zur Psychologie der Traumvorgüngi- 381 

a) Das Vergessen der Träume 388 

b) Die Regression 898 

c) Zur Wunscherfüllung 409 

tl) DaB Wecken durch den Traum. Die Funktion des Traumes, Der Augst- 

traum • 425 

») Der Primär- und der Sekundllrvorganp. Die Verdrängung 435 

/) Das Unbewußte und das Bewußtsein. Die Realität 450 

VIII. Literaturverzeichnis: 

A. Bis zum Erscheinen dieses Buches (1900) . 459 

li, Seit dem Erscheinen dieses Buches (bis Eude 1913) . 465 

C. Von 1914—19^0 47^1 



Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme*. 

Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, 
daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu 
deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sicli 
als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angeb- 
barer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. 
Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klar zu legen, von denen 
die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und 
aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte 
ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der Traum 
hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn 
sie wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Träumens 
in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Mate- 
rial in Angriff genommen werden muß. 

Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über 
den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissenschaft 
stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht häufig 
Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche 
Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausendjähriger Be- 
mühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den Autoren so 
allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne Stimmen 
anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum Schlüsse 
meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemerkungen und 
reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber nichts oder 
wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner Rätsel 
endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen der gebil- 
deten Laien übergegangen. 

Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit 
bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf 
die Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der Seele 
genommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse, 
daß ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammenhange 
ausschließe- Ich verweise auf die bekannten Werke von Sir J. Lub- 
bock, H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur hinzu, daß 
uns die Tragweite dieser Probleme und Spekulationen erst begreif- 
lich werden kann, nachdem wir die uns vorschwebende Aufgabe der 

„Traumdeutung" erledigt haben. 

■ • 

* Bis zur ersten Veröffentlichung dieses Buches 1900. 

Freud, TraumilaiitaDg 7. Aufl. 1 



O I. I '"■ ni»»euscliaftlicue Literatur der Traumprohleui.:. 

Ein Nachklang der urzeit liehen Auffassung des Traumes liegt 
offenbar der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Alter- 
tums zu Grunde*. Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume 
mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Bezie- 
hung stünden und Offenbarungen von Seite der Götter und Dämonen 
brächten. Ferner drängte sieh ihnen auf, daß die Träume eine für 
den Träumei bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, ihm die Zu- 
kunft zu verkünden. Die außerordentliche Verschiedenheit in dem 
Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es allerdings schwierig, 
eine einheitliche Auffassung derselben durchzuführen und nötigte zu 
mannigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der Träume, 
je nach ihrem Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen 
Philosophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natür- 
lich nicht unabhängig von der Stellung, die sie der M antik über- 
haupt einzuräumen bereit waren. 

In den beiden den Traum behandelnden Schriften des Aristo- 
teles ist der Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir 
hören, der Traum sei nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl 
aber dämonischer, da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. 
der Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern 
folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit verwandten 
menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als die Seelentätig- 
keit des Schlafenden, insofern er schläft. 

Aristoteles kennt einige der Charaktere des Traumlebens, 
z. B. daß der Traum kleine, während des Schlufes eintretende Reize 
ins Große umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und 
heiß zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses 
oder jenes Gliedes stattfindet"), und zieht aus diesem Verhalten den 
Schluß, daß die Träume sehr wohl die ersten hei Tag nicht bemerk- 
ten Anzeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzt« 
verraten können**. 

Die Alten vor Aristoteles hatten den Traum wie erwähnt 
nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für 
eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen 
Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jederzeit 
vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen geltend. 
Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem Schläfer ge- 
sandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von 
eitlen, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die 
Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen. 

Gruppe (Griechische Mythologie und Heliirionsgeschichte, p. 390) 
gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makrobius und Ar- 
temidoros wieder: „Mau teilte die Träume in zwei Klassen. Die 
eine sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, 
für die Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte die 4vu»rvii, 
insomnia. die unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegenteil 
wiedergeben, z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die qjavwKJ- 

* Da* Folgende nach Buch sensch ü I z" sorgfältiger Darstellung. 
** Tber dio Beziehung des Traumes zu den Krankheiten handelt der grie- 
chische Arzt Hippokrates in einem Kapitel srines berühmten Werke«. 



Die Traumlehre der Alten. JJ 

j±i:a, welche die gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. 
der Alpdruck, Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestim- 
mend für die Zukunft; zu ihr gehören: 1. die direkte Weissagung, 
die man im Traume empfangt ('/pijjiaxiojiö-, oraculum), 2. das Voraus- 
sagen eines bevorstehenden Ereignisses (opapi, visiol, 3. der syml>o- 
lische, der Auslegung bedürftige Traum [tfaipof, sonmium). Diese 
Theorie hat sieh viele Jahrhunderte hindurch erhalten. 1 ' 

Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Auf- 
gabe einer „Traumdeutung" im Zusammenhange. Da man von den 
Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht 
alle. Träume unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht 
pin bestimmter unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, 
war der Anstoß zu einer Bemühung gegeben, welche den unverständ- 
lichen Inhalt des Traumes durch einen einsieht liehen und dabei be- 
deutungsvollen ersetzen konnte- Als die größte Autorität in der Traum- 
deutung galt im späteren Altertum Arte midoros aus Daldis, 
dessen ausführliches Werk uns für die verloren gegangenen Schrif- 
ten des nämlichen Inhaltes entschädigen muß*. •• ■ 

Die. vorwissenschaftliche Traumauf fassung der Alten stand sicher- 
lich im vollsten Einklänge mit ihrer gesamten Weltanschauung, wel- 
che als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur 
innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem 
Haupteindruck Rechnung, welchen das "Waohieben durch die am Mor- 
gen übrigbleibende Erinnerung von dem Traume empfängt, denn in 
dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleich- 
sam aus einer anderen Welt herrührt, dem ührigen psychischen Inhalt 
entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre von 
der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der An- 
hänger entbehrt; von allen pietistisehen und mystischen Schriftstel- 
lern abgesehen — die ja recht daran tun. die Beste des ehemals 
ausgedehnten Gebietes des übernatürlichen besetzt zu halten, solange 
sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert, sind — , 
trifft man doch auch auf scharfsinnige, und allem Abenteuerlichen 
abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und 
an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Un- 
erklärbarkeit der Traumerscheinungen zustutzen versuchen (Haff- 
ner). Die Wertschätzung des Traumlebens von Seite mancher Philo- 
sophenschulen, z. B. der Schel lingi aner, ist ein deutlicher Nach- 
klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und 
auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des 
Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho- 
logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten 
Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien 

• Die weiteren Schicksale der Traumdeutung im Mittelalter siehe bei 
Diepgen und in den Spezialuntersuchungen von M. Förster, Gotthard 
u. a. Cber die Traumdeutung bei den Juden handeln Almoli, Amram, Lü- 
winger sowie neuesten?, mit Berücksichtigung des psychoanalytischen Stand- 
punktes, Lauer. Kenntnis der arabischen Traumdeutung vermitteln Drexl, 
F. Schwarz und der Missionar Tfinkdji. der japanischen .Aliura und 
Iwaya, der chinesischen See k er, der indischen N egelein. 



4 I- Die wissenschaftliche Literatur der Traumproblem6. 

eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart orgeben hat, 
zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen. 

Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traum- 
probleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dieser Erkennt- 
nis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, ein Fort- 
schritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht 
zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten gekommen, 
auf dem dann ein nächstfolgender .Forscher weitergebaut hätte, son- 
dern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von neuem und 
wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an die Zeitfolge 
der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug berichten, 
welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußert, so müßte ich 
darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen 
Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vor- 
gezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren an- 
zuknüpfen und werde bei jedem der Traumprobleme anführen, was 
an Material zur Lösung desselben in der Literatur niedergelegt ist. 

Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr ver- 
streute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstandes zu 
bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn 
nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt 
in meiner Darstellung verloren gegangen ist. 

Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt ge- 
sehen. Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzu- 
handeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche 
in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse 
(wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt 
sich in den jüngslen Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt 
zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiete des Traum- 
lebens zum Gegenstand zu nehmen. In dieser Veränderung möchte 
ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß in so dunklen Din- 
gen Aufklärung und Ülxreinstimmung nur durch eine Reihe von De- 
tailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als eine 
solche Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer Natur, 
kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem 
des Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches 
Problem, wenngleich in der Charakteristik dos Schlafzustandes die 
Veränderung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat 
mitenthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafes 
hier außer Betracht. 

Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich 
führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Fragestellungen : 

a) Beziehung des Traumes zum Wach leben. Das naive 
Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum. — wenn er schon 
nicht aus einer anderen Welt stemmt — doch den Schläfer in ,eine 
andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe B u r d a c h, dem 
wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphäno- 
mene verdanken, hat dieser ülwrzeugung in einem vielbcmerkten Satze 
Ausdruck gegeben (p. 474): „ . . . nie wiederholt sich das Leben 
des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden 



Beziehung zum N'r.cMeben. -Jj 

und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus. uns davon zu 
befreien. Selbst wenn unsere ganze Seel" von einem Gegenstand er- 
füllt war-, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen oder eine Auf- 
gabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt 
uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges oder er nimmt au» 
der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen 
oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert 
die "Wirklichkeit." — J. H. Fichte (I, 541) spricht im selben Sinne 
direkt von Ergänzungsträumen und nennt diese eine von den 
geheimen Wohltaten selbstheilender Xatur des Geistes- In ähnlichem 
Sinne äußert sieh noch L.Strümpell in der mit Kecht von allen 
Seiten hochgehaltenen Studie über die Xatur und Entstehung der 
Träume (p. 16) : „Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußt- 
seins abgekehrt. . ." (p. 17): „Im Traume geht das Gedächtnis für 
den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und dessen normales 
Verhalten eo gut wie ganz verloren • • ■*' (p- 19): „Die fast erin- 
nerungslosc Abgeschiedenheit der Seele im Traume von dem regel- 
mäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen Lebens. . ." 

Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be- 
ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung 
vertreten. So Haffner (p. 19): „Zunächst setzt der Traum das 
Wachlebei' fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz 
zuvor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an- Eine genaue Be- 
obachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der 
Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte." Wey- 
gandt (p. 6) widerspriebt direkt der oben zitierten Behauptung 13 ur- 
dachs, „denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegenden 
Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade ins ge- 
wöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien." Maury 
^p. 56) sagt in seiner knappen Formel: „Xous revons de cc que nous- 
avons vu, dit, desire ou fait" j Jessen in seiner 1855 erschienenen. 
Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder weniger wird 
der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Per- 
sönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht. Stand, Bildungsstufe, 
gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen 
des ganzen bisherigen Lebens." 

Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph 
I. G. E. Maaß (Über die Leidenschaften, 1805) Stellung: „Die Er- 
fahrung bestätigt unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von 
den Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leidenschaften ge- 
richtet sind. Hieraus sieht man, daß unsere Leidenschaften auf die 
Erzeugung unserer Träume Einfluß haben müssen. Der Ehrgeizige 
träumt von den (vielleicht nur in seiner Einbildung) errungenen oder 
noch zu erringenden Lorbeeren, indes der Verliebte sich in seinen 
Träumen mit dem Gegenstand seiner süßen Hoffnungen beschäftigt. . . 
Alle sinnlichen Begierden und Verabscheuungen, die im Herzen schlum- 
mern, können, wenn sie durch irgend einen Grund angeregt werden, 
bewirken, daß aus den mit ihnen vergesellschafteten Vorstellungen 
ein Traum entsteht oder daß sich diese Vorstellungen in einen bereits 



ß I. Die wisaensehaftliche Literatur der Traumprobleme. 

vorhandenen Traum einmischen." (Mitgeteilt von "\V in t ers t e i n im 
„Zbl. für Psychoanalyse".) 

Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Traum- 
inhaltes vom Leben. Ich zitiere nach R adestock (p. 139): Als 
Xcixeö vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Ent- 
schluß durch guten Rat abgelenkt, durch Traume aber immer wieder 
dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traunideuter 
der Perser, Artabanos, treffend zu ihm. daß die Traumbilder meist 
das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke. 

Im Lehrgedichte des Lucret ius. De rerum natura, findet sich 
(IV. v, 959) die Stelle: 

..Et quo qtiisquo ferc studio rlovinctu.- aiiliaorct, 
aut quibus iu rebus multuoi sunrus ante mural i 
aUjue in ea ratinne fuit cuutcnUi magU meu>, 
in somnis lAilum plcrumque videmur obire; 
causidici causas agcro et coiuuoucrc feges, 
iudii]>(jratores jiuynnre ae ntCMlip obirt'," etc. 

Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel später 
Maury: .Maximeque rcliquiae earum rerum moventur in animis et 
agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut cgimus." 

Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung 
von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat. unauflösbar. Es 
ist darum am Platz, der Darstellung von F. W. Hildebrandt (1875) 
zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes 
ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine ,, Reihe 
von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen sich zu- 
spitzen" (p. 8). ..Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits die 
strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit des 
Traumes von dem wirklichen und wahren Leben und anderseits das 
stete Hinübergreifen des einen in das andere, die stete Abhän- 
gigkeit des einen von dem anderen. — Der Traum ist etwas von der 
wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte 
sagen, ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Daßein, von dem 
wirklichen Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er macht 
uns von der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung an die- 
selbe ÜJ uns aus und stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz 
andere Leidensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu 
schaffen hat. . ." Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Ein- 
schlafen unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter 
einer unsichtbaren Falltür" verschwindet. Man macht dann etwa im 
Traume eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen Na- 
poleon etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man wird von 
dem Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, die 
interessante Illusion durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun aber 
vergleicht man die Traumsituation mit der Wirklichkeit Man war 
nie Weinhändler und hat's auch nie werden wollen. Man hat nie eine 
Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum Ziele einer 
solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus keine, sympa- 
thische Gesinnung, sondern einen grimmigen patriotischen Haß. Und 



Diu Traummaterial. 7 

zu alledem war der Träumer überhaupt, noch nicht unter den Leben- 
den, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung 
zu ihm zu knüpfen lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. So 
erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes zwi- 
schen zwei vollkommen zueinander passenden und einander fortset- 
zenden Lebensabschnitten. 

„Und dennoch," setzt Hildebrandt fort. ..ebenso wahr Und 
richtig ist. das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab- 
geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Bezie- 
hung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen: 
.Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu aus 
der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser Wirk- 
lichkeit sich abwickelt. . . . Wie wunderlich er's damit treibe, er 
kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los und seine sub- 
limsten wie possenhaften Gebilde müssen immer ihren Grundstoff 
entlehnen von dem, was entweder in der Sinnenwelt uns vor Augen ge- 
treten ist oder in unserem wachen Gedankengange irgendwie bereits 
Platz gefunden hat. mit anderen Worten, von dem, was wir äußer- 
lich oder innerlich bereits erlebt haben." 

b) Das Traummaterial. — Das Gedächtnis im Traume- 
Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend 
eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert, 
erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis 
gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zu- 
sammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als 
augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben müsse. 
Derselbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich 
in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der 
Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche 
die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt, und die, obwohl allgemein 
bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird 
der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen. 

Es kommt zunächst vor. daß im Trauminhalt ein Material auf- 
tritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und 
Erleben gehörig anerkennt- Man erinnert wohl, daß man das Be- 
treffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt 
hat. Man bleibt dann im unklaren darüber, aus welcher Quelle der 
Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eino selbständig pro- 
duzierende Tätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft nach langer 
Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinnerung an das 
frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle aufdeckt. 
Man muß dann zugestehen, daß man im Traume etwas gewußt und ier- 
innert hat. was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war*. 

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Del- 
boeuf aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traume den 
Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen 
halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund 



*Vaschide behauptet auclu es sei oft bemerkt worden, daß mau im 
Traume fremde Sprachen geläufiger und reiner spreche als im Wacben- 



g 1. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme, 

aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine Höhle im 
Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige Blätter 
von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Mauer wuchs und das 
sie, wie er wußte, sehr liebten- Im Traume kannte er den Namen der 
Pflanze: Asplenium ruta muralis. — Der Traum ging dann weiter, 
kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück und zeigte 
Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die sich über 
die Reste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick 
aufs freie Feld, sah eine "fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu 
dem Loche in der Mauer nehmen und endlich war die ganze Straße 
bedeckt von einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben 
Richtung wanderten. 

Delboeuf 8 Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische 
Pflanzcnnamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein. 
Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß ein Farn 
dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria war seine 
richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An 
ein zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken; es 
blieb aber für Delboeuf rätselhaft, woher er im Traume die Kennt- 
nis des Namens Asplenium genommen hatte. 

Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre 
später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er be- 
sucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als Er- 
innerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden 
verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das 
Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines Traumes und 
?rkennt seine eigene Handschrift in dem beigefügten lateinischen 
Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang herstellen. Eine Schwester 
dieses Freundes hatte im Jahre 1860 — zwei Jahre vor dem Eidech- 
sentraume — auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht. Sie hatte 
damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich, und Del- 
boeuf unterzog sich der Mühe, unter dem Diktat eines Botanikers 
zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen Namen hinzu- 
zuschreiben. 

•Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens- 
wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem 
Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. 
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten 
Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab- 
gebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die 
Jahreszahl 1861 und Delboeuf wußte sich zu erinnern, daß er von 
dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten gehört hatte. 

Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen 
unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut- 
same Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer ..hypermnesti- 
scher" Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. Maury 
erzählt, daß ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei Tag in 
den Sinn zu kommen pflegte. Er wußte, daß es der Name einer 
französischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte ihm 
von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte, sie 



D«a Traumgedachtois. — Hyuermneaie de» Traume». •> 

käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege- zur 
Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im Departement 
de la Dordogne. Erwacht, schenkte Maury der im Traume er- 
haltenen Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon be- 
lehrte ihn aber, daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist 
das Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses 
Wissens aber nicht aufgespürt worden. 

Jessen erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkoinmnis 
aus älteren Zeiten: ., Dahin gehört unter anderem der Traum des 
älteren Seal ig er (Hennings I.e., p. 300), welcher ein Gedicht 
zum Lobe der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, 
welcher sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich be- 
klagte, daß er vergessen sei. Obgleich Sca liger sich nicht erinnerte, 
je etwa3 von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn. 
und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß ehemals ein solcher 
BrugnoluB als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei." 

Einen hypermnestischen Traum, welcher sich durch die besondere- 
Eigentümlichkeit auszeichnet, daß sich in einem darauffolgenden Traum 
die Agnoszierung der zuerst nicht erkannten Erinnerung vollzieht, 
erzählt der Marquis d'Hervey de St. Denis (nach Vaschide, 
p. 232): „Ich träumte einmal von einer jungen Frau mit goldblondem 
Haar, die ich mit meiner Schwester plaudern sah, während sie ihr 
eine Stickereiarbeit zeigte Im Traume kam sie mir sehr bekannt vor y 
ich meinte sogar, sie zu wiederholten Malen gesehen zu haben. Nach 
dem Erwachen habe ich dieses Gesicht noch lebhaft vor mir, kann 
es aber absolut nicht erkennen. Ich schlafe nun wieder ein; das 
Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen Traume spreche ich nun 
die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht schon das Vergnügen 
gehabt, sie irgendwo zu treffen. Gewiß, antwortet die Dame, erinnern 
Sie sich nur an das Seebad von Pornic. Sofort wache ich wieder auf 
und weiß mich nun mit aller Sicherheit an die Einzelheiten zu be- 
sinnen, mit denen dieses anmutige Traumgesicht verknüpft war." 

Derselbe Autor (bei Vaschide, p. 233) berichtet: 
Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine Melodie, 
die ihm völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später fand er die- 
selbe in einer alten Sammlung von Musikstücken aufgezeichnet, die 
vorher in der Hand gehabt zu haben er sich noch immer nicht er- 
innert. 

An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of 
tho Society for psychical research) soll Myers eine ganze Sammlung 
solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine, 
jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr ge- 
wöhnliches Phänomen anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für 
Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu 
besitzen vermeint. In den psychoanalytischen Arbeiten mit Nervösen, 
von denen ich später berichten werde, komme ich jede Woche mehr- 
mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, daß 
sie Zitat«, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, und 
daß sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im wache». 



1() L Die wiaseuschaftlicbe Literatur der Traamprobleme. 

Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie 
will ich hier noch mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus wel- 
cher die nur dem Traume zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht 
auffinden ließ. 

Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß 
er sich in einem Kaffeehause eine „Kontuszöwka" geben lasse, fragte 
aber nach der Erzählung, was das wohl sei ; er habe den Namen 
nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszöwka sei ein polnischer 
Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben könne, da mir der 
Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte 
mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem 
er seinen Traum im Kaffeehause hatte zur Wirklichkeit werden lassen, 
bemerkte er den Namen auf einem Plakat, und zwar an einer Straßen- 
ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte pas- 
sieren müssen. 

Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man 
mit der Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom 
Zufalle abhängig bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Ab- 
fassung dieses Buches das Bild eines sehr einfach gestalteten Kirch- 
turmes, 'den gesehen zu haben ich mich nicht erinnern konnte. Ich 
erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit voller Sicherheit, auf einer 
kleinen Station zwischen Salzburg und Reichenhall. Es war in der 
zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, und ich hatte die Strecke im 
Jahre 1886 zum erstenmal befahren. In späteren Jahren, als ich 
mich bereits intensiv mit dem Studium der Träume beschäftigte, 
wurde das häufig wiederkehrende Traumbild einer gewissen merk- 
würdigen Lokalität mir geradezu lästig. Ich sah in bestimmter ört- 
licher Beziehung zu meiner Person, zu meiner Linken, einen dunklen 
Raum, aus dem mehrere groteske Sandstein figuren hervorleuchteten. 
Ein Schimmer von Erinnerung, dem ich nicht recht glauben wollte, 
sagte mir. es sei ein Eingang in einen Bierkeller; es gelang mir aber 
weder aufzuklären, was dieses Traumbild bedeuten wolle, noch woher 
es stamme. Im Jahre 1907 kam ich zufällig nach Padua, das ich zu 
meinem Bedauern seit 1895 nicht wieder hatte besuchen können. 
Mein erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war unbefrie- 
digend geblieben; ich hatte die Fresken Giottos in der Madonna 
delP Arena nicht besichtigen können und machte mitten auf der 
dahin führenden Straße Kehrt, als man mir _iitteilte, das Kirchlein 
sei an diesem Tage gesperrt. Bei meinem zweiten Besuche, zwölf 
Jahre später, gedachte ich mich zu entschädigen und suchte vor allem 
den Weg zur Madonna dcll* Arena auf. An der zu ihr führenden 
Straße, linkerhand von meiner Wegrichtung, wahrscheinlich an der 
Stelle, wo ich 1895 umgekehrt war, entdeckte ich die Lokalität, die 
ich so oft im Traume gesehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sand- 
ßteinfiguren. Es war in der Tat der Eingang in einen Restaurations- 
garten. 

Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Re- 
produktion bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des 
Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kind- 



Infantiles Material im Traume. ±\ 

he it sieben. Ich werde nur einige aer Autoren anführen, die aie3 
bemerkt und betont haben: 

Hildebrandt (p. 23): „Ausdrücklieh ist schon zugegeben wor- 
den, daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktionskraft 
uns abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fernster Zeit 
treu vor die Seele zurückführt." 

Strümpell (p. 40): „Die Saehe steigert sich noch mehr, wenn 
man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten 
und massenhaftesten Versehüttungen, welche die spätere Zeit auf die 
frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat. die Bilder einzelner Lokali- 
täten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher 
Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß auf 
solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein 
gewonnen oder sich mit starken psychischen Werten verbunden haben, 
und nun später im Traume als eigentliche Erinnerungen wiederkehren, 
an denen das erwachte Bewußtsein sich erfreut. Die Tiefe des Traurn- 
gedächtnisses umfaßt vielmehr auch solche Bilder von Personen, 
Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder 
nur ein geringes Bewußtsein oder keinen psychischen Wert besaßen 
oder längst das eine wie das andere verloren hatten und deshalb auch 
sowohl im Traume wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und 
unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird." 

Volkelt (p. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern 
Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran 
wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit 
verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich." 

Die Herrschaft des Traumes übpr das Kindlieitsmatc-ial, welches 
bekanntlich zum größten Teile, in die Lücken der bewußten Erin- 
nrrungslähigkoit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten 
hypermnestischeu Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele 
mitteilen will. 

— Maury erzählt (p. !)2), daß er von seiner Vaterstadt Meaux 
als Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war, 
wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt 
ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn wieder in den Straßen 
der Stadt spielen- Ein Mann nähert sich ihm. der eine Art Uniform 
trägt. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er 
heiße C . . - und sei Brückenwäcbter. Nach dem Erwachen fragt 
der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury 
eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an 
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiß, lautet die Ant- 
wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals ge- 
baut hat. 

Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im 
Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem 
Herrn F. . ., der als Kind in Montbr ison aufgewachsen war. Die- 
ser Mann beschloß. 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat 
und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie, wieder zu be- 
suchen. In d<>r Nacht vor seiner Abreise träumt er, daß er am Ziele 
ist und in der Nähe von Montbr ison einen ihm vom Ansehen 



12 1- Die wissenschaftliche Literatur der Traamprob:eme. 

unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein 
Freund seines Vaters. Der Träumer wußte, daß er einen Herrn die- 
ses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen 
nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in 
Montbrison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lo- 
kalität des Traumes wieder und begegnet einem Herrn, den er sofort 
als den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker 
gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte- 

Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu 
erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in 
einem Traume eine Person, von der ich im Traume wußte, es sei der 
Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie 
vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gymnasial- 
lehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die 
beiden Personen verknüpfte, konnte ich dann im Wachen nicht atis- 
findig machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzte dieser 
meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß er einäugig ge- 
wesen war, und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person 
die des Arztes im Traume gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, daß 
ich den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im 
wachen Leben niemals an seine Person gedacht, obwohl eine Narbe 
am Kinn mich an seine Hilfeleistung hätte erinnern können. 

Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße 
Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, 
wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen 
sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert 
(p. 46) äußert sogar: ..Im allgemeinen beschäftigt sich der normale 
Traum nur mit den Eindrücken der letzt vergangenen Tage." Wir 
werden allerdings erfahren, daß die von Robert aufgebaute Theorie 
des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Vorschie- 
bung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Tatsache aber, 
der Robert Ausdruck gibt, bestellt, wie ich nach eigenen Unter- 
suchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor Nel- 
son meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke vom 
Tago vor dem Traumtago oder vom dritten Tage vorher verwertet, 
als ob die Eindrücke des dem Traume unmittelbar vorhergehenden 
Tages nicht abgeschwächt — nicht abgelegen — genug wären- 

Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des 
Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, auf- 
gefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäf- 
tigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tages- 
gedankenarbeit einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind- So 
träumt man in der "Regel von einem lieben Toten nicht die erste 
Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt (Delage). 
Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Mili Hallam, auch l'.ei- 
spielo vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und vertritt für diesen 
Punkt, das Recht der psychologischen Individualität. 

Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich- 
keit des Gedächtnisses im Traume zeigt, sich in der Auswahl des 
reproduzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Be- 



Itezentes und indifferent™ Material im Traume. 13 

deutsamste, sondern im Gegenteil auch das Gleichgültigste, Unschein- 
barste der Erinnerung wert gehalten wird- Ich lasse hierüber jene 
Autoren zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräf- 
tigsten Ausdruck gegeben haben. 

Hildebrandt (p. 11): ,.Denn das ist das Merkwürdigste, daß 
der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen und 
tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden 
Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen 
Zugaben, sozusagen aus den wertlosen Brocken der jüngst verlebten 
oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der erschüt- 
ternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken wir 
spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, bis 
ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in das- 
selbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze auf der Stirn eines 
Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick mehr 
dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die spielt eine 
Rolle in unserem Traume. . ." 

Strümpell (p. 39): „. . . solche Fälle, wo die Zerlegung eines 
Traumes Bestandteile, desselben auffindet, die zwar aus den Erleb- 
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch 60 un- 
bedeutend und wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß sie 
kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen 
Erlebnisse sind etwa zufällig gehört« Äußerungen oder oberflächlich 
bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorübergegangene Wahr- 
nehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus 
einer Lektüre u. dgl." 

Havelock Ellis (1899. p. 727): „The profound emotions of wa- 
king life, the questions and problems on which wc spread our chief 
voluntary mental energy, are not those which usually present them- 
selves at once to dreamconsciousness. It is so far a-s the immediate 
past is concerned, mostly the trifling, the incidental, the .forgotten" 
impressions of daily lifo which reappear in our dreams. The psychic 
activitics that are awake most intensely are those that sleep most 
profoundly." 

Binz (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentümlich- 
keiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbe friedigung 
mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes aus- 
zusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen. 
Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniscindrücke der letzt- 
verlebten Tage, sondern tauchen oft ein, ohne irgend erkennbares 
Motiv, in weit, hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit? 
Warum empfängt im Traume 'das Bewußtsein so oft den Eindruck 
.gleichgültiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, 
wo sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, 
meist stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine akute Auffrischung 
während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?" 

Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum- 
Gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den 
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des 
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenig- 



14 I. Die wissen»! hn Micke Literatur der Traamproblem«. 

Btcns den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren-. 
So war es möglich, daß Miß Whiton Calkins bei der statistischen 
Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11 o/o der An- 
zahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tageslcben nicht 
ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung 
recht, daß sieh alle Traumbilder uns genetisch erklären würden, 
wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten, 
ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt, dies freilich „ein äußerst 
mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens 
darauf hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den abge- 
legensten "Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig 
indifferente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, 
die ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte, wieder zu Tage 
zu fördern". Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige 
Autor sich von der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges 
abhalten ließ : er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traum- 
erklärung geleitet. 

Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be- 
deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt- Es lehrt, 
daß ,. nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloren 
gehen kann" (Scholz, p. 34). Oder, wie Delboeuf es ausdrückt, 
,.quo toute impression memo la plus insignifiante, laisse une trace in- 
alterable, indefiniment suseeptible de reparaitre au jour", ein Schluß, 
zu welchem so viele andere pathologische Erscheinungen des Seelen- 
lebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese außerordentlich» 
Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traume vor Augen, um den 
Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu erwähnende 
Traumtheorien aufstellen müssen, wenn sie die Absurdität und In- 
knhärenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns am Tage 
Bekannten erklären wollen. 

Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des 
Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im Traume 
die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden Reproduktionstätig- 
keit sehen, die sich Selbstzweck ist. Mitteilungen wie die von 
P i 1 c z würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen zwi- 
schen der Zeit des Träumens und dem Inhalt der Träume nach- 
weisbar sind, in der Weiss, daß im tiefen Schlafe Eindrücke aus den 
ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Eindrücke vom Traume 
reproduziert werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorn- 
herein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu 
erinnernden Material verfährt. Strümpell macht mit Recht darauf 
aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht 
vorkommen. Der Traum macht, wohl einen Ansatz dazu, aber das 
folgende Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle 
erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von 
Reproduktionen. Dies ist sicherlich so weit die Regel, daß es eine 
theoretische Verwertung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, 
in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt, wie 
unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von 
einem seiner Universitätskollegen, daß er im Traume eine gefährliche 



Traumreize and Traumquell.n. ['{-,, 

Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfälle nur wie durch ein Wunder 
entging, mit all ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miß 
C a 1 k i n s erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduktion 
eines Erlebnisses vom Vortage zum Inhalt hatten, und ich selbst 
werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekanntgewordenes Beispiel 
von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzu- 
teilen*. 

c) Traum reize und Traum quellen. Was man unter Traum- 
reizen oder Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine Be- 
rufung auf die Volksrede „Träume kommen vom Magen" verdeut- 
licht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich 
eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes 
erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes 
im Schlafe sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaktion auf 
diese Störung. 

Die. Erörterungen über die erregenden Ursachen der Träum« 
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein. 
Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein 
Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selbstver- 
ständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt, 
brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem 
Willen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloß der Traum, aus 
deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob 
sich alsbald dio Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der näm- 
liche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung, 
ob dio ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder 
vielmehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen 
anzunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen 
des Träumens, mannigfaltiger Art sein können, und daß Leibreiza 
ebenso wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern ge- 
langen. In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den 
Traumquellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen jo 
nach ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die 
Ansichten weit auseinander. 

Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er- 
geben sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung 
der Träume verwendet worden sind. 

1. Äußere (objektive) Sinneserregung. 

2. Innere (subjektive) Sinneserregung. 

3. Innerer (organischer) Leibreiz. 

4. Rein psychische Reizquellen. 

ad 1. Die äußeren Sinnesreize. Der jüngere Strümpell, 
der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns bereits 

* Au» späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so selten harm- 
lose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume wiederholt werden, 
etwa: Koffer packen, in der Küche Speisen zubereiten u.dgl. Bei solchen Träumen 
betont der Traumer selbst aber nicht den Charakter der Erinnerung, sondern den. 
der „Wirklichkeit". „Ich habe das alles am Tage wirklich getao." 



IQ I. Die wUsonacbartliche Literatur der TraiintproMeme. 

m-hrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat bekannt- 
lich die Beobachtung eines Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner 
Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der höheren 
Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne die we- 
nigen noch offenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, verfiel 
er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle eine 
Situation anzustreben, die jener im Strümpell sehen Experiment 
ähnlich ist. Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die Augen, 
und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede Veränderung 
4er auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen dann ein, ob- 
wohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können weder die 
Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten, noch die Er- 
regbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir durcli 
stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, „daß 
die Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der außer- 
leibliehen Welt" geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während des 
Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden. 

Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den un- 
vermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur 
gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreize, welcher ge- 
eignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es 
kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich ver- 
nehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschlcimhaut erregen. 
Wir können im Schlafe durch ungewollte Bewegungen einzelne Körper- 
teile entblößen und so der Abkühlungsempfindung aussetzen oder durch 
Lageveränderung uns selbst Druck- und Berührungsempfindungeu 
erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein kleiner nächt- 
licher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen. Die Aufmerk- 
samkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von Träumen gesam- 
melt, in welchen der beim Erwachen konstatierte Reiz und ein Stück 
des Trauniinhaltes so weit übereinstimmten, daß der Reiz als Traum- 
quelle erkannt werden konnte. 

Eine Sammlung solcher auf objektive — mehr oder minder ak- 
zidentelle — Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier 
nach Jessen (p. 527) an; Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch 
erweckt entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt 
uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann sich in 
das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren einer 
Tür Träume von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir 
des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, daß 
wir nackt umhergehen oder daß wir ins Wasser gefallen sind. Wenn 
wir schräg im Bette liegen und die Füße über den Rand desselben 
herauskommen, so träumt uns vielleicht, daß wir am Rande eines 
schrecklichen Abgrundes stehen oder daß wir von einer steilen Höhe 
hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, so 
hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff, uns unter 
.seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol- 
lüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen, 
feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen. . . . 



Experimentell erzeugte Trlum«. 17 

„Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandeins. Halle 
1758, p. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen 
würde, welche ihn der Länge nach auf den Bücken auf die Erde 
hinlegten und ihm zwischen die große und die nächste Zehe einen 
Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traume vorstellte, 
erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen 
stecke. Demselben soll nach Hennings (1 784, p. 258) ein anderes 
Mal, als er sein Hemd am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte, 
geträumt haben, daß er gehängt würde. Hoff bauer träumte in seiner 
Jugend, von einer hohen Mauer hinabzufallen, und bemerkte beim Er- 
wachen, daß die Bettstelle auseinandergegangen und daß er wirklich 
gefallen war Gregory berichtet, er habe einmal beim Zu- 
bettgehen eine Flasche mit heißem W asser an die Füße gelegt und 
darauf im Traum eine Beise auf die Spitze des Ätna gemacht, wo er 
die Hitze des Erdbodens fast unerträglich gefunden. Ein anderer 
träumte nach einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er 
von einem Haufen Indianern skalpiert werde; ein dritter, der in 
einem feuchten Hemde schlief, glaubte, durch einen Strom gezogen 
zu werden. Ein im Schlafe eintretender Anfall von Podagra ließ einen 
Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde 
die Qualen der Folter (MacnishV 

Das auf die Ähnlichkeit zwischen Beiz und Trauminhalt ge- 
gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei 
einem Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnesreizen 
dem Beize entsprechende Träume zu erzeugen- Solche Versuche hat 
nach Macnish schon Giron de Buzareingues angestellt. „Er 
ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in der Nacht auf einem 
Postwagen reise. Er bemerkt dabei, daß Beisende wohl wissen wür- 
den, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden. Ein 
anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt und träumte, daß er 
einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne- Es war nämlich 
in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets bedeckt 
zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen wie die eben 
genannte." 

Maury teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten 
Träumen mit. (Eine Beihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.) 

1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge- 
kitzelt. — Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve 
wird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut 
mitgeht. 

2. Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. — Er hört Glocken 
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitaga des Jahres 1848 
versetzt. 

3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. — Er ist in Kairo im 
Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben- 
teuer, die er nicht reproduzieren kann. 

4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. — Er träumt, daß 
man ihm ein Blasenpflaster auflegt, und denkt an einen Arzt, der 
ihn als Kind behandelt hat. 

J- rtod, Tnuadtafoag. j . Aufl. * 



18 I. Die wissenschaftliche Litcratnr der Traumprobleme. 

'5. Mair nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. — Er träumt 
von den . .Chauffeurs"*, die sich ins Haus eingeschlichen haben und 
die Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die 
.Füße ins Kuhlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von Abran- 
tes auf. deren Sekretär er im Traume ist. 

8. Man gießt ihm einen Tropfen W asser auf die Stirn. — Er 
ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von Or- 
v i e t o. 

9. Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer 
Kerze auf ihn fallen. — Er träumt vom Wetter, von Hitze und be- 
findet sieh wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal 
La Manche mitgemacht. 

Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren 
von d'Hervey, Weygändt u. a. her. 

Von mehreren Seiten ist die ..auffällige Fertigkeit des Traumes 
bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt 
in seine Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine allmählich schon 
vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden" (H i lde br and t). 
,,In jüngeren Jahren," erzählt dieser Autor, ..bediente ich mich zu 
Zeiten, um regelmäßig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des 
bekannten, meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. AVohl zu 
hundert Malen ist mir's begegnet, daß der Ton dieses Instrumentes in 
einen vermeintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum der- 
gestalt hineinpaßte, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn an- 
gelegt sei und in ihm sein? eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, 
sein natürlich gewiesenes Endziel fände." 

Ich wi'rde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht 
zitieren 

Volkfit (p. 63) erzählt: ..Einem Komponisten träumte einmal, 
er halte Schule und wolle eben seineu Schülern etwas klar macheu. 
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit 
der Frage: „Hast du mich verstanden?" Dieser schreit wie ein Be- 
sessener: ,.0 ja!" Ungehalten hierüber verweist er ihm das Schreien. 
Doch schon schreit die ganze Klasse: ..Orja!" Hierauf: ..Eurjo!" 
Und endlich: ..F euerjo!" Und nun erwacht er von wirklichem Feuer- 
jogeschrei auf der Straße. 

Garnier (Traite des faeultes de l'äme. 1S65) bei Radestoek 
berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine 
aus einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte, 
und der ihn den Übergang über den Tagliament. o und die Kano- 
nade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf 
aufschreckte: .,Wir sind unterminiert." 

Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury erlebt hat 
ip. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine 
Mutter saß nchen ihm. Er träumte nun von der Schreckensherrschaft 
zur Zeit der Revolution, machte greuliche Mordszenen mit und wurde 
dann endlich selbst vor den Gerichtshof zitiert- Dort sah er Robes- 

* „Chauffeurs" hießen Banden von Räubern in der Yendee, die. sich dieser 
Tortur bedienten. 



TrBiime auf WttbfVfe 4J) 

pierre, Marat, Fpuq u ier-T.invi ljc und alle die traurigen rJIöl- 
den jener gräßlichen Epoche, stand iJinen Kode, wurde nach ajlur.le-i 
Zwischenfällen, die sich jn seiner Erinnerung nicht fixierten,, ver- 
urteilt und dann, von. einer unüberseli baren Meng-* bpgleijet, auf den 
Rieht platz geführt. Er steigt aufs Schafott, der Scharfrichter bindet 
ihn aufs Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fallt herab; 
er fühlt, wie sein Haupt vom Humple, getrennt wird, wacht in der 
entsetzlichsten Angst auf — und findet, daß der Bettaufsatz herab- 
gefallen war und seine. Halswirbel, wirklieh ähnlich wie das Messer 
einer Guillotine, getroffen hatte- 

An diesen Traum knüpft sich eine interessante von Lc Lorrain 
uud Egger in der ..Revue philosophique" eingeleitete Diskussion, ob 
und wie es dem Träumer möglich werde, in .dem kurzen Zeitrau.ni, 
der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen 
verstreicht, eine ansclu'inend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt 
zusammenzudrängen. ; 

Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinuesreizungen wäh- 
rend des Schlafes als die am besten siehergestellte unter den Traum- 
f| uellen erseheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien 
einzig und alleiii eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der 
sonst der Trau ml it erat ur fremd geblieben ist. wie die Träume zu 
stände kommen, so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen 
ihm bekannt gewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch 
einen nach dem Erwachen erkannten objeküven Sinnesreiz aufgeklärt 
wurde. Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht halt 
machen; sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus der Be- 
obachtung, daß der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende 
Reiz im Traume ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern 
durch irgend eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend 
welcher Beziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traum- 
reiz und den Traumerfolg verbindet, ist nach den \\ "orten Maurys 
,,une affinite queleonque, mais qui n'est pas unique et exclusive". 
(p. 72.) Man höre z.B. drei der Weckerträume Hildebrandts; 
man wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe 
Reiz so verschiedene und warum er gerade diese Traumerfolge her- 
vorrief: 

(p. 37.) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren 
und sehlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be- 
nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das 
Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Rich- 
tig I es ist ja Sonntag und der Frühgottesdienst wird bald beginnen. 
Ich besehließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas 
echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich 
abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grabsehriftou lese, höre 
ich den Glockner den Turm hinansteigen und sehe nun in der Höhe 
des letzteren die kleine Dorfglocko, die (las Zeichen zum Beginne der 
Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie. bewegungslos 
da, dann fängt sie an zu schwingen — und plötzlich ertönen ihre 
Schlage hell und durchdringend — so hell und durchdringend, daß 



20 '• Dl« wissenschaftliche Literatur der Traamprobleme. 

sie meinem Schlafe ein Ende machen- Die Glockentöne aber kommen 
von dem Wecker." - • 

„Eino zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen 
sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an einer 
Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die Meldung 
erfolgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbe- 
reitungen zum Einsteigen — der Pelz wird angelegt, der Fußsack 
hervorgeholt — und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch 
verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen das 
fühlbare. Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüt- 
telten Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit 
einer Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes 
zerreißt, Wieder ist's nichts anderes als der schrille Ton der Wecker- 
glocke." 

„Noch das dritte Beispiel ! Ich sehe ein Küchenmädchen mit 
einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speise- 
zimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in 
Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. ,Nimm dich in acht,' warne 
ich, ,die ganze Ladung wird zur Erde fallen.' Natürlich bleibt der 
obligate Widerspruch nicht aus : man sei dergleichen schon gewohnt 
usw., währenddessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis die 
Wandelnde begleite. Richtig, an der Türschwelle erfolgt ein Strau- 
cheln — das zerbrechliche Geschirr fällt und rasselt und prasselt 
in hundert Scherben auf dem Fußboden umher. Aber — das endlos 
sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigent- 
liches Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln: — und mit diesem 
Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur 'der Wecker 
seine Schuldigkeit getan." 

Die Frage, warum die Seele im Traume die Natur des objek- 
tiven Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell — und fast ebenso 
von Wundt — dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen solche 
im Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der Ellusions- 
bildung befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, rich- 
tig gedeutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die 
er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Ein- 
druck stark, deutlich, dauerhaft genug ist und wenn uns die für diese 
Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht- Sind diese Bedingungen 
nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von dem der Eindruck 
herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine Illusion- ..Wenn je- 
mand auf freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegen- 
stand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, daß er denselben zu- 
erst für ein Pferd hält." Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer 
ruhenden Kuh sich aufdrangen und endlich kann sich die Vorstel- 
lung mit Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen 
auflösen. Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche 
die Seele im Schlafe durch äußere Reize empfängt; sie bildet auf 
Grund derselben Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere 
oder kleinere Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch 
welche der Eindruck eeinea psychischen Wert bekommt. Aus wel- 
chem der vielen in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zu- 



lllosionstheorie der objektiven Sinnesreize. 21 

gehörigen Bilder geweckt werden, und welche der möglichen Asso- 
ziationsbeziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach 
Strümpell unbestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelen- 
lebens überlassen. 

Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, daß die 
Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu ver- 
folgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der .durch 
den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen Be- 
dingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermutung geraten, 
daß die im Schlafe eingreifende objektive Sinnesreizung als Traum- 
quelle nur eine bescheidene Rolle spielt, und daß andere Momente die 
Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder determinieren. In der 
Tat, wenn man die experimentell erzeugten Träume Maurys prüft, 
dio ich in dieser Absicht so ausführlich mitgeteilt habe, so ist m;in 
versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt eigentlich nur eines 
der Traumclementc nach seiner Herkunft, und der übrige Trauminhalt 
erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im einzelnen bestimmt, 
als daß er durch die eine Anforderung, er müsse sich mit dem ex- 
perimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklart werden könnte. 
Ja, man beginnt selbst an der Illusionstheorie und an der Macht des 
objektiven Eindruckes, den Traum zu gestalten, zu zweifeln, wenn 
man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich die allersonderbarste 
und entlegenste Deutung im Traume findet. So erzählt z. B. M. Simon 
einen Traum, in dem er riesenhafte Personen bei Tische sitzen sah 
und deutlich das furchtbare Geklapper hörte, das ihre aufeinander- 
echlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Als er erwachte, hörte er 
den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbeigaloppierenden Pferdes- 
Wenn hier der Lärm der Pferdehufe gerade Vorstellungen wie aus 
dem Erinnerungskreis von Gullivers Reisen, Aufenthalt bei den 
Riesen von Brobdingnag, wachgerufen hat, sollte die Auswahl 
dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises nicht außer- 
dem durch andere Motive erleichtert gewesen sein*? 

ad 2. Jnnere (subjektive) Sinneserregung. 

Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, daß 
die Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als Traum- 
erreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Natur und 
Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle Traum- 
bilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach anderen, 
aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich weiß nun 
nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den äußeren 
Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Erregungen in den Sinnesor- 
ganen in Anspruch zu nehmen; es ist aber Tatsache, daß dies in 
allen neueren Darstellungen der Traumätiologie mehr oder minder 
nachdrücklich geschieht. „Eine wesentliche Rolle spielen ferner, wie 
ich glaube," sagt Wundt (p. 363), „bei den Traumillusionen jene 
subjektiven Gesichts- und Gehörsempfindungen, die uns aus dem wachen 
Zustande als Lichtchaos des dunklen Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, 

* Riesenhafte Personen im Traume lasBen annehmen, daD es sich am eine 
Szene aus der Kindheit des Träumers handelt. 



2J I Diu- wtHsen'chaftliche Literatur der Tranmprobleme. 

Ohrensausen usw., bekannt sind, unter ihnen namentlich die subjek- 
tiven Netzhaüterregungen. So erklärt sich die merkwürdige Neigung 
des Traumes; ähnliche oder ganz übereinstimmende Objekte in der 
.Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, 
Fische, bunte Perlen, Blumen u, dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet. 
Hier hat der Lichtstaub des dunklen Gesichtsfeldes phantastische Ge- 
stalt angenommen und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen derselbe 
besteht, werden von dem Traume, in ebenso vielen Einzelbildern ver- 
körpert, die wegen der Beweglichkeit des Liehtchaos als bewegte Ge- 
genstände angeschaut werden. — Hierin wurzelt wohl auch die große 
Neigung des Traumes zu den mannigfachsten Tiergestalten, deren 
Formenreichtum sich der besonderen Form der subjektiven Lichtbilder 
leicht anschmiegt-" 

Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum- 
bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom 
äußeren Zufalle abhängig sind. Hie stehen sozusagen der Erklärung 
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den 
objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer 
Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment bei den 
letzteren ergeben, nur .schwer oder gar nicht zugänglich sind. Den 
Haupt erweis für die traumerregende Macht subjektiver Sinneserregun- 
gen erbringen die sogenannten hypnagogischen Halluzinationen, die 
von Johann Müller als ..phantastische Gesichtserscheinungen" be- 
schrieben worden sind. Es sind dies oft sehr leithafte, wechselvolle 
Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens bei vielen Menschen 
ganz regelmäßig einzustellen pflegen und auch nach dem Offnen der 
Augen eine "Weile bestehen bleiben können. Maury. der ihnen im 
hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung 
zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität, mit 
den Traumbildern (wie übrigens schon Johann Müller) behauptet. 
Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische Passivität, 
ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich tp. 09 u- f.). 
Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in solche Lethargie ver- 
falle, um bei sonstiger Disposition eine hypnagogischc Halluzination 
zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis daß sich das 
mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt. Erwacht 
man dann nach nicht zu langer Zeit, so gelingt os nach Maury 
häufig, im Traume dieselben Bilder nachzuweisen, die einein als hypna- 
gogische Halluzinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben 
(p. 13-4). So erging es Maury einmal mit einer Reihe von grotesken 
Gestalten mit verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn 
mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens 
belästigten, und von denen er naeli dem Erwachen sich erinnerte, ge- 
träumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl litt, 
weil er sieh schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypnagogisch eine 
Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die sich etwas 
von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand er sieh an 
einer reiehgedeekten Tafel und hörte das Geräusch, das die Speisen- 
den ;ni' ihren Gabeln machten. Ein anderes Mal, als er mit gereizten 
und schmerzenden Augen einschlieft hatte ör die hypnagogische Ual'u- 



Subjektive Sinneserzeagoog. JJJ 

ziijatioii von -mikroskopisch, kleinen Zeichen- die er mit großer. An- 
strengung einzeln entziffern mußte ; nach einer Stunde aus dem Sehla.l'e, 
geweckt, erinnerte er sich an einen Traum, in dem ein aufgeschlagenes 
Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, vorkam, welches er müh- 
selig hatte durchlesen müssen. 

Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehöi-shalluzina- 
tionen von Worten. Namen usw. hypnagogiseh auftreten und dann im 
Traum sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, welche die Leit- 
motive der mit ihr beginnenden Oper ankündigt. 

Auf den nämlichen Wegen wie Johann Müller und Maury 
wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen, 
G.Trum bull Ladd. Er brachte es durch Cbung dahin, daß er 
sich zwei bis fünf Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh 
aus dem Schlafe reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte 
dann die Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempf indungeu 
mit den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen. 
Er versichert, daß sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen bei- 
den erkennen ließ, in der Weise, daß die leuchlenden Punkte und 
Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung. 
das Schema, lür die psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brach- 
ten. Einem Traume z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen 
vor sich sah. die er las und studierte, entsprach eine Anordnung der 
leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit 
seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckt« Seite, die er im Traume 
gelesen, löste sich in ein Objekt auf. das seiner wachen Wahrnehmung 
erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das man aus 
allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch ein 
Löchelchen in einem Stücke Papier ansieht. Ladd meint, ohne übrigens 
den zentralen Anteil des Phänomens zu unterschätzen, daß kaum ein 
visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das Material der 
inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies 
für die Träume kurz nach dem Einschlafen im dunklen Zimmer, wäh- 
rend für die Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objektive, 
im erhellten Zimmer ins Auge dringende Licht die Reizquelle abgebe. 
Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige Charakter der Eigen- 
lichte.rregung entspricht genau der unruhigen Bilderflucht, die unsere 
Träume uns vorführen. Wenn man den Beobachtungen von L a d d 
Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebigkeit dieser subjektiven Keiz- 
quelle für den Traum nicht gering anschlagen können, denn Gesichts- 
bilder machen bekanntlieh den Hauptbestandteil unserer Träume aus. 
Der Beitrag von anderen Sinnesgebieten bis auf den des Gehörs ist 
geringfügiger und inkonstant. 

ad 3. Innerer, organischer Leibreiz. Wenn wir auf dem 
Wege sind, die Traumquellen nicht außerhalb, sondern innerhalb des 
Organismus zu suchen, so müssen wir. uns daran erinnern, daß fast 
alle unsere inneren Organe, die im Zustand der Gesundheit uns kaum 
Kunde von' ihrem Bestand geben, in Zuständen von Heizung — die 
wir so heißen — oder in Krankheiten eine .Quelle von meist jieinlichen 
Empfindungen für uns werden, welche den Erregern der von außen 
anlangenden Schmerz- und Empflndungsrcize .. gleichgestellt w.erdc» 



24 1- Dta wiwemehaftliehe Literatur der Tmumproblotne. 

muß. Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell zu 
der Aussage veranlassen (p. 107): „Die Seele gelangt im Schlafe zu 
einem viel tieferen und breiteren Empfindungsbewußtsein von ihrer 
Leiblichkeit als im Wachen und ist genötigt, gewisse Reizeindrücke 
zu empfangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Teilen und 
Veränderungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen 
nichts wußte." Schon Aristoteles erklärt es für sehr wohl mög- 
lich, daß man im Traume auf beginnende Krankheitszustände auf- 
merksam gemacht würde, von denen man im Wachen noch nichts 
merkt (kraft der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken an- 
gedeihen läßt, siehe S. 2) und ärztliche Autoren, deren Anschauung 
es sicherlich fern lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu 
glatiben, haben wenigstens für die Krankheitsankündigung diese Be- 
deutung des Traumes gelten lassen. (Vgl. M. Simon, p. 31, und viele 
ältere Autoren*.) 

Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische 
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So 
z. B. berichtet Tissie nach Artigues (Essai sur la valeur semeio- 
logique des reves) die Geschichte einer 43jährigen Frau, die durch 
einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heim- 
gesucht wurde, und bei der die ärztliche Untersuchung dann eine 
beginnende Herzaffektion aufwies, welcher sie alsbald erlag. 

Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei 
einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird 
auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken 
hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen 
Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit 
der bloßen Verweisung auf die Literatur (Radestock, Spitta, 
Manry, M. Simon, T i s s i e) begnügen kann. Tissie meint sogar, 
daß die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische 
Gepräge aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlieh 
sehr kurz und enden mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt 
im Inhalt derselben die Situation des Todes unter gräßlichen Um- 
ständen eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Ge- 
dränge, Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraume 
unterworfen, den übrigens Börne r durch Lagerung aufs Gesicht 



* AuDer dieser diagnostischen Verwertung der Traume (». B. bei Hippo- 
k rat es) muß man ihrer therapeutischen Bedeutung im Altertum gedenken. 

Bei den Griechen gab es Traumorakel, welche gewöhnlich Genesung suchende 
Kranke aufzusuchen pflegten. Der Kranke ging in den Tempel des Apollo oder 
de» Äskulap, dort wurde er verschiedenen Zeremonien unterworfen, gebadet, ge- 
rieben, geräuchert, und so in Exaltation versetzt, legte man ihn im Tempel auf 
das Fell eines geopferten Widders. Er schlief ein und träumte von Heilmitteln, 
die ihm in natürlicher Gestalt oder in Symbolen und Bildern gezeigt wurden, 
welche dann die Priester deuteten. 

Weiteres über die Heilträume der Griechen bei Lehmann I, 74, Bouchf- 
Leclerq, Hermann, Gottesd. Altert, d. Gr. § 41, Privatallert., § 38, 16, 
Böttinger in Sprengeis Beitr. t. Gesch. d. Med. II, p. 163 ff, W. Lloyd, 
Magnetism and Mesmerism in antiquity, London. 1877, Döllinger, Heiden- 
tum und Judentum, p. 130. 



Die Theorie der Organreiie und Organempfiudanpeii. 

durch Verdeckung der Respirationsöffnungen experimentell hat her- 
vorrufen können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vorstel- 
lungen aus dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß 
sexueller Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die 
Erfahrung eines jeden einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen 
Lehre von der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze. 

Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durcharbeitet, 
ganz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (Maury, Weygandt) 
durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände auf den Inhalt 
ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumproblemen geführt 
worden sind. 

Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest- 
gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen 
möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden — 
vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich — einstellt, und das Organ- 
erkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen 
zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere 
Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler 
Menschen die Beizquelle sein mag. 

Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine 
Traumuuelle zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere und 
eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sicher- 
gestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustand zur Quelle 
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele, im Schlaf- 
zustand von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern des Leibes größere 
Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe anzunehmen, daß 
die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen, die 
irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele gelangen 
zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl nur seiner 
Qualität nach wahrzunehmen, und wozu nach der Meinung der Ärzte 
alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde nachts, zur "kräf- 
tigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Komponenten 
tätig, die. mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für 
die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann 
noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize in 
Traumvorstellungen umsetzen. 

Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt, wel- 
che die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das 
Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das „moi splanchnique", 
wie Tissie es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist, und das Dunkel 
der Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Be- 
ziehung zueinander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher die 
vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies 
für den Arzt den anderen Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung, 
die soviel Übereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch ätio- 
lorpsch vereinigen läßt, denn Alterationen des Gcmeingefühles und 
Reize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer 
weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen bezichtigt- 
Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leibreiztheorie sich 



26 I. I>ie wissenschaftliche. Literatur di-r -Traumprobleme. 

auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig angegeben, zurück- 
führen läßt. 

Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maßgebend, 
den der Philosoph Schopenhauer im Jahre 1851 entwickelt hat. 
Das Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser Intellekt die ihn 
von außen treffenden Eindrücke in die Formen der Zeit, des Raumes 
und der Kausalität umgießt. Die Reize aus dem Innern des Organis- 
mus, vom sympathischen Nervensystem her, äußern bei Tag höch- 
stens einen unbewußten Einfluß auf unsere Stimmung. Bei Nacht 
aber, wenn die übertäubende Wirkung der Tageseindrücke aufgehört 
hat. vermögen jene aus dem Innern heraufdringenden Eindrücke sich 
Aufmerksamkeit zu verschaffen — ähnlich wie wir bei Nacht die 
Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehmbar machte. 
Wie anders aber soll der Intellekt auf diese Reize reagieren, als in- 
dem er seine ihm eigentümliche Funktion vollzieht? Er wird also die 
Reize zu räum- und zciterfüllenden Gestalten, die sich ;im Leitfaden 
der Kausalität bewegen, umformen und so entsteht der Traum. In 
die nähere Beziehung zwischen Leibreizen und Traumbildern versuch- 
ten dann Scher ner und nach ihm Yolkelt einzudringen, deren 
Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die Traumtheorien auf- 
sparen. 

In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat 
der Psychiater Krauss die Entstehung des Traumes wie 1er Delirien 
und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be- 
dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle 
des Organismus denken, welehe nicht der Ausgangspunkt eines Trau- 
mes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingt« Emp- 
findung ,.läßt sich aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der Total- 
stimmungen (Gemeingefühle), 2. in die spezifischen, den Hauptsyste- 
men des vegetativen Organismus immanenten Sensationen, wovon wir 
fünf Gruppen unterschieden haben, a) die Muskelempfindungcn, />) die, 
pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und c) die peri- 
pherischen" (p. 33 des zweiten Artikels). 

Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Lcib- 
reizo nimmt Krauss folgendermaßen an: Die geweckte Empfindung 
ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vor- 
stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Ge- 
bilde, gegen welches sich aber das Bewußtsein anders verhält als 
normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerk- 
samkeit, sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen zu, 
was zugleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt so lange ver- 
kannt werden konnte (p. 11 u. f.). Krauss findet für den Vorgang 
auch den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der 
Empfindungen in Traumbilder (p. 2i)~ 

Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung 
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem Ge- 
setze der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals 
mit dunklen Auskünften, beantwortet Es ergibt sich nun auf dem 
Buden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung* 
den Inhalt eines Traumes auf die ihn verursachenden organischen 



Organischer Leibreiz und typische Trttume. 27 

Heize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Scherner auf- 
gefundenen Deutungsregeln anerkennt, stellt man oft vor der miß- 
lichen Tatsache, daß die organische Reizquelle sieh eben durch nichts 
anderes als durch den Inhalt des Traumes verrät. 

Ziemlieh übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschie- 
dener Traumformen gestaltet, die man als „t3 , pische" bezeichnet hat, 
weil sie bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wieder- 
kehren. Es sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von 
einer Höhe, vom Zahnausfällen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, 
daß man nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll ein- 
fach von der im Schlafe gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man 
die Bettdecke abgeworfen hat und nun entblößt daliegt. Der Traum 
vom Zahnausfallen wird auf ..Zahnreiz' - zurückgeführt, womit aber 
nicht ein krankhaltcr Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein 
braucht. Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell, der hierin 
Scherner folgt, das von der Seele gebrauchte adäquate Bild, womit 
sie das von den auf- und niedersteigenden Lungenflügeln ausgehende 
Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax 
schon bis zur Bewußtlosigkeit herabgesunken ist- Durch den letzteren 
Umstand wird die an die Vorstellungsform des Schwebens gebundene 
Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus der Höhe soll darin 
seinen Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit des Haut- 
druckgefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein 
■ •ingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des 
Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußtwerden 
aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch verkörpert (Strüm- 
pell, p. 118). Die Schwäche dieser plausibeln Erklärungsversuche 
liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren Anhalt die oder jene 
Gruppe von Organempfindungen aus der seelischen Wahrnehmung 
verschwinden oder sich ihr aufdrängen lassen, bis die für die Er- 
klärung günstige Konstellation hergestellt ist. Ich werde ührigens 
später Gelegenheit haben, auf die typischen Träume und ihre Ent- 
stehung zurückzukommen. 

M. Simon hat versucht, aus der Yergleichung einer Reihe von 
ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der Organreize 
auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34): 
Wenn im Schlafe irgend ein Organapparat, der normalerweise am 
Ausdruck eines Affektes beteiligt ist, durch irgend einen anderen 
Anlaß sich in dem Erregungszustand befindet, in den er sonst, uei 
jenem Affekt versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum 
Yorstcl hingen enthalten, die dem Affekt, angepaßt, sind. 
. - Eino andere Regel lautet (p. 85): Wenn ein Organapparat sich 
im Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird 
der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung der 
organischen Funktion beziehen, die jener Apparat versieht. 

'■ Mourly Vold C1H96) hat es unternommen, den von der Leibreiz- 
theoric supponierten Einfluß auf die Traumerzetigung für ein ein- 
zelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, 
die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern und die 



28 I« Ol« wissenschaftliche Literatur der Traomprobleme 

Traumerfolge mit seinen Abänderungen verglichen. Er teilt folgende 
Sätze als Ergebnis mit: - ".-■ ■ • 

1. Die Stellung eines Gliedes im Traume entspricht ungefähr 
der in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem etatischen Zu- 
stand des Gliedes, welcher dem realen entspricht. 

2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist 
diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden 
Stellungen der wirklichen entspricht. 

3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch 
einer fremden Person zuschieben. > 

4. Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung ge- 
hindert ist. , 

5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als 
Tier oder ungenauer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider 
hergestellt wird. 

ö. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken an- 
regen, die zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B. 
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen. 

Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die Leib- 
reiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu er- 
weckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag*. 

ad i. Psychische Reizquellen. Als wir die Beziehungen des 
Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummaterials be- 
handelten: erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der neue- 
sten Traum forscher, daß die Menschen von dem träumen", was sie 
bei Tag treiben und was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem 
Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur 
ein psychisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern 
ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben 
dem im Schlafe, interessant Gewordenen — den während des Schlafes 
einwirkenden Reizen — ausreichen sollte, die Herkunft aller Traum- 
bilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch gegen obige 
Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den Schläfer von deu 
Interessen des Tages abzieht und daß wir — meistens — von den 
Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst dann 
träumen, wenn sie für das Wachleben den Heiz der Aktualität ver- 
loren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei 
jedem Schritt den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Re- 
geln aufzustellen, ohne durch ein „oft", „in der Regel", , .meistens" 
Einschränkungen vorzusehen und auf die Gültigkeit der Ausnahmen 
vorzubereiten. 

Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlaf- 
reizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir 
im stände sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be- 
friedigende Rechenschait zu geben ; das Rätsel der Traumquellen wäre 
gelöst, und es bliebe noch die Aufgabe, den Anteil der psychischen 
und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen abzugrenzen. 

* Näheres über die seither in zwei Bänden veröffentlichten Traumproto- 
kolle dieses Forschers siehe unten. ( 



Dia psjchischän Traamqaellea. 29 

In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines Traumes noch 
in keinem Falle gelungen, und jedem, der dies versucht hat, sind — 
meist sehr reichlich — Traumbestandteile übrig geblieben, über deren 
Herkunft er keine Aussage machen konnte- Das Tagesinteresse als 
psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als man nach 
den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traume sein Ge- 
schäft weiter betreibe, erwarten sollte- 

Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen 
also alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen — mit Aus- 
nahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner — eine 
große Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für den Traum 
am meisten charakteristischen Materials an Vorstell ungsbildcrn handelt. 
In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung 
entwickelt, den psychischen Anteil an der Traumerregung, dem so 
schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden 
zwar als Haupteinteilung den Nervenreiz und den Assoziations- 
traum, welch letzterer ausschließlich in der Reproduktion seine 
Quelle findet. (Wundt. p. 365), aber sie können den Zweifel nicht 
loswerden, „ob sie sich ohne anstoßgebenden Leibreiz einstellen" (Vol- 
kelt, p. 127). Auch die. Charakteristik des reinen Assoziationstraumes 
vorsagt: „In den eigentlichen Assoziationsträumen kann von einem 
solchen festen Kerne nicht mehr die Rede sein. Hier dringt die lose 
Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das ohnedies 
von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben ist hier 
auch von jenen gewichtvolleren Leib- und Seelenerregungen nicht mehr 
zusammengehalten und so seinem eigenen bunten Schieben und Trei- 
ben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln überlassen" (Vol- 
kelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen Anteiles an der 
Traumerregung versucht dann Wundt, indem er ausführt, daß man 
die „Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine Halluzina- 
tionen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvorstellungen 
in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen Sinneseindrücken 
ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen" (p. 359 u. f.). Weygandt 
hat sich diese Ansicht angeeignet und sie verallgemeinert. Er be- 
hauptet für alle Traumvorstellungen, daß ihre nächste Ursache Sin- 
nesreize sind, daran erst schließen sich reproduktive Assoziationen" 
(p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der psychischen Reizquellen 
geht Tissie (p. 183): Les r'eves d'origine absolument psychique 
n'existent pas, und anderswo (p. 6): les pensees de nos reves nous 
viennent du dehors. 

Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph 
Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken, 
daß in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten 
oder ah? Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes 
zusammenwirken . 

Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung 
durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquella 
gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Überschätzung 
der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung 
nicht verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht aufzufinden und 



30 !• Uie wisseusehaftliche Literatur der Traumproblcnio. 

selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die 
somatische Auffassung der Traumdeutung durchwegs der heute in 
der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung- Dia Herrschaft des Ge> 
hirns über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber 
alles, was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren 
organischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Äußerun- 
gen erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen 
Anerkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen 
Seclenwesens wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters 
hat die Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und fordert nun, 
daß keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrat«. T \>ch 
zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen 
Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich zwischen 
Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Ps3'chische sich 
bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phänomens erkennen 
läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur 
organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. "Wo 
aber das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die Endstation 
bedeuten müßt«, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden. 

d) "Warum man den Traum nach dem Erwachen ver- 
gißt? 

Daß der Traum am Morgen , zerrinnt'' ist sprichwörtlich. Freilich 
ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum ja nur 
aus der Erinnerung an ihn nacli dem Erwachen ; aber wir glauben 
Sehr oft, daß wir .ihn nur unvollständig erinnern, während in der 
Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie eine des 
Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages bis auf 
kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt 
haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an die 
Erfahrung, daß der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so ge- 
wöhnt, daß wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, daß auch 
der bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom 
Inhalt noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits 
kommt es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im 
Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analy- 
siert, die. sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten, und 
kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch mindestens 
37 .Jahre vom heutigen Tage getrennt ist und doch au seiner Ge- 
dacht nisfrische nichts eingebüßt hat. Dies alles ist sehr merkwürdig 
und zunächst nicht verständlich. 

Über das Vergessen der Träume handelt am aus füll rlichsten 
Strümpell. Dies Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen, 
denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf 
eine ganze Reihe von Gründen zurück. 

Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe 
wirksam, die im "Warhieben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen 
als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen 
alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie 
geknüpft« Snelenerregung einen zu geringen Grad "hatte. Dasselbe 
ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen, 



Dna Vergessen der Trftame. 31 

weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe 
erinnert werden. Übrigens ist das Moment der Intensität für sich 
allein sieher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder: 
Strümpell gesteht wie. auch andere Autoren (Calkins) zu, daß man 
häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie sehr 
lebhaft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr 
viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt man 
im Wachen leicht zu vergessen, was sieh nur einmal ereignet hat. 
und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die 
meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse*; diese Eigen- 
tümlichkeit wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume beitragen- 
Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens. Damit 
Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse Erinnerungs- 
größe erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht vereinzelt bleiben, son- 
dern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender Art eingehen- 
Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und schüttelt diese 
durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken. „Wohlgeordnet 
und in sachgemäßer Folge hilft ein Wort dem anderen und das Ganze 
steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest. Widersinniges 
behalten wir im allgemeinen ebenso schwer und ebenso selten wie 
das Verworrene und Ordnungslose." Nun fehlt den Träumen in den 
meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die Traumkompositionen 
entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Gedächtnisses und 
werden vergessen, weil sie meistens schon in den nächsten Zeit- 
momenten auseinanderfallen. — Zu diesen Ausführungen stimmt aller- 
dings nicht ganz, was Radestock (p. 168) bemerkt haben will, daß 
wir gerade die sonderbarsten Träume am besten behalten. 

Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen 
Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum 
und Wachleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume für das wache 
Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der früher 
erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast) nie geordnete Erinnerungen 
aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus demselben über- 
nimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen Verbindungen reißt, 
in denen sie im Wachen erinnert werden. Die Traumkomposition hat 
somit keinen Platz in der Gesellschaft der psychischen Reihen, mit 
denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Krinnerungshilfen. 
„Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von dem 
Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen Baume 
wie eine. Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch ver- 
weht" (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der U instand, daß mit 
dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die Aufmerk- 
samkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht die wenigsten 
Traumbilder standhalten können. Diese weichen vor den Eindrücken 
des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem Lichte der Sonne. 

An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume 
der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen 



* Periodisch wiederkehrende Träume sind niederholt bemerkt worden, vgl 
die Rammlung von C habend x. 



32 '■ "'<■ wüseascbaftliche Literstur der Troamproblerae. 

überhaupt wunig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als For- 
scher eine Zeitlang für den Traum interessiert, träumt währenddes 
auch mehr als sonst, das heißt wohl: er erinnert seine Träume leichter 
und häufiger. ' 

Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli 
bei Benini zu den Strümpel Ischen hinzugefügt, sind wohl bereits 
in diesen enthalten, nämlich 1. daß die Veränderung des Gemein- 
gefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Repro- 
duktion ungünstig ist, und 2. daß die andere Anordnung des Vorstel- 
lungsmaterials im Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs Wach- 
bewußtaein macht. 

Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strüm- 
pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den 
Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten Be- 
mühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Bügeln zu fas- 
sen, kommen ein<>m Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas rätsel- 
haft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigentüm- 
lichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings besonders bemerkt 
worden, z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen für ver- 
gessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Wahrnehmung er- 
innern kann, die zufällig an den — doch vergessenen — Inhalt des 
Traumes anrührt (Radestoek, Tis sie). Die gesamte Erinnerung 
an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die geeignet ist, 
ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzusetzen. Man 
kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traume wegläßt, 
•das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht. 

Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes 
spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, daß 
das wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die Erinnerung des 
Traumes einfügt : man bildet sich ein, Allerlei geträumt zu haben, 
was der gewesene Traum nicht enthielt." — 

Besonders entschieden äujjeri sich Jessen (n. 547): 

„Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu- 
sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis- 
her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es 
dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen 
gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu be- 
merken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und 
ergänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender 
Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung 
erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum mög- 
lich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und 
ohne allo Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des mensch- 
lichen Geistes, alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so groß, 
daß er bei der Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden 
Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt." 

Fast wie eine Übersetzung dieser Worte Jessens klingen die doch 
•gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. Egger (1895): 

ii l'observation des reves a ses difficultes speciales et le seul 

nioyen d'eviter toute erreur en pareille matiere est do confier au 



Fsj-cliologiajha Charaktere des Traumes. 33 

papicr sans lo moindrc retard ce quo l'on vient d'epirmvcr et de ve- 
nia rquer; sinon, l'oubli vient vite ou total ou partiel; l'oubli total est 
sans gravite; mais l'oubli partiel est perfide; car si l'on sc met cnsuite 
u raconter ce que Ton n'a pas oublie, on est expose a completcr par 
Imagination les i'ragments incoherents et. disjoints t'onrni par la me- 
moire . . . ; on devient artiste ä son insu, et le recit. periodiquement 
repete s'impose ä la creance de son auteur, qui. de bonne i'oi, le pre- 
sente comtne un fait authentiiiue, düment etabli selon les bonnes nie- 
thodes. . . ." 

Ganz ähnlich Spitta (p. 338), der anzunehmen scheint, daß 
wir überhaupt erst bei dem Versuche, den Traum zu reproduzieren, 
die Ordnung in die lose miteinander assoziierten Traumelemente ein- 
führen — ..aus dem Nebeneinander ein Hintereinander, Aus- 
einander machen, also den Prozeß der logischen Verbindung, der» 
im Traume fehlt, hinzufügen"'. 

Da wir nun eine andere als «ine objektive Kontrolle für die 
Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume, 
der unser eigenes Erlebnis ist, und für den wir nur die Erinnerung 
als Quelle kennen, nicht möglieh ist, welcher Wert bleibt da unserer 
Erinnerung an den Traum noch übrig? 

e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes. 

Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes 
von der Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer eigenen 
Seelcntätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas 
Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt, 
daß wir ebenso gern sagen : „Mir hat geträumt" wie: „Ich habe ge- 
träumt." Woher rührt diese „Seelen fremdheit" des Traumes ? Nach 
unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie 
eei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt; 
dies ist ja zum größten Teil dem Traumleben wie dem Wachleben 
gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der 
psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck her- 
vorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des Traumes 
versuchen. 

Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wach- 
leben stärker betont und zu weitergehenden Schlüssen verwendet als 
G. Th. Fechner in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psy- 
chophysik (p. 520, II. T.). Er meint, „weder die einfache Herab- 
drückung des bewußten Seelenlebens unter die Hauptschwelle", noch 
die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Außen- 
welt genüge, um die Eigentümlichkeiten des Traumlebens dem wachen 
Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch der 
Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des wachen 
Vorstell u ngslcbcns. „Sollte der Schauplatz der psychophysischen 
Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens derselbe sein, so 
könnte der Traum meines Erachtens bloß eine auf einem niederen 
Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des wachen Vor- 
stellungslebens sein und m'üßte übrigens dessen Stoff und Jossen Form 
teilen. Aber es verhält sich ganz andere." ■' 

Fr «ml. Traumdeutung. 7. Aufl. 8 



34 I- Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

« "Was Fechncr mit einer solchen Umsiedlung der Seelentätig- 
keit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein anderer, 
soviel ich weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener 
Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im Sinne der phy- 
siologischen Gehirnlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histo- 
logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschließen 
haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinnreich 
und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat bezieht, 
der aus mehreren hintereinander eingeschalteten Instanzen aufge- 
baut ist. 

Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die 
andere der greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traumlebens 
hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte weiterreichender Er- 
klärungsversuche zu machen. 

Es ist mit Becht bemerkt worden, daß eine der Haupteigen- 
tümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens 
auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist. 
Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schlcier- 
machcr (p. 351), daß die Denktätigkeit in Begriffen und nicht 
in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich in 
Bildern, und man kann beobachten, daß mit der Annäherung an den 
Schlaf in demselben Maße, in dem die gewollten Tätigkeiten sich er- 
schwert zeigen, ungewollte Vorstellungen hervortreten, die 
alle in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähigkeit zu solcher 
Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich gewollte empfinden, und 
das mit diese*' Z(,tb\i ouung regelmäßig verknüpfte Hervortreten von 
Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem Traume verbleiben und 
die wir bei der psychologischen Analyse desselben als wesentliche 
Charaktere des Traumlebens anerkennen müssen. Von den Bildern — 
den hypnagogischen Halluzinationen — haben wir erfahren, daß sie 
Belbst dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind*. 

Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber 
doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und ia 
geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. Vieles 
wird auch im Traume einfach gedacht oder vorgestellt (wahrschein- 
lich also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im 
Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene 
Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahr- 
nehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit Hin- 
wegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Diskussionen 
über das Wesen der Halluzination können wir mit allen sachkundigen 
Autoren aussagen, daß der Traum halluziniert, daß er Gedanken 
durch Halluzinationen ersetzt. In dieser Hinsicht besteht kein Unter- 
schied zwischen visuellen und akustischen Vorstellungen; es ist be- 
merkt worden, daß die Erinnerung an eine Tonfolge, mit der man 
einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die Halluzination 



*H. Silberer bat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich selbst ab- 
strakte Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit ia anschaulioh-plastisobe Bilder 
umsetzen, die das nämliche ausdrücken wollen. (Jahrbuch von Bleulcr-Freud, 
Band I, löOV.) — 



Der Glaube an die Realität der Traumbilder. 35 

derselben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen, das mit dem 
Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren und quali- 
tativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen. 

Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht die 
einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechen- 
den Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine 
Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine 
Idee, wie Spitta (p. 145) es ausdrückt. Die Charakteristik dieser 
Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn man hinzu- 
nimmt, daß man beim Träumen — in der Regel ; die Ausnahmen 
fordern eine besondere Aufklärung — nicht zu denken, sondern zu 
erleben vermeint, die Halluzination also mit vollem Glauben auf- 
nimmt. Die. Kritik, man habe nichts erlebt, sondern nur in eigentüm- 
licher Form gedacht — geträumt, regt sieh erst beim Erwachen. 
Dieser Charakter scheidet den echten Schlaf träum von der Tagträu- 
merei, die niemals mit der Realität verwechselt wird. 

Burdach hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum- 
lebens in folgenden Sätzen zusammengefaßt (p. 476): „Zu den wesent- 
lichen Merkmalen des Traumes gehört: a) daß die subjektive Tätig- 
keit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungs- 
vermögen die Produkte der Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche 
Rührungen wären; . . . b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen- 
mächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen. . . 
Die Schlummerbilder werden durch den Nachlaß der Eigenmächtig- 
keit bedingt-" 

Es handelt sich nun um den Versuch, die GläubigAeit der Seele 
gegen die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer 
gewissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären. 
Strümpell führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem 
Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs 
bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Er- 
lebnisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der 
Sinne auftreten (p. 34). Während die Seele wachend in Wortbildern 
und in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im 
Traume in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Überdies kommt im 
Traume ein Raumbewußtsein hinzu, indem wie im 'Wachen Empfin- 
dungen und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden (p. 36). 
Man muß also zugestehen, daß sich die Seele im Traume ihren Bil- 
dern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage befindet wie 
im Wachen (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies 
daher, daß ihr im Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein 
zwischen von außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen 
unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterzie- 
hen, welche allein deren objektive Realität erweisen- Sie vernachlässigt 
außerdem den Unterschied zwischen willkürlich vertauschbaren 
Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt, weil sie 
das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes an- 
wenden kann (p- 58). Kurz, ihre Abkehrung von der Außenwelt ent- 
hält auch den Grund für ihren Glauben an die subjektive Traumwelt. 

s* 



.30 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

Zum selben Schlüsse gelangt nach teilweise abweichenden psy- 
chologischen Entwicklungen Delboeuf. Wir schenken den Traum- 
bildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Ein- 
drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst 
sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer 
Halluzinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit, entzogen ist, 
Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vor- 
spiegeln, uns etwa zeigen, daß wir die gesehene Rose berühren, und 
wir träumen dabei doch. Es gibt nach Delboouf kein stichhaltiges 
Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist. oder wache Wirklichkeit, 
außer — itnd dies nur in praktischer Allgemeinheit — der Tatsache 
des Erwachens. Ich erkläre alles für Täuschung, was zwischen Ein- 
schlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch tlas Er- 
wachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege (p. S4i. 
"Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten 
infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit, eine Außen- 
welt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe*. 

"Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimme)!- 
den Moment für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des 
Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Bemer- 
kungen des alten Burda eh anzuführen, welche auf die Beziehung 
der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und dazu angetan 
sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ableitungen zurück- 
zuhalten. ..Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung," sagt Bur- 
dach, „daß die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt wird ftbfcf 



•Kinen ähnlichen Versuch wie Delboeuf, die Traumtätigkeit zu er- 
klären durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der 
sonst korrekten Funktion des intakten seelischen Apparates zur Folge haben 
mul). hat Haffnor unternommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Wort"» 
beschrieben. Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeit- 
losigkcit, d. i. die Emanzipation der Vorstellung von der dem Individuum zukom- 
menden Stell« in der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit. diesem verbindet sieh 
der zweite Grund Charakter des Traumes, die Verwechslung der Halluzination"», 
Imaginationen und Phnntasiekombinatiouen mit äußeren Wahrnehmungen. „IM 
die Gesamtheit der höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffsbildung, Urteil 
und Schlußfolgerung einerseits und die freie Selbstbestimmung anderseits an die 
Sinnlichen Phantasiebildcr sich anschließen und diese jederzeit zur Unterlage 
haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit der Traumvor- 
stellungeu teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an und für sich ist unsere 
Urteilskraft wie unsere Willenskraft im Schlafe in keiner Weise alteriert. Wir 
sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zn- 
stande. Der Mensch kann auch im Traume nicht gegen die Denkgesetze an sicli 
verstoßen, d. h. nicht dos ihm als entgegengesetzt sich Darstellende identisch 
setzen usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein Gutes 
sich vorstellt (sub ratio»» boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des Den- 
kens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch die 
Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir im 
Traume die. größten Widerspruche setzen und begehen, während wir anderseits 
die scharfsinnigsten Urtcilshildungen und die konsequentesten Schlußfolgerungen 
vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen fassen können. 
Mangel au Orientierung ist das ganze Geheimnis des Kluges, mit welchem 
unsere Phantasie im Traume sieh bewegt, und Mangel an kritischer 1! e- 
flnxion sowie an Verständigung mit anderen ist die Hauptquelle der maßlosen 
Extravaganzen unserer Urteile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traume" 

(p.w. - 



Die Abwendung von. der Außenwelt. 37 

os ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Bedingung des 
Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür* mancher sinn- 
liche Eindruck ist selbst notwendig, insofern er zur Beruhigung der 
Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft, wenn er das Klap- 
pern seiner Mühle hört, und der, welcher aus Vorsicht ein Nacht- 
licht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann" 
tp. 457). 

„Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und 
zieht sich von der Peripherie. . . . zurück. . . . Indes ist der Zu- 
sammenhang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe 
«elbst, sondern erst, nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte 
man überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird die Fort- 
dauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht immer durch 
die bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psy- 
chische Beziehung desselben geweckt wird: ein gleichgültiges Wort 
weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Xamen, so 
erwacht er, . . . die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen 
den Sensationen. . . . Daher kann man denn auch durch den Mangel 
eines Sinnesreizes, wenn dieser sieh auf eine für die Vorstellung wich- 
tige Sache bezieht, geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen 
eines Nachtlichtes und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also 
vom Aufhören der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese 
perzipiert worden ist, aber als gleichgültig oder vielmehr befriedigend 
die Seele nicht aufgestört hat" (p. 460 u. ff.). 

Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu sehätzenden Ein- 
wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß die 
bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt abge- 
leiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit desselben 
nicht voll zu decken vermögen- Denn im anderen Falle müßte es 
möglich sein, die Halluzinationen des Traumes in Vorstellungen, die 
Situationen des Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln und damit 
die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir nicht 
anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus der Erinnerung 
reproduzieren, und ob uns diese Rückübersetzung ganz oder nur teil- 
weise gelingt, der Traum behält seine Rätselhaftigkeit unverringert bei. 

Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume 
noch andere und tiefergreifende Veränderungen mit dem Vorstellungs- 
material des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben Sticht Strüm- 
pell in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17) : „Die Seele 
verliert mit dem Aufhören der sinnlich tätigen Anschauung und 
des normalen Lebensbewußt seins auch den Grund, in welchem ihre 
Gefühle. Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln Auch 
diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Wertschätzungen, 
welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften, un '"rliegen . . . 
einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich ihre Verbindung 
mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von Dingen, Per- 
sonen. Lokalitäten. Begebenheiten und Handlungen des wachen Le- 
bens werden einzeln sehr zahlreich reproduziert, aber keines der- 

* Man vergleiche liiezu das „Desinteret", in dein C'laparede (190ö) den 
Mechanismus des Einschlafens findet,. 



38 ' I*ie wUsenachaftliche Literstur der Traiuuprobleme. 

selben bringt seinen psychischen Wert mit. Dieser ist von ihnen 
abgelöst und sie schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mit- 
teln umher. . ." 

Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Werte, die 
selbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurück- 
geführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an dem Ein- 
druck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer 
Erinnerung dem Leben gegenüberstellt. 

Wh- haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf 
eine der seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung 
des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohne- 
dies naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich 
auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine 
oder andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben ; ob die 
übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um- 
ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der 
Gesichtspunkt taucht auf, daß man die Eigentümlichkeiten des Trau- 
mes erklären könne durch die psychische Minderleistung im Schlaf- 
zustand, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserom 
wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum 
ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Wider- 
sprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches 
Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. Wer 
sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen 
Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer im 
Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie sie im 
Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines Ver- 
worrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir 
nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die ps3 - chische Tätig- 
keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die 
höheren intellektuellen Leistungen als im Traume aufgehoben oder 
wenigstens schwer geschädigt erklären. 

Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit — von den Ausnahmen wird 
an anderer Stelle die Rede sein — haben die Auteren solche Urteile 
über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer bestimmten 
Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist an der 
Zeit, daß ich mein eben ausgesprochenes Rosume durch eine Samm- 
lung von Aussprüchen verschiedener Autoren — Philosophen und 
Arzte — über die psychologischen Charaktere des Traumes ersetze: 

Nach Lemoine ist die Inkohärenz der Traum hilder der ein- 
zig wesentliche Charakter des Traumes. 

Maury pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): ..il n'y a pas des 
reves absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque inco- 
herence, quelque anachronisme, quelque absurdite." 

Nach Hegel bei Spitta fehlt dem Traume aller objektive ver- 
ständige Zusammenhang. 

"Dugas sagt: „Le reve, c'est l'anarchic psychique, affective et 
mentale, c'est le jeu des fonetions livrees ä clles-memes et s'exercant 
sans contröle et sans but; dans le reve l'esprit est un automato 
spirituel." 



Die Absurdität der Trittime. " 39 

„Die Auflockerung, Losung und Dureheinandermischung des 
im Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich xusimmen- 
gehaltenen Vorstellungslebens" räumt selbst Volkelt ein (p. 14), nach 
dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des Schlafes keines- 
wegs zwecklos erscheint. 

• Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs- 
verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon 
Cicero (De divin. II) tat : Nihil tarn praepostere, tarn inconditc, 
tarn monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare. 

Fechner sagt (p. 522): „Es ist, als ob die psychologische Tätig- 
keit aus dem Gehirn eines Vernünftigen in das eines Narren über- 
siedelte." 

Radestock (p. 145): „In der Tat scheint es unmöglich, in 
diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen Po- 
lizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens 
und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in 
tollem Spiele alles kaleidoskopartig durcheinander." 

Hildebrandt (p. 45): „Welche wunderlichen Spränge erlaubt 
sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher 
Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu 
auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in 
den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm, 
wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Überspannung des Un- 
sinnes das Erwachen herbeiführt! Wir multiplizieren gelegentlich ganz 
harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert uns gar nicht, 
daß ein Hund uns einen Vers hersagt, daß ein Toter auf eigenen 
Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein Felsstück auf dem Wasser 
schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem Auftrage nach dem 
Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum Liechtenstein, um die 
Kriegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen uns von Karl 
dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige 
anwerben." 

Binz (p. 33) mit dem Hinweise auf die aus diesen Eindrücken 
sich ergebende Traumtheorie : „Unter zehn Träumen sind mindestens 
neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge zu- 
sammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander haben. 
Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, ist dio 
Gruppierung eine andere geworden, womöglich noch unsinniger und 
toller, als sie es schon vorher war; und so geht das wechselnde Spiel 
des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis wir erwachen, mit 
der Hand nach der Stirn greifen und uns fragen, ob wir in der Tat 
noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens und Denkens l>esitzen." 

Maury (p. 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu 
den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen 
Vergleich ! „La produetion de ees images que chez 1'homme eveille 
fait le plus souvent naitre la volonte, correspond, pour l'intelligence, 
ä ce que sont pour la motilite certains mouvoments que nous offrent 
la chorce et les affections paralytiques." .... Im übrigen ist ihm 
der Traum „toute une serie de degradations de la faculte pensante et 
raisonnante" (p. 27). 



40 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumproblemo. 

Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen, 
"welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen- 
leistungen wiederholen. 

Nach Strümpell treten im Traume — selbstverständlich auch 
dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist — sämtliche logische, auf 
Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele zu- 
rück (p. 26). Nach Spitta (p. 148) scheinen im Traume die Vor- 
sti'llungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock 
und andere betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteils 
und des Schlusses. Nach Jodl (p. 123) gibt es im Traume keine 
Kritik, keine Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt 
des tiesamtbewußtseins. Derselbe Autor äußert: „Alle Arten der Be- 
wußtseinstätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig, ge- 
hemmt, gegeneinander isoliert." Die Widersprüche, in welche sieh 
der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker (mit 
vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im Traume vergessen oder 
logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegangen sind 
(p. 98) usw. usw. 

Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die 
psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben, 
daß ein gewisser Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume verbleibt. 
IW u n d t, dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der Traum- 
problemo maßgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich zu. 
Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traume sich 
äußernden Restes von normaler Seelentätigkeit fragen. Es wird nun 
ziemlich allgemein zugegeben, daß die Repoduktionsfähigkeit. das 
Gedächtnis, im Traume am wenigsten gelitten zu haben scheint, ja 
eine gewisse Überlegenheit gegen die gleiche Funktion des Wachens 
(vgl- oben p. 7 ff.) aufweisen kann, obwohl ein Teil der Absurditäten 
des Traumes durch die Vergeßlichkeit eben dieses Traumlebens erklärt- 
werden soll. Nach Spitta ist es das Gemütsleben der Seele, 
was vom Schlafe nicht befallen wird und dann den Traum dirigiert. 
Als ..Gemüt" bezeichnet er ..die konstante Zusammenfassung der Ge- 
fühle als des innersten subjektiven Wesens des Menschen" (p. 84). 

Scholz Cp. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden 
Seelentätigkeiten in der „a 1 1 egor isie r enden U m deut im g", wel- 
cher das Traummaterial unterzogen wird. Siebeck konstatiert auch 
im Traume die „ergänzende Deutungstätigkeit" der Seele 
tp. 11), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen geübt 
wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Traum mit der 
Beurteilung der angeblich höchsten psychischen Funktion, der des 
Bewußtseins. Da wir vom Traume nur durchs Bewußtsein etwas 
wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; doch ineint 
Spitta, es sei im Traume nur das Bewußtsein erhalten, nicht auch 
das Selbstbewußtsein. Delboeuf gesteht ein. daß er diese Un- 
terscheidung nicht zu begreifen vermag. 

Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver- 
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt 
im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell (p. 70): 
„Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es scheint, uach 



Die oberflächlichen Agsoziatiouuu im Traume. 4 J 

den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Reize mit sol- 
chen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Reflexion und Verstand, 
ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas dabei vermögen." 
Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere, stellen sich die 
Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im 
Schlafe einwirkenden Sensationsreizc aus den verschiedenen an an- 
derer Stelle angeführten Quellen wecken in der Seele zunächst eine 
Anzahl von Vorstellungen, die sich als Halluzinationen (nach Wundt 
richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äußeren und in- 
neren Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander nach 
den bekannten Assoziationsgesetzen und rufen ihrerseits nach den- 
selben Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. 
Das ganze Material wird dann vom noch tätigen Reste der ordnenden 
und denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet 
(vgl. etwa "Wundt und AVeygandt). Es ist bloß noch nicht ge- 
lungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß die 
Erweckimg der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem oder 
nach jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe. 

Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen, 
welche die Traumvorstellungen untereinander verbinden, von ganz 
besonderer Art und verschieden von den im wachen Denken tätigen 
sind- So sagt Volkelt (p. 15): „Im Traume jagen und haschen sich 
die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten und kaum wahr- 
nehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen nach- 
lässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen." Maury legt auf die- 
sen Charakter der Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das Traum- 
leben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu bringen, 
den größten Wert. Er anerkennt zwei Haupteharaktere des „delire": 
1. une action spontane« et comme automatniue de Tesprit ; 2. une asso- 
ciation ricieuse et irreguliere des idees (p. 126). Von Maury selbst 
rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her, in denen der bloße 
Gleichklang der Worte die Verknüpfung der Traumvorstellungen ver- 
mittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt (pe ler i nage) 
nach Jerusalem oder Mekka unternehme, dann befand er sich nach 
vielen Abenteuern beim Chemiker Pelletier, dieser gab ihm nach 
einem Gespräche eine Schaufel (pelle) von Zink, und diese wurde 
in einian darauffolgenden Traumstück sein großes Schlachtschwert, 
(p. 137). Ein andermal ging er im Traume auf der Landstraße und 
las auf den Meilensteinen die Kilometer ab", darauf befand er sich 
bei einem Gewürzkrämer, der eine große Wage hatte, und ein Mann 
legte Kilogewichte auf die Wagschale, um Maury abzuwägen: 
dann sagte ihm der Gewürzkrämer: ..Sie sind nicht in Paris, sondern 
auf der Insel Gilolo." Es folgten darauf mehrere Bilder, in wei- 
chin er die Blume Lobelia sah, dann den General Lopez, von 
dessen Tod er kurz vorher gelesen hatte; endlich erwachte er, ein© 
Partie Lotto spielend *. 

* An späterer Stelle wird uns üt Sinn solcher Träume, die von Worten, 
mit gleichen Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anl'iute erfüllt sind, zugüujjlicb. 
werden. 



i-> I. Die <■• ia ,en.-chaftliclio Literatur der Trautnprobleme. 

Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung 
•der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch 
von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier 
schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab- 
setzer des Traumlebens versichert (Spitta, p. 118), daß dieselben 
psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum 
regieren, oder wenn ein anderer (Du gas) ausspricht: Le reve n'est 
pas deraison ni meme irraison pure, solange beide sich nicht die 
Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen psy- 
chischen Anarchie und Auflösung aller Funktionen im Traume in 
Einklang zu bringen. Aber anderen scheint die Möglichkeit gedämmert 
zu haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne 
Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, 
auf dessen Wahnsinn sich das hier zitierte einsichtsvolle Urteil be- 
zieht. Diese Autoren müssen es vermieden haben, naeh dem Anschein zu 
urteilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein anderer. 

So würdigt Havelock Ellis (1899) den Traum, ohne, bei seiner 
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaic world of 
vast emotions and imperfect thoughts", deren Studium uns primitive 
Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren könnte. 
J. Sully (p. SG2) vertritt dieselbe Auflassung des Traumes in einer 
noch weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden Weise. Seine 
Aussprüche verdienen um so mehr Beachtung, wenn wir hinzunehmen, 
daß er wie vielleicht kein anderer Psychologe von der verhüllten 
Sinnigkeit des Traumes überzeugt war. „Now our dreams are a means 
of conserving these successive persoualities. When asleep we go 
back to the old ways of looking at things and of f Ge- 
ling about them, to impulses and activities which 
long ago dominated us." Ein Denker wie Delboeuf behaup- 
tet — freilich ohne den Beweis gegen das widersprechende Material 
zu führen und darum eigentlich mit Unrecht: „Dans le sommeil, 
hormis la pereeption, toutes les facultes de l'esprit, inl.elligence, imagt- 
nation, memoire, volonte, moralite, restent intactes dans leur es- 
eence; seulemcnt, elles s'appliquent ä des objets imaginaires et mo- 
biles. Lo songeur est un acteur qui joue a volonte les fous et les 
sages, les bourreaux et les victimes, les nains et les gcants, los de- 
mons et les anges" (p. 222). Am energischesten scheint die Herab- 
setzung der psychischen Leistung im Traume der Marquis d'He rvey 
bestritten zu haben, gegen den Maury lebhaft polemisiert, und dessen 
Schrift ich mir trotz aller Bemühung nicht verschaffen konnte Maury 
sagt über ihn (p. 19): „M. le Marquis d'He rvey prete ä TintclU- 
gence, durant le sommeil, toute sa liberte d'aetion et d'attention et 
il no semble faire consister le sommeil quo dans Pocclusion des sens. 
dans leur fenneturo au Monde exterieur; en sorte que l'hommo qui 
dort no so distinguo guere, selon sa manicre de voir, de 1'homme qui 
laisse vaguer sa pensee en se bouchant les sens; toute la difference 
qui separo alors la pensee ordinaire du celle du dormeur c'est que, 
chez celui. l'idee prend une forme visible, objeetive et rcssemble, ä 
s'y meprendre, ä la Sensation determinee par les objets exterieurs; 
lo aouvenir revet l'apparence du fait present." 



Psychologische Einschätzung des Traumlebens. 43 

Maury fügt aber hinzu: „qu'il y a une difference ilo plus et 
•capitalo a savoir que les facultes intellectuelles do l'homme endormi 
n'offrent pas l'equilibre quclles gardent chez l'homme l'eveille." 

Bei Vase lüde, der uns eine bessere Kenntnis des Buches von 
d'Hervey vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in folgender 
Art über die scheinbare Inkohärenz der Träume äußert. „L*image 
du reve est la copie de l'idee. Le prineipal est l'idee; la vision n'est 
qu'acccssoire. Ceci etabli, il faut savoir suivre la marche des idees, 
il faut savoir analyser le tissu des reves; l'incoherence devient alors 
coraprehensible, les coneeptions les plus fantasques deviennent des 
faits simples et parfectement logiques". (p. 146.) Und (p. 147): „Los 
reves les plus bizarres trouvent meme une explication des plus logiques 
quond on sait les analyser." 

J. Stärcke hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähnliche 
Auflösung der Trauminkohärenz von einem alten Autor, Wolf Da- 
vidson, der mir unbekannt war, 1799 verteidigt worden ist (p. 136): 
„Die sonderbaren Sprünge unserer Vorstellungen im Traume haben 
alle ihren Grund in dem Gesetze der Assoziation, nur daß diese Ver- 
bindung manchmal sehr dunkel in der Seele vorgeht, so daß wir 
oft einen Sprung der Vorstellung zu beobachten glauben, wo doch 
keiner ist." 

Die Skala der "Würdigung des Traumes als psychisches Frodukt 
hat in der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der tiefsten 
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch 
die Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Überschät- 
zung, die den Traum weit über die Leistungen des Waehlebens stellt. 
IT i 1 d e b r a n d t, der, wie wir wissen, in drei Antinomien die psycho- 
logische Charakteristik des Traumlebens entwirft, faßt im dritten 
dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe, zusammen (p. 19): 
..Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur 
Virtuosität sich erhebenden Potenzierung und anderseits einer 
entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden 
H ei ab m indem ng und Schwächung des Seelenlebens." 

„Was das ersten?, betrifft, wer könnte nicht aus eigener Er- 
fahrung bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Trauingenius 
bisweilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der 
Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eiue Feinheit der Beob- 
achtung, eino Schlagfcrtigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir sol- 
ches alles als konstantes Eigentum während des wachen Lebens zu 
besitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat 
eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleich- 
lichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in einem 
eigentümlichen idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt ihrer 
Erscheinungen oft. im sinnigsten Verständnisse des ihnen /um Grunde 
liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch Schöne in wahrhaft, himm- 
lischem Glänze, das Erhabene in höchster Majestät, das erfahrungs- 
gemäß Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächerliche mit 
unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen ; und bisweilen sind 
wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch fo voll, 



44 t. T)in wissenschaftliche I.iteratnr der Trmimprobleme. 

»laß ps uns vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche Welt uns 
noch nie und niemals geboten-" 

Man darf sieh fragen, ist es wirklieh das nämliche Objekt, dem 
jeno geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung 
gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tief- 
sinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt. 
Träume, die solche und die jene Beurteilung verdienen, scheint es 
da nicht müßig, nach einer ps\-chologischen Charakteristik des Trau- 
mes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei alles mög- 
lich, von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer im 
"Wachen ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese Lösung 
wäre, sie hat dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen aller . Traum- 
l'iirscher die Voraussetzung zu Grunde zu liegen scheint, es gäbe eine 
solche, in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige Charakteristik 
des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen müßte. 

Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes 
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener 
jetzt hinter uns liegenden intellektuellen Periode, da die Philosophie 
und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte. 
Aussprüche wie die von Schubort. daß der Traum eine Befreiung 
des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung 
der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von 
dem jüngeren Fichte* u. a., welche sämtlich den Traum als einen 
Aufschwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, er- 
scheinen uns heute kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart 
auch nur bei Mystikern und Frömmlern wiederholt**. Mit dem Ein- 
dringen naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaktion in der 
"Würdigung des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Au- 
toren sind am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume 
für geringfügig und wertlos anzusehlagen, während Philosophen und 
nicht zünftige Beobachter — Amateurpsychologen — , deren Beiträge 

f;rade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren 
invernehmen mit den Ahnungen de.? Volkes, meist an dem psychi- 
schen Werte der Träume festgehalten haben. AVer zur Geringschät- 
zung der psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt be- 
greiflicherweise in der Trauma tiologie die somatischen Reizquellen; 
für den, welcher der träumenden Seele den größeren Teil ihrer Fähig- 
keiten im "Wachen belassen hat. entfällt natürlich jedes Motiv, ihr 
nicht auch selbst än<l ige Anregungen zum Träumen zuzugestehen. 

Unter den Cbr-rleistungcn. welche man auch bei nüchterner 
Vergieiehung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, 
ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be- 
weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. 
Ein anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traum- 
lebens, daß es sich souverän über Zeit- und Ortsentfernungen hinweg- 

* Vgl. Haffner und Spit. t,n 
*'" Dar geistreiche Mystiker Du Prel, einer der wenigen Autoren, denen 
leb diu Vernachlässigung in früheren Auflagen dieses Buches abbitten möchte, 
äußert, nicht das Wachen, sondern der Traum sei die Pforte zur Metaphysik, 

soweit sie den Menschen betrifft (Philosophie ili-r Mystik p. 5i>). 



Die cthiacben Gefühle im Traume. 



45 



zusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu erkennen. 
Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt bemerkt, eben ein illusorischer 
Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum nicht anders 
hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine .Form des 
Denkens ist. Der Traum sollte sich in bezug auf die Zeitlichkeit 
noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom 
Ablauf der Zeit unabhängig sein. Traume wie der oben S. 18 mit- 
geteilte. Maurys von seiner Hinrichtung durch die Guillotine scheinen 
zu beweisen, daß der Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit 
mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere psychische 
Tätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung 
ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den 
Aufsätzen von Le Lorrain und P]gger ,.über die scheinbare Dauer 
der Träume" hat sich hierüber eine interessante Diskussion ange- 
sponnen, welche in dieser heiklen und tiefreiehenden Frage wahr- 
scheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat*. 

Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages auf/.u- 
nelimen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen 
vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Kom- 
ponisten die Quelle, neuer Eingebungen werden kann, scheint nach 
vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix angestellten 
Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Tat- 
sache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen, ans Prinzipielle 
s1 reifenden Zweifeln**. 

Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes 
«in Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Redenken mit 
hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man ver- 
meidet es — und wohl mit Recht — , alles Tatsächliche an .diesem 
Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit 
«iner natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht. 

/) Die ethischen Gefühle im Traume- 

Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen 
Untersuchungen über den Traum verständlieh werden können, habe 
ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Teilproblem 
abgesondert, ob und inwieweit die moralischen Dispositionen und Emp- 
findungen des Wachens sich ins Traumleben erstrecken. Der nämliche 
Widerspruch in der Darstcllunc: der Autoren, den wir für alle anderen 
seelischen Leistungen mit Befremden, bemerken mußten, macht uns 
auch hier betroffen. Die einen versichern mit ebensolcher Entschieden- 
heit, daß der Traum von den sittlichen Anforderuntrcii nichts weiß, 
wie die anderen, daß die moralische Natur des Menschen auch fürs 
Traumleben erhallen bleibt. 

Die Berufung auf die allnächtliche. Traumerfahrung scheint: di« 
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben. 
Jessen sagt (p. 553): „Auch besser und tugendhafter wird man nicht 
im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu schwei- 
gen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Vcr- 

* Weitoro Literatur um! kritische Erörterung dieser Probleme in tV-T Pariser 
Dissertation der Tobowolskn (1000). 

•* Vgl. die Kritik bei n. KHK World of Creams, p. 2GR. 



4G I- Die n-isseoschaMiche Literatur der Tranmprobleme. 

brechen, Diebstahl, Mord und Totschlag mit völliger Gleichgültigkeit, 
und ohne nachfolgende Reue verüben kann." 

Radestock (,p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die Asso- 
ziationen im Traumo ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden, 
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sitt- 
liches Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach 
und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vo r." 

Volkelt (p. 23): „Besonders zügellos aber geht es. wie jeder 
weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der Träu- 
mende selbst aufs Äußerst« schamlos und jedes sittlichen Gefühles 
und Urteiles verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst die 
verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen auch 
nur in Gedanken mit ihnen zusammenzubringen sich scheuen würde." 

Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die 
von Schopenhauer, daß jeder im Traume in vollster Gemäßheit 
seines Charakters handle und rede- R. Ph. Fischer* behauptet, 
daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und 
Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sieh offenbaren, daß 
die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren Träumen 
sich spiegeln. 

Haffner (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet,... wird 
ein tugendhafter Mensch auch im Traume tugendhaft sein ; er wird 
den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn und 
allen Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde aber wird auch 
in seinen Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im Wachen 
vor sieh hatte." 

Scholz (p. 36): .,Tm Traume ist Wahrheit, trotz aller Mas- 
kierung in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes 
Selbst wieder. . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein 
entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so 
entsetzt er sich darüber als über etwas seiner Natur Fremdes. Der 
römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hinrichten ließ, weil 
diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen 
lassen, hatte darum so unrecht nicht, wenn er dies damit recht- 
fertigte, daß, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen 
haben müsse- Von etwas, das in unserem Innern keinen Raum haben 
kann, sagen wir deshalb auch bezeichnenderweise: „Es fällt mir auch 
im Traume nicht ein" 

Im Gegensatz hiezu meint Plat.o. diejenigen seien die besten, 
denen das, was andere wachend tun, nur im Traume einfalle. 

Pf äff sagt, geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich- 
wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume und ich will dir 
sagen, wie es um dein Inneres steht." 

Die kleine Schrift von Hildobrandt, der ich bereits so zahl- 
reiche Zitate entnommen habe, der formvollendetste und gedanken- 
reichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der 
Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im 
Traume in den Mittelpunkt . ihres Interesses. Auch für Hilde- 

• Grandzüge de» Systems der Anthropologie. Erlangen 1850. (Nach Spitta.) 



Unsittliche Trüume. 4f 

brandt steht es als Regel fest: Je reiner das Leben, destc reiner 
der Traum; je unreiner jenes, desto unreiner dieser. 

Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be- 
stehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungs fehler, 
keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so 
scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur ver- 
dächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und 
Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie 
verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in 
den Schlummerstunden weichen mag, — Kants kategorischer Impe- 
rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen ge- 
heftet, daß wir ihn auch schlafend nicht los werden. . . . Erklären 
aber läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das Fundamen- 
tale der Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um 
an der Wirkung der kaleidoskopischen Durchsehüttelung teilzuneh- 
men, welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakul- 
täten gleichen Ranges im Traume unterliegen" (p. 45 u. ff.). 

In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merk- 
würdige Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen von 
Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle diejenigen, 
welche meinen, im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit des 
Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit dieser 
Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch, den Träumer für seine 
Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit seiner 
Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schließen, mit der- 
selben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwertigen Versuch, 
aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit seiner intellek- 
tuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für die 
sich „der kategorische Imperativ" auch in den Traum erstreckt, hätten 
die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung 
anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume 
von solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen 
Wertschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten. 

Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht 
sicher weiß, inwieweit er gut oder böse ist, und daß niemand die 
Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn 
über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traummoralität hinweg 
zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Her- 
kunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich 
ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Funktionen 
des ^psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchtigun- 
gen desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Tatsächlich- 
keit läßt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Unverant- 
lichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen psy- 
chischen Quelle für die Unmoralität der Träume zusammentreffen. 

Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, 
hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume 
zu übernehmen. H.iffner sagt (p. 24): „Wir sind für Träume nicht 
verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrück! 
ist, auf welcher unser Lehen allein Wahrheit und Wirklichkeit hat. .'_ 



4$ I. Dio wissenschaftliche Literatur der Traamprobleme. 

Es kann eben darum kein Traumwollen und Traumhandeln Tugend 
oder Sünde sein." Doch ist der Mensch für den sündhaften Traum 
verantwortlich, sofern er ihn indirekt verursacht. Es erwächst für 
ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafen- 
gehen seine Seele sittlich zu reinigen. 

Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung 
und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen In- 
halt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, daß die 
dramatische Darstollungsweise des Traume?, die Zusamnieiultängung 
der kompliziertesten Überlcgungsvorgänge in das kleinste Zeiträum- 
chen und die auch von ihm zugestandene Entwertung und Vermen- 
gung der Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen An- 
schein der Träume in Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß 
es doch den ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung für 
Traumsünden und -schulden schlechthin zu leugnen- 

(p. 49): „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich 
eine solche die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, 
recht entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die 
Redensart' Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen 
wir allerdings einerseits aus, daß wir das Traumgebiet für das fernste 
und letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen 
hätten, weil dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen nur 
so lose und locker zusammenhängen, daß siß kaum noch als "die 
unsrigen betrachtet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf 
diesem Gebiete das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich zu 
leugnen uns veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt damit zu- 
gleich zu, daß unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde, 
wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden 
hier, wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit." 

fp. 52): „Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren 
erstes .Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher 
durch die Seele des Wachenden gezogen wäre." Von dieser ersten 
Regung müsse man sagen : Der Traum erfand es nicht, — er bildete 
es nur nach und spann's nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlcin 
historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in dramatischer 
P'orm ; er setzte das Wort des Apostels in Szene: Wer seinen Bruder 
haßt, der ist ein Totschläger. Und während man das ganze breit 
ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen, 
seiner sittlichen Stärke, bewußt, belächeln kann, so will jener ur- 
sprüngliche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewin- 
nen lassen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden 
verantwortlich, nicht für dio ganze Summe, aber doch für einen ge- 
wissen Prozentsatz. „Kurz, verstehen wir in diesem schwer anzu- 
fechtenden Sinne das Wort Christi : Aus dem Herzen kommen arge 
Gedanken, — dann können wir auch kaum der Überzeugung uns er- 
wehren, daß jede im Traume begangene Sünde ein dunkles Minimum 
wenigstens von Schuld mit sich führe." 

lu den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Ver- 
suchunffsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also 
llildebrandt die Quelle für die Unmoral ität der Träume, und er 



Kontrastierende Vorstellungen. 49 

steht nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Wert- 
schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedan- 
ken und die nämliche Schätzung derselben, welche, wie wir wissen. 
die Frommen und Heiligen zu aJlen Zeiten klagen ließ, sie seien 
arge Sünder*. 

An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastierenden 
Vorstellungen — bei den meisten Menschen und auch auf anderem 
als ethischem Gebiete — besteht wohl kein Zweifel. Die Beurteilung 
derselben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta 
findet sich folgende hieher gehörige Äußerung von A. Zeller (Artikel 
„Irre" in der allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften von. Er seh 
nnd Gruber) zitiert (p. 144): ,.So glücklich ist selten ein Geist 
•organisiert, daß er zu allen Zeiten volle Macht besäße und nicht immer 
wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte 
und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Ge- 
danken unterbrächen, ja die größten Denker haben sich über dieses 
traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu 
beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre heiligste 
und ernsthafteste Gedankenarbeit stört." 

Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser 
Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt, 
daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres 
Wesens blicken lasse, die uns im Zustand des Wachens meist ver- 
schlossen bleiben (p. 55). Dieselbe Erkenntnis verrät Kant an einer 
Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu 
da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offen- 
baren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden können. 
wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten; Radestock (p. 84^ 
mit den Worten, daß der Traum uns nur offenbart, was wir uns 
nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht einen 
Lügner und Betrüger schelten. J. E. Erdmann äußert: ,.Mir hat 
nie ein Traum offenbart, was von einem Menschen zu halten sei, 
allein was ich von ihm halte und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt 
bin, das habe ich bereits einige Male aus einem Traume gelernt zu 
meiner eigenen großen Überraschung." Und ähnlich meint J. H. Fichte : 
„Der Charakter unserer Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel 
unserer Gesamtstimmung, als was wir davon durch die Selbstbeob- 
achtung des Wachens erfahren." Wir werden aufmerksam gemacht, 
daß das Auftauchen dieser unserem sittlichen Bewußtsein fremden 
Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des 
Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen 
fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen 
wie die von Benini: „Gerte nostre inclinazioni che si rredevano 
soffocate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e 



* Es ist nicht ohne. Interosse zu erfahren, wie sich die heilige Inquisition 
*u unserem Problem gestellt. Im Tractatus de Officio sanetissimae Inquisition« 
<les Thomas Carefin, I,yoner Ausgabe, 1659, ist folgende Stelle: „Spricht je- 
mand im Traum Ketzereien aus, 30 sollen die Inquisitoren daraus AnlaJl nehmen, 
seine Lebensführung zu untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzukommen, 
■was unter Tags jemand beschäftigt hat." (Dr. Ehniger, S. Urban, Schweiz.) 

Pt«ud, TrMimdmlung.7. AuB. I 



50 1 We wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

sepoltc rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono 
dinanzi" (p. 149) und von Volkelt: „Auch Vorstellungen, die in 
das wacht Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm 
vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen 
sehr häufig den» Traum ihre Anwesenheit in der Seele kundzutun" 
(p. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, daß nach 
Schloiermacher schon das Einschlafen vom Hervortreten unge- 
wollte r Vorstellungen (Bilder) begleitet war. 

Als „ungewollte Vorstel lungen" dürfen wir nun dies ganze 
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un- 
moralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt. 
Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vor- 
stellungen auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen 
Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremd- 
artig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns er- 
möglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis auf- 
zuheben. 

Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor- 
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der 
wachenden Und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt- 
lichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ableiten? Hier 
ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene 
Gruppierung der Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von 
Hildebrandt und anderen Vertretern seiner Grundansicht kann man 
wohl nicht anderswohin fortsetzen, als daß den unmoralischen Re- 
gungen auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar 
gehemmt, ist, bis zur Tat vorzudringen, und daß im Schlafe etwas 
wegfalle, was, gleichfalls wie eine Hemmung wirksam, uns gehindert 
habe, die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so 
das wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und 
gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kennt- 
nis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her 
kann Hildebrandt dem Traume die Rolle eines Warners zuweisen, 
der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerksam 
macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher unbe- 
merkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und 
auch S p i 1 1 a kann von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenn 
er auf die Erregungsquollen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B. 
der Psyche zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan» 
was in seinen Kräften steht, wenn er im Wachen einen streng tugend- 
haften Lebenswandel geführt und sich bemüht hat, die sündigen 
Gedanken, so oft sie kommen, zu unterdrücken, sie nicht reifen und 
zur Tat werden zu lassen. Nach dieser Auffassung könnten wir die 
..ungewollten" Vorstellungen als die während des Tages „unter- 
drückten" bezeichnen und müßten in ihrem Auftauchen ein echtes 
psychisches Phänomen erblicken. 

Nach anderen Autoren halten wir kein Recht zu letzterer Fol- 
gerung. Für Jessen stellen die ungewollten Vorstellungen im Traume 
wie, im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den Charakter 
einer zur Ruhe gelegten Willenstätigkcit und eines gewissermaßen 



Das Unterdrückte. 51 

mechanischen Prozesses von Bildern und Vorstellungen durch 
innere Bewegungen dar - ' (p. 360). Ein unmoralischer Traum beweise 
weiter nicht« für das Seelenleben des Träumers, als dali dieser von 
dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis ge- 
wonnen habe, gewiß nicht eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem 
anderen Autor. Maury, könnte man in Zweifel geraten, ob nicht 
auch er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die seelische 
Tätigkeit nach ihren Komponenten zu zerlegen, anstatt sie planlos 
zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich über 
die. Schranken der Moralität hinaussetzt: .,Ce sont nos penchants qui 
parle nt et qui nous fönt agir, sans que la conscience nous retienne, 
bien que parfoit olle nous avertisse. J'ai nies defauts et mes pen- 
chants vicieux; ä l'etat de veille, je täche de lutter contre eux, et 
il m'arrive asscz souvent de n'y pas suecomber. Mais dans mes songe-si 
j'y suecombe toujours ou pour mieux dire j'agis par leur impulsion, 
sans craintc et sans remords. . . . Evidemment les visions <jui se 
derouleni devant ma pensee et qui constituent le reve, me *ont sug- 
gerees par les incitations que je ressens et que ma volonte absento 
ne cherchc pas ä refouler" (p. 113). 

Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich 
vorhandene, aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Dispo- 
sition des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung 
schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maury s 
(p. 115): ,.En reve l'homme se revele donc tout entier ä soi-meme 
dans sa nudite et sa misero natives. Des qu'il suspend l'exeroico 
de sa volonte, il devient le jouet de toutes les passions contre les- 
quelles, ä l'etat de veille la conscience, le sentiment d'honneur, la 
crainte nous defendent." An anderer Stelle findet er das treffende 
Wort (p. 462): ..Dans le reve, c'est surtout l'homme instinetif qui 
ee revele. . . . L'homme revient pour ainsi dire ä l'etat de natura 
quand il reve; mais moins les idecs acquise? ont penetre dans son 
esprit, plus les penchants en desaecord avec elles eonservent 
encore sur lui d'influence dans le reve." Er führt dann als Beispiel 
an, daß seine Träume ihn nicht selten als Opfer gerade jenes Aber- 
glaubens zeigen, den er in seinen Schriften am heftigsten bekämpft 
hat. 

Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psy- 
chologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury da- 
durch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beobachteten 
Phänomenen nichts als Beweise für den ..Automatisme psychologique" 
sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Auto- 
matismus faßt er als vollen Gegensatz zur psychischen Tätigkeit. 

Eine Stelle in den Studien über das Bewußtsein von Stricker 
lautet: ..Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; 
wenn man sich im Traume z. B. vor Käubern fürchtet, so sind die 
Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real." So wird man auf- 
merksam darauf gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume die 
Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Trauminhalt 
schenkt, und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psy- 
chischen Vorsängen im Traume real sein mag, das heißt einen An- 

4« 



y9 I. Die wisgouscliaflliche I,itor:itur Jtr Traumprobleme. 

sprucli auf Einreiluing unter die psychische» Vorgänge des Wachens 
beanspruchen darf?" 

g) Traumtheorien und Funktion des Traumes. 

Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der 
beobachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu 
erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem 
umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum- 
theorie heißen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien werden sich 
darin unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter des Traumes 
zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn an- 
knüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen oder eine sonstige 
Leistung des Traumes, wird nicht, notwondig aus der Theorie ableitbar 
sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäß ge- 
richtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die 
mit der Einsicht in eine Funktion des Traumes verbunden sind. 

"Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen 
gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr 
oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, daß der Traum eine 
Sendung der Götter sei, um die Handlungen der Menschen zu lenken, 
war eine vollständige Theorie des Traumes, die über alles am Traum 
"Wissenswerte Auskunft erteilte. Seitdem der Traum ein Geganstand 
der biologischen Forschung geworden ist. kennen wir eine größere An- 
zahl voii Traumtheorien, aber darunter auch manche recht unvoll- 
ständige. 

"Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende 
lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu 
Grunde gelegten Annahme über Maß und Art der psychischen Tätig- 
keit im Traume: 

1. Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des 
"Wachens sich in dem Traume fortsetzen lassen, wie die von Del- 
boeuf. Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, aber 
unter die vom "Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes 
gebracht, muß sie bei normalem Funktionieren andere Ergebnisse liefern 
als im "Wachen. Bei diesen Theorien fragt es sich, ob sie im stände 
sind, die Unterschiede des Traumes von dem Nachdenken sämtlich aus 
den Bedingungen des Schlafzustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen 
ein möglicher Zugang zu einer Funktion des Traumes; man sieht 
nicht ein. wozu man träumt, warum der komplizierte Mechanismus 
des seelischen Apparates weiter spielt, auch wenn er in Verhältnisse 
versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen, 
oder wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die einzig 
zweckmäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des Träumens. 

2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine 
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der Zu- 
sammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material an- 
nehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere psycho- 
logische. Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach 
Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht 
nicht bloß in einer Absperrung der Seele von der Außenwelt, er 
dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig 



Traumtheorien. Der partielle Schlaf. 53 

unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material 
heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien kon- 
struieren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwiihnten machen 
ihn zum Vorbilde des Schwachsinnes oder einer Amentia. 

Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch 
den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme, ist 
die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt 
überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse, für 
Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herr- 
schende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben, 
mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe jeder 
Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch den 
Traum verkörperten Gegensätze, vermeidet. Da ihr der Traum das 
Ergebnis eines partiellen Wachens ist („ein allmähliches, partielles 
und zugleich sehr anomalisches Wachen" sagt Herbarts Psychologie 
über den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zuständen von 
immer weitergehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die ganze 
Heine von der Minderleistung des Traumes, die sich durch Absurdität 
verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken. 

Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich gewor- 
den ist. oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie des 
Traumes in der Schilderung von Binz ausgedrückt finden (p. 43): 

„Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen Mor- 
genstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer 
werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsskiffe und 
immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden 
Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellen- 
haufen wach geworden hervor, während ringsumher noch alles in Er- 
starrung ruht. Es tritt nun die isolierte Arbeit der Einzel- 
gruppen vor unser umnebeltes Bewußtsein und zu ihr fehlt die 
Kontrolle anderer, der Assoziation vorstehender Gehirnteile. Darum 
fügen die geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen Ein- 
drücken naheliegender Vergangenheit entsprechen, sich wild un3 regel- 
los aneinander. Immer größer wird die Zahl der freiwerdenden Gehirn- 
zellen, immer geringer die Unvernunft des Traumes." 

Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollstän- 
digen, partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflüsse sicherlich 
bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am aus- 
führlichsten ist sie bei Maury dargestellt. Dort hat es oft den 
Anschein, als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafen- 
ßcin nach anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei ihm aller- 
dings eine anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Funk- 
tion aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur an- 
deuten, daß, wenn die Theorie des partiellen Wachens sich bestätigte, 
über den feiueren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre. 

Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des 
Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urteil 
über die Stellung und Bedeutung des Traumes konsequenterweise 
durch die Äußerung von Binz gegeben (p. 357): „Alle Tatsachen, 
wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen kör per liehen, 



[j4 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

in allen Fällen unnützen, in vielen Fallen geradezu krankhaften Vor- 
gang zu kennzeichnen. - ." 

Der Ausdruck „körperlich" mit Beziehung auf den Traum, der 
seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach 
mehr als einer Richtung. Er bezieht sieh zunächst auf die Traum- 
ätiologie, die ja B i n z besonders nahe lag. wenn er die experimentelle 
Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Gifton studierte. Es 
liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, die 
Anregung zum Träumen womöglich ausschließlich von somatischer 
Seite ausgehen zu lassen. In extremster .Form dargestellt, lautete es 
so: Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in Schlaf ver- 
setzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein Anlaß bis 
zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu anlangen- 
den Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun 
gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu erhalten ; es kommen, 
ähnlich wie Mephisto von den Le.benskeimen klagt, von überall her 
Reize an den Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den 
Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie gekümmert 
hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an jenem 
Zipfelchen wachgerüttelt uud funktioniert dann ein AVeilchen mit dem 
geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen. Der Traum ist die Re- 
aktion auf die durch den Reiz verursachte Schlafstörung, übrigens 
eine rein überflüssige Reaktion. 

Den Traur.j, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans 
bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch 
noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines psychischen Vor- 
ganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in 
seiner Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von 
den „zehn Fingern eines der Musik ganz unkundigen Menschen, die 
über die Tasten des Instrumentes hinlaufen", veranschaulicht vielleicht 
am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Vertretern 
d'T exakten Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum wird in 
dieser Auffassung etwas ganz und gar Undeutbares; denn wie sollten 
die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik pro- 
duzieren können? 

Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig 
nicht an Einwänden gefehlt. Burda eh meint 1880 : „Wenn man 
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich 
weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes 
gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig sind, während 
andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet während des ganzen 
Lebens statt. . ." (p. 483.) 

An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen .kör- 
perlichen" Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auffas- 
sung d es Traumes an, die erst 1866 von Robert ausgesprochen 
wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine 
Funktion, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiß. Robert nimmt 
zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen der Beobachtung, bei 
denen wir bereits in der Würdigung des Traummaterials verweilt 



Theorie von Robert, 55 

hohen (vgl. S. 13), nämlich, daß man so häufig von den nebensächlich- 
sten Eindrücken des Tages träumt, und daß man so selten die großen 
Interessen des Tages mit hinübernimmt. Robert behauptet als aus- 
schließlich richtig: „Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht 
hat, zu Traumerregern, immer nur solche, die einem unfertig im 
Sinne liegen oder den Geist flüchtig streifen" (p. 10). — „Darum kann 
man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen des- 
selben eben die nicht zum genügenden Erkennen des Träu- 
menden gekommenen Sinneseindrücke, des verflossenen 
Tages sind." Die Bedingung, daß ein Eindruck in den Traum ge- 
lange, ist also, entweder daß dieser Eindruck in seiner Verarbeitung 
gestört wurde, oder daß er als allzu unbedeutend auf solche Ver- 
arbeitung keinen Anspruch hatte. 

Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher 
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung 
zum Erkennen gelangt". Träume sind Ausscheidungen von 
im Keime erstickten Gedanken. „Ein Mensch, dem man die 
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit 
geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse un- 
fertiger, unausgedaohter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln 
würde, unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem Ge- 
dächtnisse als fortiges Ganzes einzuverleiben wäre." Der Traum leistet 
dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils. Die 
Träume haben heilende, entlastende Kraft (p. 32). 

Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu richten, 
wie denn durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele 
herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar aus jenen 
beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des 
Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken irgend- 
wie als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist 
kein besonderer psychischer Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir 
von jener Aussonderung erhalten, übrigens ist eine Ausscheidung nicht 
das einzige, was nachts in der Seele vorgeht. Robert fügt selbst 
hinzu, daß überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet werden, 
und „was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedauken- 
stoff nicht ausscheiden läßt, wird durch der Phantasie entlehnte 
Gedankenfaden zu einem abgerundeten Ganzen ver- 
bunden und so dem Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde 
eingereiht" (p. 23). 

In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die 
Roberts aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während dort 
überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren 
Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb 
zum Träumen nach der Theorie Roberts in der Seele selbst, in ihrer 
Überladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urteilt voll- 
kommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden 
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnahmen 
und einen Geist, in dem kein dem wachen Bewußtsein entnommener 
Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen 



56 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleiae. 

könnten. Zuzugeben sei bloß, daß die im Traume aus den Tiefen 
der Seele heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Ner- 
venreize beeinflußt werden können (p. 48). So ist der Traum nach 
Robert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar 
kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen« 
Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer Vor- 
gang am Apparat der Seelentätigkeit und hat eine Funktion zu er- 
lullen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten oder, wenn man 
das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten- 

Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus- 
wahl des Traummaterials deutlich werden, stützt ein anderer Autor, 
Yves De läge, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beob- 
achten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben 
Dingo ein Endergebnis von ganz anderer Tragweit« gewonnen wird. 

Belage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person 
durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von dem 
nicht träumt, was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder 
erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt. 
Scino Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten ihm die 
Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser 
Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht Delage 
über das Träumen junger Eheleute: „S'ils ont ete fortement epris, 
presque jamais ils n'ont reve l'un de l'autre avant le manage ou 
pendant la lune de miel; et s'ils ont reve d'amour c'est pour etre 
iulidcles avec quelque personne indifferente ou odieusc." Wovon träumt 
man nun aber? Delage erkennt das in unseren Träumen vorkom- 
mende Material als bestehend aus Bruchstücken und Resten von Ein- 
drücken der letzten Tage und früherer Zeiten- Alles was in unseren 
Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als Schöpfung 
des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer Prüfung als 
unerkannte Reproduktion, als „souvenir inconscient". Aber dieses Vor- 
stellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt von 
Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker betroffen 
haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerksamkeit sehr bald 
nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger bewußt 
und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr Aussicht 
hat er, im nächsten Traume eine Rolle zu spielen. 

Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein- 
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert 
hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, indem 
er meint, dieso Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind, 
träum fähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächli- 
chen Hindrücke sind gewissermaßen nicht voll erledigt worden, auch 
sie sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de rcssorts 
tendus", die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr 
Anrecht auf eine Rolle im Traume als der schwache und fast un- 
beachtete Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in 
seiner Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absieht zurückge- 
drängt worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung 
aufgespeicherte psychische Energie wird nachts die Triebfeder des 



Theorie von Del»ge. 57 

Traumes. Im Traumo kommt das psychisch Unterdrückte zum 
.Vorschein *. 

Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle 
ab; er kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traume 
nur die geringste Rollo einräumen und so schließt er sich mit seiner 
Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom 
partiellen Schlafen des Gehirns an : „En somme le reve est le produit 
do la pensee errante, sans but et sans direction, se fixant successive- 
ment sur les Souvenirs, qui ont garde assez d'intensite pour se placer 
sur sa route et l'arreter au passagc, etablissant entre eux un lien 
tantöt faiblo et indecis, tantot plus fort et plus serre selon quo 
l'activite actuello du cerveau est plus ou moins abölie par le sommeil." 

3. Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes 
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung 
zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen 
entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen kann. 
Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist eine nütz- 
liche Funktion des Traumes. Dio Wertschätzungen, welche der Traum 
bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören meist in 
diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren Statt die 
Äußerung von Burdach anzuführen, derzufolge der Traum „dio 
Naturtätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die Macht der In- 
dividualität beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein gestört, nicht 
durch Seibetbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem Spiele 
sich ergehende Lebendigkeit der sensiblen Zentralpunkte ist" (p. 486). 

Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kraft« stellen 
sich Burdach u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem die 
Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, 
alt-i etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach zitiert und ak- 
zeptiert darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter 
Novalis das Walten des Traumes preist : „Der Traum ist eine Schutz- 
wchr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine 
freie Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder des 
Lebens durcheinander wirft und die beständige Ernsthaftigkeit des 
erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht; 
ohne die Träume würden wir gewiß früher alt, und so kann man 
den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch 
als eine köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf der 
Wallfahrt zum Grabe betrachten." 

Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert 
noch eindringlicher Purkinje (p. 456): ..Besonders würden die pro- 
duktiven Traumo diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte Spiele 
der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammen- 
hang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen Lebens nicht 
fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. Sie erzeugt 
zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände. Sio heilt 

* Ganz ähnlich äuDerst sich der Dichter Anatole France (Lys rougo): 
Co <jue nous voyons la nirit, ce sont les restes inalheureux de ce que nous avöns 
n^pligö dans la veille. Le reve est souvent la re van che des rhoses qu'on ntfptiee 
ou le reprocho des Gtres ahandonnts. 



58 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und heitere 
zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und Freundlichkeit, Furcht 
durch Mut und Zuversieht; den Zweifel beschwichtigt sie durch Über- 
zeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung durch Erfüllung. 
Viele wunde Stellen des Gemütes, die der Tag immerwährend offen 
erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie zudeckt und vor neuer 
Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil die schmcrzenheilende 
Wirkung der Zeit." Wir empfinden es alle, daß der Schlaf eine 
"Wohltat für das Seeleuleben ist, und die dunkle Ahnung des Volks- 
bewußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht rauben, daß der 
Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf seine Wohltaten 
spendet. 

Der originellste und weitestgehende Versuch, den Traum aus einer 
besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustand frei 
entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner 18G1 unternom- 
mene- Das Buch Scherners, in einem schwülen und schwülstigen 
Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für den 
Gegenstand getragen, die abstoßend wirken muß, wenn sie nicht mit 
sich fortzureißen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierigkeiten 
entgegen, daß wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren Dar- 
stellung greifen, in welcher der Philosoph Volkelt die Lehren 
Scherners uns vorführt. ,,Es blitzt und leuchtet wohl aus den 
mystischen Zusammen ballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge 
ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hie- 
durch des Philosophen Pfade nicht." Solche Beurteilung findet die 
Darstellung Scherners selbst bei seinem Anhänger. 

Scherner gehört, nicht zu den Autoren, welche der Seele ge- 
statten, ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzunehmen. 
Er führt selbst aus, wie im Traume die Zentralität, die Spontanenergie 
des Ich entnervt wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen. 
Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden und wie den Über- 
bleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur 
noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt 
sich im Traume die als Phantasie zu benennende Tätigkeit der 
Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen 
Maße ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar 
die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt 
aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmel- 
weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv, 
sondern auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem 
Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe für 
das Ungemessen c, Übertriebene, Ungeheuerliche. Zu- 
gleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen 
Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit. Behendigkeit, Wondungs- 
lust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten Stimmungsreize 
des Gemütes, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort das innere 
Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. Der Traum- 
phantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen will, 
muß sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwä- 
chend einwirkt, malt sie es in Fülle. Kraft und Größe der An- 



Die Theorie Scbetners. 59 

schauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, 
•weitläufig, schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die 
Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein 
Objekt durch sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein frem- 
des Bild wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des Objektes, 
an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken im stände 
ist. Das ist die symbolisierende Tätigkeit der Phantasie. . - 
Sehr wichtig ist ferner, daß die Traumphantasie die Gegenstände 
nicht erschöpfend, sondern mir in ihrem Umriß und diesen in 
freiester Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie 
genial hingehaucht. Die Traumphantasic bleibt aber nicht hei der 
bloßen Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich 
genötigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln 
und so eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. ß. malt 
Goldstücke auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich, 
trägt sie davon. 

Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische 
Tätigkeit vollzieht, ist nach S eherner vorwiegend das der lmi Tag 
so dunklen organischen Leibreize (vgl. S- 23), so daß in der Annahme 
der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische Theorie 
Scherners und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundts und 
anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander ver- 
halten, sich hier völlig decken- Aber während nach der physiologi- 
schen Theorie die seelische Reaktion auf die inneren Leibreize mit, der 
Erweckung von irgend zu ihnen passenden Vorstellungen erschöpft ist, 
die sich dann einige andere Vorstellungen auf dem Wege der Assozia- 
tion zur Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die Verfolgung der 
psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, geben die Leib- 
reijso nach Sehern er der Seele nur ein Material, das sie ihren 
phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die Traumbildung 
fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den Blick der an- 
deren versiegt. 

Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die 
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein necken- 
des Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im 
betreffenden Traume stammen, in irgend einer plastischen S3'mbolik 
vor. Ja, Scherner meint, worin Volkelt und andere ihm nicht 
folgen, daß die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung 
für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint 
sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff 
zu binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern 
benutzen, um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange 
Häuserstraßen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne 
Teile des Hauses wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B. im 
Kopfschmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer 
mit ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf. 

Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere 
Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden Kör- 
perteile verwendet. „So findet die atmende Lunge in dem flammen- 
erfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, das Herz 



CO I- Di« wissenschaftliche Literatur der Tramnproblerae. 

in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden beuteiförmigen 
oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der männliche Ge- 
schlechtsreiztraum läßt den Träumer den oberen Teil einer Klarinette, 
daneben den gleichen Teil einer Tabakspfeife, daneben wieder einen 
Pelz auf der Straße finden- Klarinette und Tabakspfeife stellen die 
annähernde Form des männlichen Gliedes, der Pelz das Schamhaar 
dar. Im weiblichen Geschlcchtstraume kann sich die Sehrittenge der 
zusammenschließenden Schenkel durch einen schmalen, von Häusern 
umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch einen mitten durch 
den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fußpfad 
symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen 
Brief zu einem Herrn zu tragen" (Volkelt, p. 39). Besonders wichtig 
ist es, daß am Schlüsse eines solchen Leibreiztraumes die Traum- 
phantasie sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende Organ 
oder dessen Funktion un verhüllt hinstellt. So schließt der „Zahnreiz- 
traum" gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus dem 
Mumie nimmt. 

Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß 
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl 
die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung neh- 
men. So führt z. B. der Eingeweidereiz träum durch kotige Straßen, 
der Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der Reiz als sol- 
cher, die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er begehrt, werden 
symbolisch dargestellt oder das Traum-Ich tritt in konkrete Verbin- 
dung mit den Symbolisierungen des eigenen Zustande«, z. B- wenn 
wir bei Sehmerzreizen uns mit beißenden Hunden oder tobenden 
Stieren verzweifelt balgen, oder die Träumerin sieh im Gesehlechts- 
traume von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem mög- 
lichen Reichtum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symboli- 
sierende Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden Traumes 
bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen, der 
so erkannten psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System 
philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt in 
Beinern schön und warm geschriebenen Buche, das aber allzu schwer 
verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für 
das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Bcgrif'fsschemen vorbe- 
reitet ist. I 

Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli- 
sierenden Phantasie Scherners in den Träumen nicht verbunden. 
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man 
könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spiele. Man 
könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehende 
Beschäftigung mit Scherners Theorie des Traumes zu irgend etwas 
Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit und Losgebunden- 
heit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig scheint. 
Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der Lehre 
Scherners vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto einzu- 
legen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von 
seinen Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksamkeit schenkte, 
und der persönlich sehr wohl veranlagt seheint, dunklen seelischen 



Die Traampbantosie. ßj 

Dingen nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der 
den Menschen durch Jahrlausende rätselhaft, wohl aber zugleich in- 
halts- und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen Erhellung 
die gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes 
beigetragen hat, als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Emp- 
findung dem Objekt Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen ver- 
sucht«. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, daß es den Anschein 
hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der 
Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglienzellen-Phan- 
tastik; die p- 53 zitierte Stelle eines nüchternen und exakten For- 
schers wie Binz, welche schildert, wie die Aurora des Erwachens 
über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht, steht an 
Phantastik und an — Un Wahrscheinlichkeit hinter den Sehern er- 
sehen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe, zeigen zu können, 
daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings nur ver- 
schwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der All- 
gemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch er- 
heben kann. Vorläufig kann uns die S eherner sehe Theorie des 
Traumes in ihrem Gegensatz zur medizinischen etwa vor Augen 
führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens 
heute noch unsicher schwankt. 

h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrank- 
heiten- 

Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen 
Anrieht, kann dreierlei meinen '. 1, ätiologische und klinische Bezie- 
hungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand vertritt, 
einleitet, oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das Traum- 
leben im Falle der Geisteskrankheiten erleidet- 3. Innere Beziehungen 
zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf "Wesensverwandt- 
schaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen den beiden 
Reihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der Medizin — und 
in der Gegenwart von neuem wieder — ein Lieblingsthema ärztlicher 
Autoren gewesen, wie die bei Spitta, Radestock, Maury und 
Tissie gesammelte Literatur des Gegenstandes lehrt. Jüngst hat 
Sante de Sanctis diesem Zusammenhange seine Aufmerksamkeit zu- 
gewendet*. Dem Interesse unserer Darstellung wird es genügen, den 
bedeutsamen Gegenstand bloß zu streifen. 

Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen Traum 
und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradigmata mit- 
teilen. Hohn bäum beriebt et (bei Krause), daß der erste Aus- 
bruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreckhaften 
Traume herschrieb, und daß die vorherrschende Idee mit diesem Traume 
in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt ähnliche Beobach- 
tungen von Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen der- 
selben für die „vraie cause determinante de la folie". Die Psychose 
kann mit dem wirksamen, die wahnhafte Erklärung enthaltenden Traum 
mit einem Schlage ins Leben treten oder sich durch weitere Träume, 

* Spätere Autoren, die solche Beziehungen behandeln, sind: Füre, Ideler, 
1. 1'. ■■■:■ ■;•: e, Pichon, Rvgis, Vospa; Giesslcr, Kazodowsky, Pachan- 
toni u. a. 



ß2 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traüjnprobleme. 

die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In 
einem Falle von de Sanctis schlössen sich an den ergreifenden 
Traum leichte hysterische Anfülle, dann in weiterer Folge ein ängst- 
lich-melancholischer Zustand. Fere (bei Tissie) berichtet von einem 
Traume, der eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird 
uns der Traum als Ätiologie der Geistesstörung vorgeführt, obwohl 
wir dem Tatbestand ebeoso Rechnung tragen, wenn wir aussagen, 
die geistige Störung habe ihre erste Äußerung am Traumloben ge- 
zeigt, sei im Traume zuerst durchgebrochen. In anderen Beispielen 
enthält das Traumleben die krankhaften Symptome oder die Psychose 
bleibt aufs Traumleben eingeschränkt. So macht Thomayer auf 
Angstträume aufmerksam, die als Äquivalente von epileptischen 
Anfällen aufgefaßt werden müssen. Allison hat nächtliche Geistes- 
krankheit (nocturnal insanity) beschrieben (nach Radestock), bei 
der die Individuen tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind, 
während bei Nacht regelmäßig Halluzinationen, Tobsuehtsanfälle tu dgl. 
auftreten. Ähnliche Beobachtungen bei de Sanctis (paranoisches. 
Traumäquivalent bei einem Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau 
der Untreue beschuldigen); bei Tissie. Tissie bringt aus neuerer 
Zeit eine reiche Anzahl von Beobachtungen, in denen Handlungen 
pathologischen Charakters (aus Wahnvoraussetzungen, Zwangimpulse) 
eich aus Träumen ableiten. G u i s 1 a i n beschreibt einen Fall, in dem 
der Schlaf durch ein intermittierendes Irresein ersetzt war. 

Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psycho- 
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Arzte be- 
Bchäftigen wird. 

Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach 
Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Traum- 
leben noch der Psychoso angehören kann. Gregory soll auf dieses 
Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Kranss). M a- 
cario (bei Tissie) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach 
seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die leiden- 
schaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte. 

Cber die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd 
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen 
angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen 
Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Cbcreiiistim- 
mung der Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung gefunden. 
Nach Maury hat zuerst Cabanis in seinen , .Kapports du physique 
et du moral" auf sie hingewiesen, nach ihm Lelut, J. Moreau 
und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sieherlich ist 
die Vergleichung noch älter. Badestock leitet das Kapitel, in dem 
er sie behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein. welche 
Traum und "Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an einer Stelle: 
,.Dcr Verrückte ist ein Träumer im Wachen." Krauss: ..Der Wahn- 
sinn ist ein Traum innerhalb des Sinncnwachseins." Schopenhauer 
nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und den Wahnsinn einen 
langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als Traumleben, wel- 
ches nicht durch Schlaf, sondern durch Krankheiten herbeigeführt, 
ist. Wundt äußert in der „Physiologischen Psychologie": „In der 



Beziehungen zwischen Traum and Psychosen ßj}, 

Tat können wir im Traume fast alle Erscheinungen, die uns in den 
Irrenhäusern begegnen, selber durchleben." 

Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche 
Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta (übrigens 
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: ,.1. Aufhebung 
oder doch Rctardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkennt- 
nis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens, 
Mangel dea moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der 
Sinnesorgane, und zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im 
allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen unter- 
einander lediglich nach den Gesetzen der Assoziation und Reproduk- 
tion, also automatische Reihenbildung, daher Unproportionalität der 
Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Ül>ertreibungen, Phantas- 
men) und aus alle dem resultierend 4. Veränderung, beziehungsweise 
Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten 
des Charakters (Perversitäten)." 

Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma- 
terial: „Im Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein- 
gefühles findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen. 
Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traume der Geruchs- und 
Geschmacksinn. — Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie 
dem Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was 
der Wachende und Gesunde vergessen zu Tiaben schien, dessen er- 
innert sich der Schlafendo und Kranke." — Die Analogie von Traum 
und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert, daß sie sich 
wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf ein- 
zelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt. 

„Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt 
der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so 
heben eich auch bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück, 
Größe, Erhabenheit und Reichtum. Der vermeintliche Besitz von 
Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Verwei- 
gerung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund des Irreseins 
abgaben, machon häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus. Die 
Frau, die ein teures Kind verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer 
Vermögensverluste erlitten, hält sich für außerordentlich reich, das 
betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt." 

(Diese Stelle Rade Stocks ist die Abkürzung einer feinsinnigen 
Ausführung von Griesinger [p. 111], die mit aller Klarheit die 
Wunscherfüllung als einen dem Traume und der Psychose ge- 
meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Unter- 
suchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer psycho- 
logischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu finden ist.) 

„Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteils sind 
es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charakteri- 
sieren.'' Die Überschätzung der eigenen geistigen Leistungen, 
die dem nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier 
wie dort; dem rapiden Vorstellungsverlauf des Traumes entspricht 
die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Zeitmaß. 
Die Spaltung der Persönlichkeit im Traume, welche z. B. 



(34 '• i '>'■ wi»senschafüiclie Literatur der Traumprobleme. 

das eigene Wissen auf zwei Personen verteilt, von denen die fremde 
das eigene Ich im Traume korrigiert, ist völlig gleichwertig der be- 
kannten Persönlichkeitsteilung bei halluzinatorischer Paranoia; auch 
der Träumer hört die eigenen Gedanken von fremden Stimmen vor- 
gebracht. Selbst für die konstanten Wahnideen findet sich eine Ana- 
logie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen Träumen (reve 
obsedant). — Nach der Genesung von einem Delirium sagen die Kran- 
ken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie ein 
of nicht unbehaglicher Traum erscheint; ja sie teilen uns mit, d:ili 
eie gelegentlich noch wälirend der Krankheit geahnt haben, sie seien 
nur in einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraume 
vorkommt. 

Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock 
6eino wie vieler anderer Meinung in den AVorten zusammenfaßt, daß 
„der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine Stei- 
gerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes zu 
betrachten ist" (p. 228). 

Noch inniger violleicht, als es durch diese Analogie der sich 
äußernden Phänomene möglich ist, hat Krauss die Verwandtschaft 
von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: "in den Er- 
regungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche Grund- 
element ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch be- 
dingte Empfindung, die Leibroizsensation, das durch Beiträge 
von allen Organen her zu stände gekommene Gemeingefühl (vgl. 
Peisse bei Maury [_p. 52J). 

Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten 
reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu 
den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens, 
nach welcher sich der Traum als ein unnützer und störender Vor- 
gang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt. 
Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung 
ül>er den Traum von den Seclenst.örungen her zu empfangen, wo es 
allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere 
Einsicht, in den Hergang der letzteren sieh befindet. Wohl aber ist 
es wahrscheinlich, daß eine veränderte Auffassung des Trannies unsere 
Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen mit- 
bseinflussen muß. und so dürfen wir sagen, daß wir auch an der 
Aufklärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Ge- 
heimnis des Traumes aufzuhellen. 



Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der Traum- 
probleme nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten Erscheinen 
bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe. Dieselbe, 
mag dem Leser wenig befriedigend erseheinen; ich bin nichtsdesto- 
weniger durch sie bestimmt worden. Die Motive, die mich überhaupt 
zu einer Darstellung der Behandlung des Traumes in der Literatur 
veranlaßt hatten, waren mit der vorstehenden Einleitung erschöpft; 
eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte mich außerordentliche Bemühung 
gekostet und — sehr wenig Nutzen oder Belehrung gebracht- Denn 
der in Rede stehende Zeitraum von neun Jahren hat weder an tat- 



Die Literatur «eil 1U00. 65 

Bächlichem Material noch an Gesichtspunkten für die Auffassung Jos 
Traumes Neues oder Wertvolles gebracht. -Meine Arbeit ist in den 
meisten seither veröffentlichten Publikationen unerwähnt und unbe- 
rücksichtigt gehlieben; am wenigsten Beachtung hat sie natürlich 
hei den sogenannten „Traumforsehern" gefunden, die von der dem 
■wissenschaftlichen Menschen eigenen Abneigung, etwas Neues zu er- 
lernen, hieiuit ein glänzendes Beispiel gegeln-n haben. ,.Les savants 
ne sonl j>as curieiix," meint der Spötter Anitole France- Wenn es 
in der Wissenschaft ein Recht zur Revanche gibt, so wäre ich wohl 
berechtigt, auch meinerseits die Literatur seit dem Erseheinen dieses 
Buches zu vernachlässigen. Die wenigen Berichterstattungen, die sich 
in wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben, sind so voll von Un- 
verstand und Mißverständnissen, daß ich den Kritikern mit nichts 
anderem als mit der Aufforderung, dieses Buch noch einmal zu lesen, 
antworten könnte. Vielleicht dürfte die Aufforderung auch lauten: 
es Überhaupt zu lesen. 

In den Arbeiten jener Ärzte, welche sieh zur Anwendung des 
psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer 
: ind reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen 
gedeutet worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner 
Aufstellungen hinausgehen, habe ich deren Ergehnisse in den Zu- 
sammenhang meiner Darstellung eingetragen. Ein zweites Literat ur- 
verzeiehnis am Ende stellt die wichtigsten Veröffentlichungen seit 
dem ersten Erscheinen dieses Buches zusammen. Das reichhaltige Buch 
von Sante do Sanclis über die Träume, dem bald nach seinem 
Erscheiner. eine Übersetzung ins Deutsche zu teil geworden ist, hat 
«ich mit meiner ..Traumdeutung" zeitlich gekreuzt, so daß ich von 
ihm ebensowenig Notiz nehmen konnte wie der italienische Autor 
von mir. Ich mußte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit 
überaus arm an Ideen sei, so arm. daß man aus ihr nicht einmal die 
Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte. 

Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an 
meine Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer Philo- 
soph, H. Swoboda, der es unternommen hat, die Entdeckung der 
biologischen Periodizität (in Reihen von 23 und 28 Tag.'nl. die von 
Wilh. Eliess herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen, 
hat in einer phantasicvollen Schrift* mit diesem Schlüssel unter 
anderem auch das Rätsel der Träume lösen wollen. Die Bedeutung der 
Träume wäre dabei zu kurz gekommen; das Inhaltsmaterial derselben 
würde sich durch das Zusammentreffen all jener Erinnerungen er- 
klären, die in jener Nacht gerade eine der biologischen Perioden zum 
ersten- oder n-tcnmal vollenden. Eine persönliche Mitteilung des 
Autors ließ mich zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht 
mehr ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem 
Schluß geirrt habe; ich werde an anderer Stelle einige Beobachtungen 
zu der Aufstellung Swobodas mitteilen, die mir aber ein über- 
zeugendes Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem erfreulicher 
war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes 



* H. Swoboda, Die rcriodon des znen-sclilichen Organismus, 1904, 

I ■■ ud, Tri' ri.i.v.i! uog . \ . \ « 



(3(3 *• Die niaseriHcliaftliche Literatur der Traumprobleme. 

zu finden, die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die 
Zeitverhältnisse schließen die Möglichkeit aus, daß jene Äußerung 
durch die Lektüre meines Buches beeinflußt worden sei; ich muß 
also in ihr die einzige in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung 
eines unabhängigen Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre 
begrüßen. Das Buch, in dem sich die von mir ins Auge gefaßte 
Stelle über das Träumen findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter 
dem Titel „Phantasien eines Realisten" von Lynkeus veröffentlicht 
worden. 

Zusatz (1914). 

Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 niederge- 
schrieben worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings geändert; 
mein Beitrag zur „Traumdeutung" wird in der Literatur nicht mehr 
übersehen. Allein die neue Situation macht mir die Fortsetzung des 
vorstehenden Berichtes erst recht unmöglich. Die „Traumdeutung" 
hat eine ganze Reihe neuer Behauptungen und Probleme gebracht, 
die nun von den Autoren in verschiedenster Weise erörtert worden 
sind. Ich kann diese Arbeiten doch nicht darstellen, ehe ich meine 
eigenen Ansichten entwickelt habe, auf welche die Autoren sich be- 
ziehen. Was mir an dieser neuesten Literatur wertvoll erschien, habe 
ich darum im Zusammenhange meiner nun folgenden Ausführungen 
gewürdigt. 



IL 

Die Methode der Traumdeutung. 
Die Analyse eines Traum mustere. 

Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, läßt 
erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume ich 
anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt, zu zeigen, daß Träume 
einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der eben be- 
handelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger Heben« 
gewinn bei der Erledigung meiner eigentlichen Aufgabe ergeben können. 
Mit der Voraussetzung, daß Träume deutbar sind, trete ich sofort, 
in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu allen Traum- 
theorien mit Ausnahme der Schernerschen, denn „einen Traum 
deuten" heißt, seinen „Sinn" angeben, ihn durch etwas ersetzen, was 
sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in die Verkettung un- 
serer seelischen Aktionen einfügt. Wie. wir erfahren haben, lassen 
aber die wissenschaftlichen Theorien des Traumes für ein Problem 
der Traumdeutung keinen Baum, denn der Traum ist für sie über- 
haupt kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang, der sich 
durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders hat sich zu 
allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient eich ihres 
guten Bechtes, inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie zugesteht, 
der Traum sei unverständlich und absurd, kann sie sich doch nicht 
entschließen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. Von einer 
dunklen Ahnung geleitet, scheint sie doch anzunehmen, der Traum 
habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum .Ersätze eines 
anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich nur darum, 
diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur verborgenen 
Bedeutung des Traumes zu gelangen. 

Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum 
zu „deuten" und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden ver- 
sucht. Das erste dieser Verfahren faßt den Trauminhalt als Ganzes 
ins Auge und sucht denselben durch einen anderen, verständlichen 
und in gewissen Hinsichten analogen Inhalt zu ersetzen. Dies ist die 
symbolische Traumdeutung; sie scheitert natürlich von vornherein 
an jenen Träumen, welche nicht bloß unverständlich, sondern auch 
verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Vorfahren gibt etwa die 
Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume des Pharao an- 
gedeiheu ließ. Sieben fette Kühe, naeh denen sieben magere kommen, 
welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz für 
die Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche 
allen Überfluß aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen 
haben. Die meisten der artefiziellen Träume, welche von Dichtern 

6» 



gg 11 Die Methode der Traumdeutung. 

geschaffen wurden, sind für solche Symbolische Deutung bestimmt, 
denn sie geben den vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Ver- 
kleidung wieder, die zu den aus der Erfahrung bekannten Charakteren 
unseres Träumens passend gefunden wird*. Die Meinung, der Traum 
beschäftige sich vorwiegend mit der Zukunft, deren Gestaltung er 
im voraus ahne — ein Rest der einst, den Träumen zuerkannten 
prophetischen Bedeutung — . wird dann zum Motiv, den durch sym- 
bolische Deutung gefundenen Sinn des Traunies durch ein „es wird 4 ' 
ins Futurum zu versetzen. 

"Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung fin- 
det, dazu läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. Das 
Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalles, der unvermittelten In- 
tuition, und darum konnte die Traumdeutung mittels Symbolik sich 
zu einer Kunstübung erheben, die an eine besondere Begabung ge- 
bunden schien**. Von solchem Anspruch hält sich die andere der 
populären Methoden der Traumdeutung völlig fern- Man könnte sie [als 
die „Chiffriermethode" bezeichnen, da sie den Traum wie eine 
Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem 
feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen von bekannter Be- 
deutung übersetzt, wird. Ich habe z- B. von einem Briefe geträumt, 
aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl. ' ich sehe nun in einem 
,. Traumbuche" nacli und finde, daß „Brief" mit „Verdruß", „Leichen- 
begängnis" mit „Verlobung" zu übersetzen ist. Es bleibt mir dann 
überblasen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe, einen Zu- 
sammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig hinneltme. 
Eine interessante Abänderung dieses Chiffrierverfahrens, durch welche 
dessen Charakter als rein mechanische Übertragung einigermaßen kor- 
rigiert wird, zeifft sich in der Schrift über Traumdeutung des Artc- 
midoros aus Daldis***. Hier wird nicht nur auf den Trauminhalt, 



* In einer Novelle „Gradiva" des Dichters W. Jensen entdeckte ich 
zufällig mehrere arlifizielle Träume, die vollkommen korrekt gebildet waren und 
sieh deuten ließen, als wären sie nicht erfunden, sondern von realen Personen 
geträumt worden. Der Dichter bestätigte auf Anfrage von meiner Seite, daß 
ihm meine Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe diese Übereinstimmung 
zwischen meiner Forschung und dem Schaffen des Dichters als Beweis für diu 
Richtigkeit meiner Traumanalysc verwertet, f.. Der Wahn uud die Träume" iu 
W. Jensens „Gradiva". erstes Heft der von mir herausgegebenen ..Schlitten 
zur angewandten Seelenkunde.", 1900, zweite Auflage 1012.) 

** Aristoteles liat sich dahin geäußert, der beste Traumdeuter sei der, 
welcher Ähnlichkeiten am besten auffasse; denn die Traumbilder seien, wie die 
Bildet im Wasser, durch die Bewegung verzerrt, und der treffe am besten, der 
in dem verzerrten Bild das Wahre zu erkennen vermöge (Büchsenschütz, p. G5). 
*** Ar tomi doros ans Daldis, wahrscheinlich zu Anfang des 2. Jahr- 
hunderts unserer Zeitrechnung geboren, hat uns die vollständigste und sorg- 
fältigste Bearbeitung der Traumdeutung in der griechisch-römischen Welt über- 
liefert. Kr legte, wie Tu. Gomporz hervorhebt, Wert darauf, die Deutung dar 
Träume auf Beobachtung und Erfahrung zu gründen und sonderte seine Kunst 
strenge von anderen, trügerischen Künsten. Das Prinzip seiner Deutungslcunst 
ist nach der Darstellung von Gomperz identisch mit der Magie, das Prinzip 
der Assoziation. Ein Traumding bedeutet das, woran es erinnert. Wohlverstanden, 
woran es den Traumdeuter erinnert! Eine nicht zu beherrschende Quelle der 
Willkür und Unsicherheit ergibt sich dann aus dem Umstand, daß das Traum- 
element den Deuter an verschiedene Dinge und jeden an etwas anderes erinnern 
kann. Die Technik, die ich im folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken 



Die symbolische uud die Cbiffriermcthode. (j<( 

sondern auch auf die Person und die Lebensumstände des Träumer* 
Rücksicht genommen, so daß das nämliche Traumelement für den 
Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Bedeutung hat als 
für den Armen, den Ledigen und etwa den Kaufmann. Das "Wesent- 
liche an diesem Verfahren ist nun. dali die Deutungsa.rboit nicht auf 
das (ranze des Traumes gerichtet wird, sondern auf jedes Stück des 
Trauminhaltes für sich, als ob der Traum ein Konglomerat wäre, 
in dem jeder Brocken (restein eine besondere Bestimmung verlangt. 
Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und verworrenen Träume, 
von denen der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermcthode ausge- 
gangen ist*. 

Für die wissenschaftliehe. Behandlung des Themas kann die Un- 
hrauehbarkeit beider populärer Deut ungs verfahren des Traumes keinen 
Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in ihrer 
Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fähig. Bei 

in iliin einen wesentlichen Punkte ab, daß sie dein Träumer selb-t die Ucutungs- 
irbttt. auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was •l<>m TncuUdsuler, sondern 
KQA dem Träumer zu 'lern betreffenden Kleinen! dos Trauen", eiulalll. — Nach 
neueren Berichten des Miswonärs Tfinkdjt (Aiilhropoa 1913) nehmen aber aucli 
lliö modernen Trnumdniter des Orients die Mitwirkung (Ins Träumers ausgiebig 
in Anspruch. Der Gewährsmann erzählt von den Tr.iumdeutTii bei den meso- 
piilainisclieu Arabern: ..l'oiir Interpreter exoetement un sun-jo, les oniromanciens 
les plus habilea s'iuf„rinent. de eeux qui leg consult ■■ut ctßä toutes los circon- 
stanecs qnils rogardent niVcssaires pour la banne explicutiun. . . . Kn uu moi, 
nos oniromanciens ne. laisscnf aueuue cireonsla.uce leur eYhappcr et no dünnen l. 
l'interprclatirm desiree avant d'avoir parfaitemrnt saisi et r.-cu toutes les inter- 
rogatinns deairahl<*s." Unter diesen Fragen befinden sieh rnjeliuäUiir solche um 
genaue Angaben über die nächsten Familienangehörigen (Klt.'m, Krau. Kinder) 
sowie die typische Formel: liabistiue in hac nocte copulam conjuirulem ante 
Fe] post somuium .' — , , I. iil'-u dominante dans rinlcrprclai ifin des seliges eon- 
sislo ä explicpier le reve por BOB opporf." 

* Dr. Alf. Rnbitsek macht mich darauf aufmerksam, daß die orienta- 
lischen Traumbücher, von denen die unsrigon klägliche Abklatsche sind, die 
Deutung der Traiimclemente Darfst nach <|i*in Glei'hklong und der Ähnlichkeit 
der Worte vornehmen. Da diese Verwandtschaften bei fler (hersetzen« Sa unsere 
Sprache verloren gehen müssen, würde daher die Uulx'greiflichkeit. der Erset- 
zungen in unseren populären ..Traumbüchern'' stammen. — Ober diese außer- 
ordentliche Bedeutung des Wortspieles und der Wortspielerei in den allen orien- 
talischen Kulturell mag man stell aus den Schriften Hugo Wincklers unter- 
richten. Das schönste ISeispicl einer Traumdeutung, welches uns aus dein Alter- 
tum überliefert ist. beruht auf einer Wortspiclerei. Arlemidorus erzählt 
(p. 255): ,,Es scheint mir aber auch Aristandros dem Alexandros von 
Makedonien eine gar glückliche Auslegung gegeben zu haben, als dieser Tyros 
eingeschlossen hielt und belagerte und wegen des großen Zeitverlustes, un- 
willig und betrübt, das Gefühl hatte, er sehe einen Satyros auf seinem 
Schilde tanzen: zufällig befand sieh Aristandros in der Nähe von Tyros 
und im Geleite des Königs, der die Syrier bekriegte. Indem er nun «las Wort 
Satyros in si und 'l'jpoj zerlegte, bewirkte er, dal) der König die Belagerung 
nachdrücklicher in Angriff nahm, so dal) er Herr der Stadt wurde." Si — Tüf.« 
= dein ist Tyros.) — fbrigens hängt der Traum so innig am sprachlichen 
Ausdruck, dal) Ferencsi mit Beeilt bemerken kann, jede Sprache habe ihre 
eigene Trauinsprache. Ein Traum ist in der Begel unübersetzbar in andere 
Sprachen und ein Buch wie das vorliegend-', meinte ich. darum auch. Nichts- 
destoweniger ist es Dr. A. A. Brill in New-York gelungen, eine englische 
t'bersetzung der ..Traumdeutung" zu schaffen (London 1913, George Allen Sc Co.. 
Ltd.). und die Psychoanalytiker Dr. Hol lös und Dr. F B r e n c z i haben ein': 
ungarische Übersetzung in Angriff genommen (1918). 



70 II. Die Methode der Traumdeutung. 

der Chiffriermethode käme alles darauf an. daß der „Schlüssel", das 
Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür fehlen alle Garantien. Man 
wäre versucht, den Philosophen und Psychiatern Recht zu geben und 
mit ihnen das Problem der Traumdeutung als eine imaginäre Auf- 
gabe zu streichen*. 

Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen 
müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Falle vorliegt, 
in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der Wahr- 
heit der Dinge näher gekommen zu sein seheint als das Urteil der 
heuto geltenden "Wissenschaft. Ich muß behaupten, daß der Traum 
wirklich eine Pct'eutung hat, und daß ein wissenschaftliches Verfahren 
der Traumdeutung möglieh ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin 
ich auf folgende Weise gelangt: 

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung ge- 
wisser psychopalhologischcr Gebilde, der hysterischen Phobien, der 
Zwangsvorstellungen u. a- in therapeutischer Absicht; seitdem ich 
nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer weiß, 
daß für diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auf- 
lösung und Lösung in eines zusammenfallen**. Hat man eine solche 
pathologische Vorstellung auf die, Elemente zurückführen können, aus 
denen sie im Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist 
diese auch zerfallen, der Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht 
unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen und angesichts der 
Rätselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf dem 
von Breuer eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten bis 
zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die Technik des Ver- 
fahrens schließlich gestaltet hat, und welches die Ergebnisse der Be- 
mühung gewesen sind, darüber werde ich an anderen Orten aus- 
führlieh Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoana- 
lytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, die 
ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen, 
die sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten 
mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die psy- 
chische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer patho- 
logischen Idee her nach rückwärt.« in der Erinnerung zu verfolgen 
ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom zu behandeln 
und die für letztere ausgearbeitete Methode der Deutung auf ihn 
anzuwenden. 

Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung des 
Kranken. Mau strebt zweierlei bei ihm an. eine Steigerung seiner 
Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und eine Aus- 
schall ung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken 
sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit 
gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er eine ruhige 
Läse einnimmt und die Autren schließt: den Verzicht auf die Kritik 

* Nach Abschluß meines ManuskriiHes ist mir eine Schrift von Stumpf 

lugegaogeu. die iu der Absicht zu erweisen, der Traum sei sinnvoll und deutbar, 

mit meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung geschieht aber mittels einer 

•alloj-orisierenden .Symbolik ohne Gewähr für Allgemeiugiiltigkeii des Verfahrens. 

♦* Breuer und Freud, Studien über Hysterie. Wien 1895, 3. Aufl.. Ifllfi. 



Psychische Vorbereitung zur Traumdeutung. 71 

der wahrgenommenen Gedankenbildungen muß man ihm ausdrücklich 
auferlegen. Man sagt ihm also, der Erfolg der Psychoanalyse hänge 
davon ab, daß er alles beachtet und mitteilt, was ihm durch den 
Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten läßt, den einen Einfall zu 
unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht zum Thema gehörig, 
den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint- Er müsse sich völlig 
unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten, denn gerade an dieser 
Kritik läge es. wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte Auf- 
lösung des Traumes, der Zwangsidee u. dgl. zu finden. 

Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß die 
psychische Verfassung dos Mannas, welcher nachdenkt, eine ganz andere 
ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vorgänge beobachtet. 
Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion mehr ins Spiel als bei 
der aufmerksamsten Selbst beobaehtimg, wie es auch die gespannte 
Miene und die in Falten gezogene Stirn des Nachdenkliehen im Gegen- 
satz zur mimischen Ruhe des Selbstbeobachters erweist. In beiden Fällen 
muß eine Sammlung der Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der 
Nachdenkende übt außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen 
Teil der ihm aufsteigenden Einfälle verwirft, nachdem er sie wahr- 
genommen hat, andere kurz abbricht, so daß er den Gedanken wegen 
nicht folgt, welche sie eröffnen würden, und gegen noch andere Ge- 
danken weiß er sich so zu benehmen, daß sie überhaupt nicht be- 
wußt, also vor ihrer Wahrnehmung unterdrückt, werden. Der Selbst- 
beobachter hingegen hat nur die Mühe, die Kritik 2U unterdrücken ; 
gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl von Einfällen zum Be- 
wußtsein, die sonst unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe dieses für 
die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die Deu- 
tung der pathologischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. 
Wie man sieht, handelt es sich darum, einen psychischen Zustand 
herzustellen, der mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch 
mit dem hypnotischen) eine gewisse Analogie in der Verteilung der 
psychischen Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. 
Beim Einschlafen treten die „ungewollten Vorstellungen" hervor durch 
den Nachlaß einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen) 
Aktion, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken 
lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung" 
anzugeben; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwandeln 
sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen 
von Schleiermacher u. a., p. 34.)* Bei dem Zustand, den man 
zur Analyse der Träume und pathologischen Ideen benützt, verzichtet 
man absichtlich und willkürlich auf jene Aktivität und verwendet 
die ersparte psychische Energie (oder ein Stück derselben) zur auf- 
merksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten Gedanken, 
die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der Unterschied gegen 
den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. Man macht so die 
„ungewollten" Vorstellungen zu „gewollten". 

* H. Silberer bat aus der direkten Beobachtung dieser Umsetzung von 
Vorstellungen in Gosichtsbilder wichtise Beitrage zur Deutung der Traume ge- 
wonnen. (Jahrbuch der rsyclioanalyae I u. II, 1909 u. ff.) 



72 II- !•''» Methode der Traumdeulunff. 

Die hier geforderte Einstellung auf anscheinend „freisteigende" 
Kinlälli' mit Verzieht auf die sonst gegen diese geübte Kritik scheint 
manchen Personen nicht leicht zu werden. Die ..ungewollten Gedan- 
ken" pflegen den heftigsten Widerstand, der sie. am Auftauehen hin- 
dern will, SU entfesseln. Wenn wir aber unserem großen Dichter- 
philosophen Fr, Schiller Glauben schenken, muß eine ganz ähnliehe 
Einstellung auch die Bedingung der dichterischen Produktion ent- 
halten. All einer Stelle seines Briefwechsels mit Körner, deren Auf- 
spürung Otto Rank zu danken ist, antwortet Schiller auf dia 
Klage seines Freundes über seine mangelnde Produktivität: „Der 
Grund deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, den 
dein Verstand deiner Imagination auflegt. Ich muß hier eiuen Ge- 
danken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. Es 
seheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu 
sein, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den 
Toren schon, zu scharf mustert. Eine- Idee kann, isoliert betrachtet, 
sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird 
sie durch, eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie. in 
einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abge- 
schmackt, scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: — Alles 
das kann der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht so lange 
festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut hat. 
Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däueht mir, hat der Ver- 
stand seine Wache von den Toren zurückgezogen, die Tdeen stürzen 
pele-mele herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den 
großen Haufen. — Ihr Herren Kritiker, und wie Ihr Euch sonst, 
nennt, schämt oder fürchtet Euch vor dem augenblickliehen vorüber- 
gehenden Wahnwitze, der sieh bei allen eigenen Schöpfern finde l. 
und dessen läntrere oder kürzere Dauer den denkenden Künstler von 
dem Träumer unterscheidet. DaJier Eure Klagen über Unfruchtbarkeit, 
weil lln- zu früh verwerft und zu strenge sondert." (Brief vom 
1. Dezember 17SS.) 

Und doch ist ein „solches Zurückziehen der Wache von den 
Toren des Verstandes", wie Schiller es nennt, ein derartiges sich 
in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen keines- 
wegs schwer. 

Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unter- 
weisung zu stände; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich 
mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze. Der 
Betrag von psychischer Energie, um den man so die kritische Tätig- 
keit herabsetzt, und mit welchem man die Intensität der Selbst- 
beobachtung erhöhen kann, sehwankt erheblich je nach dem Thema, 
welches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll. 

Der raste Sehritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun, 
daß man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen 
Teilstücke seines Inhaltes zum Objekt der Aufmerksamkeit machen 
darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten: Was fällt Ihnen 
zu diesem Traume ein? so weiß er in der Regel nichts in seinem 
geistigen Blickfelde zu erfassen. Tch muß ihm den Traum zerstückt 
vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stücke eine Reihe von Ein- 



Schwierigkeiten <les Materials. 73- 

fällen, die man als die „Hintergedanken" dieser Traumpartie be- 
zeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht, also die 
von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der populären, 
historisch und sagenhaft, berühmten Methode der Deutung durch 
Symbolik ab und nähert sieh der zweiten, der „ClulTriermethode". 
Sie ist wie diese eine Deutung en detail, nicht cn masse; wie diese 
laßt sie den Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, 
als ein Konglomerat von psychischen Bildungen auf. 

Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei .Neurot ikern habe ich 
wohl bereits viele tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses 
Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und 
Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, daß 
ich mich dem Einwand aussetzen würde- es seien ja die Träume von 
Neuropathen, die einen Rückschluß auf die Traume gesunder Men- 
schen nicht gestatten, nötigt mich ein anderer Grund zu deren Ver- 
werfung. Das Thema, auf welches diese Träume zielen, ist natür- 
lich immer dio Krankheitsgeschiehte. welche der Neurose zu Grunde 
liegt. Hiedureh würde für jeden Traum ein überlanger Vorberfcht 
und ein Eindringen in das "Vs'csen und die ätiologischen Bedingungen 
der Psychoneurosen erforderlich, Dinge, die an und für sieh neu 
und im höchsten Grade- befremdlieh sind und so die Aufmerksam- 
keit vom Traumproblem ablenken würden- Meine Absicht geht viel- 
mehr dahin, in der Traumaullösiing eine Vorarbeit für die Er- 
schließung der schwierigeren Probleme der Neurusenpsyc.hologie zu 
.schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, mein 
Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch 
verfahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich 
von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind, 
oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben ver- 
zeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die Analyse 
ab. ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht finden kann- Mein 
Verfahren ist ja nicht so liefiuem wie das der populären Chiffrier- 
methode. welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten 
Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt, darauf, daß derselbe 
Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem Zu- 
sammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin 
ich auf meine, eigenen Traume angewiesen als auf ein reichliches 
und bequemes Material, das von einer ungefähr normalen Person 
herrührt und sich auf mannigfache, Anlässe des täglichen Lebens 
bezieht. Man wird mir sicherlich Zweifel in die Verläßlichkeit sol- 
cher „Selbstan-ilysen" entgegensetzen- Die AVillkür sei dabei keines- 
wegs ausgeschlossen. Nach meinem Urteile liegen die Verhältnisse 
bei der Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der Beobachtung 
anderer; jedenfalls darf man versuchen, wie weit man in der Traum- 
deutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe 
ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreif- 
liche Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, 
weiß sieh dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Frem- 
den. Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. „Tout psy- 
eholr><riste" schreibt Delhoenf. -.est ohli.ee de faire l'avcu meme d? 



74 U. Dia Mi-thode der Tinunideutuiig. 

aes faiblesses s'il croit par lä jeter du jour sur quelque probleme 
obscure." Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an- 
fängliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß, sehr 
bald der ausschließlichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten psy- 
chologischen Probleme Platz machen. 

Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuehen und 
an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht 
einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten, für 
eine ganze WeÜfl meine Interessen zu den seinigen zu machen uud 
sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu ver- 
senken, denn solche Übertragung fordert gebieterisch das Interesse 
für die versteckte Bedeutung der Träume- 
Vorbericht: Im «Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame 
psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen freundschaft- 
lich sehr nahe sland. Man versteht es, daß solche Vermengung der 
Beziehungen zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden 
kann, zumal für den Psychotherapeuten. Dys persönliche Interesse 
des Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht 
die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu lockern. 
Die Kur endete mit einem teil «eisen Erfolg, die Patientin verlor 
ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome. 
Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die 
endgültige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeich- 
nen, und mutete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar 
erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wegen 
die Behandlung ab. — Eines Tages besuchte mich ein jüngerer 
Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin — Irma — 
und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte- Ich fragte 
ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr 
hesser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich diese "Worte meines 
Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. 
Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa daß ich der Patientin 
zu viel versprochen hätte, und führte — ob mit Recht oder Unrecht — 
die vermeintliche Parteinahme Ottos gegen mich auf den Einfluß 
von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine 
Behandlung nie gern gesehen hatten. Übrigens wurde mir meiw» 
peinliche Empfindung nicht, klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck. 
Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas 
nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem 
gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in 
unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden 
Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum, 
• der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert, wurde. 

Traum vom 23./ 24. Juli 1895*. 

Eine große Halle — viele Gäste, die wir empfangen. — Unter 
ihnen Irma, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief 

* Es ist dii>s der erst* Traum, den ich einer eingehenden Deutung unterzog. 



Der Traum von Irinas Injektion. 75 

zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die „Lösung" 
noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: "Wenn du noch Schmerzen hast, 
so ist es wirklich nur deine Schuld. — Sie antwortet: Wenn du 
wüßtest, was ich für Schinerzen jetzt habe im Halse. Magen und 
Leib, es schnürt mich zusammen. — Ich erschrecke und sehe sie an. 
Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke, am Ende übersehe ich 
da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue 
ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben, wie die Frauen, 
die ein künstliches Gebiß tragen. Ich denke mir, sie hat es doch 
nicht nötig. — Der Mund geht dann auch gut auf, und ich finaV 
rechts einen großen weißen Fleck und anderwärts sehe ich an merk- 
würdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nach- 
gebildet sind, ausgedehnte weißgraue Schorfe- — Ich rufe schnell 
Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt .... 
Dr. M. sieht ganz anders, aus als sonst ; er ist sehr bleich, hinkt, 
ist am Kinn bartlos .... Mein Freund Otto steht jetzt auch neben 
ihr und Freund Leopold perkuticrl sie über dem Leibchen und sagt: 
Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte 
Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie 
er spüre) . . . . M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es 
macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift 
sich ausscheiden .... Wir wissen auch unmittelbar, woher die 
Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl 
fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen 
- . . . Propionsäure . . . . Tri met hy lain in (dessen Formel ich fett 
gedruckt vor mir sehe) .... Man macht solche Injektionen nicht so 
leichtfertig .... Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. 

Dieser Traum hat vor vielen anderes eines voraus. Es ist 
sofort klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft und 
welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Aus- 
kunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden er- 
halten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht ge- 
schrieben, halten meine Seelentätigkeit auch während des Schlafes 
beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und den 
Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, 
was der Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht. Ich wundere 
mich über die Krankheitssymplome. welche Irma im Traum mir 
klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt 
habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer Injektion mit Propion- 
säure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum erscheint 
mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn 
ist. Um die Bedeutung von alledem zu erfuhren, muß ich mich zu 
einer eingehenden Analyse entschließen. 



7(3 II. Die Methode der TraumJeutaug. 

Analyse: 

Die Halle — viele. G äste, die wir empfangen, "Wir wohn- 
ten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzelstehenden Hause 
auf einem der Hügel, die sieh an den Kahlenberg anschließen. Dies 
Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal bestimmt, hat hievon 
die ungewöhnlich hohen, haü-mförniigcn Räume- Der Traum ist 
auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige Tage vor dem 
Gehurtsfesto meiner Frau. Am Tage halte meine Frau die Erwartung 
ausgesprochen, zu ihrem Geburtstage würden mehrere Freunde, und 
darunter auch Irma, als Gäste zu uns kommen. Mein Traum anti- 
zipiert also diese Situation: Es ist der Geburtstag meiner Frau und 
viele Leute, darunter Irma, werden von uns als Gäste in der großen 
Halle der Bellevue empfangen. 

Ich mache Irma Vorwürfe, daß sie die Lösung nicht 
akzeptier i hat; Leb sage: Wenn du noch Schmerzen hast, 
ist. es deine eigene Schuld. Das hätte ieh ihr auch im Wachen 
sagen können oder habe es ihr gesagt. Ich hatte damals die (später 
als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich darin er- 
schöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome mitzu- 
teilen ; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der 
Erfolg abhängt, dafür sei ieh nicht mehr Verantwortlich. Ich bin 
diesem jetzt glücklich überwundenen Irrlum dankbar du für. daß er 
mir die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner un- 
vermeidlichen Ignoranz Heilerfolge produzieren sollte. — Ich merke 
aber an dem Satze, den ich im Traume zu Irma spreche, daß ich vor 
allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat. 
"Wenn es Irmas eigene Schuld ist . dann kann es nicht meine sein. 
Sollte in dieser Richtung die Absicht des Traumes zu suchen sein? 

Irmas Klagen; Schmerzen im Halse. Leibe und M a- 
g e n, es schnürt siez u s a m m e n. Schmerzen im Magen gehörten zum 
Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr vor- 
dringlich: sie klagte eher über Empfindungen von ("bclkeit und 
Ekel. Schmerzen im Halse, im Leibe, Schnüren in der Kehle spielten 
l»'i ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich mich zu 
dieser Auswahl der Symptome im Traume entschlossen habe, kann 
es auch für den Moment nicht finden. 

Sie sieht bleich und gedunsen aus. 

Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sich hier 
eine andere Person ihr- unterschiebt. 

Ich erschrecke im Gedanken, daß ieh doch eine orga- 
nische Affektion übersehen habe. 

Wie man mir gern glauben wird, eine nie erlöschende. Angst 
beim Spezialisten, der fast ausschließlich Xcurotikcr sieht und der so 
viele. Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche 
andere Arzte als organisch behandeln. Anderseits beschleicht mich — 
ich weiß nicht woher — ein leiser Zweifel, ob mein Erschrecken 
ganz ehrlich ist. Wenn die Sehmerzen Irinas organisch begründet 
sind, so bin ieh wiederum zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine 
Kur beseitigt ja nur hysterische Sehmerzen. Es kommt mir also 



Analyse des Traumes »OB Irma» Injektion. 77 

eigentlich vor. als sollte ich einen Irrtum in der Diagnose wünschen; 
dann wäre der Vorwurf des Mißerfolges auch beseitigt. 

Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zusehen. 
Sie sträubt sich ein wenig wie die Krauen, die falsche 
Zähne tragen. Ich denke mir. sie hat es ja doch nicht nötig. 

Bei Irma hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren. 
Der Vorgang im Traume erinnert mich an die vor einiger Zeit , vor- 
genommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Ein- 
druck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Öffnen des 
Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu verbergen. An 
diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an arztliche Unter- 
suchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von beiden 
zur Lust, enthüllt werden. — Sie hat es doch nicht nötig, ist wohl 
zunächst ein Kompliment für Irma; ich vermute aber uoch eine 
andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer Analyse, ob man 
die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder nicht. Die 
Art, wie Irma beim Fenster steht, erinnert mich plötzlich an ein 
anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, die ich sehr 
hoch schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte, 
fand ich sie in der im Traume reproduzierten Situation l>eim Fenster 
und ihr Arzt, derselbe Dr. M., erklärte, daß sie einen diphtherischen 
Belag habe. Die Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im 
Fortgang des Traumes wieder. Jetzt fällt mir ein, daß ich in den 
letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von dieser anderen 
Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat 
es mir verraten. AVa's weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade 
das eine, daß sie an hysterischem Würgen leidet wie meine Irma im 
Traume. Ich habe also im Traume meine Patientin dureh ihre 
Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Ver- 
mutung gespielt, diese Dame könnte mich gleichfalls in Anspruch 
nehmen, sie von ihren Symptomen zu befreien. Ich hielt es aber 
dann selbst für unwahrscheinlich, denn sie ist, von sehr zurückhalten- 
der Natur. Sie sträubt sich, wie es der Traum zeigt,. Eine andere 
Erklärung wäre, daß sie es nicht nötig hat; sie hat sich wirklich 
bisher stark genug gezeigt, ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu be- 
herrschen. Nun sind nur noch einige Züge übrig, die ich weder bei 
Irma noch bei ihrer Freundin unterbringen kann ; bleich, gedunsen, 
falsche Zähne. Die falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante; 
ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen. 
Dann fällt mir eine andere Person ein, auf welche jene Zug« an- 
spielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin und ich 
möchte sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie 
sich vor mir geniert und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie 
ist für gewöhnlich bleich, und als sie einmal eine besonders gute 
Zeit hatte, war sie gedunsen*. Ich habe also meine Patientin Irma 



" Auf diese dritte Person läJJt, sich auch die noch unaufgeklärte Klage 
über Schmerzen iin Leibe zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine 
eigene Frau ; die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei d'-nen 
ihre Scheu mir deutlich wurde. Ich mull mir eingestehen. daü ich Irma und 



78 II. Die Methode der Traumdeutung. 

mit zwei anderen Personen verglichen, die sich gleichfalls der Be- 
handlung strauben würden. "Was kann es für Sinn haben, daß ich sie 
im Traume mit ihrer Freundin vertauscht habe? Etwa, daß ich sie 
vertauschen möchte; die andere erweckt entweder bei mir stärkere 
Sympathien uder ich habe eine höhere Meinung von ihrer Intelligenz. 
Ich halte nämlich Irma für unklug, weil sie meine Lösung nicht 
akzeptiert. Die andere wäre klüger, würde also eher nachgeben- Der 
Mund geht dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als 
Irma**. 

"Was ich im Halse sehe: einen weißen Fleck und ver- 
ßchoi'fte N ascnmuscheln. 

Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und somit an Irmas 
Freundin, außerdem aber an die schwere Erkrankung meiner ältesten 
Tochter vor nahezu zwei Jahren und an all den Schreck jener bösen 
Zeit. Die Schorfe an den Nasenmuschcln mahnen an eine Sorge um 
meine eigene Gesundheit. Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um 
lästige Nasenschwcllungen zu unterdrücken, und hatte vor wenigen 
Tagen gehört, daß eine Patientin, die es mir gleich tat, sich eine 
ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die 
Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch 
schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon ver- 
storbener Freund hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen 
Untergang beschleunigt. 

Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung 
wiederholt. 

Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm. 
Aber das „schnell" ist auffällig genug, um eine besondere Erklärung 
zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis. 
Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines Mittels, 
welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine schwere Intoxi- 
kation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann eiligst 
an den erfahrenen älteren Kollegen um Beistand. Daß ich diesen 
Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen Nebcmi instand er- 
härtet. Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, führte denselben 
Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals "daran 
gedacht; jetzt kommt es mir beinahe wie eine Schicksalsvergcltung 
vor. AIb sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem Sinne 
hier fortsetzen; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug" um Aug', 
Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuchte, 
aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftig- 
keit machen kann. 

Dr. M- ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt. 



meine Frau in diesem Traume nicht sehr liebenswürdig behandle, aber zu meiner 
Entschuldigung sei bemerkt, daß ich beide am Ideal der braven, gefügigen 
Patientin messe. 

** Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt ist. 
um allem verborgenen Sinne zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der drei 
Frauen fortsetzen, so käme ich weit ab. — Jeder Traum hat mindestens eine 
Stolle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er 
mit dem Unerkannten zusammenhängt. 



Aualyse des Traumes von Irmas Iojelitiou 79, 

Davon ist soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig 
die Sorge seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere 
müssen einer anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Aus- 
land lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem, 
wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen ähnlich 
sah. Ober ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, daß er .wegen 
einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke. Es muß einen 
Grund haben, daß ich die beiden Personen im Traume zu einer 
einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, daß ich gegen 
beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war. Beide hatten einen 
gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit gemacht hatte, 
zurückgewiesen. 

Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund 
Leopold untersucht sie und weist eine Dämpfung links 
unten nach. 

Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. 
Das Schicksal hat die beiden, di sie dieselbe Spezialität ausüben, zu 
Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander vergleicht. 
Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine 
öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen wie 
die. im Traume reproduzierte haben sich dort oftmals zugetragen. 
Während ich mit Otto über die Diagnose eines Falles debattierte, 
hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und einen unerwarteten 
Beitrag zur Entscheidung beigebracht. Es bestand eben zwischen 
ihnen eine ähnliche Charakterverschiedenheit wie zwischen dem In- 
spektor B ras ig und seinem Freunde Karl. Der eine tat sich durch 
„Fixigkeit" hervor, der andere war langsam, bedächtig, aber gründ- 
lich. Wenn ich im Traume Otto und den vorsichtigen Leopold ein- 
ander gegenüberstelle, so geschieht es offenbar, um Leopold heraus- 
zustreichen. Es ist ein ähnliches Vergleichen wie oben zwischen der 
unfolgsamen Patientin Irma und ihrer für klüger gehaltenen Freun- 
din. Ich merke jetzt auch eines der Geleise, auf denen sich die 
Gedankenverbindung im Traume fortschiebt ! vom kranken Kinde zum 
Kindcrkrankeninstitut. — Die Dämpfung links unten macht mir den 
Eindruck, als entspräche sie allen Details eines einzelnen Falles, 
in dem mich Leopold durch seine Gründlichkeit frappiert hat. Es 
schwebt mir außerdem etwas vor wie eine metastatische Affektion, 
aber es könnte auch eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich 
an Stelle von Irma haben mochte. Diese Dame imitiert nämlich, soweit 
ich es übersehen kann, eine Tuberkulose- 
Eineinfiltrierte Hautpartie an der linken Schulter. 
Ich weiß sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den 
ich regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben 
bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was ich 
.... wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. Übrigens 
tällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung „infiltrierte Haut- 
partie" klingt. An die „Infiltration links hinten oben" sind" wir 
gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und somit wieder auf 
Tuberkulose. 



g() II. Die Methode der Tronmileutung. 

Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eine Einschaltung- 
Die Kinder iui Krankeninstitut untersuchten wir natürlich entkleidet; 
es ist irgend ein Gegensatz zur Art. wie man erwachsene weibliche 
Patienten untersuchen muß. Von einein hervorragenden Kliniker 
pflegte mar: zu erzählen, daß er seine Patienten nur durch die Kleider 
physikalisch untersucht habe. Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, 
offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen. 

Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht 
nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und das 
U 1 f t sich ausscheiden. 

Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles 
andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doch 
eine Art von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden habe, war 
eine lokale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner 
Tochter erinnere ich mich an die Diskussion über Diphtheritis und 
Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininfektion, die von der lokalen 
Diphlherith, ausgeht. Eine solche Allgemeininfektion weist Leopold 
durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische Herde den- 
ken läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie derartige 
Metastasen nicht vorkommen. Sie. erinnern mich eher an Pyämie. 

Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er lügt sich 
folgendermaßen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt 
gebracht, daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren orga- 
nischen Affektion herrühren. Es ahnt mir. daß ich auch damit nur 
die .Schuld von mir abwälzen will. Für den Fortbestand diphtheriti- 
scher Leiden kann die psychische Kur nicht verantwortlich gemacht 
werden. Nun geniert es mich doch, daß ich Irma ein so schweres 
Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. Es sieht 
so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des guten Aus- 
ganges, und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trosl 
gerade der Person des Dr. M- in den .Mund lege. Ich erhebe mich 
aber hier über den Traum, was der Aufklärung bedarf. 

Warum ist dieser Trost aber so unsinnig? 

Dysenterie: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung, 
daß Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können- Will 
ich mich damit über den Reichtum des Dr. M. au weit hergeholten 
Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüpfungen, lustig ma- 
chen? Zu Dysenterie lallt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen 
Monaten hatte ich einen jungen Mann mit merkwürdigen Stuhl- 
beschwerden übernommen, den anderen Kollegen als einen Fall von 
,. Anämie mit Unterernährung" behandelt hatten. Ich erkannte, daß 
es sich um eine Hysterie handle, wollte meine Psychotherapie nicht 
an ihm versuchen und schickte ihn auf eine Seereise. Nun bekam 
ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus Agvpten, 
daß er dort einen neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für 
Dj'senterie erklärt habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein 
Irrtum des unwissenden Kollegen, der sieh von der Hysterie äffen 
läßt; aber ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich 
den Kranken in die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darm- 
• affektion etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt 



Analyse de« Traumes vou Irmas Injektion. #}. 

ferner an Diphtherie an. welcher Name fj| im Traume nicht ge- 
nannt wird- 

Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose«: 
Es wird noch Dysenterie hinzukommen usw. über Dr. M. lustig 
mache, denn ich entsinne mich, daß er mir einmal vor Jahren etwas 
ganz Ähnliches von einem anderen Kollegen lachend erzählt hat. Er 
war zur Konsultation mit diesem Kollegon bei einem schwer Kranhon 
berufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem anderen, der sehr 
hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Patienten Eiweiß 
im Harne finde. Der Kollege ließ sich aber nicht irre machen, 
sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts, Herr Kollege, 
der Eiweiß wird sich schon ausscheiden 1 — Es ist mir also nicht 
mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf idie 
der Hysterie unwissenden Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung 
fährt mir jetzt durch den Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Er- 
scheinungen bei seiner Patientin, der Freundin Irmas, welche eine 
Tuberkulose befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen'' Hat er 
diese Hysterie erkannt oder ist er ihr „aufgesessen"? 

Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht 
zu behandeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Losung" 
bei Irma so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe also in 
diesem Traume bereits an zwei Personen Rache genommen, an Irma 
mit den Worten : Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene 
Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaute der ihm in den Mund 
gelegten unsinnigen Tröstung. 

Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt. 
Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig- Eben 
vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold 
nachgewiesen wurde. 

Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, eine 
Injektion gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, daß er in der 
kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benachbarte 
Hotel geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötzlich unwohl 
fühlte, eine Injektion zu machen- Die Injektionen erinnern mich 
wieder an den unglücklichen Freund, der sich mit Kokain vergiftet 
hat. Ich habe ihm das Mittel nur zur internen Anwendung während 
der Morphiumentziehung geraten ; er machte sich aber unverzüglich 
Kokaininjokt'ionen. 

Mit. einem Propylpräparat .... Propylen .... Pro- 
pionsäure. Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach 
welchem ich an der Krankengeschichte geseh rieben und darauf ge- 
träumt hatte, öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher 
„Ananas"* zu lesen stand und die ein Geschenk unseres Freundes 
Otto war. Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen An- 
lässen zu schenken: hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon 



* „Ananas" enthält übrigens einen . deutlichen Anklang an den Familien»- 
Damen meiner Patientin Irina. 

Freud. Tr«umdcuton-,7. Aufl. 



82 II. Die Methode der Tianmdentuiijf. 

kuriert*. Diesem Likör entströmte ein solcher Fusclgerueh, daß ich 
mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche 
schenken wir den Dienstleuten, und ich, noch vorsichtiger, untersagt« 
es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich auch 
nicht vergiften. Der Fusclgerueh (Amyl • • ■) hat nun offenbar bei 
mir die Erinnerung an die ganze Keane: Propyl, Methyl usw. ge> 
weckt, die für den Traum die Propylenpräparate liefert«. Ich habe 
dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt, 
nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind viel- 
leicht gerade in der organischen Chemie gestattet. 

Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume 
die chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines 
Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als 
wollte man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig heraus- 
heben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in 
solcher Weise aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch mit 
einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine keimenden 
Arbeiten weiß, wie ich um die seinigen. Er hatte mir damals 
gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgeteilt und unter anderem 
erwähnt, eines der Produkte des Sexualstoffwechscls glaube er im 
Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich also auf die 
Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Entstehung der ner- 
vösen Affektionen, welche ich heilen will, die größte Bedeutung bei- 
lege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliehe Witwe; wenn es 
mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der Kur bei ihr zu entschul- 
digen, werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen, 
an welcher ihre Freunde gerne ändern möchten. Wie merkwürdig 
übrigens ein solcher Traum gefügt ist! Die andere, welche ich an 
Irmas Statt im Traume als Patientin habe, ist auch eine junge Witwe. 

Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich 
so breit gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen 
Worte zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf 
das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine 
Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung erinnere, 
wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. Sollte dieser 
Freund, der in meinem Leben eine so groß«' Rolle spielt, in dem 
Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht vorkommen? Doch; 
er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche von Affektionen 
der Nase und ihren Nebenhöhlen ausgehen, und hat der Wissenschaft 
einige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln zu den 
weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im 
Halse bei Irma.) Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre 
Magenschmerzen etwa nasalen Ursprunges sind. Er leidet aber selbst 
an Nasencitcrungen, die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl 
die Pyämie an, die mir hei den Metastasen des Traumes vorschwebt. 

• Hierin eiwies eich dieser Traum nicht als prophetisch. In Anderem 
Sinne. Iiehielt er Rechte rlcbn die ..ungelösten" Mageubesch werden meiner Pa- 
tientin, an denen ich nicht Schuld haben wollte, waren die Vorläufer ein"» 
ernsthaften UnllensteiuieideaBt. 



Analyse des Traumes von Irmia Injektion 83 

Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig. 
Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund 
Otto geschleudert- Ich glaube, etwas Ähnliches habe -ich mir am 
Nachmittag gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme 
gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: "Wie leicht er sich 
beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteile fertig wird. — 
Außerdem deutet mir der obenstehende Satz wiederum auf den ver- 
storbenen Freund, der sich so rasch zu Kokaininjektionen entschloß. 
Ich hatte Injektionen mit dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beab- 
sichtigt. Bei dem Vorwurfe, den ich gegen Otto erhebe, leichtfertig 
mit jenen ehemischen Stoffen umzugehen, merke ich, daß ich wieder 
die Geschichte jener unglücklichen Mathilde berühre, aus der der- 
selbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier offenbar Bei- 
spiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fürs Gegenteil. 

Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. Noch 
ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern 
traf ich zufällig den Sohn einer 82jährigen Dame, der. ieh täglich 
zwei Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig auf dem 
Lande, und ieh hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung 
leide. Ich dachte sofort daran, es handle 6ich um ein Infiltrat 
durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, daß ich ihr 
in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; es ist 
freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein ist. Ich 
bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich wieder 
auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen 
gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Si- 
tuationen, mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde 
auf, deren Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei 
Personen im Traume füreinander einzusetzen. 



Ich habe nun die Traumdeutung vollendet*. Während dieser 
Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen 
der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter versteckten 
Traumgedanken die Anregung geben mußte. Auch ist mir unterdes 
der ..Sinn" des Traumes aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt, 
welche durch den Traum verwirklicht wird, und die das Motiv des 
Träumens gewesen sein muß. Der Traum erfüllt einige Wünsche, 
welche durch die Ereignisse des letzton Abends (die Nachricht Ottos, 
die Niederschrift der Krankengeschichte) in mir rege gemacht worden 
sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich, daß ich nicht schuld 
bin (in dem noch vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto daran 
schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas 
unvollkommene Heilung geärgert; der Traum rächt mich an ihm, 
indem er den Vorwurf gegen ihn selbst zurückwendet. Von der Ver- 
antwortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem 
er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Be- 
gründungeiA zurückführt. Der Traum stellt einen gewisser Sach- 

* Wenn ich nivli, wie begreiflich, nicht alles miteoteilt habt, was mir 
lur DeutungFarbeit eingefallen ist. 

6* 



34 II. Dh Me'hode der Traumdeutung. 

verlialt so dar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist 
also eine Wunscherfüllung, sein Motiv ei« "Wunsch. 

Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des 
Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunsch- 
erfüllung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für seine 
voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärzt- 
liche Handlung zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch 
Rache an ihm für den schlechten Likör, der nach Fusel duftet, und 
ich finde im Traume einen Ausdruck, der beide Vorwürfe vereint: 
die Injektion mit einem Propylcnpiäparat- Ich bin noch nicht be- 
friedigt, sondern setze meine Rache fort, indem ich ihm seinen 
verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle. Ich scheine damit zu 
sagen: Der ist mir lieber als du. Otto ist aber nicht der einzige, der 
die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch 
an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren, 
gefügigeren vertausche, Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Wider- 
spruch nicht ruhig hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen 
Anspielung meine Meinung aus, daß er der Sache als ein Unwissen- 
der gegenübersteht („es wird Dysenterie hinzutreten usw."). Ja, mir 
«eheint, ich appelliere von ihm weg an einen anderen, Besserwissen- 
den (moinen Freund, der mir vom Trimethylamin erzählt hat), wie 
ich von Irma an ihre Freundin, von Ott« an Leopold mich gewendet 
habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie mir durch drei 
andere meiner Wahl, dann bin icli der Vorwürfe lcdig, die ieli nicht 
verdient, haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vorwürfe selbst wird 
mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. Irmas Sehmer- 
zen fallen nicht mir zur Last, denn sie ist selber schuld an ihnen, 
indem sie meine Lösung anzunehmen verweigert. Irmas Schmerzen 
gehen mich nichts an, denn sie sind organischer Natur, durch eine 
psychische Kur gar nicht heilbar. Irmas Leiden erklären sich be- 
friedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin!), woran ich 
ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch eine unvorsichtige 
Injektion von Seile Ottos hervorgerufen worden mit einem dazu 
nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irmas Leiden 
rührt von einer Injektion mit. unreiner Spritze her wie die Venen- 
-ent zünduug meiner alten Dame, während ich bei meinen Injek- 
tionen niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Erklärungen 
für Irinas Leiden, die darin zusammentreffen, mich zu entlasten, 
•stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie schließen einander aus. 
Das ganze Plaidoyer — nichts anderes ist dieser Traum — er- 
innert, lebhaft an die Verteidigung des Mannes, der von seinem Nach- 
bar angeklagt war, ihm einen Kessel in schadhaftem Zustand zurück- 
gegeben zu haben. Erstens habe er ihn unversehrt zurückgebracht, 
zweitens war der Kessel schon durchlöchert, wie er ihn entlehnte, 
drittens hatte er nie einen Kessel vom Nachbar entlehnt. Aber um so 
besser ; wenn nur eine dieser drei Verteidigungsarten stichhaltig er- 
kannt wird, muß der Mann freigesprochen werden. 

Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren 
Beziehung zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so durch- 
sichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer gleich- 



Dcutuug des Traumes von Irmas Injektion. gp^, 

namigen Patienlin, die Kokainschädlichkeit, die Affektion meines in 
Ägypten reisenden Patienten, die Sorge um die Gesundheit meiner 
Frau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen Körperbeschwerden, 
die Sorge um den abwesenden .Freund, der an N'aseiieiterungen 
leidet. Doch wenn ich all das ins Auge lasse, fügt es sich zu einem 
einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa mit der Etikette: Sorge 
um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaft i^keiU 
Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir 
Otto die Nachricht von Irmas Befinden brachte. Aus dem im Traume 
mitspielenden Gedankenkreis möchte ich nachträglich den Ausdruck 
für diese flüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er mir ge- 
sagt hätte: Du nimmst deine ärztlichen Pfiichlen nicht ernsthaft genug, 
bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was du versprichst. Daraufhin 
hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung gestellt, damit 
ich den Nachweis erbringen könne, in wie holiem Grade ich ge- 
wissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner Angehörigen, 
Freunde und Patienten am Herzen liegt. Bemerkenswerterweise sind 
unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Erinnerungen, die 
eher für die meinem Freunde Otto zugeschriebene Beschuldigung ais- 
für meine Entschuldigung sprechen. Das Material ist gleichsam un- 
parteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes, auf dem 
der Traum ruht, mit dem engeren Thema des Traumes, aus dem 
der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krankheit unschuldig zu 
sein, ist doch unverkennbar. 

Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes voll- 
ständig aufgedeckt, habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist- 

Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen 
aus ihm entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er aufwerfen heißt. 
Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedanken- 
zusammenhänge zu verfolgen sind ; aber Rücksichten, wie sie bei 
jedem eigenen Traume in Betracht kommen, halten mich von der 
Deutungsarbeit ab. Wer mit dorn Tadel für solche Reserve rasch 
bei der Hand ist, der möge, nur selbst versuchen, aufrichtiger zu 
sein als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der einen neu 
gewonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte Methode 
der Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich einen 
Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten Hirn- 
tätigkeit ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter Deu- 
tungsarbeit 1 äßt sich der Traum al s eine Wunscher füllung; 
erkennen. 



III. 
Der Traum ist eine Wunscherfüllung. 

"Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf 
einer Anhöhe nngelangt ist. von welcher aus die Wege sich teilen 
und die reichste Aussicht nach verschie Jenen Riehtungen sich öffnet, 
darf man einen Moment laug verweilen und überlegen, wohin man 
zunächst sich wenden soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem wir 
diese erste. Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen in der 
Klarheit, einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist nicht ver- 
gleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen Instru- 
mentes, das anstatt von der Hand des Spielers von dem Stoß einer 
äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd, setzt 
nicht voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungsschatzes schläft, wäh- 
rend ein anderer zu erwachen beginnt- Er ist ein vollgültiges psychi- 
sches Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung; er ist einzureihen 
in den Zusammenhang der uns verständlichen seelischen Aktionen de9 
Wachens: eine hoch komplizierte, intellektuelle Tätigkeit hat ihn 
aufgebaut. Aber eine Fülle von Fragen bestürmt uns im gleichen 
Moment, da wir uns dieser Erkenntnis freuen wollen. Wenn der 
Traum laut Angabe der Traumdeutung einen erfüllten Wunsch dar- 
stellt, woher rührt die auffällige und befremdende Form, in welcher 
diese Wunscherlüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist mit 
den Trauingedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste 
Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf welchem 
Wege ist. diese Veränderung vor sich gegangen? Woher stammt das 
Material, das zum Traume verarbeitet worden ist? Woher rühren 
manche der Eigentümlichkeiten, die wir an den Traumgedanken be- 
merken konnten, wie z. B.. daß sie einander" widersprechen dürfen? 
("Die Analogie mit dem Kessel, S. 84.) Kann der Traum uns etwas 
Neues über unsere inneren psychischen Vorgänge lehren, kann sein 
Inhalt Meinungen korrigieren, an die wir tagsüber geglaubt haben? 
Ich schlage vor. alle diese Fragen einstweilen beiseite zu lassen und 
einen einzigen Weg weiter zu verfolgen. Wir haben erfahren, daß 
der Traum einen Wunsch als erfüllt darstellt- Unser nächstes Inter- 
esse soll es sein zu erkunden, ob dies ein allgemeiner Charakter 
des Traume« ist oder nur der zufällige Inhalt jenes Traumes 
(„von Irmas Injektion"), mit dem unsere Analyse, begonnen hat. denn 
selbst wenn wir uns darauf gefaßt machen, daß jeder Traum einen 
Sinn und psychischen Wert- hat, müssen wir noch die Möglichkeit 
offen lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume der nämliche 
sei. Unser erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein anderer 
stellt sich vielleicht als eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter 
mag eine Reflexion zum Inhalt, haben, ein vierter einfach eine Er- 
innerung reproduzieren. Gibt es also noch andere Wunschträume oder 
gibt es vielleicht nichts anderes als Wunschträume? 



UequemlichkeitstrUunio. H'j 

Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter 
der Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man sich 
wundern mag, warum die Sprache dar Träume nicht schon längst 
ein Verständnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir 
beliebig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann. Wenn ich am 
Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene Speisen nehme", 
bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt. Dem Erwachen 
geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den gleichen Inhalt hat, 
nämlich daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen Zügen, es 
schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken 
kann, wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muß 
wirklich trinken. Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der Durst, 
den ich ja beim Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung geht 
der Wunsch hervor zu trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der 
Traum eriüllt. Er dient dabei einer Funktion, die ich bald errate. 
Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt, durch ein Bedürfnis ge- 
weckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch den 
Traum, daß ich trinke, zu besehwichtigen, so brauche ich nicht auf- 
zuwachen, um ihn zu bei riedigen. Es ist also ein Bequemlichkeit s- 
träum. Das Träumen setzt «ich an Stelle des Handelns wie auch 
sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den 
Durst zu löschen, nicht mit einem Traume zu befriedigen wie mein 
Kachedurst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute Wille 
ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermaßen 
modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und 
trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem 
Bette stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuer 
Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um mir 
Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das Glas holen 
müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich 
1 räumte also zweckentsprechend, daß meine Frau mir aus einem 
Gefäße zu trinken gibt; dies Gefäß war ein etruskischer Aschen- 
krug, den ich mir von einer italienischen Reise heimgebracht und 
seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte aber so 
salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen mußte. Man 
merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht; da Wunsch- 
erfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch 
sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf Andere wirk- 
lich nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschenkruges ist wahr- 
scheinlich wieder eine Wunscherfüllung ; es tut mir leid, daß ich dies 
Gefäß nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas auf 
Seiten meiner Frau mir nicht zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt 
sich auch der nun stärker gewordenen Sensation des salzigen Ge- 
schmackes an, von der ich weiß, daß sie mich zum Erwachen zwingen 
wird*. " 



* Das Tatsächliche der Durstträume war auch W* c y g a a J t bekanut, der 
p. 11 darüber äußert: „Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten von 
allen aufgefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöichens. — Die 
Art, wie sicli der Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird 
nach einer naheliegenden Krinnemne spezialisiert. Eine allgemeine Erscheinung 



8g III. Der ■] r;,r. [i, int eise Wuascherfüllung. 

Solcho Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen Jahren 
sehr häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, 
war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte 
dann zu träumen, daß ich außer Bett bin und beim Waschtische 
stehe- Nach einer Weile konnte ich mich der Einsicht nicht ver- 
schließen, daß ich noch nicht aufgestanden bin, hatte aber doch da- 
zwischen eine Weile geschla-fen. Denselben Trägheitstraum in be- 
sonders witziger Form kenne ich von einem jungen Kollegen, der 
meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er 
in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn 
jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Not, wenn 
sie den Auftrag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf be- 
sonders süß. Die Erau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen's auf. 
Sie müssen ins Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer 
im Spital, ein Bett, in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu 
lesen stand: Pepi H . . . ., cand. med., 22 Jahre. Er sagte sich 
träumend: Wenn ich also schon im Spital bin, brauche ich nicht erst 
hineinzugehen, wendete sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei 
das Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden. 

Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes 
selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig 
verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem 
Wunsche der Arzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kran- 
ken Wange tragen- Sie pflegte ihn aber wcgzu-sclüeudern, sobald sie 
eingeschlafen war. Eines Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe 
zu machen ; sie hatte den Apparat wiederum auf den Boden geworfen. 
Die Kranke verantwortete sich: „Diesmal kann ich wirklieh nichts 
dafür; es war die Folge eines Traumes, den ich bei Nacht gehabt. 
Ich waa - im Trauine in einer Loge in der Oper und interessierte mich 
lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl 
Meyer und jammerte fürchterlich vor Kopfschmerzen. Ich habe mir 
gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat 
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen." Dieser Traum der armen 
Dulderin klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem 
in unangenehmen Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir wirk- 
lich ein besseres Vergnügen. Der Traum zeigt dieses bessere Ver- 
gnügen. Herr Karl Meyer, dem die Träumerin ihre Schmerzen zu- 
schob, war der indifferenteste junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den 
sie sich erinnern konnte. 

Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen 
Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein 

ist auch hier, daü sich sofort nach der Vorstellung des Durstlöschens eine 
Enttäuschung über die geringe Wirkung der vermeintlichen. Erfrischungen ein- 
stellt." Er übersieht aber das Allgemeingültige in der lteaktion dos Traumes 
auf den Reiz. — Wenn andere Personen, die in der Nacht vom Durste befallcm 
werden, erwachen, ohne vorher eu träumen, so bedeutet dies keinen Einwand 
gegen mein Experiment, sondern charakterisiert diese anderen als schlechtere 
Schläfer. — Vgl. dazu Jcsaiaa, 29, 8: „Denn gleich wie einem Hungrigen 
träumet, daß er esse, wenn er aber aufwacht, so ist tfoino S^ela noch leer; und 
wie einem Durstigen träumet, daß er trinke, wenn er aber aufwacht, ist. er matt 
und durstig ' . . . 



Wausckerfiilluii~eii. gg. 

.Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt 
hat, sagt, mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner Frau erzählen, 
daß sie gestern - geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen. Du 
wirst wissen, was das bedeutet." Freilich weiß ich's; wenn die junge 
Frau geträumt hat, daß sie die Periode hat, so ist die Periode aus- 
geblieben. Ich kann mir's denken, daß sie gern noch einige Zeit 
ihre Preiheit genossen hätte, ehe die Beschwerden der Mütterlichkeit 
beginnen. Es war eine geschickte Art, die Anzeige von ihrer ersten 
Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau habe 
unlängst geträumt, daß sie an ihrer Hemdenbrust Milchf lecken be- 
merke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeigc, aber nicht mehr vom 
ersten Mtvl; die junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind [mehr 
Nahrung zu haben als seinerzeit fürs erste. 

Eint junge F'rau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres 
infektiös erkrankten Kindes vom Verkehre abgeschnitten war, träumt 
nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in 
der sich A. Daudet, Bourget, M. I'revost u. a. beiluden, die 
sämtlich sehr liebenswürdig gegen sie sind und sie vortrefflich amüsie- 
ren. Die. betreffenden Autoren tragen auch im Traume die Züge, 
welche ihnen ihre Bilder geben; M. Prcvost, von dem sie ein Bild 
nicht kennt, sieht dem — Desinfektion smanne gleich, der am Tage 
vorher die Krankenzimmer gereinigt und sie als erster Besucher nach 
langer Zeit betreten hatte. Man meint, den Traum lückenlos über- 
setzen zu können: Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amüsantere» 
als diese ewigen Krankenpflegen- 

Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man 
sehr 'häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume 
findet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die 
ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist 
kurze und einfache Träume, die von den verworrenen und ül>er- 
reiehen Traumkompositionen, welche wesentlich die Aufmerksamkeit 
der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend abstechen. Es ver- 
lohnt sich aber, bei diesen einfachen Triiumen noch zu verweilen. Die 
allereinfachsten Formen von Träumen darf man wohl bei Kindern 
erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder kompliziert 
sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach meiner 
Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähn- 
liche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der 
Entwicklung niederer Tiere für die Erforschung der Struktur der 
höchsten Tierklassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte 
geschehen, die. Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunützen. 

Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunsch- 
erfüllungen und dann im Gegensatze zu den Träumen Erwachsener 
gar nicht interessant. Sie geben keine Kätsel zu lösen, sind aber 
natürlich unschätzbar für den Beweis, daß der Traum seinem innersten 
Wesen nach eine Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem Material 
von eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von solchen Träumen 
sammeln I 

Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt (im Sommer 189(5) 
von Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner 



90 ID. Der Traum ist eine WunacherfUllaiij». 

damals S'/sJährigen Tochter, den anderen von einem .iVjährigen 
Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem Sommer 
auf einem Hügel bei Aussee wohnten, von wo aus wir bei schönem 
Wetter eine herrliche Dachsteinaussicht genossen. Mit dem Fern- 
rohre war die Simony-Hütte gut zu erkennen. Die Kleinen be- 
mühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu sehen; ich weiß 
nicht, mit welchem Erfolge. Vor der Partie hatte ich den Kindern 
erzählt, Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins. Sie freuten sich 
sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir ins Escherntal, das 
mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur 
eines, der fünfjährige Knabe, wurde allmählich mißgestimmt. So oft 
ein neuer Berg in Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein? 
worauf ich antworten mußte ; Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich 
diese Frage einigemal wiederholt hatte, verstummte er ganz; den 
Stufenweg zum Wasserfall wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich 
hielt, ihn für ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber ganz 
selig auf mich zu und erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt, 
daß wir auf der Simony-Hütte gewesen sind. Ich verstand ihn nun; 
er hatto erwartet, als ich vom Dachstein sprach, .daß er auf dem 
Ausfluge nach Haustatt den Berg besteigen und die Hütte zu Ge- 
sicht bekommen werde, von der beim Fernrohre so viel die Red<- 
war. Als er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vor- 
berg^n und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich 
getäuscht und wurde verstimmt Der Traum entschädigte ihn dafür. 
Ich versuchte Details des Traumos zu erfahren; sie waren ärm- 
lich. „Man .geht sechs Stunden lang auf Stufen hinauf," wie er*s ge- 
hört hatte. 

Auch bei dem 8'/«jahrigen Mädchen waren auf diesem Ausflug.» 
Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir 
hatten den zwölfjährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mit- 
genommen, einen vollendeten Ritter, der, wie mir schien, sich bereits 
aller Sympathien des kleinen Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte 
nun am nächsten Morgen folgenden Traum: Denk' dir, ich hab' ge- 
träumt, daß der Emil einer von uns ist, Papa und Mama zu euch 
sagt und im großen Zimmer mit uns schläft wie unsere Buben. Dann 
kommt die Mama ins Zimmer und wirft eine Handvoll großer Scho- 
koladcstangcn in blauem und grünem Papier unter unsere Betten. 
Die Brüder, die. sich also nicht kraft erblicher Übertragung auf 
Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: Dieser 
Traum ist eir: Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil 
des Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen 
zu erfahren, für w-elchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das ist 
ein Unsinn, aber das mit den Schokoladestangen nicht. Mir war 
gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir hiefür die Er- 
klärung. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach Hause hatten die 
Kinder vor dem Automaten haltgemacht und sich gerade solche 
Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papiere gewünscht, die 
der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama 
hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherfüllungen 
gebracht und diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war 



Träume ron Kindern. Qi 

die kleine Szene entgangen. Den von meiner Tochter proskribierlen 
Teil des Traumes verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst ge- 
hört, wie der artige Gast auf dem Wege die Kinder aufgefordert hatte 
zu warten, bis der Papa oder die Mama nachkommen. Aus dieser 
zeitweiligen Zugehörigkeit machte der Traum der Kloinen eine dauernde 
Adoption. Andere Formen des Beisammenseins als die im Traume 
erwähnten, die von den Brüdern hergenommen sind, kannte ihre 
Zärtlichkeit noch nicht. "Warum die Schokoladestangen unter die 
Betten geworfen wurden, ließ sich ohne Ausfragen des Kindes natür- 
lich nicht aufklären. 

Einen ganz ahnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich 
von befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein achtjähriges Mädchen. 
Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach Dorn- 
bach in der Absicht unternommen, die Rohrerhütte zu besuchen, 
kehrte aber um. weil es zu spät geworden war, und versprach den 
Kindern, sie ein anderes Mal zu entschädigen. Auf dem Bückwege 
kamen sie an einer Tafel vorbei, welche den Weg zum Hameau 
anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch aufs Hameau geführt, zu 
werden, mußten sich aber aus demselben Grund wiederum auf einen 
anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das acht- 
jährige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut hab' ich 
geträumt, du warst, mit uns bei der Rohrerhütte und auf dem. Hameau. 
Ihre. Ungeduld hat!« also die. Erfüllung des vom Papa geleisteten 
Versprechens im Traume, antizipiert. 

Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche 
Schönheit Aussees bei meinem damals 3 I / 4 jährigen Töchterchen er- 
regt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den See gefahren, und 
die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen- An der Landungs- 
stelle wollte sie das Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am 
nächsten Morgen erzählte sie: Heute Nacht bin ich auf dem See 
gefahren. Hoffen wir, daß die Dauer dieser Traumfahrt sie besser 
befriedigt hat. 

Mein ältester, derzeit achtjähriger Knabe träumt bereits die Rea- 
lisierung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in einem Wagen 
gefahren und der Diomedes war Wagen lenker. Er hat sich natürlich 
Tags vorher für die Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren 
Schwester geschenkt worden sind. 

Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlafe der 
Kinder gleichfalls dem Kreise des Träumens angehört, so kann ich im 
folgenden einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. 
Mein jüngstes Mädchen, damals 19 Monate alt. hatte eines Morgens 
erbrochen und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. 
In der Nacht, die diesem Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus 
dem Schlafe rufen: Anna F.eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier- 
(s)pois, Papp. Ihren Namen gebrauchte, sie damals, um die Besitz- 
ergreifung auszudrücken; der Speiszettel umfaßte wohl alles, was ihr 
als begehrenswerte Mahlzeit erscheinen mußte ; daß die Erdbeeren 
darin in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen 
die häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr 
wohl bemerkten Nebenumstand, daß die Kinderfrau ihre Indisposition 



C)«} III. Der Traum ist eine Wunscherfullung. 

auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte; für dies ihr 
unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre Revanche*. 

"Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle 
Begierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie 
reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der Traum- 
anregung der andere der großen Lebenstriebe für sie werden kann**. 
Hier ein zweites Beispiel dafür. Mein 22nionatiger Neffe hat zu 
meinem Geburtstage die Aufgabe bekommen, mir zu gratulieren und 
als Geschenk ein Körbchen mit Kirschen zu überreichen, die um 
diese Zeit des Jahres noch zu den Primcurs zählen. Es scheint ihm 
hart anzukommen, denn er wiederholt unaufhörlich: Kirschen sind 
dfr)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu 
geben. Aber er weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden 
Morgen seiner Mutter au itrzählen, daß er vom „weißen Soldat" ge- 
träumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße 
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig 
mit der Mitteilung, die nur einem Traume entstammen kann: He(r)- 
man alle Kirschen aufgössen!*** 

* Dieselbe Leistung: wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum 
kurz naehlier bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr zu 70 Jahren 
ergänzt Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihrer Wanderniere zum 
Hunfern gezwungen war, träumt sie dann, offenbar mit Versetzung in die glück- 
liche Zeit des blühenden Jlndchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten „aus- 
gebei en", zu Gast geladen ist, und jedesmal die köstliohstuu Bissen vorgesetzt 
bekommt. 

** Eingehendere Beschäftigung mit dem Seclenlehen der Kinder belehrt uns 
freilich, daß sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestaltung in der psychischen 
Tätigkeit des Kindes eine genügend große, nur zu lange Übersehono Rollo spielen, 
und läßt uns an dem Glücke der Kindheit, wie die Erwachsenen es späterhin, 
konstruieren, einigermaßen zweifeln. (Vgl. des Verfassers „Drei Abhandlungen 
znr Sexualtheorie IS06 und 3. Aufl. 1915.) 

*** Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern bald 
kompliziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen pflegen, und daß 
anderseits Träume von so einfachem infantilen Charakter unter Umständen auch 
bei Erwachsenen häufig vorkommen. Wie reich an ungeahntem Inhalt Träume 
von Kindern im Aller von vier bis fiiuf Jahren bereits aein können, zeigen die 
Beispiele in meiner ..Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben'' (Jahrbuch 
von B 1 eu 1 e r- !•' re u d 1., 1909) und in Jungs „Ober Konflikte der kindlichen 
Seele" (ebenda II. Bd., 1910). Analytisch gedeutete Kinderträtiine siehe noch 
bei v. II u g- H el 1 mu t h, Put »am, Itaalte, Spielreiu. Tausk; andere bei 
Ba n c h i u r i, B u s e m a n n, Do gl ia und besonders bei W i ga. rn, d t die Wunsch- 
erfülluugstendenz derselben betont. Anderseits scheinen sieh bei Erwachsenen 
Träume vom infantilen Typus besonders häufig wieder einzustellen, wouu 6ie unter 
ungewöhnliche Lebenshcdini-'iiiigen versetzt werden. ,So berichtet Otto Norden- 
Bkjöld in seinem lSuehe „Antarctic" 1901 über die mit ihm überwinterte 
Mannschaft (Bd. I, p. 336).: „Sohr bezeichnend für die Kiehtuo? unserer inner- 
sten Gedanken waren unsere Träume, die nie lehliaftcr und zahlreicher waren 
als gerade jetzt. .Selbst diejenigen unserer K&mcradca, die sonst nur ausnahms- 
weise träumten, hatten jetst ,1s Morgens, wenn wir unsere letzten Erfuhriineen 
aus dieser 1'huuUi wieweit miteinander austauschten, hinge Geschichten zu er- 
zählen. Alle handelten sie POB jener äußeren Welt, die uns jetzt so fern lag, 
waren aber oft unseren jetzig ai Verhältnissen angepaßt, Kiu besonders charak- 
teristischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden auf die Schul- 
bank zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zu teil wurde, ganz kleinen 
Miniaturscchuuden, die ciu'cns für l'nterrichtszwcekc angeiert Igt waren, die Haut 
abzuziehen. Ksseu und Trinkern wareu übrigjns die Miltelpuukte, um die sich unsere. 
Träume am häufigsten drehten. Einer von uns, der nächtlicherweise darin exzel- 



Trüame vou infantilem Typus. 93 

"Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, 
dessen Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu 
wissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die Gans? 
•und beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais)*. Die ganze Theorie, 
daß der Traum eine Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen 
enthalten**. 

Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem ver- 
borgenen Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt 
wären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hätten. Die Spruch- 
weisheit redet zwar manchmal verächtlich genug vom Traume — man 
meint, sie wolle der Wissenschaft recht geben, wenn sie urteilt: 
Träume sind Schäume — , aber für den Sprachgebrauch ist der 
Traum doch vorwiegend der holde Wunseherfüller. „Das hätt' ich 
mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt," ruft entzückt, 
wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen übertroffen findet. 

1 i e r t e, auf große Mittagsgesellschaf Ion zu gehen, war seelenfroh, wenn er des 
Morgens berichten könnt«, >daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen habe'; 
ein anderer träninte von Tabak, von ganzen Berges Tabak; wieder andere von dem 
Schiff, das mit vollen Segeln auf dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer 
Traum verdient der Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt 
eine lange Erklärung, warum diese so lange habe auf sich warten lassen, er habe 
sie verkehrt abgeliefert und erst nach großer Mühe sei es ihm gelungen, nie 
wieder zu erlangen. Natürlich beschäftigte man sich im Schlaf mit noch un- 
möglicheren Dingen, aber der Mangel an Phantasie in fast allen Träumen, die ich 
selbst träumte oder erzählen hörte, war ganz auffallend. £9 würde sicher von 
großem psychologischen Interesse sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet 
würden. Man wird aber leicht verstehen können, wie ersehnt der Schlaf war, 
da er uns alles bieten konnte, was ein jeder von uns aa glühendsten begehrte. - ' 
Nach Du Prel (p. 231) zitiere ich noch: „Mungo Park, auf einer Heise in 
Afrika dem Versehmachton nahe, träumte ohne Aufhören von wasserreichen 
Tälern und Auen seiner Heimat. So sah sich auch der von Hunger gequält» 
Trenck in der Sternschanze zu Magdeburg vou üppigen Mahlzeiten umgeben, 
und George Back, Teilnehmer der ersten Exjx-dition Franklins, als er in- 
folge furchtbarer Entbehrungen dem Hungertodo nahe war, träumte stets und 
gleichmäßig von reichen Mahlzeiten." 

* Ein ungarisches, von Ferenczi angezogenes Sprichwort behauptet 
vollständiger, daJJ „das Schwein von Eicheln, die (Jans von Mais träumt". Ein 
jüdisches Sprichwort lautet: „Wovon träumt das Huhn? — Von Hirse." (Samm- 
lung jüd. Sprichw. u. Redensarten, herausg. v. Bernstein, 2. Aufl., S. 1 1 00, 
Nr. 7.) 

*' Es liegt mir fern zu behaupten, daß r.och niemals ein Autor vor mir 
daran gedacht habe, einen Traum von einem Wunsch abzuleiten. (Vgl. die 
ersten Sätze des nächsten Abschnittes.) Wer auf Bolche Andeutungen Wert 
legt, könnto schon aus dem Altertum den unter dem ersten Ptolcmäus leben- 
den Arzt Herophilos anführen, der nach Büchsenschütz (p. 3:i) drei Ar- 
ten von Träumen unterschied: gottgesandle, natürliche, welche tntstehen, indem die 
Seele sich ein Bild dessen schafft, was ihr zuträglieh |ist und was eintreten wird, 
und gemischte, die von selbst durch Annäherung von Bildern entstehen, wenn 
wir das sehen, was wir wünschen. Aus der Beispielsamrulung von Scherner 
weiß J. Stärckoeinon Traum hervorzuheben, der vom Autor selbst als Wuusch- 
erfüllung bezeichnet wird (p. 21(9). Schernor sagt: „Den wachen Wunsoh der 
Träumerin erfüllte die Phantasie sofort einfach darum, weil er im Gemüts der- 
selben lobhaft bestand." Dieser Traum steht unter den „Stimraungsträumen"; in 
seiner Nähe befinden sich Träume für „männliches und weibliches Liebcssehnen" 
und für „verdrießliche Stimmung". Es ist. wie man sieht, keine ltede davon, 
daß Schernor dem Wünschen für den Traum eine andere Bedeutung zuschrieb 
als irgend einem sonstigen Seclenzustand des Wachens, geschweige denn, daß 
er den Wunsch mit dem Wesen des Traumes in Zusammenhang .gebracht hätte. 



IV. 

Die Traumentstellung. 

"Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunscherfüllung 
der Sinn eines jeden Traumes sei, daß es also keine anderen als 
Wünscht räume geben kann, so bin ich des entschiedensten Wider- 
spruches im vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten: Daß 
es Träume gibt, welche als .Wunseheriüllungcn zu verstehen sind, 
ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden. (Vgl. 
Kadestock [p. 137 bis 1381, Volkelt [p. 110 bis 111], Purkinje 
]p. 4561, Tissie [p. 70], M. Simon ^p. 42 über dia Hungerträume 
des eingekerkerten Barons Trenckj und die Stelle bei Griesinger 
[p. IIP.)* Daß es aber nichts anderes als Wunseherfüllungsträuino 
geben soll, das ist wieder eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung, 
die sich aber zum Glück leicht zurückweisen läßt. Es kommen doch 
reichlich genug Träume vor, wolche den peinlichsten Inhalt erkennen 
lassen, aber keine Spur irgend einer Wunscherfüllung. Der pessi- 
mistische Philosoph Ed. v. Hartmann steht wohl der Wunscherfül- 
lungstheorie am fernsten. Er äußert in seiner Philosophie des Un- 
bewußten, n. Teil (Stereotypausgabe, p. 344): 

„Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien 
des wachen Lebens auch in den Schlai'zustand hinüber, nur das ein- 
zige nicht, was den Gebildeten einigermaßen mit dem Leben aus- 
söhnen kann ; wissenschaftlicher und Kunst-Genuß . . . ." Aber auch 
minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, daß im Traume 
Schmerz und Unlust häufiger seien als Lust, so Scholz (p. 33), Vol- 
kelt (p. 80) u. a. Ja die Damen Sarah Wced und Florence Hal- 
lam haben aus der Bearbeitung ihrer Träume einen ziffermäßigen 
Ausdruck für das Überwiegen der Unlust in den Träumen entnommen. 
Sie bezeichnen 58 o/o der Träume als peinlich und nur 28-6°,o als 
positiv angenehm. Außer diesen Träumen, welche die mannigfaltigen 
peinlichen Gefühle des Lebens in den Schlaf fortsetzen, gibt es auch 
Angst träume, in denen uns diese entsetzlichste aller Unlustcmpfin- 
dungen schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen Angst träumen 
werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht (vgl. De backer, 
Über den Pavor nocturnus), bei denen wir die Wunschträume un- 
verhüllt gefunden haben. 

Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemeine- 
rung des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes 
gewonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich 
zu machen, ja diesen Satz als Absurdität zu brandmarken. 

Dennoch ist es nicht sehr schwer, sieh diesen anscheinend zwin- 
genden Einwänden zu entziehen. Mau wolle bloß beachten, daß unsere 
Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes be- 

* Sclion ,1er Nenplntoniker Plotin sagte: „Wenn die Begierde .«ich regt, 
dann kommt die Phantasie und präsentiert uns gleichsam dm Objekt derselben" 
[IIb Frei, p. 27«). 



Manifester unfl latenter Traumluhalt, 95. 

ruh), sondern sieh auf den Gedankeninhalt, bezieht, welcher durch die 
Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt wird. Stellen wir mani- 
festen und latenten Trauminhalt einander gegenüber. Es ist 
richtig, daß es Träume gibt, deren manifester Inhalt von der pein- 
lichsten Art ist. Aber hat jemand versucht, diese Träume zu deuten, 
tlon latenten Gedankeninhalt, derselben aufzudecken? Wenn aber nicht,- 
dann treffen uns die beiden Einwunde nicht mehr; es bleibt immerhin 
möglich, daß auch peinliche und Angstträume sich nach der Deu- 
tung als Wunscherfüllungcn enthüllen*. 

Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die 
Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites 
hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als 
einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Frage: "Wie 
können peinliche und Angstträume AVunsclierl'üIlungen sein, son- 
dern wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den 
Traum eine zweite Frage aufwerfen: Warum zeigen die Träume 
indifferenten Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungcn ergeben, 
diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den weitläufig be- 
handelten Traum von Irmas Injektion, er ist keineswegs peinlicher 
Natur, er ist durch die Deutung als eklatante Wunscherfüllung zu 
erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt einer Deutung? Warum 
sagt d'T Traum nicht direkt, was er bedeutet? Tatsächlich macht auch 
der Traum von Irmas Injektion zunächst nicht den Eindruck, daß 
er einen Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser wird 
diesen Eindruck nicht bekommen haben, aber auch ich selbst wußti 
es nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der 
Erklärung bedürftige Verhalten des Traumes: die Tatsache der 
Traumentstellung, so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon 
rührt diese Traumentstellung her? 

Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befragt., könnte man 
auf verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B- daß wahrend des 
Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgcdatiken einen ent- 
sprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser 
Träume nötigt uns, für die Traumentstellung eine andere Erklärung 
zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traume von mir selbst, 
zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen erfordert, aber für 

* Eh ist ganz unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und 
Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende Unterscheidung 
von manifestem und latentem Trauminhalt unbeachtet lassen. — Keine der in 
der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt aber dieser meiner Aufstellung 
?o sehr entgegen wie eine Stelle in J. Sullys Aufsatz: ..Dr^ams as a rcvclation", 
deren Verdienst, dadurch nicht geschmälert werden soll, daß ich sie erst hier 
anführe: ,,lt would seein then, after all, tliat dreams are not the utter non- 
sense they have been said to bo by such authoritics as Ohaucer, Sliakespeare and 
Milton. The chaolic aggregations of our nightfancy hnve a siguificaueo and 
communicate new knowledge. I. i k e s o in e 1 e 1 1 e r in i p h e r, the d r e a m- 
inscription when scrutinised closely loses its first look of 
balderdash and takes on the aspect of a serious. intellegihlo 
m es sage. Or, lovary the figure slightly. we may say that. like 
some palimpsest, the dream diseloses beneath iia worthless 
su rface-c ha r,i c t e rs traces of an old and precious communica- 
lion -- (p. 364). 



Oyß IV. Die Traumentstolluqg. 

•dies persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung des Problems 
entschädigt. 

Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Pro- 
fessoren unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof- 
extraord- vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir über- 
raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persön- 
liche Beziehungen nicht aui zuklärenden Anerkennung von Seite 
zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir alter sofort, daß ich 
an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium 
hatte in den letzten Jahren Vorschlüge solcher Art unberücksichtigt 
gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus waren und 
an Verdiensten mindestens gleichkamen, warteten seitdem Vergehens 
auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, daß es mir 
besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten. 
Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätig- 
keit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein 
Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich 
die Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch 
für mich hingen. 

Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von 
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen. 
Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor, 
die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken 
erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit 
seine Vorstellung in den Bureaus des hohen Ministeriums zu machen, 
um seine Angelegenheit zu lordern. Von einem solchen Besuche 
kam er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in 
die Enge getrieben und ihn geradeheraus betragt habe, ob an dem 
Aufschub seiner Ernennung wirklich — konfessionelle Rücksicht en 
die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings — hei 
der gegenwärtigen Strömung — Se- Exzellenz vorläufig nicht in der 
Lage sei usw. „Nun weiß ich wenigstens, worin ich bin," schloß 
mein Freund seine Erzülilung. die mir nichts Neues brachte, mich 
aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen 
Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar. 

Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum, 
der auch durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus zwei 
Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild einander 
ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Traumes [lieher, da 
die andere mit der Absicht nichts zu tun hat. welcher die Mitteilung 
des Traumes dienen soll. 

I. Freund R. ist mein Onkel. — Ich empfinde große 
Zärtlichkeit für ihn. 

H- Ich selie sein Gesicht etwas verändert vor mir. Es 
ist wie in die Länge gezogen; ein gelber Bart, der es um- 
rahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben. 

Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke und 
Hn Bild, die ich übergehe. 

Die Deutung dieses Traumes vollzog sieh folgendermaßen: 



Der Oukeitrauml 97 

Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich 
auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht 
abtun und ging mir den gtnzon Tag nach, bis ich mir endlich am 
Abend Vorwürfe machte: „Wenn einer deiner Patienten zur Traum- 
deutung nichts zu sagen wüßte als: Das ist ein Unsinn, so würdest 
du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter dem Traume 
eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu neh- 
men er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso; deine, 
Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren 
Widerstand gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten." Jch 
macht" mich a'so an die Deutung. 

„R. ist mein Onkel." Was kann das heißen? Ich habe doch nur 
einen Onkel gehabt, den Onkel Josef*. .Mit dem war's allerdings 
eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr aU 
30 Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung ver- 
leiten lassen, welche das Gesetz schwer bestraft, und wurde dann aucli 
von der Strafe betroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer in 
wenigen Tagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef 
sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf; 
so drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein Onkel Josef ist, 
so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich 
und sehr unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im 
Traume sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte. Mein 
Onkel hatte wirklich so ein Gesicht, länglich von einem schönen 
blonden Harte umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz, 
aber wenn die Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie 
für die Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar 
für Haar eine unerfreuliche Farbenwanderung durch; er wird zuerst 
rotbraun, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau. In diesem Stadium 
befindet sich jetzt der Bart meines Freundes R. ; übrigens auch schon 
der meinige, wie ich mit Mißvergnügen bemerke. Das Gesicht, das 
ich im Traume sehe, ist gleichzeitig das meines Freundes R. und 
das meines Onkels. Es ist wie eine Mischphotograph ie von Galton. 
der, um Familienähnlichkeiten zu eruieren, mehrere Gesichter auf 
die nämliche Platte photographieren ließ. Es ist also kein Zweifel 
möglich, ich meine wirklich, daß mein Freund R. ein Schwachknpf 
ist — wie mein Onkel Josef. 

Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Be- 
ziehung hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muß. 
Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher, 
mein Freund R- ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür, 
daß er mit dem Rade einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich 
diese Untat meinen? Das hieße die Vergleichung ins Lächerliche 
ziehen. Da fällt mir aber ein anderes Gespräch ein, das ich vor 
einigen Tagen mit einem anderen Kollegen N., und zwar über das 



* Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung — im Warben — 
für die Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen Onkeln ge- 
kannt, einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke aber, da ich den 
Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich mir: Ich haba 
doch nur einen Onkel gehabt, den. der eben im Traume gemeint ist. 

Kroil'l, 'I iftmmla.tnny.1 Aufl I 



98 IV. Die TranmeDtiitellang. 

gleicho Thema hatte. Ich traf N. auf der Straße; er ist auch zum Pro- 
fessor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und gratulierte mir 
dazu. Ich lehnte entschieden ab. „Gerade Sie sollten sich den Scherz 
nicht machen, da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst erfahren 
haben." Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: „Das kann man 
nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sij 
Dicht, daß eino Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich 
erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die Unter- 
suchung eingestellt wurde; es war ein gemeiner Erpressungsversuch; 
ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor Bestrafung zu 
retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegen- 
heit gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie 
sind unbescholten." Da habe ich ja den Verbrecher, gleichzeitig aber 
auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein Onkel Josef 
stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar, den 
einen als Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt 
auch, wozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den .Aufschub 
der Ernennung meiner Freunde E. und X. „konfessionelle"' Rück- 
Mchten maßgebend sind, so ist auch meine Ernennung in Frage ge- 
stellt; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden auf andere 
Grund.', schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die 
Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum, er macht den einen, 
R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin 
aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist 
aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor 
freuen und bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus 
R-s Nachricht, was ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene 
Person hätte machen müssen. 

Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter 
beschäftigen. Es ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend er- 
ledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit 
der ich zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur 
Prolessur frei zu halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem Vor- 
gehen hat sich bereits ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen 
im Traumo zu würdigen weiß. Ich würde gegen jedermann bestreiten, 
«laß ich R. wirklich für einen Schwachkopf halte, und daß ich an 
N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre nicht glaube. Ich glaube ja 
auch nicht, daß Irma durch eine Injektion Ottos mit einem Propylcn- 
präparat gefährlich krank geworden ist; es ist hier wie dort nur 
mein Wunsch, daß es sich so verhalten möge, den mein Traum 
ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert, 
klingt im zweiten Traume minder absurd als im .ersten ; sie ist hier 
in geschickter Benützung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa 
wie eine gut gemachte Verleumdung, an der „etwas daran ist", denn 
Freund R. hatte seinerzeit das Votum eines Fach pro fessors gegen sich, 
und Freund N. hat mir das Material für die Anschwärzung arglos 
selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole es, scheint mir der Traum 
weiterer Aufklärung bedürftig. 

Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt, 
auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nach- 



Deutung dos Oukcltraumc.i. 99 

dem mir eingefallen, B. ist mein Onkel, empfinde ich im Traumo 
warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für 
meinen Onkel Josef hahe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals 
gehabt. Freund B. ist mir seit Jahren lieb und teuer; aber käme 
ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten aus, die 
annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so 
wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn erseheint 
mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine 
geistigen Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persön- 
lichkeit mit der des Onkels ausdrücke, aber in entgegengesetztem 
Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt. 
Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu 
den Gedanken hinter dem Traume; sie steht im Gegensatze zu diesem 
Inhalt; sie ist geeignet, mir die Kenntnis der Traumdeutung zu ver- 
decken. Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich er- 
innere mich, mit welchem Widerstand ich an die Traumdeutung ging, 
wie lango ich sie aufschieben wollte und den Traum für hären Un- 
sinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen her weiß 
ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist- Es hat keinen 
Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine 
kleine Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat, 
so behauptet sie, der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur ge- 
kostet zu haben. Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die 
Kleine, so weiß ich, daß es sich bei ihnen um eine Vorstellung han- 
delt, welche sie verdrängen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum. 
Ich mag ihn nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen 
ich mich sträube. Nach vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wo- 
gegen ich mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, «laß B. 
ein Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen B. empfinde, 
kann ich nicht auf die latenten Traumgodanken, wohl aber auf dies 
mein Sträuben zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleiche zu 
seinem latenten Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegen- 
sätzliche entstellt ist, so dient die im Traume manifeste Zärtlichkeit 
dieser Entstellung oder, mit anderen Worten, die Entstel lung erweist 
sich hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine 
Traumgedanken enthalten eine Schmähung für B ; damit ich dies 
nicht merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein zärtliches 
Empfinden für ihn. 

Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die 
Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche 
unverhüllte Wunscherfüllungen sind- Wo die Wunscherfüllung un- 
kenntlich, verkleidet ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen 
diesen Wunsch vorhanden sein, und infolge dieser Abwehr könnte 
der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck bringen. 
Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen ßinnenleben 
das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im 
sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psychischen Aktes? 
Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen die eine 
eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht eine Bück- 
sicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihre psychi 

7» 



JQQ IV. Die Traumautstollung. 

schon Akte oder, wie wir auch sagen können, sie vc ist eilt sieh. 
Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine 
solche Verstellung; wenn ich meine Träume für den Leser deute, 
bin ich zu solchen Entstellungen genötigt, über den Zwang zu sol 
eher Entstellung klagt auch der Dichter: 

„Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch 
nicht sagen." 

]n ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der 
den Maohthahm-n unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er 
sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unter- 
drücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt, 
präventiv, wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben wer- 
den soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt, 
und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der 
Stärke und Emplindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, ent- 
weder bloß gewisse Formen des Angriffes einzuhalten oder in An- 
spielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden, oder ir muß 
seine anstößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Ver- 
kleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Man- 
darinen im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des 
Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto weit- 
gehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche 
den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten*. 

Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen 
den Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt 

* Frau Dr. II. v. Hug- i! el linu t h hat im Jaliro 1913 (Internat, Zcitschr. 
f. ärztl. Psychoanalyse III) einen Traum mitgeteilt, der vielleicht wie kein 
anderer geeignet ist, meine Namengehung zu rechtfertigen. Die Traumentstel- 
lung arbeitet in diesem Beispiel mit demselben Mittel wie die Briefzensur, 
um dio Stellen auszulöschen, die ihr anstößig erscheinen. Die Brkfzensur macht 
solche Stellen durch C berstreichen unlesbar, die Traunizensur ersetzt sie durch 
«in unverständliches Gemurmel. 

Zum Verständnis des Traumes sei mitgeteilt, daß die Träumerin, eine 
hocliangosehcne, feingebildete Dame, fünfzig Jahre zählt, Witwe eines vor un- 
gefähr zwölf Jahren verstorbenen höheren Offiziers und Mutter erwachsener 
.Söhne ist, deren einer zur Zeit dei Traumes im Felde, steht. 

L'nd nun der Traum von den „Liebesdiensten". ..Sie acht ins Gar- 
nisonsspital Nr. 1 'und sagt dem Posten beim Tor. sie müsse dun Oberarzt .... 
(sio nennt einen ihr unbekauntea Namen) sprechen, da sie im Spitale Dienst 
tun wolle. Dabei betont sie da« Wort .Dienst' so, daß der Unteroffizier Ajtfnrl 
merkt, es handle sich um .Liebes'dienste. Da sie eine alte Frau ist, läßt er 
sio nach einigem Zögern passieren. Statt aber zum Überarzt zu kommen, gelangt 
sie in ein großes, düsteres Zimmer, in dem viele Offiziere und Militärarzte an 
einem langen Tisch stehen uud sitzen. Sie wendet sich mit ihrem Antrag 
8a einen Stabsarzt, der sie nach wenigen Worten schon versteht. Der Wort- 
laut, ihrer Hede im Traum ist: .Ich und zahlreiche andere Frauen und junge. 
Mädchen Wiens sind bereit, den Soldaten, Mannschaft und Offiziere ohne 
Unterschied. . . .' Hier folgt im Traum ein Gemurmel. Daß dasselbe aber von 
eilen Anwesenden richtig verstanden wird, zeigen ihr die teils verlegenen, teil« 
hämischen Mienen der Offiziere. Die Dame fahrt fort: „Ich weiß, daß unser 
Kjlfcachluß befremdend klingt, aber es ist uns bitterernst. Der Soldat im Feld 
wird auch nicht gefragt, ob er sterben will oder nicht." Ein minutenlanges pein- 
liches Schweigen folgt. Der Stabsarzt legt ihr den Arm um die Mitte und sagt: 
.Gnädige Frau, nehmen Sie den Fall, es würde tatsächlich da.zu kommen. . .' 
/Gemurmel). Sio entzieht, sich seinem Arm mit dem Gedanken: Ks i<iawrtoHi 



Die Traumzeuscr. 101 

uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen. 
Wir würden also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische 
Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von 
denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten 
Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem Traum- 
wunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung 
erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser zweiten 
Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir 
uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht 
bewußt sind, der von ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber 
als bewußt erinnert wird, so liegt die Annahme nicht fern, das Vor- 
recht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung zum Bewußtsein. 
Aus dem ersten System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was 
nicht vorher die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz 
lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben und die ihr ge- 
nehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber durchzusetzen. Wir 
verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom „Wesen" des 
Bewußtseins ; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer psychi- 
scher Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des Gedacht- 
oder Vorgestclltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein 
Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. 
Es läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen 
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung 
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten. 

Wenn ich die Vorstellung der lieiden psychischen Instanzen und 
ihrer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die auf- 
fällige Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R. emp- 
finde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig 
kongruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich 
versetze mich in ein Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht 
eifersüchtiger Herrscher und eine rege öffentliche Meinung mitein- 
ander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen 
Beamten und verlange dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, daß er 
dem Volkswillen Rechnung tragen muß. wird der Selbstherrscher dem 
Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst 
kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweit«, den Zugang zum 



einer wie der andere, und erwidert: ,ilciu Gott, ieh bin eine alte Frau und 
werde vielleicht gar nicht in die Laie kommen, übrigens eine Bedingung müßte/ 
eingehalten werden: die Berücksichtigung des Alters; daß nicht eine ältere 
Frau einem ganz jungen Burschen .... (Gemurmel) : das wäre entsetzlich. — 
Per Stabsarzt: „Ich verstehe vollkommen." Einige Offiziere, tiarunter einer, der 
sieh in jungen .fahren wn sie beworben halt/?, lachen hell auf. und die Harne 
wünscht zu dem ihr bekannten Oberarzt geführt zu werden, damit alles ins Heine 
gebracht werde. Dabei fällt ihr zur grüßten Bestürzung ein. daß sie seinen 
Namen nicht kennt. Der Stabsarzt weist sie trotzdem sehr höflich und respekt- 
voll an. über eine sehr schmale eiserne Wendeltreppe, die direkt von dem Zim- 
mer aus in die oberen Stockwerke führt, in den zweiten Stock zu gehen. I b0 
Hinaufsteigen hört sie einen Offizier sagen: .Das ist ein kolossaler Kntschluß, 
gleichgültig, ob eine jung oder alt ist; alle Achtung!" 

Mit dem Gefühle, einfach ihre Pflicht zu tun, geht sie eine endlos« 
Treppe liiuauf. 



102 IV- Die TruamenUtelluDff. 

Bewußtsein beherrschende Instanz freund R. durch einen Erguß von 
übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des ersten 
Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade nachhängen, 
als einen Schwachkopf beschimpfen möchten*. 

Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die Traum- 
deutung im stände sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres see- 
lischen Apparates zu geben, welche wir von der Philosophie bisher 
vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, son- 
dern kehren, nachdem wir die Traumcntstellung aufgeklärt haben, 
zu unserem Ausgangsproblom zurück. Es wurde gefragt, wie denn 
die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst 
werden können. Wir sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traum- 
entstellung stattgefunden hat, wenn der peinliche Inhalt nur zur 
Verkleidung eines erwünschten dient. Mit Rücksicht auf unsere An- 
nahmen über die zwei psychischen Instanzen können wir jetzt auch 
sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der 
zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der 
ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder 
Traum von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend, 
nicht schöpferisch, gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns 
auf eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume bei- 
trägt, so können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann 
alle Rätsel bestehen, welche von den Autoren am Traume bemerkt 
worden sind. 

Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine 
Wunschcrfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch dio 
Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume pein- 
lichen Inhaltes heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil 
Träume von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellen- 
weise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie 
erfordern. Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht 
aus dem Wege gehen. ' 

Wenn ich einen Psychoncurotiker in analytische Behandlung 
nehme, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum 
Thema unserer Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psycho- 

Dieser Traum wiederholt sich innerhalb weniger Wochen noch zweimal 
mit — wie dio Dame bemerkt — ganz unbedeutenden und recht sinnlosen Ab- 
änderungen." 

* Solche heuchlerische Träume, sind weder bei mir noch bei anderen 
ftcltone Vorkommnisse. Wahrend ich mit der Bearbeitung eines gewissen wissen- 
schaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte kurz nach- 
einander ein leicht verwirrender Traum heim, der die Versöhnung mit einem 
IRngBt bei Seite geschobenen Krcimdo zum Inhalt hat. Beim vierten oder fünften 
Male gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume zu erfassen. Er liegt in der 
Aufmunterung, doch den letzten Rest von Rücksicht für die betreffende Person 
aufzugeben, sich von ihr völlig frei zu machen, und hatte sich in so heuchleri- 
scher Weise ins Gegenteil verkleidet. Von einer Person habe ich einen „heuch- 
lerischen ndimislraum" mitgeteilt, in dem sich die feindseligen Regungen und 
Todoswiin«che der Traumgi-danknn durch manifeste Zärtlichkeit ersetzen. („Typi- 
BChes Beispiel eines verkappten ödipuslraumes.''} Eine andere Art von heuchle- 
rischen Trimmen wird au anderer Stelle (siehe unten VI „Die Traumarbeit") er- 
wähnt werden. 



Traume peinlichen Iubalta. JQ3 

logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Ver- 
ständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei eine uner- 
bittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer 
zu erwarten habe. Ganz regelmäßig erhebt sich der "Widerspruch mei- 
ner Patienten gegen den Satz, daß die Träume sämtlich Wunsch- 
erfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material an Träumen, 
welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden. 

„Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch," beginnt 
eine witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen, 
dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch 
nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Her 
Traum lautet wie folgt: 

Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vor- 
rätig als etwas geräucherten Lachs. Ich denke daran, 
einkaufen zu gehen, erinnere mich aber, daß es Sonn 
tag Nachmittag ist, wo alle Läden gesperrt sind. Ich 
will nun einigen Lieferanten telephon ieren, aber das 
Telephon ist gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein 
Souper zu geben, verzichten." 

Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur 
die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er für 
den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und 
dem Gegenteil einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. „Aus welchem 
Material ist aber dieser Traum hervorgegangen? Sie wissen, daß die 
Anregung zu einem Traume jedesmal in den Erlebnissen des letzten 
Tages liegt." 

Analyse: Her Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger 
Groß fleischhau er, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und 
wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen, 
Bewegung machen, strenge Hiät halten und vor allem keine Ein- 
ludungen zu Soupers mehr annehmen. — Von dem Manne erzählt 
sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines 
Malere gemacht, der ihn durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen 
so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr Mann habe 
aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und 
er sei ganz tiberzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen 
Mädchens sei dem Maler liebe? als sein ganzes Gesicht*. Sie sei 
jetzt eehr verliebt in ihren Mann und necke sich mit ihm herum. 
Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. — Was 
soll das heißen? 

Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine 
Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht. 
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie 
ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten, ihr 
keinen Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit necken kann. 

(Hiese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen 
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive zu 



• Dem Maler sitzen. Goethe: Und wenn er keinen Hintern hat, 

Wie Ituun der Edle sitzen? 



1Q£ IV. Ui« Tranmentatellunp. 

-verbergen. Man denke an die Hypnotisierten Bern hei ms. die einen 
jK)sthypnotischen Auftrag ausführen, uud nach ihren Motiven be- 
tragt, nicht, etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das getan 
habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung erfinden 
müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Kaviar meiner Patientin 
sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich im Leben einen unerfüllten 
Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die Wunschverweigerung 
als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen unerfüllten Wunsch?) 

Dio bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht 
ausgereicht. Ich dringe, nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, wie 
sie eben der Tiberwindung des Widerstandes entspricht, berichtet sie 
ferner, daß sie gestern einen Besuch bei einer Freundin gemacht, 
auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese Frau 
immer so lobt. Zum Glück ist diese Freundin sehr dürr und mager, 
und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperformen. Wovon sprach 
nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsche, etwas 
stärker zu werden. Sie fragte sie auch : „Wann laden Sie uns wie- 
der einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen." 

Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin sagen ! 
..Es ist gerade so. als ob Sie sich bei der Aufforderung gedacht; 
hätten : Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich bei mir 
anessen, dick werden und meinem Manne noch besser gefallen kannst. 
Lieber geh' ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen dann, daß 
Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren Wunsch, zur Ab- 
rundung der Körperf'ormen Ihrer Freundin nichts beizutragen. Daß 
man von den Dingen, die man in Gesellschaften vorgesetzt lxskommt, 
dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im Interesse 
seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzunehmen." Es 
fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen, welches die Lö- 
sung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im Trauminhalt 
noch nicht abgeleitet- „Wie kommen Sie zu dem im Traume erwähn- 
ten Lachs?" „Geräucherter Laxms ist die Lieblingsspeise dieser Freun- 
din," antwortet sie- Zufällig kenne ich die Dame auch und kann be- 
stätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig vergönnt wie meine 
Patientin den Kaviar. 

Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere Deutung 
zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht wird- 
Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern über- 
decken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die gewöhn- 
liche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psychopatho- 
logisehen Bildungen- Wir haben gehört, daß die Patientin gleichzeitig 
mit ihrem Traume von der Wunschverweigerung bemüht war, sich 
einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die Kaviar- 
Hemmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch geäußert, nämlich 
dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn unsere 
Dame, geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht in Er- 
füllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin ein 
Wunsch — nämlich der nach Körperzunahme — nicht in Erfüllung 
gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein Wunsch 
nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung, wenn sie 



Die hysterische Identifhierunp JQ5 

im Traume nicht sich, sondeFn die Freundin meint, wenn sie sich' 
an Stolle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können, sich mit 
ihr identifiziert hat. 

Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen dieser 
Identifizierung hat sie sich den versagten "Wunsch im Realen ge- 
schaffen. Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn? Das 
aufzuklären bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Identifizierung 
ist ein für den Mechanismus der hysterischen Symptome höchst wich- 
tiges Moment; auf diesem Wege bringen es die Kranken zu stände, 
die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht nur die eigenen, 
in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für einen ganzen 
Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schauspieles allein 
mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird mir einwenden, 
das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähigkeit Hysterischer, 
alle Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck machen, nachzuahmen, 
gleichsam ein zur Reproduktion gesteigertes Mitleiden. Damit ist 
aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der psychische Vorgang bei 
der hysterischen Imitation abläuft; etwas anderes ist der Weg und 
der seelische Akt, der diesen Weg geht. Letzterer ist um ein ge- 
ringes komplizierter, als man sich die Imitation der Hysterischen 
vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten Schlußprozeß, wie 
ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher eine Kranke mit 
einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen Kranken auf 
demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt »ich nicht erstaunt, 
wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere hysterische An- 
fall Nachahmung gefunden hat. Er sagt si r li einfach : Die anderen 
hai-en ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische Infektion. 
•Ta. aber die psychische Infektion geht etwa «auf folgende Weise, zu- 
Die Kranken wissen in der Regel mehr voneinander als der Arzt 
über jede von ihnen, und sie. kümmern sich umeinander, wenn die 
ärztliche. Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren Anfall; 
es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom Hause, 
Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die Ursache 
ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen folgender, 
nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von solcher 
Ursache- solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche Anfälle 
bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein 'des Be- 
wußtseins fähiger Schluß, so würde er vielleicht in die. Angst aus- 
münden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht sich aVier 
auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in der Realisierung 
des gefürchteten Symptoms. Die Identifizierung ist also nicht simple 
Imitation, sondern Aneignung auf Grund des gleichen ätiologischen 
Anspruches; sie drückt ein „gleichwie" aus und bezieht sieh auf ein 
im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames. 

Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benutzt 
zum Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi- 
fiziert, sich in ihren Symptomen am ehesten — wenn auch nicht aus- 
schließlich — mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen Ver- 
kehre gestanden hat, oder welche mit den nämlichen Personen wie 



jjjjy IV. Die TraamentsteUang. 

.sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer solchen Auf- 
fassung gleichfalls Rechnung. Zwei Liebende sind „Eines". In der 
hysterischen Phantasie wie im Traume genügt es für die Identifi- 
zierung, daß man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne daß sie 
darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den Re- 
geln der hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht gegen 
die Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst erkennt) Aus- 
druck gibt, indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt und durch 
die Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr 
identifiziert. Man möchte den Vorgang noch sprachlich in folgender 
Weise erläutern : Sie setzt sich an die Stelle der Freundin im Traum, 
weil diese sich bei ihrem Manne an ihre Stelle setzt, weil sie deren 
Platz in der Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte*. 

In einfacherer Weise, und doch auch nach dem Schema, daß 
die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen 
bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehre bei einer 
anderen Patientin, der witzigsten unter all meinen Träumerinnen. 
Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, daß der Traum 
eine Wunscherfüllung sei; am nächsten Tage brachte sie mir öinen 
Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemeinsamen 
Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, daß sie sich heftig gesträubt 
hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu verbringen, 
wußte auch, daß sie der von ihr gofürchteten Gemeinschaft in den 
letzten Tagen durch die Miete eines vom Sitze der Schwiegermutter 
weit entfernten Landaufenthaltes glücklich ausgewichen war. Jetzt 
machte der Traum diese erwünschte Lösung rückgängig; war das 
nicht der schärfste Ge£rensa.tz zu meiner Lehre von der Wunsch- 
erfüllung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur die Kon- 
sequenz aus diesem Traum zu ziehen, um seine Deutung zu haben. 
Nach diesem Traume hatte ich Unrecht; es war also ihr Wunsch', 
daß ich Unrecht haben sollte, und diesen zeigte ihr der 
Traum erfüllt. Der Wunsch, daß ich Unrecht haben sollte, der 
eich an dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber in 
.Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich hatte 
um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre Analyse ergab, 
geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres Lebens etwas für 
ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse. Sie hatte es ip 
Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer Erinnerung vorfand. Wir 
kamen bald darauf, daß ich Recht hatte. Ihr Wunsch, daß ich Un- 
recht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit ihrer 
Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten 
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet 
haben möchten. 

Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich 

* Ich bedauern selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der Tsycho- 
jwthologie der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen Darstellung uud 
nus allem Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklärend wirken können. 
Wenn sie auf die innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu deu Psycho- 
neurosen hinzuweisen vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich .-io 
mitgenommen habe. 



Einsprüche gegen die Theorie der WunscherfillluDg. JQ7 

mir, ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der durch 
die acht Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er hörte einmal 
in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über die Neuigkeit, 
daß ein Traum eine Wunschcrfüllung sei, ging nach Haiise, träumte, 
daß er alle seine Prozesse verloren habe, — er war Advokat 
— und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit der Ausflucht: 
Man kann nicht alle Prozesse gewinnen, dachte aber bei mir: Wenn 
ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank gesessen, wäh- 
rend er irgendwo in der Mitte der Klasse den Platz gewechselt, sollte 
ihm au» diesen Knabenjahren der Wunsch fern geblieben sein, daß 
ich mich auch einmal gründlich blamieren möge? 

Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir 
gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des 
Wunschtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen, 
begann: „Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur einen 
Buben hat. den Karl ; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch 
in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich habe ihn eigent- 
lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange 
Dicht so sehr "wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht, 
daßichdenKarltotvormirliegensehe. Er liegtinseinem 
kleinen Sarge, die Hände gefaltet, Kerzen rings herum, 
kurz ganz bo wiedamalsderk leineOtto, dessen Tod mich 
so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, was soll das heißen? Sie 
kennen mich ja; bin ich eine so schlechte Person, daß ich meiner 
Schwester den Verlust des einzigen Kindes wünschen sollte, das sie 
noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich lieber den Karl tot 
wünschte als den Otto, den icli um so viel lieber gehabt habe?" 

Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen sei. 
Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung des 
Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang mir 
dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin bekannt war. 

Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles 
älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den Freun- 
den und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen bleibenden 
Eindruck auf ihr Herz maehte. Es schien eine Weile, als ob diese 
kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirat enden sollten, 
aber dieser glückliche Ausgang wurde durch die Schwester vereitelt, 
deren Motive nie eine völlige Aufklärung gefunden haben. Nach dem 
Bruche mied der von unserer Patientin geliebte Mann das Haus; 
sie selbst machte sich einige Zeit nach dem Tode des kleinen Otto, 
an den sie ilire Zärtlichkeit iinterdessen gewendet hatte, selbständig. 
Es gelang ihr aber nicht, sich von der Abhängigkeit frei zu machen, 
in welche sie durch ihre Neigung zu dem Freunde ihrer Schwester 
geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, ihm auszuweichen ; es war ihr aber 
unmöglich, ihre Liebe, auf andere Bewerber zu übertragen, die sich 
in der Folge einstellten. Wenn der geliebte Mann, der dem Litcraten- 
ßtand angehörte, irgendwo einen Vortrag angekündigt hatte, war sie 
unfehlbar unter den Zuhörern zu finden, und auch sonst ergriff si« 
jede Gelegenheit, ihn an drittem Orte aus der Ferne zu sehen. Ich 
erinnerte mich, daß sie mir Tags vorher erzählt hatte, der Professor 



10y IV. Die Traumentatellang. 

ginge in ein bestimmtes Konzert, und sie wolle auch dorthin gehen, 
um sich wieder einmal seines Anblickes zu erfreuen. Das war am Tag 
vor dem Traume: an dem Tage, an dem sie mir den Traum erzählte, 
sollte das Konzert stattfinden. Ich konnte mir so die richtige Deu- 
tung leicht konstruieren und fragte sie, ob ihr irgend ein Ereignis 
einfalle, das nach dem Tode des kleinen Otto eingetreten sei. Sie ant- 
wortete sofort: Gewiß, damals ist der Professor nach langem Aus- 
bleiben wiedergekommen, und ich habe ihn an dem Sarge des kleinen 
Otto wieder einmal gesehen. Es war genau so, wie ich es erwartet 
hatte. Ich deutete also den Traum in folgender Art: „Wenn jetzt der 
andere Knabe stürbe, würde sich dasselbe wiederholen. Sie würden 
den Tag bei Ihrer Schwester zubringen, der Professor käme sicher- 
lich hinauf, um zu kondolieren, und unter den nämlichen Verhältnissen 
wie damals würden Sie ihn wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts 
als diesen Ihren Wunsch nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich an- 
kämpfen. Ich weiß, daß Sie das Billet für das heutige Konzert in der 
Tasche tragen. Ihr Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat das Wie- 
dersehen, das heute stattfinden soll, um einige Stunden verfrüht. 1 ' 

Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation 
gewählt, in welcher solche Wünsche, unterdrückt zu werden pflegen, 
••ine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an 
Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in 
der realen Situation, welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge des 
ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche Empfindung 
für den lange vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken können. 

Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen 
Patientin, die sieh in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere 
Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens, noch 
in ihren Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam 
es im Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre ein- 
zige. 15jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte 
nicht übel Lust, aus dieser Traumerscheinung einen Einwand gegen 
die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das 
Detail der Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des 
Traumes anzeigen müsse*. Bei der Analyse, fiel ihr ein, daß in der 
Gesellschaft abends vorher die Rede auf das englische Wort „box 1 " 
gekommen war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen desselben 
im Deutschen, als: Schachtel, Loge, Kasten. Ohrfeige usw. Aus an- 
deren Bestandstücken desselben Traumes ließ sich nun ergänzen, 
daß sie die Verwandtschaft des englischen „box" mit dem deutschen 
..Büchse" erraten habe und dann von der Erinnerung heimgesucht, 
worden sei, daß „Büchse" auch als vulgäre Bezeichnung des weib- 
lichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihm 
Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man also an- 
nehmen, daß das Kind in der „Schachtel" eine Frucht im Mutterleibe 
bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traum- 
bild wirklich einem Wunsehe von ihr entspreche. Wie so viele 
junge Frauen war sie keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität 

• Ähnlich wie im Trauiuo vom vereitelten Souper der geräucherte Lachs. 



Unkenntliche Wunscherflllluugen. 

geriet, lind gestand sieh mehr als einmal den Wunsch ein, daß ihr 
das Kind im Mutterleibe absterben möge; ja in einem Wutanfalle 
nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne sehlug sie mit den Fäusten 
auf ihren Leib los. um das Kind darin zu treffen. Das tote Kind 
war also wirklich eine Wunseherfüllung, aber die eines seit 15 Jah- 
ren beseitigten Wunsches, und os ist nicht zu verwundern, wenn man 
die Wunseherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr er- 
kennt. Unterdessen hat sich eben zu viel geändert. 

Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die 
den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen 
Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen 
Beispielen zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhaltes alle 
diese Träume als Wunscherfüllungcn gedeutet werden müssen. Keinem 
Patienten, sondern einem intelligenten Rechtsgelehrten meiner Be- 
kanntschaft verdanke ich folgenden Traum, der mir wiederum in 
der Absicht erzählt, wurde, mich von voreiliger Verallgemeinerung in 
dev Lehre vom Wunschtraume zurückzuhalten. „loh träume," be- 
lichtet mein Gewährsmann, „daß ich, eine Dame am Arm, vor 
mein Haus komme. Dort wartet ein geschlossener Wagen, 
ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert sieli als Polizei- 
agent und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur 
noch um die Zeit, meine Angelegenheiten zu ordnen. — 
Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet zu 
werden?" — Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie vielleicht, 
unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden? — „Ja, ich glaube 
wegen Kindesmordes." — Kindesmord? Sie wissen doch, daß dieses 
Verbret.hc-n nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann? 

— „Das ist richtig."* — Und unter welchen Umständen haben Sie 
geträumt; was ist am Abend vorher vorgegangen? — „Das möchte 
ich Ihnen nicht gern erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit." 

— Ich brauche es aber, sonst müssen wir auf die Deutung des Traumes 
verzichten. — „Also hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause, 
sondern bei einer Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als 
wir am Morgen erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. 
Dann schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen." — ■ 
Es ist eine verheiratete Frau? — „da." — Und Sie wollen kein 
Kind mit ihr erzeugen? — „Nein. nein, das könnte uns verraten." 

— Sil' üben also nicht normalen Koitus? — ,,Ich gebrauche die Vor- 
sicht, mich vor der Ejakulation zurückzuziehen." — Darf ich an- 
nehmen. Sie hätten das Kunststück in dieser Nacht mchreremal aus- 
geführt, und seien nach der Wiederholung am Morgen ein wenig 
unsicher gewesen, ob es Ihnen gelungen ist? — ..Das könnte wohl 
sein" — Dann ist Ihr Traum eine Wnnscherfüllung. Sie erhalten 
durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder was 
nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittel- 

wird. 



HO IV. Die Traumentatellang. 

glieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern Sic sich, vor 
einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über die Inkonse- 
quenz, daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine Be- 
fruchtung zu stände kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal 
Ei und Same eich getroffen und einen Fötus gebildet haben, als 
Verbrechen bestraft wird. Im Anschluß daran gedachten wir auch 
der mittelalterlichen Streitfrage, in welchem Zeitpunkte eigentlich 
die Seele in den Fötus hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst 
von da an zulässig wird. Sie kennen gewiß auch das schaurige Ge- 
dicht von Lenau, welches Kindermord und Kinderverhütung gleich- 
stellt — .,An Lenau habe ich merkwürdigerweise heute Vormittag 
wie zufällig gedacht." — Auch ein Nachklang Ihres Traumes. Und 
nun will ich Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem 
Traume nachweisen. Sie kommen mit der Dame am Ann vor Ihr 
Haus. Sie führen Sie also heim, anstatt daß Sie in Wirklichkeit 
die Nacht in deren Hause zubringen. Daß die Wunscherfüllung, die 
den Kern des Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form ver- 
birgt, hat vielleicht mehr als einen Grund- Aus meinem Aufsatze 
ober die Ätiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, daß ich 
den Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente für die 
Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde 
dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser Art 
eine unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die 
Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung be- 
dienen Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen. 
Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt 
Wie kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen Verbrechen? — 
„Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in eine .solche 
Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld daran, daß ein Mäd- 
chen sich durch eine Fruclitabtreibung vor den Folgen eines Ver- 
hältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der Aus- 
führung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in be- 
greiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde." — Ich verstehe, diese 
Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermutung, 
Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte. 

Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum er- 
zählen hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er 
beeilte sich ihn nach zuträum en, dessen Gedankenform auf ein .anderes 
Thema anzuwenden. Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntnis 
übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur 
wenig zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein Bekannter komme 
aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm und teile ihm mit, daß 
alle anderen Steuerbekenntnisse unbeanstandet geblieben seien, das 
eeinige aber habe allgemeines Mißtrauen erweckt und werde ihm eine 
empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig verhüllte 
Wunscherfüllung, für einen Arzt von großem Einkommen zu gelten. Er 
erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem jungen Mäd- 
chen, welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, weil er ein 
jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit Schlägen trak- 
tieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet dann: Schlug' er mich 



GegenwuuBchtrüome. J J J 

trst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft, daß sie die in" 
Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe verbunden 
sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche .erhebt. 

Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art, 
die meiner Lehre direkt zu widersprechen, scheinen, indem sie das 
Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar 
Ungewünschtem zum Inhalt haben, als „G ege nw unsch träume" 
zusammen, so sehe ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien 
zurück führen lassen, von denen das eine noch nicht erwähnt worden 
ist, obwohl es im Leben wie im Träumen der Menschen eine großa 
Rolle spielt. Die eine Triebkraft dieser Träume ist der Wunsch, daß 
ich Unrecht haben soll. Diese Träume ereignen sich regelmäßig im 
Laufe meiner Behandlungen, wenn sich der Patient im Widerstand 
gegen mich befindet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf 
rechnen, einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kran- 
ken die Lehre, der Traum sei eine Wunscherl'üllung, zuerst vorge- 
tragen habe*. Ja, ich darf erwarten, daß es manchem meiner Leser 
ebenso ergehen wird; er wird sich bereitwillig im Traume einen 
Wunsch versagen, um sich nur den Wunsch, daß ich Unrecht haben 
möge, zu erfüllen. Der letzte Kurtraum dieser Art, den ich mit- 
teilen will, zeigt wiederum das nämliche. Ein junges Mädchen, wel- 
ches sich die Portsetzung meiner Behandlung mühsam erkämpft hat 
gegen den Willen iliror Angehörigen und der zu Rate gezogenen Auto- 
ritäten, träumt: Zu Hause verbiet« man ihr, weiter zu mir 
zu kommen- Sie beruft sich dann bei mir auf ein ihr ge- 
gebenes Versprechen, sie im Notfalle auch umsonst zu be- 
handeln, und ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine 
Rücksicht üben.- 

Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunseherfüllung nach- 
zuweisen, aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen 
Rätsel noch ein anderes, dessen Lösung auch das erste lösen hilft. 
Woher stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe 
ihr natürlich nie etwas Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder 
und gerade jener, der den grüßten Einfluß auf sie hat, war so liebens- 
würdig, über mich diesen Ausspruch zu tun. Der Traum will also er- 
reichen, daß der Bruder Recht behalte, und diesem Bruder Recht 
verschaffen will sie. nicht nur im Traume; es ist der Inhalt ihres 
Lebens und das Motiv ihres Krankseins. Ein Traum, welcher der 
Theorie von der Wunscherl'üllung auf den ersten Blick besondere 
Schwierigkeiten bereitet, ist von einem Arzt (Aug. Stärcke) ge- 
träumt und gedeutet worden: 

„Ich habe und sehe an meinem linken Zeigefinger einen 
syphilitischen Primär af f okt an der letzten Ph alange." 

Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch 
die Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen unerwünschte.! 
Inhalt klar und Ttohärent erscheint. Allein, wenn man die Mühe- 



• Ähnliche „Gegenwunschtraume" wurden mir in den letzten Jahren wieder- 
holt von meinen Hörern berichtet als deren Reakinm auf ihr erstes Zusammi'.-i- 
treffen mit der „Wanschtheorie des Traumes'* 



1 1 2 IV. nie Traunieut-uellonf*. 

einer Analyse nicht scheut, erfährt mau, daß „Primäraffekt" gleich- 
zusetzen ist einer „prima affeetio" (erste Liebe.), und daß das wider- 
liehe Geschwür nach den Worten Stärekes „sieh als Vertreter von 
mit großem Affekt belegten Wunseherfüllungen" erweist*. 

Das andere Motiv der Gegenwunschträunie liegt so nahe, daß 
man leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch 
längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Men- 
schen gibt es eine masochis tische Komponente, die durch die Vor- 
kehrung ins Gegenteil der aggressiven, sadistischen entstanden ist. 
Man heißt solche Menschen ..ideelle - ' Masoehisten, wenn sie die Lust 
nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen Schmerz, sondern in der 
Demütigung und seelischen Peinigung suchen. Es leuchtet ohne 
weiteres ein, daß diese Personen (regen wünsch- und Unlustträume 
haben können, die für sie doch nichts anderes als Wunsehert'üllungen 
sind, Befriedigung ihrer masochistischen Neigungen. Ich setze einen 
solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren Jahren 
seinen alleren Bruder, dem er homosexuell zugetan war, sehr gequält 
hat. träumt nun nach gründlicher Oharaktei Wandlung einen aus drei 
Stücken bestehenden Traum. I. Wie ihn sein älterer Bruder 
..sekierf. II. Wie zwei Erwachsene in homosexueller Ab- 
sicht miteinander schön tun. III. Der Bruder ha t das Unter- 
nehmen verkauft, dessen Leitung er sich für seine Zu- 
kunft vorbehalten hat. Aus letzterem Traume erwacht er mit 
den peinlichsten Gefühlen, und doch ist es ein masochistischer Wunsch- 
traum, dessen Übersetzung lauten könnte: es geschähe mir ganz recht, 
wenn der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur Strafe für alle Quä- 
lereien, die. er von mir ausgestanden hat. 

Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden 
genügen, um es — bis auf weiteren Einspruoh — glaubwürdig er- 
seheinen zu lassen, daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als 
Wunfecherfüllungen .aufzulösen sind, werde übrigens auf das Thema 
der Unlustträume noch an späterer Stelle zurückkommen. Es wird 
auch niemand eine Äußerung des Zufalles darin erblicken, daß man 
bei der Deutung dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von deneu 
man nicht gern spricht oder an die man nicht gern denkt. Das pein- 
liche Gefühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach iden- 
tisch mil dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Er- 
wägung solcher Themata — meist mit Krfolg — abhalten möchte, 
und welcher von jedem von uns ül>orwunden werden muß. wenn wir 
uns genötigt sehen, es doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume 
also wiederkehrende Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines 
Wunsches nicht aus; es gibt bei jedem Mensehen Wünsche, die er an- 
deren nicht mitteilen möchte, und Wünsche, die er sich selbst nicht 
eingestehen will. Anderseits finden wir uns berechtigt, den Unlust- 
charakter all dieser Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in 
Zusammenhang zu bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade 
darum so entstellt und die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Un- 
kenntlichkeit verkleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungs- 

• Zeiilralhlatt für Psychoanalyse II, 1911/12. 



Die Formel filr ilas Wesen des Trimme» 113 

silisi.lii geg**fi d.is Thema des Traumes oder gegen den an.- ihm gesehöpf- 
ii-n Wim.-ch bestellt. Die Trauraentstellung erweist, sieh also tatsäch- 
lich a,U ein Akt . der Zensur- Allem, was rlie Analyse dcr'L'nlustträume 
zu Tage, gefördert hat. tragen wir aber Kcehnung. wenn wir unsere 
l-'ormel, die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art 
verändern: Der Traum ist die (.vor kl eidet e) Erfüllung eines 
(unterdrückten, verdrängten") Wunsches*. 

Nu« erübrigen noch die. Angstträume als besondere Unterart der 
Träume mil peinlichem Inhalt, deren Auflassung als Wunschträume 
bei dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird. 
Doch kann ich tue Angst I räume hier ganz kurz abtun; es ist nicht, 
«•ine neue Seite des Traumprohlems. die sich uns in ihnen zeigen 
würde, sondern es liande.lt sich bei ihnen um das Verständnis der 
neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume emp- 
finden, ist nur scheinbar durch den Inhalt de« Traumes erklärt. Wenn 
wir den Trauininhalt der Di iitung unterziehen, merken wir, daß die 
Traumangsl durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerechtfertigt 
■wird als elwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an 
Welcher die Phobie hängt. ICs ist, z. 11. zwar richtig, dali man aus 
dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat. sich l>cim Fenster 
einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen, 
warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den 
Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung 
erweist sich dann als gültig für die Phobie, wie für den Angsttraum. 
Die Angst isl beidemal an die sie begleitende Vorstellung nur an- 
gelötet und stammt aus anderer Quelle. > 

Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mil der 
ICeurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die 
letztere verweisen. In einem kleinen Aufsätze über die „Angst- 
neurose" (Neurolog- Zenfralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet, 
daß die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von 
ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung gelangten 
Libido entspricht. Diese Formel hat sieh seither immer mehr als 
stichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz ableiten, daß die 
Angstträumc Träume sexuellen Inhaltes sind, deren zugehörige Libido 
eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich späterhin die 
Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse einiger 
Träume bei Neurotikern zu unterstützen- Auch werde ich bei weiteren 
Versuchen, mich einer Theorie des Traumes zu nähern, nochmals auf 
die Bedingung de? Ansstträume und deren Verträglichkeit mit der 
Wunschcrfüllungsfheoric zu sprechen kommen. ,. 

* F.in groL'er unler den InllMldOO Dichtern, der, wie mir gesagt wurde. rOJI 
r«y.-lioanalyse und Traumdeutung nicht! wissen will, findet doch aus Eigenem eine 
fast, identische Formel für das Wesen des Traumes: „Unbefugtes Auftauchen 
unterdrückter Sehnsnchtswünsche unter falschem Antlitz und Namen." C, Spit- 
teler. Meine frühesten Erlebnisse (Süddeutsche Monatshefte. Oktober 1913). 

Vorgreifend führe ich hier die von Otto lUnk herrührende Erweiterung 
und Modifikation der obigen Gruudformel an: .„Der Traum stellt regclmiUiig 
auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten infantil-sexuellen Materials ak- 
tuelle, in der Regel auch erntische Wünsche in verhülll 1" und pymbotiSpU cin^o- 
kleideler Form als erfüllt dar." (..Ein Traum, der sich selbst OOUlet,"} 



l'r»"t.!, I 'mim'UvIiflf, ' A» fl . 



V. 

Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion er- 
sehen hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm uns 
zunächst das Interesse gelangen, ob wir hiemit einen allgemeinen 
Charakter des Traumes aufgedeckt hal>cn, und wir brachten vorläufig 
jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die sich, in 
uns während jener Deutungsarbeit geregt haben mochte- Nachdem 
wir jetzt auf dem einen Wege, zum Ziele gelangt sind, dürfen wir 
zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für unsere Streuungen 
durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir darüber auch 
das noch keineswegs voll erledigte Thema der Wunscherfüllung für 
eine Weile aus den Augen verlieren. 

Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum- 
deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an Be- 
deutsamkeit den manifesten Trauniinhalt, weit hinter sich läßt, 
muß es uns drängen, die einzelnen Traum Probleme von neuem auf- 
zunehmen, um zu versuchen, ob sieh für uns nicht Rätsel und Wider- 
sprüche befriedigend lösen, die, solange man nur den manifesten 
Trauniinhalt kannte, unangreifbar erschienen sind. 

Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes 
mit dem Waehleben sowie über die Herkunft des Traummate rials 
sind im einleitenden Abschnitt ausführlieh mitgeteilt worden. Wh« 
erinnern uns auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumged.icht- 
nisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind: 

1. Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich 
bevorzugt (Robert, Strümpell, Hildebrandt, auch Weed- 
H all am); 

2. daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser Wach- 
gedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige, son- 
dern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert; 

3. daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheiis- 
eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit hervor- 
holt, die uns wiederum als trivial erseheinen und im Wachen für 
längst vergessen gehalten worden sind*. 

Diese Besonderheiten in der Auswahl des TraummalcriaU sind 
von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalt beobachtet 
worden. 



* Es ist klar, daß Jla Auffassung Roberts, der Traum aei dazu be- 
stimmt, unser Gedächtnis von den wertlosen Eindrüoken dos Tages zu entlasten, 
nicht mehr zu lialten ist, wenn im Traume einigermaßen häutig gleichgültig« 
Erinnerungsbilder aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den BchluB 
lieben, daß der Traum die ibm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu er- 
füllen pflpst. 



115 



a) Das Rezente und das Indifferente im Traume. 



Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalt auf- 
tretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß 
ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine 
Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages auf- 
zufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, einen eigenen oder 
fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung. In Kenntnis 
dieser .Tatsache kann ich etwa die Traumdeutung damit beginnen, 
daß ich zuerst nach dem Erlebnisse des Tages forsche, welches den 
Traum angeregt hat; für viele. Fälle ist dies sogar der nächste Weg. 
An den beiden Träumen, die ich im vorigen Abschnitt einer genauen 
Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion, von meinem Onkel 
mit dem gell>en Barte), ist die Beziehung zum Tage so augenfällig, 
daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie 
regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück 
meiner eigenen Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich teile die 
Träume nur soweit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Tranm- 
cjuello bedarf. 

I.Ich mache eine i Besuch in einem Han-e. wo ich nur mit 
Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unterdessen 
auf mich warten. 

Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine 
Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis usw. 

2. Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar) 
l'flanzenart geschrieben. 

Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung 
eine Monographie gesehen über die Gattung Zyklamen. 

IS. Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, Mutter und Tochter, 
von denen die letztere nieine Patientin war. 

Quelle: Eine, in Behandlung stehende Patientin hat mir abends 
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung der 
Behandlung entgegenstellt. 

1. In der Buchhandlung von S. und It. nehme ich ein Abonne- 
ment auf eine periodische Publikation, die jährlieh 20 8. kostet. 

Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß 
ich ihr 20 fl. vom Wochengelde noch schuldig bin. 

5. Ich erhalte eine. Zuschrift vom sozialdemokratischen Ko- 
mitee, in der ich als Mitglied Iwhandelt werde. 

Quelle: Zuschrift en erhalten gleichzeitig vom liberalen Wnhl- 
komiteo und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen -Mit- 
glied ich wirklich bin. 

6. Ein Mann auf einem steilen Felsen mitton im Meere 
in Bück 1 inscher Manier. 

Quelle: Dreyfus auf der Teuf elsinse 1. gleichzeitig Nach- 
richten von meinen* Verwandten in England usw. 

Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung un- 
fehlbar- an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich 
auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Vergangenheit, 
erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit, 

8» 



] | (j V IIa- Trauuimiili'riul und die Traunir|UclUn. 

wahrscheinlich öiclil lioanspruclicUi docll mochte Ich mich für da» 

ausschließliche VuCrwfH des letzten Tages vor dem Traume (de* 
Träumt ages) entscheiden, So oi't ich zu finden vermeinte, «laß ein 
Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes gewesen 
sei. konnte ich mich doch hei genauerer X.-ich Forschung überzeugen, 
daß jener Eindruck am Vorlage wider erinnert worden •war. daß 
als«» eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sieh zwischen dem 
.F.reignista.ne und der Tratimzoit eingeschoben hatte, und konnte außer- 
dem den rezenten Anlaß nachweisen, von dem die Erinnerung an den 
älteren Eindruck ausgegangen sein konnte. Hingegen konnte ich mich 
nicht davon überzeugen, daß zwischen dem erregenden Tageseindruek 
und dessen "Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von 
biologischer Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 
IS Suuiden'i eingeschoben ist*. Auch 11. Ellis. der dieser Frage Aui'- 



* II. Swoboda bat, wie im ersten Abscliuitl S. GS miig'teilt. die von 
W. Fließ gefundenen biologischen Intervalle WO 23 und 2S Tageu im weiten 
Ausmaße auf das seelische Gesoholicii übertragen und insbesondere behauptet, 
d.'iß diese Zeilen für diu Auftauchen Her Tr&utnelcmQnte in den Traumon ent- 
scheidend sind. Die Traumdeutung würde nicht wesentlich abgeäudsrt, wenn 
6ich soklies nachweisen ließe, aber für die Herkunft des Traummaterials ergäbe 
eich eine neue Quölle. Ich habe mm neuerdings einig* Untersuchungen an 
eigenen Träumen angestellt, um die Anwendbarkeit der ,, Psriodenlohro" auf das 
Traummalerial zu prüfen, und habe hiezu besonders auffällige Elemente des 
Trauminhaltes gewählt, deren Auftreten im Leben sieb zeitlieh mit Sicherheit 
bestimmen Heß. 

I. Traum vom 1./2 Oktober 1910. 

(Bruchstück) . . . Irgendwo in Italien. Drei Töchter zeigen mir kleine 
Kostbarkeiten, wie iu einem Antiqua rinden, sel/.en sieh mir dabei auf den Schoß. 
Bei einem der Stücke sage ich : P;i,s ha.bon Sic ja von mir. Ich sehe da.hei deut- 
lich eine kleine Profilmaske mit «I 'n seharfgeschuitten'-n Zügen Sa . v o na r o] as. 

Wann habe ich zuletzt das jii |d N a v o n a r o 1 u. s gesehen? Ich war nach 
dein AllBweii meines Beisctagcbuchos am 4. und S, Ncptemb'T in Florenz; dort 
dachte ich daran, meinem Reiseli'gli'iter das Medaillon mit d"n Zügen des fana- 
tischen Mönches im Pflaster der Piazza Signoria an der Stelle, wo er den Tod 
durch Verbrennung fand. EU zeigen, und ich meine, am ,"i. vormittags machte 
ich ihn auf dasselbe aufmerksam. Vnn diesem Kindrnck bis zur Wiederkehr 
im Traume sind allerdings 27 -'- 1 Togo verflossen, eine ..uoi'ilichc Periode" 
nach Fließ. Zum l'nglüuk für die Beweiskraft dieses Beispieles muß ich aber 
erwähnen, daß an «lern Traum, tage selbst der tüchtige, aber düster 
blickende Kollege liei mir war (das cr.-lemal seil meiner Bückkunfl), für den 
ich vor Jahren schon den Scherznamen ..Habbi 6tl vonarola" aufgebracht, liabo. 
Kr stellte mir einen Fiifallkrankcn vor. d >( in dem Pontcblxiziig verunglückt war, 
in dem ich selbst acht Tage vorher geroist war, und hütete so meine Gedanken 
zur letzten llalicnroi-c zurück. Das Kracheincn des auffälligen Klomentes ,,Sa- 
vonarola" im Tmumiiiluill i-l dun'h diesen Besuch des Kollegen am Traum- 
Ingo aufgeklärt, da- 2Mä::igc Inlcrvall wird seiner Bedeutung für dessen Her- 
leilunj; verlustig. 

II. Traum "vom 10./I1. Oktober. 

Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorium. Ilofrat 
L. lädt mich ein. nn einen anderen Ort zu kommen, und gehl auf dem Korridor 
voran, eine l.ampe oder sonst ein Instrument wie scharfsinnig (?) (scharf- 
sichtig;) in der erhobenen Hand vor sich hintragend, in eigentümlicher Haltung 
mit vorgestrecktem Kopf. Wir kommen dann über einen freien Flatz . . . (liest 
vergessen). 

Das Auffälligste in diesem Trnuminhalt ist die Art. wie Ilofrat I.. die 
I-nnipo (oder l.upe) vor sieh hinträgt, das Auge spähend in die Weite gerichtet. 
I.. habe ich viele .lahre lang nicht mehr gesehen, aber ich weiß jetzt schon, er 
ist nur eine la»atzperson für einen anderen, größeren, für den Archimedo» 



Diu BtluillutUIlg >1' r linychwoheu IV.i.jJizii;,!. \\f 

iiifiksamkeit geschenkt liut. gibt an. ilaß er öiflc solche IVriodizitüt. 
der Reproduktion, in seinen Träumen „irutz dea Achtons darauf" nicht, 
l'indcn konnte- 'Er erzählt einen Traum, iu welchem er sich in Spanien 
befand und nach einem Ort: Daraus, Varaus oder Zaraus fahren 
wollte. Erwacht, konnte ec sieh an einen solchen Ortsnamen nielu. 
erinnern und legte den Traum bei Seite. föinige Monate später fand 
er talsächlich den Narneo Zaraus als den einer Station zwischen 
San Sebastian und Bilboa, welche er 250 Tage vor dem Traume 
mit dem Zuge passiert hatte (p. 221). 

Ich meine also, es gibt für jeden Traum Bitten Trauinerregpr aus 
jenen Erlebnissen, über die ..man noeli ki-ine Xaelit. geschlafen hai". 

Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit i mit Ausschluß des 
Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung 
zum Trauminhalt als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden 

nahe bei der Arcthusasju lle in S y ra. k u s, der genau so wie er im Traume dasteht 
und so den Prcnns"! ii gel handl abt, n cli iJom Pela.L'crung.-hccr der Pömer spähend. 
Wann habe ich dieses Denkinal zuerst (uud äuIcUI) gesehen f \ach mriii'-'ii Auf- 
zeichnungen war es um 17. September abends und von diesem Datum bis zum 
Traume sind tatsächlich 13 -■- 10 =- 2:!Tage verstrichen, eine „männliche Periode" 
nach Fließ. 

Leider hebt das Eingehen auf die Deutung dos Traumes auch hier ein 
Stück von der Unerläßlichkeit dieses Zusa.mmeidiane.es auf. Der Traumaulaß 
war 'die am Traumlag erhaltene Nachricht, daß die Klinik, in deren Hörsaal ich 
als Uast mi'iue Vorlesungen abhalte, demnächst nudcrswiihin verlegt werden 
solle. Ich nahm au, daß die- neue Lokalität sehr unbequem gelegen sei, sagte 
mir, es werde daun sein, als ob ich überhaupt keinen Hörsaal zur Verfügung 
habe, und von da an müßten meine Gedanken bis in den Beginn meiner Dozenlen- 
zeit surückgvgangen sein, als ich wirklich keinen Hörsaal hatte und mit meinen 
Bemühungen, mir einen zu verschaffen, auf geringes Entgegenkommen bei den 
hochvermögenden Herren Hofrüten und Professuren stieß. Ich ging damals zu 
I... der gerade die Würde eines Dekans (.»"kleidete, und dea ich für einen Uönner 
hielt, um ihm meine Not zu kUi^-u. (Cr versprach mir Abhilfe, ließ aber dann 
nichts weiter von sich hören. Im Trimm ist er der Arehimcdes, der mir gibt, 
noü stiu und mich selbst in dio andere Lokalität geleitet. Daß den Traum- 
gedanken weder nachsucht noch Größenbewußtsciu fremd sind, wird der 
Dcutungskuudigo leicht erraten. Ich muß aber urteilen, daß ohne diesen Traum- 
nnlaß der Archimedcs kaum iu den Traum dieser Nacht gelangt wäre; es bleibt 
mir unsicher, ob der starke und noch rc/ent».« Kindruck der Statue in Siracusa 
sich nicht auch bei einein anderen Zeilinteri all geltend gema<;lit hätte 

III. Traum vom 2./3. Oktober I'JIÜ. 

(Bruchstück) ... Etwas von Prof. s e r, dor selbst das .Mona für mich 
gemacht hat. was sehr beruhigend wirkt (anderes vergessen). 

Der Traum ist die. Reaktion auf eine Verdauungsstörung dieses Tages, ilie 
mich erwägen ließ, ob ich mich lacht wegen Bestimmung einer Diät au einen 
Kollegen wenden solle. Daß ich im Traum den im Sommer verstorbenen Oser 
dazu bestimme, knüpft an den sehr kurz, vorlier (1. Oktober) erfolgten Tod eines 
anderen von mir hochgeschätzten Universitätslehrers an. Wann ist aber O s e r 
gestorben, und wann habe ich seinen Tod erfahren? Nach dem Ausweis des 
Zeitungsblaltes am 22. August : da ich damals in Holland weilte, wohin ich dio 
Wiener" Zeitung regeluuiLig nachsenden ließ, muß ich dio Todesnachricht am 21. 
oder 25. Aunust gelesen haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner Periode 
mehr, es umlaßt V -f 30 -[- 2 = 39 Tage oder vielleicht 10 Tage. Ich kann mich 
nicht besinnen, in der Zwischenzeit von Oscr gesprochen oder an ihn gedacht 
zu haben. 

Solche für dio Pcriodenlehre nicht mehr ohne weitere üearb.ilung brauch- 
bare Intervalle ergeben sieh mui aus meinen Träumen ungleich häufiger als dio 
regulären. Konstant linde ich nur die i'u J'tut Meuip'.e'.c Beziehung zu einem 
Eindrucke des Trauui'agcs selbst. 



JJg V. Bu Trauniniat'ri»! und die Trauni<|aelleii. 

Zeilen. Der Traum kann sein Material aus jeder Zeit den Lebens 
wählen. wofern nur von den Erlebnisse« des Träumt ages (den „re- 
zenten" Eindrücken) zu diesen früheren ein Gedanken laden reicht. 

"Woher al>er die Bevorzugung 1 der rezenten Eindrücke? Wir 
werden zu Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir einen 
der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich 
wähle den Traum von der Monographie. 

Tr a U ni inhal t: Ich habe eine Monographie über eine 
gewisse Pflanze ge-schri eben. Das Buch liegt vor mir, ich 
blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um. Jedem 
Exemplar ist ein get rockne .tes Spezimen der Pflanze bei« 
gebunden, ähnlich wie aus einem Herbarium. 

Analyse: Ich habe am Vormittag im Schaufenster einer Buch- 
handlung eine neues Buch gesehen, welches sieh betitelt: 'Die Gattung 
Zyklamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze. 

Zyklamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache 
mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen mitzu- 
bringen, wie sie sich 's wünscht. — Bei dem Thema: Hlumen "mit 
bringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst. 
in» Freundeskreise erzählt und als Beweis für meine Behauptung 
verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer 
Absieht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die 
geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau, 
welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß von 
ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärtlichkeit 
an irincn) solchen Festtag und bricht, darüber in Tranen aus. Der 
Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu erklären, bis sie 
ihm sagt : Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt CT sich vor die 
«Stirn, ruft aus: Entschuldige, hab' ich doch ganz daran vergessen, 
und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie läßt sich aber nicht trösten, 
denn sie sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, 
daß sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Holle spielt wie 
einstens — Diese Frau L. ist meiner Frau vor zwei 'Tagen begegnet, 
hat dir mitgeteilt, daß sie sich wohl fühlt, und sich nach mir er- 
kundigt. Sie stand in früheren Jahren in meiner Behandlung. 

Ein neuer Ansatz: Ich habe wirblieh einmal etwas Ähnliches 
geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen 
Aufsatz über die Koka pflanze, welcher die Aufmerksamkeit von 
K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt 
hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation 
selbst angedeutet, war aber nicht gründlich genug, die Sache weiter 
zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages 
nach dem Traume izu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des 
Kokains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich 
jo Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und 
mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzte, den er 
mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht 
wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht 
sieh diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet 
haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser 



Der Traum »o.i (Kt K>taiiisclicu MoilUCrtpltlff. J19 

Entdeckung selbst einen Anteil habe- An diese Phantasie schlössen 
»ich Gedanken an. wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche 
Leistungen von Seite der Kollegen für seine Person in Anspruch zu 
nehmen. Don Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde ich 
wie ein anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum mir 
in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß sich die Erinnerung an 
ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der Ent- 
deckung Kollers war nämlich mein Vater an Glaukom erkrankt; 
er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, 
oneriert, Dr. Koller besorgte die Kokainanästhesie und machte dann 
die Bemerkung, daß bei diesem Falle sich alle die drei Personen ver- 
einigt landen, die. an der Einführung des Kokains Anteil gehabt haben. 
Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zidetzt an diese 
Geschiente des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor einigen 
Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren Er- 
scheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Ijehrers und Labo- 
laturiuinsvorslandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln des La- 
boratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die Entdeckung der 
anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch K. Koller vorge- 
fallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein Traum mit einem 
Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade Dok- 
tor Königstein nach Hause l>egleitet, mit dem ich in ein Gespräch 
über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal, wenn sie 
beiiihrl wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hausflure mit 
ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen Frau hinzu. 
Ich konnte mich nicht enthalten, die beiden darüber zu Leglück- 
wünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor Gärtner 
einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben sprach, und 
konnte m'ch wohl an diese erinnern. Auch die Frau I... deren 
liebujtstagsent täusch ung ich unlängst erzählte, war im Gespräche 
mit Dr. Königs lein, in anderem -Zusammenhänge allerdings, er- 
wähnt w rden. 

Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Traum- 
inhaltes zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der Pflanze liegt 
der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. Ans Her- 
barium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasial - 
direktor rief einmal die Schüler der höheren Klassen zusammen, um 
Ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung 
zu übergeben. Fs hatten sich kleine Würmer eingefunden — 
Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen 
gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige Blätter. Ich weiß 
noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte niemals ein be- 
sonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner botanischen Vor- 
prüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und — 
erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine 
the retischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. — Von den 
Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die 
Artischocke eine Komposite. und zwar die, welche ich meine Lieb- 
lingsblume heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir 
diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen. 



rgy V. Das TrsumiiiÄli-riiil und die XVaumqnclieib 

teil sein; die Monographie vor mir liegen, die ieli geschrieben 
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Fix- und schrieb 
mir gestern aus Berlin: ..Mit deinem Traumbuche beschäftige ich 
mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir liegen und bl ät te re- 
darin." Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet! Wenn ich 
es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen könnie! 

Die zusa mnu-ngelcgte farbige Tafel: Als ich Student der 
Medizin war. litt ieli viel unter dem Impuls, nur aus Monographien 
lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner beschr.iiiUli-ii 
Mitlei, mehrere medizinische Archive, deren farbige Tafeln mein 
Hut zücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung zur Gründlichkeit. 
Als ich dann selbst zu publizieren beganu. mußte ich auch die Tafeln 
für meine Abhandlungen zeiehuen und ich weil), daß eine derselben 
80 kümmerlieh ausfiel, daß mich ein Wohlwollender Kollege ihret- 
wegen verhölinte. Dazu kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine 
sehr frühe Jugend. •rinneruiig. Mein Väter machte sieh einmal den 
Scherz, mir und meiner ältesi'-u Schwester ein Buch mit farbigen 
Tafeln (Beschreibung einer Reise in l'ersicni zur Vernichtung zu 
über lassen. Es war erziehlich kaum zu rechtfertigen. Ich war damals 
fünf Jahre, die Schwester unter drei .Jahren alt. und das Bild, wie 
wir Kinder übcrsclig dieses Buch zerpflückten (wie eine Arti- 
schocke. Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige, 
was mir aus dieser Lebenszeit, in plastischer Erinnerung g.-blieben ist. 
Als ich dann Student wurde, entwickelte sieh bei mir eine aus- 
gesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen (analog 
der Xcignng. aus .Monographien zu studieren, eine Liebhaberei. Witt 
sie in den Tratinmedanken betreffs Zyklamen und Artischocke be- 
reits vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm {Vgl- Herbarium'. 
Ich habe diese erste Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über 
mich nachdenke, immer au 1" iliescn Kindereindruek zurückgel'ührt. 
oder .vielmehr, ich habe erkannt, daß diese Kinderszene eine „Deck- 
erinnerung - ' für meine spätere Bibliophilie ist*. Natürlich habe ich 
auch frühzeitig erfahren, daß man durch Leidenschaften leicht in 
Leiden gerät. Als ich 17 .Jahre all. war, halte ich ein ansehnliches 
Konto beim Buchhändler und keine Mittel, es zu begleichen, und mein 
Vater ließ es kaum als Entschuldigung gellen, daß sieh meine Xei 
gungeu auf nichts Böseres geworfen hallen. Die Krwähnuug dieses 
späteren Jugenderlebnisses bringt mich über, sofort zu dem Gespräche 
mit meinem Freunde. Di-. Königstein zurück. Denn um dieselben 
Vorwürfe wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nach- 
gebe, handelte es sieh auch im Gespräche am Abend dos Traumtages. 

Aus GrUnden, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung 

dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben, 
welcher zu ihr iührt. Wahrend der Dciuiingsarbcit bin ich an das 
Gespräch mit Dr. Königstein erinnert wurden, und zwar von mehr 
als einer Stelle aus. Wann ich mir vorhalte, welche Dinge in diesem 
Gespräche berührt worden sind, so wird der Sinn des Traumes mir 

• Vergleiche meinen Aufsa-tz „OIjit DeckeriuuwuOgeu" in der Monau 
sdi ritt f>.r r-vel.iatii,., uu ..l \.uro]'ian.", 1K>'J. 



AiüiItw des Tnuinir« Ton der l>ntatil<chrii Mniiojrniphio. ] '_> I 

verständlieh. Alle angefangenen Gedankengänge, von den Lieb- 
habereien meiner Flau und meinen eigenen, vom Kokain, von den 
Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter Kollegen, von meiner 
Vorliebe für monographische Studien und meiner Vernachlässigung 
gewisser Fäeher wie der Botanik, dies alles erhalt dann seine Forl- 
setzung und mündet in irgend einen der Fäden der viclverzwrigten 
Unterredung ein. Der Traum bekommt, wieder den Charakter einer 
Rechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Hecht, wie der erst ana- 
lysierte Traum von Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnen» 
Thema fort und erörtert es an einem neuen Material, welches im. 
Intervall zwischen beiden Traumen hinzugekommen ist. Selbst die 
scheinbar indifferente Ausdrucksform des Traumes bekommt einen 
Akzent Fs heißt jetzt: ich bin doch der Mann, der die wertvoll» 
und erfolgreiche Abhandlung i.über das Kokain) geschrieben hat, 
ähnlich wie ich damals zu meiner Rechtfertigung vorbrachte: Ich 
bin doch ein tüchtiger und fleißiger Student; in beiden Fallen also: 
Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf die Ausführung der 
Traumdeutung liier verzichten, weil mich zur Mitteilung des Traumes 
nur (tiu Absieht bewogen hat, an einem Beispiele die Beziehung des 
Tiaiimmhalt's zu dem erregenden Frlebnis des Vortages zu unter- 
suchen. So lange ich von diesem Traume nur den manifesten Inhalt, 
kenne, wird mir nur eine Beziehung des Traumes zu einem Tages- 
eindiuck augenfällig; nachdem ich die Analyse gemacht habe, ergibt 
sich eine zweite Quelle des Traumes in einem anderen Frlebnis des- 
selben Tages- Der erste der Eindrücke, auf welche sieh der Traum 
bezieht, ist ein gleichgültiger, ein Xebenumstand. Ich sehe im Schau- 
fenster ein Buch, de-sen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt 
mich kaum interessieren dürfte. Das zweite Frlebnis hatte einen 
hohen psychischen Wert ; ich habe mit meinem Freunde, dem Augen- 
arzt, wohl eine Stunde laug eifrig yysprochen. ihm Andeutungen ge- 
macht, die uns beiden nahegehen mußten, und Frinnerungen in mir 
wachgerufen, bei denen die. mannigfaltigsten Frregungen meines In- 
nern mir bemerklieh wurden. Überdies wurde dieses Gespräch un- 
vollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen nun 
die beiden Eindrücke des Tages zueinander und zu dem in der Nacht. 
erfolgenden Traum? 

Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleich- 
gültigen Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum mit Vor- 
liebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In 
der Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht 
erregende Frlebnis hin. Wenn icli den Sinn des Traumes, wie es 
einzig richtig ist. nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage ge- 
forderten Inhalt beurteile, so bin ich unversehens zu einer neuen und 
wichtigen Frkenntnis gelangt. Ich sehe das Ratsei zerfallen, daß der 
Traum sich nur mit den wertlosen Brocken des Tageslebens be- 
schäftigt; ich muß auch der Behauptung; widersprechen, daß das 
Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, und der 
Traum dafür psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. 
Das Gegenteil ist wahr; was uns bei Tage in Anspruch genommen 
hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und wir geben uns di» 



122 ▼■ MW Tr*ommalpri«I nnd die Tnumqiitlleti. • 

Mühe zu träumen nur bei solchen Materien, welche uns hei Tage 
Anlaß zum Denken geboten hätten- 

Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich- 
gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende 
midi zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die. daß hier wieder ein 
Phänomen der Traumen tstcllung vorliegt, welche wir oben auf eine 
als Zensur waltende psychische Macht zurückgeführt haben. Die 
Erinnerung an die Monographie über die Gattung Zyklamen erfahrt 
eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung auf das Gespräch 
mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traume von dem ver- 
hinderten Souper die Erwähnung der Freundin durch die Anspielung 
,, geräucherter Lachs" vertreten wird. Es fragt sich nur, durch welche 
Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu dem Gespräche 
mit dem Augenarzt in das Verhältnis der Anspielung treten, da eine 
solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele 
vom verhinderten Souper ist die Beziehung von vornherein gegeben; 
..geräucherter Lachs" als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne 
weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei 
der Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel han- 
delt es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts ge- 
meinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die Mono- 
graphie fällt mir am Vormittage auf, das Gespräch führe ich dann am 
Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand gibt, lautet: 
Solche erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Ein- 
drücken werden nachträglieh vom Vorslcllungsinhalt des einen zum 
Vorstellungsinhalt, des anderen angesponnen. Ich habe die betreffen- 
den Mittelglieder bereits bei der Niederschrift der Analyse hervor- 
gehoben. An die Vorstellung der Monographie über Zyklamen winde 
ich ohne Beeinflussung von ajiderswoher wohl nur die Idee knüpfen, 
daß diese die Lieblingsblume meiner Frau ist, etwa noch die Er- 
innerung an den vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube 
nicht, daß diese Hintergedanken genügt hätten, einen Traum hervor- 
zurufen. 

,.There needs no ghost, my lord, come from the trrave 
To teil us Ulis" 

beißt es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich 
daran erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, Gärtner 
hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne 'mich eben 
jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den schönen 
Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches 
Bland. Es muß so zugegangen sein, daß ich über diese Mittelglieder 
aus dem botanisches Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden 
Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, vollzog. Dann 
stellten sich weitere Beziehungen ein. zunächst die des Kokains, welche 
mit. Fug und Rächt zwischen der Person des Dr. Königstein und einer 
botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln kann, 
und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungskreise zu 
einem, so daß nun ein Stüok aus dein ersten Erlebnis als Anspielung - 
uuf das zweite verwendet werden konnte. 



Die Verwhifbang. \23 

Tcli bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine will- 
kürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre ge- 
wliehen. wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht 
hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht Flora), 
sondern Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht. "Wenn sich 
nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären wahr- 
scheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Be- 
ziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und Rätselfragen, mit 
denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen. Der Macht- 
bereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt weiter 
zu gehen: wenn sich zwischen dun beiden Eindrücken des Tages keine 
genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen lassen, so wäre 
der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger Ein- 
druck des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns 
vergessen werden, hätte für den Traum die Stelle der „Monographie," 
übernommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches ge- 
lang! und hätte dieses im Trauminhalt vertreten- Da kein anderer als 
der von der Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der 
für die Verknüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie 
wie- Manschen Schlau bei Lessing darüber zu wundern, „daß nur 
die. Reichen in der Welt das meiste Geld besitzen". 

Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar- 
stellung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psy- 
chisch Wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend 
erscheinen- In einem späteren Abschnitt werden wir uns vor der 
Aufgabe sehen, die Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten 
Operation unserem Verständnis näherzubringen. Hier haben wir es 
nur mit. dem Erfolge des Vorganges zu tun. zu dessen Annahme wir 
durch ungezählte und regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei 
der Ttaumanalyse gedrängt werden. Der Vorgang ist aber so, als ob 
eine Verschiebung — sagen wir: des psychischen Akzentes — 
auf dem Wege jener Mittelglieder zu stände käme, bis anfangs 
schwach mit Intensität geladene Vorstellungen durch Übernahme der 
Ladung von den anfänglich intonsiver besetzten zu einer Stärke ge- 
langen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu er- 
zwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es 
sich um die Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um moto- 
rische Aktionen handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre 
Zärtlichkeit auf Tiere überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher 
Sammler wird, daß der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, die 
Fahne, mit seinem Herzblut« verteidigt, daß im Liebesverhältnis 
ein um Sekunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder 
im Othello ein verlorenes Schnupftuch einen Wutausbruch, das 
sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns 
unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach 
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird, 
was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt, 
also was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften, 
und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Ver- 
raten wir hier als das Ergebnis später anzustellender Betrachtungen, 



\2', V. P:i» Tn»umm»t»riiil und lif Trmimqrll' a. 

naß der psychische Vorgang, Jen wir in der Traumverschiebung er- 
kannt haben, .-ich zwar nicht als ein krankhaft gestörter, wohl aber 
als ein vom normalen ver.scliiedcner, als eia Vorgang von mehr pri- 
niärer Natur herausstellen wird. 

Wir deuten somit die Tatsache daß der Trauminhalt Beste von 
nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der Traum- 
en! Stellung (durch Verschiebung") und erinnern daran, daß wir in 
der Traumentslellung eine Folge der zwischen zwei psychischen In- 
ätanzen bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. Wir erwarten 
dabei, daß die Traumanalysc uns regelmäßig die wirkliche, psychisch 
bedeutsame Trauini|ueüe aus dem Tageslcl)en aufdecken wird, deren 
Erinnerung jhren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben 
hat. Durch diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu 
der Theorie von Bobert gebracht, die für uns un verwendbar ge- 
worden ist. Die Tatsache, welche Bobert erklären wollte, besteht, 
eben nicht; ihre Annahme, beruht auf einem -Mißverständnis, auf der 
l" uteri assiing, für den scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn 
des Traumes einzusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehro 
von llobert einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte, 
unser Gedächtnis durch besondere psychische Arbeit von den. 
■ .Schlacken - ' der Tagescrinnerung zu befreien, so müßte unser Schla- 
fen gequälter sein und auf angestrengtere Arbeit verwendet weiden, 
als wir es von unserem wachen (jei.sleslebon behaupten können. Denn 
die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen wir 
unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß; 
die Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. Es ist 
sclir viel wahrscheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen Ein- 
drücke ohne aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor sich geht- 

Deunoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robertsehen 
Hi danken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir 
haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten 
Eindrücke d(U Tages — und zwar des letzten Tages — regelmäßig 
••inen Beitrag zum Trauminhalt liefert. Die Beziehungen zwi- 
schen diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelie im Unbe- 
wußten bestehen nicht immer von vornherein ; wie wir gesehen haben, 
werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsich- 
tigten Verschiebung! während der Traumai beit hergestellt. Es muß 
also eine Nötigung vorhanden sein. Verbindungen gerade nach der 
Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen Eindruckes anzubahnen; 
dieser muß eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität 
dazu bieten- Sonst wäre es ja ebenso leicht durchführbar, daß die 
Traumgvdanken ihren Akzent auf einen unwesentlichen Bestandteil ihres 
Piigenen Vorstellungskreises verschieben. 

Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Wog zur Auf- 
klärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse ge- 
bracht hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der 
Traum die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er gehorcht 
einem Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. B. : Ich 
stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupe ein, in 
welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren. Der- 



„t::;|i|ir'>chemeiit forci-.* \2Ö 

♦ ine war ein einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer 
vornehm»«!! Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war. Ich 
machte die beiden Herren miteinander bekannt.: ihr Verkehr ging 
nl>er während der langen Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem 

• inen, bald mit dem anderen einen Gesprächsstoff zu behandeln hatte. 
Den Kollegen bat; ich. einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine 
ärztliche Praxis begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der 
Kollege erwiderte, er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes ül>er- 
y.eugt. aber sein unscheinbares Wesen werde ihm den Eingang in 'vor- 
nehme Häuser nicht, leicht werden lassen. Ich erwiderte: Gerade 
darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden er- 
kundigte ich 'mich bald darauf nach dem Befinden seiner Tante — der 
Mutter einer meiner Patientinnen — . welche damals schwer krank 
danieder lag. In der Nacht nach dieser Heise (räumte ich, mein 
junger Freund, für den ich die Protektion erbeten hatte, befinde eich 
in einem eleganten Salon und halte vor einer ausgewählten Gesell- 
schaft, in die ich alle mir bekannten vornehmen und reichen Leute 
versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die 
4 für den Traum bereits verstorbene! alte Dame, welche die Tante 
«les zweiten Heisegenossen war. (Ich gestehe offen, daß ich mit dieser 
Dame nicht in guten Beziehungen gestanden hatte.) Mein Traum hatte 
-also wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages 
-in fgef nnden und mittels derselben eine einheitliche Situation kom- 
poniert 

Äuü Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz auf- 
stellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung bestellt, alle 
vorhandenen Traumreizqucllcn zu einer Einheit im Traume zusammen- 
zusetzen*. Wir werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in 
hinein späteren Abschnitt (über die Traumarbeit) als ein Stück der 
Verdichtung, eines anderen psychischen Primärvorganges, kennen 
lernen. 

leb will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die träum- 
«•rregende (Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein re- 
zentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß. oder ob ein inneres Er- 
lebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein 
<.»edoJikengang. die Rolle des Traumerregers übernehmen kann. Die 
Antwort, die sieh aus zahlreichen Analysen auf das be-timmteste er- 
gibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer 
Vorgang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage rezent 
geworden ist- Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die 
verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen, 
in einem Schema zusammenzustellen. 

Die Traumquelle kann sein: 

a) Ein rezentes und psychisch bedeutsame« Erlebnis, welches im 
Traume direkt vertreten ist**. 



* Die Neigung der Trnumarbeit, gleichzeitig als inlcrcssan! Vorhandenes 
in einer Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt 
r.ordeD. z. B. von Delage (p. 41). Üelboeuf: rapprochement foroc (p. 236); 
Andere hübsche Beispiele bei II. Ellis (p. 35 u. ff.) u. a. 

*• Traum von Irmas Injektion; Tronin vom Freunde, der mein Onkel ist. 



l'j(J V. In» TraumniAleriM »ml die Trniinn|urlK-n. 

hj Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum 
zu einer Einheit vereinigt werden*. 

e) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im 
Traurainhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indiffe- 
renten Erlebnisses vertreten werden**. 

d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedanken- 
gang), welches dann im Traiune regelmäßig durch die Erwähnung 
eines rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird***. 

Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Be- 
dingung festgehalten, daß «in Bestandteil des Trauminhaltes einen 
rezenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung 
im Traume bestimmte Anteil kann entweder dem Vorstellungskreis 
des eigentlichen Traumerregers selbst angehören, — und zwar entweder 
als wesentlicher oder als unwichtiger Bestandteil desselben — oder 
er rührt aus dem Hereiche eines indifferenten Eindruckes her. der 
durch mehr oder minder reichlieho Verknüpfung mit dem Kreise des 
Traumerre/rcrs in Beziehung gebracht worden ist. Die scheinbare. 
Mehrheit der Bedingungen kommt hier nur durch die Alternativa 
zu stände, daß eine Verschiebung unterblieben oder vorge- 
fallen ist, und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe. 
Leichtigkeit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der 
medizinischen Theorie des Traumes die Reihe vom partiellen bis zum 
vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. S. 53 f.). 

Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wert- 
volle, aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung') 
für die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch 
indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die beiden 
Bedingungen eingehalten wurden, daß 1. der Trauminhalt eine An- 
knüpfung an das rezent Erlebte erhält; 2. der Traumerreger ein 
psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (a) 
werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht 
man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche 
für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese 
Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrerei 
älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, ,dali 
die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen 
Wort für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt- 
betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt - 
Wir werden erst l>ei späteren psychologischen f'berlegungen erraten 
können, worin dieser Wert rezenter Eindrücke für die Trauinbildtinir 
begründet sein kann f. 

Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß 
zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Ver- 
änderungen mit. unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor 
sich gehen können. Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegen- 

* Traum von der Trauerrede des jungen Arztes. 
" Traum von der botanischen Monographie. 

* Soloher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der 
Analyse. 

t Vgl. im Abschnitt VII über die ..Cbert ragung". 



D»s Kezente und d«s Indifferente. ]27 

ln'it zu schlafen, ehe man sich endgültig über sie entscheidet, ist offen- 
bar vollberechtigt. Wir merken aber, daß wir an diesem Punkte aus 
«ler Psychologie des Träumens in die des Schlafes übergegriffen haben, 
ein Schritt, zu welchem sich der Anlaß noch öfter ergeben wird*. 

E? gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolgerun- 
gen, umzustoßen droht. AVenn indifferent« Eindrücke nur solange sie 
rezent, sind in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß 
wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden 
vorfinden, die zur Zeit, da sie rezent waren, — nach Strümpells 
"Worten, keinen psychischen Wert besaßen, also längst vergessen sein 
sollten, Elemente also, die weder frisch noch psychisch bedeutsam sind ? 

Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die 
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurot ikern stützt. Die Losung 
lautet nämlich, daß die Verschiebung', welche das psychisch wichtige 
Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das 
Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden 
hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist. Jene ursprünglich 
indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie 
durch Verschiebung . die Wertigkeit vom psychisch bedeutsamen Ma- 
terial übernommen haben. Was wirklieh indifferent geblieben ist, kanu 
auch nicht, mehr im Traume reproduziert werden- 

Aus den vorstehenden Erörterungen, wird man mit Rächt schlie- 
ßen, daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten 
Traumerreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller 
Strenge und Ausschließliclikeit meine Meinung, abgesehen von den 
Träumen der Kinder und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächt- 
liche Sensationen. Was man sonst träumt, ist entweder manifest als 
psychisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann erst 
nach vollzogener Traumdeutung zu "beurteilen, worauf es sich wie- 
derum als bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich nie mit 
Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlafe nicht stö- 
ren**. Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg, wenn 

, • Einen nichtigen Beitrat;. der die Rolle des Itczenten für die Traum- 
bildung betrifft, bringt 0. Potzl in einer an Anknüpfungen überreichen Arbeit 
(Experimentell erregt« Traumbilder in ihren Beziehungen zum indirekten Sehen. 
Zettschr. für die ges. Neurologie und Psychiatrie XXXVII, 1917). Pötzl ließ 
von verschiedenen Versuchspersonen in Zeichnung fixieren, was sie von einem 
tachiatoskopisch exponierten Bild bewußt aufgefaßt hatten. Er kümmerte sich 
dann um den Traum der Versuchsperson in der folgenden Nacht und ließ 
geeignete Anteile dieses Traumes gleichfalls durch eine Zeichnung darstellen. 
Es ergab sich dann unverkennbar, daß die nicht von der Versuchsperson auf- 
Kefaßton Einzelheiten des exponierten Bildes Material für die Traurabildung gu- 
liefert hatten, während die bewußt wahrgenommenen und in der Zeichnung 
räch der Exposition fixiorton im manifesten Trauminhalt nicht wieder erschienen 
waren. Das von der Traumarbeib aufgenommene Material wurde von ihr in der 
bekannten ..willkürlichen", richtiger: selbstherrlichen Art im Dienste der traum- 
bildenden Tendenzen verarbeitet. Die Anregungen der Pöt zischen Untersuchung 
gehon weit über die Absichten einer Traumdeutung, wie sie in diesem Buche 
versucht wird, hinaus. Es äei noch mit einem Wort darauf hingewiesen, wie 
weit diese neue Art, dio Traambildung experimentell zu studieren, von der 
früheren groben Technik absteht, die darin bestand, sehlafstörcnde Heize in den 
Trauminhalt einzuführen. ■ •■ .... 

** H. Ellis, der liebenswürdigste Kritiker der „Traumdeutung'*, schreibt 
(p. 169): „Da ist der Punkt, von dem an vi'le von uns nicht meto im stando 



J -;,»j V. I>t- l'raummKI -ri;il und die Traiini.|u •llc.'i. 

man sich um ihre Deutung bemüht : wenn man mir die Redensart ge- 
stattet, sie haben es ..faustdick liinier di-n Ohren". Da dies wiederum 
<-in Punkt isf. bei dem ieli Wiilerspruch erwarten darf, und da ich 
.gern die Gelegenheit ergreife, die Trauntcntslellung liei ihivr Arbeit 
ZU zeigen, will ich eine Reihe von ..harmlosen" Träumen aus mei- 
ner Sammlung hier der Analyse unterziehen. 

1. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben 
zu den Reservierten, zu den ..stillen Wassern" gehört, erzählt: Ich 
habe geträumt. dalJ ich auf den Markt zu spät komme und 
beim Fleischhauer sowie bei der Gemüse trau nichts be- 
komme. Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum nicht 
aus; ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Bericht 
folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer K .'ich in. 
die der. Korb t rügt. Der F leiseh hau er sagt i h r. nachdem sie 
r t was verlangt ha t : Das ist nicht mehr zu haben, und will 
ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung: Das ist auch 
gut. Sie lehnt ab und geht zur Gemiiaefra.li. Die will ihr 
ein eigentümliches Gemüse verkaufen, was in Bündeln zu- 
sam nnngebuuden ist. aber schwarz von Farbe. Sie sagt: 
Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht. 

Die Tagesanknüpfung des Traume-; ist einfach genug- Sie war 
"wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr be- 
kommen. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt sich 
«inem als Beschreibung des Erlebnisse* auf. Doch halt, ist das nicht 
eine re^ht gemeine Redensart., die - oder vielmehr deren Gegenteil 
— auf eine Naehlässiffkeit in der Kleidung eines Manne« geht ? Die 
Träumerin hat diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist ihnen viel- 
leicht ausgewichen; suchen wir nach der Deutung der im Traume 
enthaltenen Einzelheiten. 

Wo etwa.s im Traume den Charakter einer Bede hat. also c^snjrl 
oder gehört wird, nicht bfoß gedacht — was sieh meist sicher Hill er- 
scheinen läßt — . da stammt es von Reden des wachen Bebens her. 
die freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise VO rändert, 
vor allem aber aus dem Zusanimenhantr«' gerissen worden sind*. 
Man kann bei der Dcutungsarfieif von solchen Reden ausgehen. Woher 
stammt also die Bede des Flrisehhauers : Da« ist nicht mehr zu 
haben? Von mir selbst; ich halle ihr einige Tage vorher erklärt. 
..daß die ältesten Kindererlebiiisse nicht mehr als solche, zu haben 
sind, sondern durch .rhortnigunji'cn' und Träume, in der Analyse 
ersetzt werden". Ich hin also «1er Fleischhauer, und sie lehnt diese 
( hertragungen alter Denk- und Empl'indungsweisen auf die Gegenwart 
:ili. — Woher rührt ihre Traumrede: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht '■ Diese ist für die Analyse zu zerteilen. ..Das 
kenne ich nicht" hat sie selbst Tags vorher zu ihrer Köchin ge- 

-<i-in iv erden. F. weiter zu f Oleen." Allein IL Ullis hat keine Analysen von 
Trriiurten angOStollt unil will nicht glauben, wie unberechtigt das Urteilen nach 
<l.in manifesten Tnuiminhnlt ist. 

• Vgl. über die Heden im Tranme im Abschnitte über die Traumnrbcit. 
Y.'v\ einziger der Autoren scheint die Herkunft, der Traumrcdch erkannt zu haben, 
Pelbocnf (p. 226), indem er sie mit „clirluV vergleicht. 



llnrml. se Trfuimc. j 2'J 

Sagt, inil der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt : Ne- 
in' hm en Sie sieh anständig. Hier wird eine Verschiebung greif- 
bar; von den beiden Sühzeu, die sie gegen ihn? Köchin gebraucht, 
hat sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unter- 
drückte aber: „Benehmen Sie sieh anständig!" stimmt allein zum 
übrigen Trauminhalt. So konnte man jemandem zurufen, der unan- 
ständige Zumutungen wagt und vergißt. ..die Fleischbank zuzu- 
flrhlißßen". Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen 
sind, bewßifii dann der Zusammenklang mit den Anspielungen, die 
in der Begebenheit mit der C?cmüscfrau niedergelegt sind. Hin (!<■- 
tniise. das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich 
ist. wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann 
«las anderes sein als die Traumvereinigiing von Spargel und schwur- 
zem Bett ig!' Spargel brauche ich keinem und keiner Wissendeu zu 
deuten, aber auch das andere Gemüse — als Zuruf: Schwarzer, 
reit" dich! — scheint mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzu- 
weisen, das wir gleich anfangs errieten, als wir für die Traumerz.ih- 
lung einsetzen wollten: die Fleischbank war geschlossen. Es kommt 
nicht darauf an. den Sinn dieses Traumes vollständig zu erkennen; 
so viel steht fest, daß er sinnreich ist und keineswegs harmlos*. 

II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in ge- 
wisser Hinsicht i in Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt: 
Soll man das K 1 a vie r n i cht stimm en lassen? Si e: Es lohnt 
nicht es muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die 
.Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so 
gefragt und sie so ähnlich geantwortet- Aber was bedeutet es. daß 
sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein ekelhafter 
Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann 
schon vor der Ehe besessen hat** usw., aber den Schlüssel zur Lo- 
sung ergibt doch erst die. Bede: Es lohnt nicht. Diese stammt 
von einem gestern .gemachten Besuche bei ihrer Freuodin. Dort wurde 
sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den 
"Worten, es lohnt nicht, ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung 
muß mir einfallen, daß sie gestern während der Analysenarlteit plötz- 
lich an ihre .lacke griff, an rler sieh ein Knopf geöffnet hatte. Es ist 
also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht. 
So ergänzt sich der Kasten zum Brustkasten, und die Deutung 
des Traumes führt direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung, 

* Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sielt ciue Phan- 
tasie verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen meinerseits 
und von Abwehr von Seile der Dame. Wem diese Deutung unerhört erscheinen 
sollte, den mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Arzte, solche Anklagen von 
hysterischeu Frauen erfuhren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht 
entstellt und als Traum aufgetreten, sondern unverbaut bewußt und wahnhaft 
geworden ist. — Mit. diesem Traume trat die Falientiu in die psychoanalytische 
Behandlung ein. Ich lernte erst später verstehen, daü sij mit ihm das initiale 
Trauma wiederholte, von dem ihre Neurose ausging, und habe seither das gleiche 
Vei halten bei anderen Personen gefunden, die in ihrer Kindheit sexuellen Atten- 
taten ausgesetzt waren und nun gleichsam deren Wiederholung im Traume her- 
beiwünschten. 

** Ein« Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klir 
werden wird. 

PffAAd, Trmurml.'iilnnf, 7 Avil f 



jjjlj V. Dan Traiimmfitmal und die Traumuuelleu. 

da sie anfing, mit ihren Körpcrfornion unzufrieden zu sein. Es führt, 
auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das , .Ekelhaft" und 
dos „schlechten Ton" Rücksicht nehmen und uns daran erinnern, 
wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Korpers — als 
Gegensatz und als Ersatz — für die großen eintreten, — in der An- 
spielung und im Traume. 

III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harm- 
losen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, da IS 
er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist- 
Anlaß dieses Traumes ist. angeblich die plötzlich wieder eingetretene 
Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die beide» 
kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in der 
Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was könnt« daran 
„schrecklich" sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses Trau- 
mes bringt auch der erste Einfall bei der Analyse die Erinnerung, daß 
eino Dame ihm gestern vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind 
einem geplatzten Kondom seine Existenz verdankt. Er rekonstruiert 
nun seiue Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner Kondom ist ge- 
fährlich, ein dicker schlecht. Der Kondom ist der „Überzieher" mit 
Rocht, man zieht ihn ja über; so heißt man auch einen leichten Rock. 
Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete wäre für den un- 
verheirateten Mann allerdings „schrecklich". — Nun wieder zurück 
zu unserer harmlosen Träumerin. 

IV. Sie stockt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze 
ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die Mäd- 
chen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt; das Fräu- 
lein aber, ea sei nicht ihre Schuld. 

Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze 
in den Leuchter gesirekt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine 
durchsichtige Symbolik verwundet worden- Die Kerze ist, ein Gegen- 
stand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so 
daß sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes 
(„es sei nicht ihre Schuld"). Ob nur die sorgfältig erzogene und 
allem Häßlichen fremd gebliebene junge Frau diese Verwendung der 
Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch welches Fr- 
lebnis sie zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt 
auf dem Rhein fährt ein Boot, an ihnen vorüber, in dein Studenten« 
sitzen, welche mit großem Behagen ein Lied singen oder brüllen: 
„Wenn die Königin von Schweden hei geschlosseneu Fensterläden mit 
Apollokerzen . . . ." 

Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Dir Mann muß 
ihr die vorlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im .Trauin- 
inhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag, den 
sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, und zwar vermöge 
des Gemeinsamen: geschlossene Fensterläden. Die Verbindung 
des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar 'genug. „Apollo" 
im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren, 
in dem von der jungfräulichen Pallas die Red" 1 war. Alles wahrlich 
nicht harmlos. 



Harmlose Triliime. JJ1 

V. Dnmit man surft dje Schlüsse aus den Träumen auf die 
Wirklichen Lebensverhältnisse der Traumer nicht zu leicht vorstelle, 
füge ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint |Und 
von derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt 
sie, was ich bei Tag wirklieh gel an habe, nämlich einen 
kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe 
hatte, ihn zu schließen, und ich habe es so geträumt, wie 
es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das 
Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum und "Wirklichkeit. 
Alle solche Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traume, ge- 
hören nun, obwohl sie sich eineu Platz im wachen Denken geschaffen 
haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns noch 
spätere Beispiele bestätigen werden- Es wird uns also gesagt, das, (Was 
der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen*. Es ,wäre 
nun zu weitläufig, mit zuteilen, auf welchem Wege man zum Einfall« 
kommt, bei der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, 
es handeil sich wieder um eine kleine box (vgl. S. 108 den Traum vom 
toten Kind in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts 
nie hi- hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal. 

In all diesen „harmlosen" Träumen schlägt das sexuelle Mo- 
ment als Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein 
Thema von prinzipieller Bcdciilung, welches wir zur Seite stellen 
müssen. 

b) Das Infantile als Tra u m quelle. 

Als dritte unter den Eigen! ümlichkeiten des Trauminhaltes haben 
wir mit allen Autoren (bis auf Itobert) angeführt, daß im Trauma 
Eindrücke aus den frühesten .Lebensaltern erscheinen können, über 
welche dad Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügon scheint. Wie 
selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer 
zu beurteilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes nach dem 
Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß 
es sich hier um Eindrücke der Kindheit handelt, muß also auf objek- 
tivem Wege erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in 
seltenen Fällen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig 
wird von A. Maury die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher 
eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit seinen 
Heimatsort. aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise, träumte er, «r 
sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne daselbst 
auf der Straße, einem unbekannicu Herrn, mit dem er sich unterhalte. 
In seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun überzeugen, daß 
diese unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner Heimatstadt wirk- 
lich existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte sich 
als ein dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl 
ein zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in 
seiner Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als Ungedulds- 
traum zu deuten wie der des Mädchens, welches da.s Billet für den 
Konzertabend in der Tasche trägt (S. 108), des Kindes, welchem der 
Vater den Ausflug nach dem Hameau versprochen hat, u. dgl. Die 

• Vgl. s. 15, Note. 



i;;j> v. Das J'rauniuiati-rial und die Traune|iiell>- 

Mofive. welche dem TrüUWii'r gerade die*«« Eindruck aus seiner Kind- 
Jieit. reproduzieren, sind natürlich olui>- Analyse nicht aufzudecken. 

Einer meiner Kolleghörer, welcher sieh rühmte, daß seine. 
Träume nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir 
inii. dal' er vor einiger Zeil im Traume gesehen, sein ehemaliger 
Hofmeister liefinde. sieh im Bette der Bonne, die bis zu 
seinem eilten Jahre im Hause gewesen war. Die Ori liehkeil für diese 
Szene fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er den 
Traum seinem alteren Bruder mit. der ihm höhend die "WirkliVhkeit :des 
Geträumten bestäl igte. Er erinnere sieh sehr gut dann, denn er sei 
damals sechs .lahrc alt gewesen. Das Liebespaar pflegte ihn. den 
älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn die Umstände 
einem nächtlichen Verkehre, günstig waren- Das kleinere, damals drei- 
jährige Kind - unser Träunn-r — , das im Zimmer der Bonne schlief, 
wurde nicht als Störung betrachtet. 

Noch in einem anderen Falle läßt es sieh mit Sicherheit ohne 
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus 
tief Kindheil enthüll, wenn nämlich der Traum ein sogenannter 
perennierender ist. der. in der Kindheit zuerst geträumt, später 
immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwach- 
senen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich 'einige 
aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir •elbst einen 
solchen perennierenden Traum nicht kennen gelernt habe. Ein Arzt 
in den Dreißigern erzählte mir. daß in seinem Traumleben von den 
ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein 
gelber Löwe erscheint- über den er die genaueste Auskunft zu geben 
vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich 
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus 
Porzellan vor. und ihr junge Mann hörte damals von seiner Mutter, 
«laß dieses Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeil 
gewesen war, woran er sieh selbsl nicht nichr erinnern konnte. 

AVcndet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den 
Traumgedankcn. welche ci>1 «lie Analyse aufdeckt, so kann man mit 
Erstaunen die Mitwirkung der Kindheilserlehnisse auch bei solchen 
Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung er- 
weckt hätte- Dem geehrten Kollegen vom ..gelben Löwen" verdanke 
ich ein besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines 
solchen Traumes. Nach der Lektüre von Nansens Reisebericht über 
seine I'olarexpedition träumte er. in einer Eiswüste galvanisiere er 
den kühnen Forschet wegen piner Ischias, über welche dieser klage! 
Zur Analyse dieses Traumes fiel ihm eine Geschichte aus seiner 
Kindheit ein. ohne welche der Traum allerdings unverständlich hleibt- 
Als er ein drei- oder vierjähriges Kind war, hörte er eines Tage« 
neugierig zu. wie die. Erwachsenen von Entdeckungsreisen sprachen, 
und fragte dann den Papa, ob das eine schwere Krankheit sei. Er 
hatte offenbar Reisen mit ..Reißen" verwechselt, und der Spott 
eeinPT Geschwister sorgte dafür, daß ihm das beschämende Erlebnis 
nicht in Vergessenheit geriet. 

Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse 
des Traumes von der Monographie über die Gattung Zyklamen auf 



Di» tnfkntilo Moment Im Ülukvi(Riaiii; 133 

t ine erhallen gebliebene Jugenderinnernng stoße, daß der Vater dem 
fünfjährigen Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes Buch 
zur Zerstörung überläßt. Man wird etwa den Zweifel aufwerfen, ob 
dies« Erinnerung wirklich an der Gestaltung des Trauminhaltes An- 
teil genommen hat. ob nicht vielmehr die Arbeit der Analyse einn 
Beziehung erst nachträglich lierstellt. Abel' die Reichhaltigkeit und 
Vi'i'schlungenheit der Assoziationsverki.üpfungpn bürgt für die ersten.« 
Auffassung: Zyklamen — Licblingsblunic -- Eieblingsspeisc — Ar- 
tischocke; zerpflücken wie eine Artischocke. Blatt für Blatt u-iin- 
Wendung, die einem anläßlich der Teilung des ehinesisehen Reiches 
damals täglich ans Ohr schlug); - Herlmriuin — Bücherwurm, dessen 
Eiehlingsspeise Bücher sind. Außerdem kann ich versichern, daß der 
letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht ausgeführt habe, zum 
Inhalt der Kinderszenc, in intimster Beziehung steht. 

Bei einer anderen (leihe von Träumen wird man durch die 
Analyse belehrt, daß der "Wunsch selbst, der den Traum erregt hat, 
als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kindericben 
stammt, so daß man zu seiner Überraschung im Traume das. Kind 
mit seinen Impulsen weiterlebend findet- 

Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus 
dem wir bereits einmal neue. Belehrung geschöpft haben, ich meine 
den Traum: Freund R. ist mein Onkel (S. 9fii. Wir haben dessen 
Deutung so weit gefördert, daß uns das Wunselunotiv. zum Professur 
ernannt zu werden, greifbar entgegentrat, und wir erklärten mi.s die 
Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als einn Oppositions- und 
Trotzsehöpfung gegen die Schmähung der beiden Kollegen, die in den 
Traumgedanken enthalten war. IV r Traum war mein eigener; ich 
darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, daß mein 
Gefühl durch die erreichte Lösung mich nicht befriedigt war. Ich 
wußte, daß mein l'rteil über die in den Traumgedanken mißhandel- 
ten Kollegen im Wachen ganz anders nehmtet hätte; die Macht des 
."Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung nicht zu teilen, 
erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und 
Traum-Schätzung well aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem 
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist 
dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht, an mir kenne, den 
ich fern von mir glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich 
zu kennen glauben, in diesem Punkte über mich urteilen würden; 
vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen; :il>er wenn, so 
hat er sich längst, auf andere Objekte, als auf Titel und Bang eines 
Professor extraordinarius geworfen- 

Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben 
hat? Da fällt mir ein was ich so oft in der Kindheit erzählen 

gehört, habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den 

Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen 
großen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr 
häufig vor fallen; es gibt so viel erwartungsvolle Mütter und eo viel 
alte Bäuerinnen oder andere alte Wcib-r. deren Macht auf Erden 
vergangen ist. und die sich darum der Zukunft zugewendet haben. 
Es wird auch nicht der Sehade der Prophetin ge.wespn sein. Sollte 



Jj},| V. I»im Trnuiiiiiialerial und äio 'I 'nmnii|Uellen. 

meine G)-..ß.iiselinsiic1ii aus dieser Quelle stammen? Aber da besinne 
icli mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren .Tugendjahren, 
der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war eines 
Abends in einem der Wirtshäuser im Prater- wohin die Eltern den 
eil'- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein 
Mann auffiel, 'der von Tisch zu Tiseh ging und für ein kleine* 
Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich 
wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, Und 
er erwies sieh dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe 
fragte, ließ er einige Reime iÖ»e mich fallen und erklärte es in 
seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister" 
weide- An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich 
noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministeriums, 
der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doktoren 
Herbst, Giskra. l.'nger. Bergor u. Fl. nach Hause gebracht, und 
wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert. Es waren sogar .Juden 
unter ihnen; jeder fleißige. Judenknabe trug also das Ministerporte- 
feuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken jener Zeit 
sogar zusammenhangen, daß ich bis kurz vor der Inskription an 
der Universität willens war. Jura zu studieren, und erst im letzten 
Moment umsattelte. Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn über- 
haupt verschlossen. Und nun mein Traum ! Ich merke es erst jetzt, 
daß er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeil 
des Bürgerministcriiims zurückversetzt und meinen Wunsch von da- 
mals nach seinen Kräften erfüllt, Indem ich die beiden gelehrten 
und achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht be- 
handle, den einen, als ob er ein Schwachkopf. den anderen, als ob 
er ein Verbrecher wäre- indem ich so verfahre, benehme ich mich, 
als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Mini- 
sters gesetzt- Welch gründliche Hache an Sr. Exzellenz! Er ver- 
weigert es. mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich 
wetze mich dafür im Traume an seine Stelle. 

In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch, 
welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine 
mächtige Verstärkung aus tüj [reichenden Kindei'erinncrunv,en bezieht. 
Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehn- 
sucht, nach Korn zu kommen, zu Grunde liegt- leb werde diese 
Sehnsucht, wohl noch lange Zeit durch Traume befriedigen müssen, 
denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Ver- 
fügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten der Gesund- 
heit zu meiden*. So träume, ich denn einmal, daß ich vom Coupe- 
fenster aus Tiber und Engclsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug 
in Bewegung, und es fällt mir ein. daß ich die Stadt ja gar nicht, 
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem 
bekannten Stiche nachgebildet] den ich Tags zuvor im Salon eines 
Patienten flüchtig bemerkt hatte Ein andermal führt mich jemand 
auf einen Hügel und zeigt mir Rom. vom Nebel halb 'verschleiert und 
noch so fem, daß ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht 

* Ich habe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher lauge 
für unerreichter gehaltener Wünsche nur etwas Jim erfordert wird. 



SeliiiMichtatritume von Rom. 135 

Rundere. Der Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier aus- 
führen möchte. Das Motiv, „das Gelobte Land von fern sehen", ist 
darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im Nebel ge- 
sehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in — 
tt 1 riehen berg. In einem dritten Traume bin ich endlich in Rom, 
wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung 
eine keineswegs städtische Szenerie, ein en kleinen Fluß mit dunk- 
lem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze Felsen, 
auf der anderen Wies«- u mit großen weißen Blumen. Ich be- 
merke einen Herrn Zucker (den ich oberflächlich kenne) und 
beschließe, ihn um den Weg in die Stadt zu fragen- Es ist 
offenbar, daß ich mich vergebens bemühe, eine Stadt im Traume 
zu sehen, die ich im Wachen nicht gesehen habe. Wenn ich das 
Landschaftsbild des Traumes in seine Elemente zersetze, so deuten 
die weißen Blumen auf das mir bekannte Ravenna, das wenigstens 
eine Zeitlang- als Italiens Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen 
hatte. In den Sümpfen um Ravenna haben wir die schönsten See- 
rosen mitten im schwarzen Wasser gefunden; der Traum läßt sie 
auf Wiesen wachsen wie die Narzissen in unserem Aussee, weil es 
damals so mühselig war, sie aus dem Wasser zu holen- Der dunkle 
Fels, so nahe am Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei 
Karlsbad. „Karlsbad" setzt mich nun in den Stand, mir den ( sonder- 
baren Zug zu erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. 
Es sind hier in dem Material, aus dem der Traum gesponnen ist, 
zwei jener lustigen jüdischen Anekdoten zu erkennen, die so viel 
tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit verbergen, und die wir in Ge- 
sprächen und Briefen so gern zitieren. Die eine ist die Geschichte von 
der , , Konstitution", des Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Pahrbillet 
den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt, 
bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer härter behandelt, 
wird, und der dann einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner 
Leidensstationen antrifft, auf die Frage, wohin er reise, zur Ant- 
wort gibt. „Wenns meine Konstitution aushält — nach Karls- 
bad.' - Nahe dabei ruht im Gedächtnis eine andere Geschichte von 
einem des Französischen unkundigen Juden., dem eingeschärft wird, 
in Paris nach dem Wege zur Rue. Richelieu zu fragen. Auch Paria 
war lang. Jahre hindurch ein Ziel meiner Sehnsucht, und die Selig- 
keit, in welcher ich zuerst den Fuß auf das Pflaster von Paris 
setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich auch die Erfüllung anderer: 
.Wünsche erreichen werde. Das Uin-den Weg- Fragen ist ferner eine 
direkte Anspielung an Rom. denn nach Rom tühren bekanntlich 
alle Wege Übrigens deutet der Name Zucker wiederum auf Karls- 
bad, wohin wir doch alle mit der konstitutionellen Krankheit 
Diabete* Behafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der 
Voi-schlag meines Berliner Freundes, uns zu Ostern in Prag zutreffen. 
Aus den Dingen, die ich mit ihm zu besprechen hatte, würde sich 
eine weitere Beziehung zu Zucker und Diabetes ergeben. 

Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich 
wieder nach Rom. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundern 
mich darüber, daß dort so viele deutsche Plakate angeschlagen sind. 



|36 V. IIa» Traumiuattrial und dl« Traum<|iiellcu. 

Tags vorher Stalte ich meinem Freunde in prophetischer Voraussieht 
geschrieben, Prag dürfte für deutselie Spaziergänger kein bequemer 
Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig den Wunsch 
aus, ihn in Rom zu tröffen anstatt in einer böhmischen Stadt, und 
das wahrscheinlich aus der Studienzeit stammende! Interesse daran, 
daß in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge. 
Die tschechische Sprache muß icli übrigens in meinen drei ersten 
Kinderjahreii verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte Mährens, 
mit slawischer Bevölkerung geboren hin- Ein tschechischer Kinder- 
vers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sieh meinem Gedächt- 
nis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann, 
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeulung habe- Es fehlt also 
auch dies -n Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den 
Eindrücken meiner ersten Lebensjahre. 

Auf meiner letzter/ Italienreise, die mich unter anderem am 
Trasimencrscc. vorül.enührte, fand ich endlieh, nachdem ich den 
Tiber gesehen und scann rzlieh bewegt 80 Kilomeier weit von Rom 
umgekehrt war, die Vorstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach 
der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht- Ich erwog gerade- 
den Plan, nächstes Jahr an Rom vorbei nach Neapel zu reisen, 
als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer klassischen Schrift- 
steller gelesen haben muß: Es ist, fraglieh, wer eifriger in seiner 
Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefaßt, nach Rom zu 
gehen, der Konrektor AV inekel mann oder der Feldherr ITanni- 
hal. Ich war ja auf den Spuren Haunibalt? gewandelt! es war 
mir so wenig wie ihm besehieden. Rom zu sehen, und auch er war 
nach Kampanien gezogen, nachdem alle Welt ihn in Rom er- 
wartet hatte. Hanuibal. mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht 
halte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen; 
wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während der 
Punisehen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager zuge- 
wendet- Als dann im Olwigymnasium das erste Verständnis für die 
Konsequenzen der Abstammung aus landes fremder Rasse erwuehs. 
und die antisemitischen Hegungen unter den Kameraden mahnten 
Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen Feldherrn 
noch höher in meinen Augen- Hannibal und Rom symbolisierten 
dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des Judentums 
und der Organisation der katholischen Kirche- Die Bedeutung, welche 
die. antisemitische Bewegung seither für unser Gemütslehcn gewonnen 
hat. verhalf dann den Gedanken und Empfindungen jener frühen 
Zeit zur Fixierung. So ist der Wunsch, nach Rom zu kommen, für 
das Traumleben zum Deckmantel und Symbol für mehrere ändert» 
heißersehnle "Wünsche geworden, an deren Verwirklichung man mit 
der Ausdauer und Ausschließlichkeit des Piinier.- arbeiten möchte, und 
deren Erfüllung zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt 
scheint wie der Lcbenswunsch Hannibals. in Koni i-inzuziehen- 

Fnd nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, .las in all diesen 
Empfindungen und Träumen noeli heute seine Macht äußert. Ich 
nineiiie zehn oder zwölf Jahr« gewesen sein, als mein Vater begann, 
mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen 



Das infantile Mmiirut v.a den Iftanträumrn, j;;7 

si'ino Ansichten über die Dinge dieser AVeit zu eröffnen. So erzählte 
er mir einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere Zeiten ich ge- 
komnien sei als er: Als ich ein junger Mensch war. hin ich in deinem 
Geburtsorte am Samstag in der Straße spazieren gegangen, schön gc- 
kh'idei. mit einer neuen Pelzmütze au!' dein Kopfe. Di kämmt ein 
Christ daher, haut mir mit einem Schlafe die Mütze in den Kot und 
ruft dabei: Jini, herunter vom Trotten.'! „Und was hast du getan?" 
Ich hin auf den Fahrweg gegangen und hahe die Mütze aufgehoben, 
war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von 
dem großen starken Manne, der mich Kleinen au der Hand führte. 
Ich stellte dieser Situation, die mich nicht lief rieil igte, eine andern 
gegenüber, die, meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in 
welcher llannibals Vater, Humilkar* Barkas. seinen Knaben 
vor dem Ilaiisallar schwüren laßt, an den Romern Rache zu nehmen. 
Seitdem hatte llannihal einen Platz in meinen Phantasien. 

Ich meine, daß ich die Schwärmerei für den karthagischen Ge- 
neral noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen kann, 
so daß es sich auch hier nur um die "Übertragung einer bereits ge- 
bildeten Affekt relation auf einen neuen Trager handeln dürfte. Eines 
der ersten Bücher, das dem lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war 
'l'hi eis' Konsulat und Kaiserreich; ich erinnere mich, daß ich meinen 
Holzsoldalcn kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen Marschälle 
auf den flachen Rücken geklebt, und daß damals schon Massen;!, (als 
Jude.: Menasse) mein erklärter Liebling war. (Diese Bevorzugung 
wird wohl auch durch den Zufall des gleichen Geburtsdatums, genau 
hundert, .Jahre später, aufzuklären sein.) Napoleon selbst selilicßt 
sich durch den Übergang über die Alpen an Hannihal an. Und 
vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses Kricgerideals noch weiter 
zurück in die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund- 
schalt liehe, bald kriegerische. Verkehr während der ersten drei Jahre 
mit einem um ein .Jahr älteren Knaben bei dein .schwächeren der bei- 
den Gespielen hervorrufen mußte- 

•Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto- 
häufiger wird mau auf die Spur von Kindheit serlebnisseu geführt, 
welche im latenten Traurainhalt eine Bulle als Traumquellen spielen. 

Wir hallen gehört (S- 11), daß der Traum sehr selten Er- 
innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt un'd unverändert den 
alleinigen manifesten Traiimiuhalt bilden. Immerhin sind einige Bei- 
spiele für dieses Vorkommen sichergestellt, zu denen ich -inige neue 
hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infant liszenen bezichen. Bei 
einem meinet Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum entstellte 
Wiedergabe eines Schnellen Vorfalles, die sofort als getreue Er- 
innerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen zwar 
nie völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden, und 
ihre Noubelehung war ein r'rfnlg der Vorausgegangenen analytischen 
Arbeit. Der Träumer halle mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kol- 
legen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig liei einer Be- 

* In clor oralen Auflage ttunil liier der Xuuie : lln * 6 t n l> Et I, ein bel'reuiUenilar 
Irrtum, dessen Aufklärung icll in meiner „Ptiychopallii'Iugie <l"s AlUas-dpIx-ns" 
iTWil, ifoi, .«. Aufl. 1917) gcBotien imiie. 



J38 ^'- l ,a » TraummaterUI und die Tr.iunn)tiellcü. 

wegung im Belle entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer 
Art Zwang ergriffen, entblößte er sich selbst imd faßte das Glied 
des anderen, der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf 
er verlegen wurde und abließ- Diese Szene wiederholte ein Traum 
23 JaJire spätor auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommen- 
den Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der Triiumor an- 
statt der aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person .des 
Schulkollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt wurde. 

In der Kegel freilieh ist die Infanlilszene im manifesten Traum 
inhaJt nur durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung 
aus dem Traume entwickelt werden- Die Mitteilung solcher Beispiele 
kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen- weil ja für diese Kinder- 
erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in 
ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt. 
Das Kecht. überhaupt aus Träumen auf solche. Kinderei lebnisse zu 
sehließen, ergibt sieli bei der psychoanalytischen Arbeit aus einer 
ganzen Reibe von Momenten, die in ihrem Zusammenwirken ver- 
läßlich genug erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung iuus ihrem 
Zusammenhange gerissen, werden solche Zuriiekführungen von Trau- 
meel auf Kindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders 
da ich nicht einmal alles Material mitteile, auf welches sieh die 
Deutung stützt. Indes will ich mich von der Mitteilung darum nicht 
abhalten lassen. 

I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charak- 
ter de.s ,. Gehetzten" ; sie. hetzt sich, um zureeht zu kommen, den 
Eisenbahnzug nicht zu versäumen u. dg'L In einem Traume soll sie 
ihre Freundin besuchen : die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht- 
gehen; sie läuft aber und fällt, dabei in einem fort- — Das 
bei der Analyse auftauchende. Material gestattet, die Erinnerung an 
Kinder he tzereien zu erkennen (man weiß, was der "Wiener „eine 
Hetz' : nennt).' und gibt speziell für den einen Traum die Zurück- 
führung auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die 'Kuh 
rannte bis sie fiel" so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges 
Wort wäre, was wiederum «in ..Hetzen" ist Alle diese harmlosen 
Hetzereien unter kleinen Freundinnen werden erinnert, weil sie a.mb>r,e. 
minder harmlose, ersetzen. 

IL Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem 
großen Zimmer, in dem a- 1 1 e. r I e i Maschinen stehen, et vra so. 
wie sie sich eine, orthopädische Anstalt vorstellt. Sie hört, 
daß ich keine Zeit habe, und daß sie die Behandlung gleich- 
zeitig mit fünf anderen machen muß. Sie st raubt sich aber 
und will sich in das für sie bestimmte Bett — oder was es 
ist — nicht legen. Sie steht in einem Winkel und wartet, 
daß ich sage, es ist nicht wahr. Die and er. n lachen sie unter- 
des aus. es sei Faxerei von ihr. — Daneben, als ob sie viele 
kleine Quadrate machen würde. 

Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an die 
Kur und Übertragung auf mich. Der zweite enthält die Anspielung 
an die Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die l>ciden 
Stücke aneinander gelötet, Die orthopädische Anstalt geht auf eine 



Aufdeckung von Kiudlieitaerlebuiasen bei der Traumdeutung. 139 

meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung- ihrer Dauer wie 
ihrem "Wesen nach mit einer orthopädischen verglichen hatte. 
Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mitteilen, daß ich vor- 
läufig wenig Zeit für sie hätte, ihr aber später eine ganze 
.Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte Empfindlichkeit 
in ihr rege, die ein Haupteharakterzug der zur Hysterie bestimmten 
Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war 
die jüngste von sechs Geschwistern (daher: mit fünf anderen) und 
als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu haben, 
daß der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeilt 
widme. — Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat fol- 
gende Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid ge- 
bracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren 
Mann, ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere- 
Der Mann, tun sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im 
Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und wartete 
darauf, daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun läßt 
sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob sie 
mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die doppelte 
Zeit widme, ein Gedanke, der geizig oder schmutzig ist- (Die. Un- 
roinlichkcit der Kinderzeit wird sehr häufig vom Traume durch 
Geldgeiz ersetzt; das Wort ..schmutzig" bildet dabei die Brücke.) 
"Wenn all das vom "Warten, bis ich sage usw.. das Wort „schmutzig" 
im Traume umschreiben soll, so stimmt, das Im-Winkel-Stchen und 
das Sich-nicht-ins-Bett-Legen dazu als Bestandteil einer Kinder- 
szene, in der sie das Bett schmutzig gemacht hätte, zur Strafe in den 
Winkel gestellt wird unter der Androhung, daß sie der Papainicht 
mehr liebhaben werde, die Geschwister sie auslachen usw. Die kloinen 
Quadrate zielen auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst ge- 
zeigt, wie man in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, 
daß 9ie, nach allen Richtungen addiert. 15 ergeben. 

III. Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die 
sich balgen, und zwar Fa ßbinderknaben, wie er aus den h er- 
u inliegenden Gerätschaf ton schließt; ei ner der Knaben hat 
den anderen niedergeworfen, der liegende Knabe hat Ohr- 
ringe mit blauen Steinen. Kr eilt dem Missetäter mit er- 
hobenem Stocke nach, um ihn zu züchtigen. Dieser flüch- 
tet zu einer Frau, die bei einem Bretterzaun steht, als ob 
sie seine Muttor wäre. Es i st eine. Taglöhnersf rau, die dem 
Träumer den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie sich um 
ll nd 6chaut ihn mit einem gi äßlichen Blicke an, so daß. er er- 
schreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom un- 
iiien Lid das rote Fleisch vorstehen. 

Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlieh 
verwertet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße ge- 
sehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzue'ilte, um 
zu schlichten, ergriffen sie beide die Flucht. — Faßbinderknaben: 
wird erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Ana- 
lyse er die Redensart gebraucht: Dem Faß den Boden ausschla- 
gen. — Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung 



14'l f. l^" 3 Traunjtiiiitcriiil uiul >liu TrauiiujUL-lleii. 

meist die Prostit uierten. So lügt sich oin bekannter Klipphorn- 
vers von zwei Knaben an: Der andere Knabe, dl'l" !iieß Maria 
ul. h.: war ein Mädchen). — Die. siehende Frau: Xacli iler ^zi-n 
mit den beiden Knaben ging er am Donauiiler spazieren und benütztu 
clio Einsamkeit dort, um gegen einen Bretterzaun zu urinieren 
Auf dem weiteren Wege lächelte ihn eine anständig gcklcidclc. ttlt<*Tft 
Dann- sehr freundlich an und wollte ihm ihre AdrclJkarte überreichen. 

Da die Frau im Traume so stellt wie er beim Urinieren, uo 
handelt es sich um rän urinierendes Weih, und dazu gehört dann der 
gräßliche .,Anbl ick", das Vorstehen des roten Fleisches, was sich 
nur auf die beim Kauern klaffenden (Jenitalien beziehen kann. die. 
in der Kindcrze.it gesehen, in der späteren Erinnerung ata ..wilde* 
Kleiseh 1 '. als ..Wunde" wieder auftreten; Der Traum vereinigt zwei 
Aidiisse, bei denen der kleine Knabe die Genitalien kleiner .Mädchen 
sehen konnte, beim Hinwerfen und l>ci deren ü linieren, und 
wie aus dem anderen Zusammenhang hervorgehl, bewahrt er die Er- 
innerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters wegen der 
von dem Buben l>ci diesen Anlässen bewiesenen sexuellen Neugierde. 

IV. Eine ganze Summe von Kindeivrinnerungcn, zu einer Phan- 
tasie notdürftig vereinigt, findet sieh hintat' folgendem Traume einer 
jüngeren Dame. 

Sie geht in Hetze ans. Kommissionen zu machen. Auf 
dorn Graben sinkt sie lann, wie zusammengebrochen, iu 
die Knien. Viele Leute sammeln sich um sie. besonders die 
Fiaker kut scher; aber niemand hilft ihr auf. Sie macht, 
viele vergeh! iehe Vc rsuche; endlich muß es gelungen sei n, 
denn man setzt sie in einen Fiaker, der sie nach Ha Ufa 
bringen soll: durchs Fenster wirft man ihr einen großen 
schwer gefüllten Korb nach (.ähnlich einem Eiukaufs- 
kor be). 

Es ist dieselbe, die in iliren Träumen immer gehetzt, wird, wio 
ßie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist offenbar 
von dem Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie auch 
das ..Zusammenbrechen" auf 'Wettrennen deutet. Sie war in jungen 
Jahren B eiterin. in noch jüngeren wahrscheinlich auch Pferd. 
Zu dem Hinstürzen gehört die erst« 1 Kindheitscrinncrung an den 
17jährigen Sohn des Portiere, der, auf der Straße von epileptischen 
Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde. Di von 
hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von epileptischen 
Krämpfen, vom ..Hinfallenden" hat große Macht über ihre Phan- 
tasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen Anfälle in 
ihrer Form beeinfluß!. — Wann eine F'rauensperson vom Fallen 
träumt, so hat das wohl legclmäßig einen sexuellen Sinn, sie wird 
eine ..Gefallene"; für unseren Traum wird diese Deutung am 
wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem Graben, jenem 
Platze von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der 
Einkaufskorb gibt mehr als eine Deutung: als Korb erinnert er 
an die vielen Körbe, die sie Klieret ihren Freiern ausgeteilt, und 
später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann 
auch, daß ihr niemand aufhelfen will, was sie selbst als Ycr- 



KiiidereindrOcliir im latenten Tronminhnlt, 1.)J 

selimflhtwerden auslegt. Ferner erinnert der E i u ka u fskorb an Phan- 
tasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen sie 
lief UQter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte ein- 
kauf-n geht. Endlich aber könnte der Eiukaufskorb als Zeichen einer 
dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun Weitere 
Kindheitserinnerungen, an eine. Köchin, die weggeschickt wurde, 
weil sie. stahl: die ist auch so in die Kniec gesunken und hat ge- 
fleht Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein Stubenmädchen, 
das Weggeschickt wurde, weil BS sieh mit dem Kutscher des Hauses 
abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese Erinnerung ergibt, 
uns also eine Quelle für die Kutschet' im Traume (die sieh im 
Gegensatz zur AVirkIiclikf.it der Gefallenen nicht annehmen). Es 
bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und zwar durchs 
Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expedieren des Ge- 
päcks auf der Eisenbahn, an das „Fensterin" auf dem "Lande, 
an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer 
Dame lilaue Pflaumen durchs Fenster in ihr Zimmer wirft, wie 
tlir« 1 kleine Schwester sieh gefürchtet, weil ein vorübergehender Trottel 
durchs Fenster ins Zimmer sah. Und nun taucht dahinter eine dunkle 
Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahr« 1 auf von einer Bonne, die 
auf dem Lande Liebesszenen mit einem Diener des Hauses aufführte, 
von denen das Kind doch etwas gemerkt haben konnte, und die mit- 
samt ihrem Liebhaber ..expediert". ..hinausgeworfen - ' wurde 
(im Traume der Gegensatz: „hineingeworfen"'), eine Geschichte, 
der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her genähert, hatten. 
Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, wird aber in Wien 
geringschätzig als die „sieben Zwetschken" bezeichnet, „Pack' 
deine sieben Zwetschken zusammen, und geh'." 

An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel 
oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den ersten 
drei Lehensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich Überreichen 
Vorrat- Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für 
den Traum im allgemeinen gelten sollen: es handelt sich ja regelmäßig 
um neurotische, speziell hysterische Personen, und die Rolle, welelie 
den Kinderszenen in diesen Träumen zufallt, könnte durch die Natur 
der Neurose und nicht durch das Wesen des Traumes bedingt sein. 
Indes begegnet es mir bei der Deutung meiner eigenen Träume, die 
ich doch nicht wegen grober Leidenssymptome unternehme, ebenso 
oft. daß ich im latenten Trauniinhalt unvermutet auf eine Infant il- 
axc.no stoße, und daß mir eine ganze Serie von Traumen mit e.inem- 
mal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet. 
Beispiele, hiefür habe ich schon erbracht und werde ich noch bei 
verschiedenen Anlässen weiter erbringen. Vielleicht kann ich den 
ganzen Abschnitt nicht besser beschließen als durch Mitteilung einiger 
eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langve.rgessene Kinder- 
erlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten. 

Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht 
habe, melden sieh im Schlafe die großen Bedürfnisse, des Lebens und 
ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise 
geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine 



]42 ^". l' n " Trkommateri»! uml >li- Tniumqurlieu, 

die Wirtin ist und etwas in dor Hand dreht, als ob sie 
Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll, 
biß sie fertig ist i'nicht deutlich als Bede). Ich werde un- 
geduldig. und gehe beleidigt weg. Ich ziehe einen Über- 
rock an; der erste, den ich versuche, ist mir aber zu lang 
Ich ziehe ihn wieder aus, etwas überraselit, daß er Pelz- 
besatz hat. Ein zweiter, den icli anziehe, hat einen langen 
Streifen mit. türkischer Zeichnung ein gesetzt. Ein Frem- 
der mit langem Gesichte und kurzem Spitzbarte kommt 
hinzu und hindert mich am Anziehen, indem er ihn für den 
seinen erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über und über 
türkisch gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sic die türki- 
schen (Zeichuungen, Streifen . . . .) an? Wir sind aber dann 
ganz freundlich miteinander. 

Li der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der 
erste Bomau ein, den ich, vielleicht 13jährig, gelesen d. h- mit dem 
Ende des ersten Bandes begonnen hatte. Den Namen des ßomans 
und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun 
in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft 
beständig die drei Erauennamen, die ihm im Leben das größte Glück 
und das Unheil bedeutet haben. Pclagie ist einer dieser Xaun-11. 
Noch weiß ich nicht, was ich mit. diesem Einfall in 1er Analyse 
beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei Parzen 
auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine 
der drei Frauen, die Wirtin im Traume, die -Mutter ist, die das 
Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden die, erste 
Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liehe und Hunger. Ein 
junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein grußer Verehrer der 
Frauenschönheit wurde, äußerte einmal, als die Bede auf die schöne 
Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gut.-. 
Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu haben. Ich pflege 
mich der Anekdote zur Erläuterung für das Moment der Nach- 
träglichkeit im Mechanismus der Psychoneurosen zu bedienen. 
— Die eine der Parzen also reib), die Handflächen aneinander, als oh 
sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäftigung für ein»-. 
Purze. welche dringend der Aufklärung bedarf I Diese kommt nun 
aus einer anderen und früheren Kindererinnerung. Als ich sechs 
Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter genoß, 
sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur 
Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich 
zweifelte die Lclu'e an. Da rieb die Mutter die Handflächen anein- 
ander — ganz ähnlich wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein 
Teig zwischen ihnen befindet. — und zeigt« mir die schwärzlichen 
Kpidermisschuppen, die sich dabei abreiben, als eine Probe der 
Erde, aus der wir gemacht sind, vor. Mein Erstaunen über diese 
Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich ergab mich in das, 
was ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte-' Du bist der 
Natur einen Tod schuldig*. So sind es also wirklich Parzen, zu 

* Beide zu diesen Kinders&encn gehörigen Affekt©, das Erstaunen und di» 
Kr;_. tiung in» Cnvermc-idliclie, landen sich in einem Traume kuri vorher, der 
mir tneret die Krlanurung an dJoaea Kindirerlebnis wiederbrachte. 



Kimlheitsrrtoneruiigeu iu eiueiu llnngercrauin. \±$ 

denen ich in die Küche gehe, wie so oft in den Kindcrjuhrcn, wenn 
ich hungrig war, und die .Mutter beim Herd muh mahnte zu warten, 
bis das Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel ! Wenigstens 
einer meiner Universitätslehrer, aber gerade der. dem ich meine histo- 
logischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, konnte sich "bei dem 
Namen Knödel an eine Person erinnern, die er belangen mußte, weil 
sie ein Plagiat an seinen Schriften begangen hatte. Ein Plagiat, 
begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch wenn es; 
"inem anderen gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes, 
in dem ich wie der Überroekdieb behandelt werde, der eine Zeit- 
lang in den Hörsälen sein Wesen trieb- Ich habe den Ausdruck' 
Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich mir darbot, und 
nun merke ich, daß er dem latenten Trauminhalt angehören muß. 
weil er als Brücke zwischen den verschiedenen Stücken des manifesten 
Trauminhaltes dienen kann. Die Assozintionskettc — Pelagie — 
Plagiat — Plagioe tomen* (.Haitische) — Fischblase ver- 
bindet den alten Roman mit der Affäre Knüdl und mit. den Über- 
ziehern, die ja offenbar ein Gerat der sexuellen Technik bedeuten. 
I Vgl. Maurys Traum vom Kilo — Lotto, p. 141.) Eine höchst 
gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch keine, die ich 
im Wachen hersfeilen könnte, wenn sie nicht schon durch die Trauni- 
arbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drange. Verbindungen zu er- 
zwingen, gar nichts heilig wäre, dient nun der teure Nanie Brücke 
i Wor1 brücke a. o.) dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in 
dem ick ineine glück liebsten Stünden als Schüler verbracht, sonst, 
ganz bedürfnislos („So wird's Euch an der Weisheit Brüsten mit 
jedem Tage mehr gelüsten"), im vollsten Gegensatz zu den Be- 
gierden, die mich, während ich träume, plagen. Und endlich taucht, 
die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name 
wiederum an etwas Eßbares anklingt i.Fleisehl, wie Knödl) und 
an eine traurige Szene, in der Epidermisschuppen eine Rolle 
spielen (die Mutter — Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und 
ein Mittel aus der lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, 
das Kokain. 

So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiterfolgen 
und das in der Analyse fehlende Stück dos Traumes voll aufklären, 
aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die es 
erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen der Fäden auf, 
der direkt zu einem der dem Gewirre zu Grunde liegenden Traum- 
gedanken führen kann. Der Fremde mit langem Gesichte und Spitz- 
barte, der mich am Anziehen hindern will, trägt die Züge eines 
Kaufmannes in Spalato. bei dem meine Frau reichlich türkische 
Stoffe eingekauft hat. Er hieß Popovic, ein verdächtiger Name, der 
auch dem Humoristen Stettenheim zu einer andeutungsvollen Be- 
merkung Anlaß gegeben hat. („Er nannte mir seinen Namen und 
drückte mir errötend die Hand.") übrigens derselbe Mißbrauch mit, 
Namen wie oben mit Pelagie, Knödl, Brücke, Eleischl. Dali 
eolcho Namenspielerei Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch 

* Die Plagios tomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen micU 
an eine, ärgerliche Gelegenheit von Bhimuge vor d«'uiselheu Lehrer, 



] | 1 V bat Trainiiiiinlcriil uii.l ilir TrttOniq ii'lliu. 

behaupten; «cnn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der 
Vergeltung, ilenn mein eigener Name ist unzähligemale solchen 
$n •liwitdisiiniiirrn Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte 
einmal, wir empfind lieh man für seinen Namen ist. mit dein man 
sich verwachsen fühlt wie mit seiner Haut, ftla Herder auf seinen 
Namen dichtete: 

,.I)cr du vnii (iüllern abstammst, von Otiten oder vom Kote - ' — 

,.So seid ihr ('< 81 I erhilder auch zu Staub-" 

Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von 
Namwi nur diese Klage vorbereiten sollte. Alier (jreelten wir hier 
ab. — Der Einkiuf in Spalalo mahnt mich an einen anderen Ein- 
kauf in Cattaro. hei dem ich allzu zurückhaltend war und die Ge- 
legenheit zu schonen Erwerbungen versäumte. (Die (tolcgenhe.it bei 
der Auinie versäumt, s. o.; Einer der Traumgedanken, die dorn 
Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich nichts 
«Mitgehen lassen, nehmen, was man haben kann, auch wenn 
ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man soll keine G e- 
legcnlicit versäumen, das Leben ist so kurz, der Tod un- 
vermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist und weil die Be- 
gierde vor dem 1'nrechl nicht haltmachen will, hat dieses ..carpe 
diein" die Zensur zu fürchten und muß sieh hinter einem Traume 
verbergen. Dazu kommen nun alle tJegengedanken zu Wort, die Ei- 
Ümci'UUg an die Zeil, da die geistige Nahrung dum Träumer 
allein genügte, alle Abhaltungen und seihst die Drohungen mit den 
ckclhaUCJI sexuellen Strafen. 

il. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht: 
'Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, tun meine Ferienreise 
nach Aussee anziitreien. gehe aber schon zum früher abgehenden 
Lachler Zuge auf den IVrron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun 
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Isehl fährt. Er war trotz 
de* Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Ein- 
gangst ür für Lokalzüge hinausgetreten unil hatte den Türhüter, der 
ihn nicht, kannte und ihm das Billet abnehmen wollte, mit einer 
kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll 
dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist. den Perron wieder 
verlassen und in den hei Ben Wartesaal zurückgehen, setze oa aber 
mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vert reihe mir die Zeit damit, 
aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem l'rotektionswoge 
ein Coupe anweisen zu lassen; nehme mir vor. dann Lärm zu schlagen, 
d. h. gleiches Hecht zu verlangen. Tulei-dessen singe ich mir dwus 
vor, was ich dann als die Arie aus Figarus Hochzeit erkenne: 

„"Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, 

Tänzelein wagen. 
Soll ers nur sagen. 
Ich spiel" ihm eins :iuf." 

iF.in anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt) 
Ich war den ganzen Abend in ühermütiger. streitlustiger St im- 
mune- gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzcll, hoffentlich 



Kiu revolutionier Traum. \M 

ohne ihnen wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und revolu- 
tionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros 
passen und zur Erinnerung an die Komödie von Beaumarchais, 
die ich in der Comedie francaise auf führen gesehen. Das "Wort ,von 
den großen Herren, die sich die Mühe gegeben haben, geboren zu 
werden; das Herrenrecht, das der Graf Almaviva bei Susanne zur 
Geltung bringen will; die Scherze, die unsere bösen oppositionellen 
Tagschreiber mit dem Namen des Grafen Thun anstellen, indem sie 
ihn Graf Nichtsthun nennen- Ich beneide ihn wirklich nicht; er hat 
jetzt einen schweren Gang zum Kaiser, und ich bin der eigentliche 
Graf Nichtsthun; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige Ferien- 
vorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als Regierun^s- 
vortreter bei den medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der sich 
durch seine Leistungen in dieser Rollo den schmeichelhaften Bei- 
namen des ..Regierungsbeischläfers" zugezogen hat. Er verlangt, unter 
Berufung auf seine amtliche Eigenschaft ein Halbcoupe erster Klasse, 
und ich höre den Beamten zu einem anderen sagen : Wo geben wir 
den Herrn mit der halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich 
zahle meine erste Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Ckuipö 
für mich, aber nicht in einem durchgehenden Wagen, so dali mir die 
Nacht über kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage beim 
Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm den Vor- 
schlag mache, in diesem Coupe wenigstens ein Loch im Boden an- 
bringen zu lassen für etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich er- 
wache auch wirklich um a / 4 3 Uhr morgens mit Harndrang aus nach- 
stehendem Traume. 

Menschenmenge, Studentenversanimlung. — iiin Graf 
(Thun oderTaaffe) redet- Aufgefordert, etwas über die Deut- 
schen zu sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde für ihre 
Lieblingsblume den Huflattich und steckt dann etwas 
wie ein zerfetztes Blatt, eigentlich ein zu sammenge knü 11- 
tos Blattgerippe ins Knopfloch. Ich fahre auf, fahre also 
auf*, wundere mich aber doch über diese meine Gesinnung. 
Dann undeutlicher: Als ob es die Aula wäre, die Zugänge be- 
setzt, und man müßte fliehen. Ich bahne mir den Weg durch 
eine Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar 
Regierungszimmern mit Möbeln in einer Farbe zwischen 
braun und violett, und komme endlich in einen Gang, 
in dorn eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauenzim- 
mer, sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält 
mich aber offenbar für berechtigt, hierzu passieren, denn 
sie fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute 
oder sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen bleiben, und 
komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich die Kontrolle 
am Ende vermeide- So bin ich drunten und finde einen 
schmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe. 

* Diese Wiederholung hat sieh, scheinbar aus Zerstreutheit, in ileu Text 
des Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zi-igt, 
daß sie i'.iro Bedeutung hat. 

yrtut , TraumriruluDj. 7 Aufl. 10 



14G v - D * s Tranmmaterial and dio Traumcinellen. 

Wieder undeutlich .... Als ob jetzt die zweite Aufgabe 
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem 
Hause. Ich fahre, in einem Einspänner und gebe ihm Auf- 
trag, zu einem Bahnhofe zu fahren- „Auf der Bahnstrecke 
selbst kann ich nicht mit Ihnen fahren," sage ich, 'nachdem 
er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn übermüdet 
hätte. Dabei ist es. als wäre ich schon eine Strecke mit ihm 
gefahren, die man sonst mit der Bahn fahrt. Die Bahnhöfe 
sind besetzt; ich überlege, ob ich nach Krems oder Znaim 
soll, denke aber, dort wird der Hof sein, und entscheide 
mich für Graz oder so etwas. Nun sitze ich im Waggon, der 
ähnlich einem Stadtbahn wagen ist, und habe im Knopf- 
loch ein eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran 
violett braune Veilchen aus starrem Stoffe, was den Leu- 
ten sehr auffällt. Hier bricht die Szene ab. 

Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit 
einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt zu 
bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausgeführt. Den- 
ken und Erleben ist hier gleichsam eins. Er stellt sich 
blind, wenigstens auf einem Auge, und ich halte ihm ein 
männliches Uringlas vor (das wir in der Stadt kaufen 
mußten oder gekauft haben). Ich bin also sein Kranken- 
pfleger und muß ihm das Glas geben, weil er blind ist. 
Wenn der Kondukteur uns so sieht, muß er uns als unaiii- 
fällig entkommen laBsen. Dabei ist die Stellung des Be- 
treffenden und sein urinierendes Glied plastisch gesehen. 
Darauf das Erwachen mit Harndrang. 

Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie, 
dio den Träumer in das Revolutionsjahr 18-18 versetzt, dessen An- 
denken ja durch das Jubiläum des Jahres 180S erneuert, war, wie 
überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wach au, bei dem ich 
Emmersdorf kennen gelernt hatte, welchen Ort ich fälschlich für den 
Ruhesitz des Studentenführers Fischhof hielt, auf den einige Züge 
des manifesten Trauminhaltes weisen mögen. Die Gedankenverbindung 
führt mich dann nach England, in das Haus meines Bruders, der 
Beiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago" nach 
dem Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder 
zu rektifizieren gewöhnt waren: Fifteen years ago- Diese Phantasie, 
die eich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick des Grafen 
Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade italienischer 
Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude dahinter vor- 
gesetzt; anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft, ver- 
worren, und Bestandteile aus dem Innern drängen >-"iT4*-.an vielen Stel- 
len durch. Die erste Situation dos Traumes ist aus niedreren Szenen 
zusammengebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütig Stellung 
des Graten im Traume ist kopiert nach einer Gymuasiabeene aus 
meinem 15. Jahre. Wir hatten gegen einen mißliebigen und «Ignoran- 
ten Lehrer eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege war, 
der sich seitdem Heinrich VIII. von England zum Vorbilde ge- 
nommen zu haben scheint. Die Führung des Hauptschlages tiel mir 



Analyse des revolutionären Traume». 147 

zu, und eine Diskussion über die Bedeutung der Donau für Österreich. 
(Wachau!) war der Anlaß, bei dorn es zur offenen Empörung kam. 
Ein Mitverschworener war der einzige aristokratische Kollege, dfen 
wir hatten, wegen seiner auffälligen Längenentwicklung die ..G i raf f e" 
genannt, und der stand, vom Schultyrannen, dem Professor der deut- 
schen Sprache, zur Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das 
Erklären der Lieblingsblume und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas, 
was wieder eine Blume sein muß (was an die Orchideen erinnert, die 
ich einer Freundin am selben Tage gebracht hatte, und außerdem an 
eine Kose von Jericho), mahnt auffällig an die Szene .aus den Königs- 
dramen Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der 
weißen Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs V1TL hat den /Weg 
zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit, von den Rosen 
zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der 
Analyse- zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere spanisch: 
Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. — Isabel ita, no Mores 
quo se marchitan las flores. Das Spanische vom Figaro her.) Die 
weißen Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der Antisemiten, 
die roten das der Sozialdemokraten geworden. Dahinter eine Er- 
innerung an eine antisemitische Herausforderung während einer Eisen- 
bahnfahrt yn schönen Sachsenland (Angelsachsen). Die dritte 
Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsituation 
abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit- In einem deut- 
schen Studentenvereine gab es eine Diskussion über das Verhältnis 
der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner Junge, der 
materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um einen höchst ein- 
seitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein überlegener älterer 
Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen hat, Menschen zu len- 
ken und Massen zu organisieren, der übrigens auch einen Namen aus 
dem Tierreiche trägt, und machte uns tüchtig herunter; auch er habe 
in seiner Jugend die Schweine gehütet und sei dann reuig ins Vater- 
haus zurückgekehrt. Ich fuhr auf (wie im Traume), wurde sau- 
grob und antwortete, seitdem ich wüßte, daß er die Schweine ge- 
hütet, wunderte ich mich nicht mehr über den Ton seiner Re- 
den. (Im Traume wundere ich mich über meine deutschnationale Ge- 
sinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde von vielen Seiten aufgefordert, 
meine Worte zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der Beleidigte 
war zu verständig, um das Ansinnen einer Herausforderung, das 
man an ihn richtete, anzunehmen, und ließ die Sache auf sich beruhen. 
Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen 
Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „Hufla.tti.ch" 
proklamiert? Hier muß ich meine Assoziations reihe l>efragen. Huf- 
lattich — lattice — Salat — Salathund (der Hund, der anderen 
nicht gönnt, was er doch Selber nicht frißt). Hier sieht man durch 
auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Gir-affc, Schwein, Sau, 
Hund; ich wüßte auch auf dem l'mwoge über einen Namen zu einem 
Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka- 
demischen Lehrer- Außerdem übersetze ich mir — ich weiß nicht, 
ob mit Recht — Huflattich mit ..p isse- en-lit"; die Kenntnis 
kommt mir aus dem Germinal Zolas, in dem die Kinder auf- 



10- 



148 V. Das Trnumniateritil iiuil die Trnumqnelleu. 

gefordert werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund — cliien — 
entliält in seinem Namen einen Anklang an die größere Funktion 
(chier, wie pisser für die kleinere). Nun werden wir bald das 
Unanständige in allen drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn 
im selben Germina 1, der mit der künftigen Revolution genug zu tun 
hat, ist ein ganz eigentümlicher Welt kämpf beschrieben, der sich auf 
die Produktion gasförmiger Exkretionen, Flatus genannt, bezieht* 
Und nun muß ieh bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem 
angelegt ist, von den Blumen aus über das spanische Verslein, 
die Isabeli t a, zu Isa bella und Ferdinand, über Heinrich VIJL, 
die englische Geschichte zum Kampfe der Armada gegen England 
nach dessen siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille präg- 
ten mit der Inschrift: Afflavit et dissipati sunt, da 'der Sturmwind 
die spanische Flotte zerstreut, hatte- Diesen Spruch gedachte- ich aber 
zur halb scherzhalt gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie" 
zu nehmen, wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde 
von meiner Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben. 

Von der zweiten Szene des Traumes kann ieh eine so ausführ- 
liche. Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten .1er Zensur. 
Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener 
Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt, 
an Incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube, ich 
wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu passieren, obwohl 
ein Hofi.it (Aula, consiliarius aulicus) mir den größeren Teil 
jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im Traume 
verdankt ihre Anregung dem Salonwagen Sr. Exzellenz, in den ieh 
einen Moment hineinblicken konnte; sie bedeutet aber, wie so häufig 
im Traume, Frauenzimmer (ärarische Frauenzimmer). Mit der 
Person der Haushälterin statte ich einer geistreichen älteren Dame 
schlechten Dank für die Bewirtung und die vielen guten Geschichten 
ab, die mir in ihrem HaÜCO geboten worden sind- , — Der Zug mit 
der Lampe geht auf Grillparzer zurück, der ein reizendes Erlebnis 
ähnlichen Inhaltes notiert, und dann in Hero und Leander (des 
Meeres und der Liebe Wellen — die Armada und der Sturm) 
verwendet hat**. 

Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke 
muß ich zurückhalten: ieh werde nur jene Elemente herausgreifen, 
die zu den beiden Kinderszenen führen, um dereii Willen ich den 
Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Hecht vermuten, 
daß es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung 
nötigt ; man braucht sieh aber mit dieser Aufklärung nicht zufrieden 

* Nicht im ticrininal, sondern in I,a Torre. Ein Irrtum, der mir eist 
nach der Analyse. Unmerklich wird. — Ich mache übrigens auf die identischen 
Buchstaben in Unflat* i< und Flatus aufmerksam. 

** Au diesem Teil des Traumes hat H. Silberer in einer inhaltsreichen 
Arbeit (Phantasie und Mythos, I'JlU) zu zeigen versucht, claU die Traumarbeit 
nicht nur die latenten Tnuim^redanken, sond tu auch diu psychischen Vorgänge 
bei der Traumbilden? wiederzugeben vermöge. (,,D:ls funktionale Phänomen".) 
Ich meine aber, er übrrsi dit dabei, dali die „psychischen Vorgänge bei der Trnura- 
bildnng" für mich ein Gedanken m aterial sind wie alles andere. In diesem über- 
mütigen Tiaum bin ich offenbar stolz darauf, dieso Vorgänge, entdeckt zu haben. 



liifuntilv» Material zum revolutlouüreu Trnum. 149 

üu geben. Man macht doch sich selbst aus vielem kein Geheimnis, 
was mau vor anderen als Geheimnis behandeln muß, und hier handelt 
es sich nicht um die Gründe, die mich nötigen, die Lösung zu ver- 
bergen, sondern um die Motive der inneren Zensur, welche den eigent- 
lichen Inhalt des Traumes vor mir seihst verstecken. Ich muß also 
darum sagen, daß die Analyse diese drei Traumstücke als impertinente 
Prahlereien, als Ausfluß eines lächerliehen, in meinem wachen Leben 
längst unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit ein- 
zelnen Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich 
komme mir sehlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des 
Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf 
allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf|die .Redensart: 
.Was kostet Graz? in der man sich gefällt,, wenn man sich über- 
reich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais' unüber- 
troffene Schilderung von dem Leben und. Taten des Gargan tua (und 
seines Sohnes Pantagruel denken will- wird auch den angedeuteten 
Inhalt des ersten Traumstüekes unter die Prahlereien einreihen können. 
Zu dun zwei versprochenen Kinderszenen gehört aber folgendes: Ich 
hatte, für diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, ein 
Braun violett, im Traume mehrmals auftritt (violettbraune Veil- 
chen aus starrem Stoffe neben ein"m Dingo, das mau „Mädchenlänger" 
heißt — die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man mit etwa3 
Neuem der. Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun 
ist mir folgende Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren 
Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich 
soll — im Alter von zwei Jahren — noch gelegentlich das Bett 
naß gemacht haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam, 
den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich ihm in 
N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues schönes, rotes Bett, 
kaufen werde. (Daher im Traume die Einschaltung, daß wir das Glas 
in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten; was man 
versprochen hat. muß man halten.) (Man beachte übrigens die Zu- 
sammenstellung des männlichen Glases und des weiblichen Koffers, 
box.) Der ganze Größenwahn des Kindes ist in diesem Versprechen 
enthalten. Die Bedeutung der Harnschwierigkeiten des Kindes für den 
Traum ist uns bereits bei einer früheren Traumdeutung (vgl. den 
Traum S. 139) aufgefallen. Aus den Psychoanalysen an Neurotischen 
haben wir auch den intimen Zusammenhang des Bettnässens mit dem 
( 'harakterzug des Ehrgeizes erkannt- 

Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als 
ich sieben oder acht Jahre alt war, an den. ich mich sehr wohl erinnere. 
Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der 
Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in 
deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Straf- 
redo darüber die Bemerkung fallen: aus dem Buben wird nichts wer- 
den. Es muß eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen 
sein, denn Anspielungen an diese Szene kehren immer in meinen 
Träumen wieder und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistun- 
gen und Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst du, ich bin 
doch etwas geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das 



250 \ ■ Ota Traummntorud und die Trnumi|uellen. 

letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Rollen ver- 
tauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da die Blindheit 
auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet*, uriniert jetzt 
vor mir, wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom mahne ich ihn 
an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich 
damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich mich über ihn 
lustig; weil er Llind ist. muß ich ihm das Glas vorhalten «und 
schwelge in Anspielungen auf meine Erkenntnisse in der Lehre von 
der Hysterie, auf die hh stote bin**. 

Wenn die beiden llrinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne- 
dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam 
ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zufällige Um- 
stand zu gute, daß mein Coupe kein Kloset. besaß, und ich vorbereitet 
sein mußte, während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen, was dann 
am Morgen auch eintraf. Ich erwachte dann mit. den .Empfindungen 
des körperlichen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte geneigt sein, 
diesen Empfindungen die, Rollo des eigentlichen Traumerregers zuzu- 

* Andere Deutung: Er ist einäugig wie Od hin, der Göttervater. — 
Od h ins Trost. — Der Trost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neue* 
Bett kaufen werde. 

** Dazu einiges Deuttingsinaterial: Das Vorhalten des Glases erinnert au 
diä Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht 
lesen kann. — (Bauernfänger — Mädchenfänger im vorigen Traumstück.) 
— Die Behandluug des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in 
Zolas La Terre. — Die traurige Genugtuung, dal) der Vater in seinen letzten 
Lebenstagen wie ein Kind das Bett beschmutzt hat; dalier bin ich im Traume 
sein Krimkonpfleger. — „Denken und Erleben sind hier gleichsam eins" er- 
innert an ein stark revolutionäres Buchdrama von Oskar Panizza, in dem 
Gottvater als paralytischer Greis schmählich genug behandelt wird; dort heißt 
es: Wille und Tat sind bei ihm eins, uad er muß von seinem Erzengel, oimlr 
Art Ganymed, abgeluüton werden zu schimpfen und zu fluchen, weil diese Ver- 
wünschungen sich sofort erfüllen würden. — Das Flänemachen ist ein aus 
späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf gegen den Vater, wie überhaupt 
der ganze rebellische, majeslätsbeleidigcndo und die hohe Obrigkeit verhöhnende 
Inhalt des Traumes auf' Auflehnung gegen den Vater zurückgeht. Der Kürst 
heißt Landesvator, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzig« 
Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen Kultur- 
geschichte die anderen sozialer Obrigkeiten hervorgegangen sind (insofern nicht 
das ,, Mutlerrecht" zur Einschränkung dieses Satzes nöti,»t.) — Die l'assung im 
Traumo „Denken und Erleben sind Eins", zielt, auf die Erklärung der hysterischen 
Symptome, zu der auch das männliche Glas eine jeziehung hat. Einem 
WiiTier brauchte ich das Prinzip des „Gschnas" nic.it auseinanderzusetzen ; 
os besteht darin, Gegsnstände von seltenem und wertvollem Ansehen aus trivi- 
alem, am liebsten komischem und wertlosem Material aerzusteilen, z. B. liüslun- 
gen eus Kochtopfen, Strohwischen und Salzstangeln, rie es unsere Künstler an 
ihren lustigen Abenden lieben. loh hatte nun geiiKrkt, daß die Hysterischen 
os ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich lugestouen ist, gestalten sie 
sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phlr.tasiebegpbenhciten, die sie 
aus dein harmlosesten und banalsten Material d«« Erlebens aufbauen. An diesen 
Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen der wirk- 
lichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder gleichfalls harmlos. Diese 
Aulklärung hatte mir übor viele Schwierigkeiten hinweggeholfen und machte 
mir viel Ereude, Ich konnte Bie mit dem Traunielemeut des „männlichen 
Glases" andeuten, weil mir von dem letzten „Gsehnasabend" erzählt worden 
war, es sei dor ein Giftbecher der Lukrczia Borgia ausgestellt gewesen, dessen 
Kern und Hauptbeslandteil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern 
gebräuchlich ist, gebildet hätte. 



Die wahrscheinliche Kolle des Infantilen dir die Tnraznbildung. J ;l i 

weisen, würde aber einer anderen Auffassung den Vorzug geben, 
nämlich, daß die Traumgedanken erst den Harndrang hervorgerufen 
haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgend ein 
Bedürfnis im Schlafe gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses 
Erwachens, 3 / 4 3 Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne ich 
durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren 
Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen 
verspürt habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Sehaden 
unentschieden lassen. 

Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse auf- 
merksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren Deu- 
tung zunächst vollständig erscheint, weil TraunKUiellen und Wunsch- 
erreger leicht nachweisbar sind, — daß auch von solchen Träumen 
wichtige. Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste Kindheit 
hineinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch in diesem 
Zuge eine wesentliche Bedingung des Träumens gegeben ist. "Wenn 
ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem Traum 
in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an das rezent Erlebte 
zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung an das älteste 
Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie wirklich zeigen 
kann, daß es in gutem Sinne bis auf die Gegenwart rezent geblieben 
ist. Diese Vermutung erseheint aber noch recht schwer erweislich; 
icli werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester Kindheitserlebnisse 
für dio Traumbildung noch in anderem Zusammenhang (Ab- 
schnitt VII) zurückkommen müssen. 

Von den drei eingangs bot rächt eten Besonderheiten des Traum- 
gedächtnisses hat sich uns dio eine — die Bevorzugung des Neben- 
sächlichen im Trauminhalt — durch ihre Zurückführung auf die 
Traumentstellung befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die 
Auszeichnung des Rezenten wie des Infantilen haben wir bestätigen, 
aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir wollen 
diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns er- 
übrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Einreihung 
finden müssen, entweder in der Psychologie des Schlafzustandes oder 
bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen Apparates, die 
wir später anstellen werden, wenn wir gemerkt habeu, daß man durch 
die Traumdeutung wie durch eine Fenstcrlüeke in das Innere des- 
selben einen Blick werfen kann- 

Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber 
gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig; 
es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunscherfüllungen 
nebeneinander in ihm vereinigt sein ; es kann auch ein Sinn, eine 
Wunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst auf die 
Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stößt; und auch 
hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das „häufig 1- nicht 
richtiger durch „regelmäßig" zu ersetzen ist*. 

* Dio übereiiianderseliichtung der Bedeutungen des Traumes ist eines der 
heikelsten, aber auch inhaltsreichsten Probleme der Traumdeutung. Wer an diesu 
Möglichkeit vergißt, wird leicht irregehen und zur Aufstellung unhaltbarer lie- 
liauptuugen über das Wesen des Traumes verleitet werden. Doch sind über diese« 



I ;,|_| V. Da« Traumninterial und die 'i 'ruumuuelleii. 

c) Die somatischen Traumquellen. 

"Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die 
Problome des Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die 
Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung 
die Träume herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte ira 
gesicherten Besitze eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er ge- 
denkt sofort des Einflusses, den gestörte oder beschwerte Verdauung 
(..Träume kommen aus dem Magen"), zufällige Körperlage und klei.ie 
Erlebnisse während des Schlafens auf die Traumbildung äußern, und 
scheint nicht zu ahnen, daß nach Berücksichtigung all dieser Momente 
etwas der Erklärung Bedürftiges noch erübrigt. 

Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Lite- 
ratur den somatischen Reizquellcn zugesteht, haben wir im einleiten- 
den Abschnitt (S. 15 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir 
uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern 
brauchen. Wir haben gehört, daß dreierlei somatische Rcizquell' n 
unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden objek- 
tiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Erregungs- 
zustände der Sinnesorgane und. die aus dem Körperinncrn stammenden 
Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, nelben 
diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische Quellen des Trau- 
mes in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (S. 2!)). 
Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu Gunsten dieser Klassen 
von somatischen Reizquollen erhoben werden, haben wir erfahren, 
daß dio Bedeutung der objektiven SinncMugaiierregungen — teils 
zulällige Reize während des Schlafes, teils solche, die sich auch vom 
schlafenden Seelenleben nicht fern halten lassen — durch zahlreiche 
Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine 
Bestätigung erfährt (S- 17), daß die Rolle der subjektiven Sinnes- 
erregungen durch die Wiederkehr der hypnagogisehen Sinnesbilder in 
den Träumen (S. 2£) dargetan erscheint, und daß die im weitesten 
Umfang angenommene Zurückfulirung unserer Traumbilder und 
Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen 
Preitc l>eweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beeinflussung an- 
tehneu kann, welche der Erregungszustand der Digestions-, Ha.ru- 
und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt. 

„Nervenreiz" und „Leibreiz" wären also die somatischen 
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die i einzigen Quel- 
len des Traumes überhaupt. 

Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör 
geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zu- 
länglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen. 

So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat- 
sächlichen Grundlagen fühlen mußten — zumal soweit die akziden- 
tellen iiiid äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traani- 
inhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert — , so blieb doch 

Thema noch viel zu wenige Untersuchungen angestellt worden. Bisher hat nur 
die ziemlich regelmäßige Symbnlschichtung im llarnri'ütraume eine gründliche 
Würdigung durcii 0. Hank erfahren (s. u.). 



Dia somatischen Traumqiiellen u.ich d»u Auloreu. 153 

keiner clor Einsieht fern, daß der reiche Vorstellungsinhalt, der Träume 
eine Ableitung aus den äußeren Nervenreizen allein wohl nicht zu- 
lasse. Miß Mary JV'hiton Calkins hat ihre eigenen Träume und 
die. einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von diesem 
Gesichtspunkte aus geprüft und nur 132°/o respektive (i7o/o ge- 
funden, in denen das Element äußerer Sinneswahrnehmung nach- 
weisbar war; nur zwei Fälle der Sammlung ließen sichiauf organische 
Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt, uns hier, was 
uns bereits eine flüchtige Oberschau unserer eigenen Erfahrungelt 
hatte vermuten lassen. 

Man besehied sich vielfach, den ,, Nervenreiztraum" als eine gut 
erforschte Unterart, des Traumes vor anderen Traum formen hervorzu- 
heben, Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und Assozia- 
tion^ träum- Es war aber klar, daß die Lösung unbefriedigend 
blieb, solange, es nicht gelang, das Rand zwischen den somatischen 
Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes nachzuweisen. 
Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der 
Häufigkeit der äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die 
Unzulänglichkeit in der Aulklärung des Traumes, die durch die 
Einführung dieser Art von Traumquelle-n zu erreichen ist. Die Ver- 
treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig, erstens 
warum dei äußere Reiz im Traume nicht in seiner wirklichen Natur 
erkannt sondern regelmäßig verkannt wird (vgl. die Weckerträuruc, 
S. 19). und zweitens warum das Resultat der Reaktion der wahr- 
nehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar wechsel- 
voll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage, haben wir von 
Strümpell gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung von der 
Außenwelt während des Schlafes nicht im Stande ist, die richtige 
Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird, 
auf Clrund der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illu- 
sionen zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt (p. 108): 

„Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während 
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs- 
komplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und 
von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der 
Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs- 
bilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zu- 
gehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt gleichsam um sich 
eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durch welche der 
vom Nervenreiz herrührende Eindruck seinen psychischen Wert be- 
kommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch 
für das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlafe die Nervenreiz- 
eindrückc- deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte 
Norvenreiztraum, d -h- ein Traum, dessen Bestandteile dadurch 
bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktion 
seine psychische. Wirkung im Seelenleben vollzieht." 

In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung 
von W'unilt, die Vorstellungen des Traumes gehen jedenfalls zum 
größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des 
allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phantastische Illusionen: 



154 ^ r - Das Traummaterial und die Traumquelleu. 

wahrscheinlich nur zum kleineren Teil reine, zu Halluzinationen ge- 
steigert« Erinnerungsvorstellungcn. Für das Verhältnis des Traum- 
Inhaltes zu den Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt, 
findet Strümpell das tref fliehe Gleichnis (p. 84), es sei, wie „wenn 
die zehn Finger eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die 
Tasten des Instruments hinlaufen". Der Traum erschiene so nicht als 
ein seelisches Phänomen, aus psychischen Motiven entsprungen, son- 
dern als der Erfolg eines physiologischen Reizes, der sich in psychi- 
scher Symptomatologie äußert, weil der vom Heize betroffene Apparat 
keiner anderen Äußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraussetzung 
ist z. B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen auf.ireba.ut. die Mey- 
nert durch das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem ein- 
zelne Zahlen stärker gewölbt vorspringen, zu geben versuchte. 

So beliebt diese Lelire von den somatischen Traumreizen ge- 
worden ist und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch leicht, 
den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische Traum- 
reiz, welcher im Schlafe den. seelischen Apparat zur Deutung durch 
lllusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher Deutungs- 
versuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vorstellungen seine. 
Vertretung im Trauminhalt erreichen*. Die Lehre von Strümpell 
und AVundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv anzugeben, welches 
die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz und der zu seiner Deutung 
gewählten Traum Vorstellung regelt, also die , .sonderbare Auswahl" zu 
erklären, welche die Reize „oft genug bei ihrer reproduktiven ."Wirk- 
samkeit treffen". (Lipps, Grundtatsachen des Seelenlebens, p. 170.) 
Andere Einwendungen richten sich gegen die Grundvoraussetzung der 
ganzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlafe nicht in 'der Lage sei, 
die wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alt« 
Physiologe Burdach beweist uns. daß die Seele auch im Schlafe 
sehr wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinnescind rücke richtig 
zu deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem 
er ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende 
Sinneseindrüeke von der Vernachlässigung während des Schlafes 
ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen 
Namen weit sicherer geweckt wird als durch einen gleichgültigen 
Ge.hörseindruck, was ja voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe 
zwischen den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, S. 37). Bur 
dach folgert aus diesen Beobachtungen, daß während des Schlaf - 
zustande« nicht eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern 
ein Mangel an Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen 
Argumente, die Burdach 1830 verwendet, kehren dann zur Be- 
kämpfung der somatischen Roiztheorie unverändert bei Lipps im 
Jahre 1883 wieder. Die Seele erscheint uns demnach wie der Schläfer 
in der Anekdote, der auf die» Frage ..Schläfst du" antwortet „Nein", 



* Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gesammelten, ausführ- 
lichen und genauen Protokolle experimentell erzeugter Träume von Mourly 
Vold durchzulesen, uru sich zu überzeugen, wie wenig Aufklärung der Inhalt 
des einzelnen Traumes in den angegebenen Versuchsbedingungen findet, und wie 
gering überhaupt der Nutzen solcher Experimente für das Verständnis der Truum- 
iroblemo ist. 



Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Trnumreizeu. 155 

nach der "zweiten Anrede, „dann leih' mir zehn Gulden" aber eich 
hinter der Ausrede verschanzt: „Ich schlafe". 

Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum- 
reizen läßt sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung 
zeigt, daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt 
werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald 
und für den Fall, daß ich träume. Gegen einen Haut- oder Druck- 
reiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir verschiedene 
Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim Er- 
wachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt 
war; die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, daß 
verschiedenartige, und kräftig erregende Empfindungs- und Bewegungs- 
reize während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die Sen- 
sation während des Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf 
hindurch, wie es in der Regel mit schmerzhaften Reizen geschieht, 
aber ohne den Schmerz in einen Traum zu verweben; und ich kann 
drittens auf den Reiz erwachen, um ihn zu beseitigen*. lErst eine vierte 
mögliche Reaktion ist. daß ich durch den Nervenreiz zum Traum 
veranlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden aber mindestens 
ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies könnte nicht 
geschehen, wenn nicht das Motiv des Träuraens außerhalb der 
somatischen Reizqucllen läge. 

In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der 
Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andere 
Autoren — Scherner. dem der Philosoph Volkelt sich anschloß — 
die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen die bunten 
Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, also doch 
wieder das Wesen des Träumens ins Seelische und in eine psychischo 
Aktivität verlegt. Scherner gab nicht nur eine poetisch nach- 
empfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigentüm- 
lichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten; er glaubte auch 
das Prinzip erraten zu haben, nach dem die Seele »mit den ihr dar- 
gebotenen Reizen verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tages- 
fesseln entledigten Phantasie strebt nach Scherner die. Traumarbeit 
dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz ausgeht, und die 
Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine 
Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, mittels 
dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle. Organzustände und Reiz- 
zustände geschlossen werden darf. „So drückt das Bild der Katze 
die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des hellen 
und glatten Gebäcks die Leibesnaektheit. Der menschliehe Leib als 
Ganzes wird von der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das .ein- 
zelne Körperorgan durch einen Teil des Hauses. In den .Zahnreiz- 
träumen 1 entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur 
und dem Hinabfall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im 
,Kopfschmerztraum' wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des 

•Vgl. hieru K. Landauer, Handlungen des Schlafenden (Zeitschr. f. d. 
ges. Neurologie und Psychiatrie, XXXIX, 1918). Es gibt für jeden Beobachter 
sichtbare, sinnvolle Handlungen des Schlafenden. Der Schläfer ist nicht ab- 
solut verblödet, im Gegenteil: er vermag logisch und willensstark zu handeln. 



J56 V. Das Traummaterial uud die Traoniquelleu. 

Kopfes die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften. 
krötenartigen Spinnen bedeckt ist" (p. 39). „Diese Symbole werden 
vom Traume in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ ver- 
wendet; so findet die atmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen 
mit seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und 
Körben, die Harnblase in runden, beutelfürmigen oder überhaupt 
nur ausgehöhlten Gegenständen- Besonders wichtig ist es, daß am 
Schlüsse des Traume« öfter das erregende Organ oder dessen Funktion 
unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem eigenen Leibe 
des Träumers. So endet der .Zahnreiztraum - gewöhnlich damit, daß 
der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht" (p. 35). Man kann 
nicht sagen, daß diese Theorie der Traumdeutung viel Gunst bei den 
Autoren gefunden hat. Sie erschien vor allem extravagant; man hat 
selbst gezögert, das Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach 
meinem Urteil beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur 
Wiederbelebung der Traumdeutung mittels Symbolik, deren sich 
die Alten bedienten, nur daß das Gebiet, aus welchem die Deutung 
geholt werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit 
beschränkt wird. Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik 
bei der Deutung muß die Anwendbarkeit der Sc herne rsch.cn Lehre 
schwer beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung seheint keines- 
wegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein Beiz sich in mehr- 
fachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann; so hat bereit a 
Scherners Anhänger Volkelt die Darstellung des Körpers als Haus 
nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß erregen, daß hier 
wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz- und ziellose .Betätigung 
auferlegt ist. da sich doch nach der in Rede stehenden Lehre die 
Seele damit begnügt, über den sie beschäftigenden Reiz zu phantasie- 
ren, ohne daß etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne 
winkte. 

Von einem Einwand aber wird die Schernerschc Lehre der 
Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen. 
Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach 
allgemeine! Annahme während des Schlafens zugänglicher als im 
Wachen, Man versieht dann nicht, warum die Seele nicht kontinuier- 
lich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen 
Organen. "Will man sieh diesem Einwand durch die Bedingung ent- 
ziehen, es müßten vom Auge, Ohre, von den Zähnen. Därmen usw. be- 
sondere Erregungen ausgehen, um die Traumtätigkeit zu wecken, 
so steht man vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als ob- 
jektiv zu erweisen- was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich 
isl- Wenn der Traum vom Fliegen eine Syinbolisicrnng des Auf- 
iuid Niedere teigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so 
müßle etweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit 
häufiger geträumt werden oder eine, gesteigerte Atmungstätigkeit wäh- 
rend dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall 
möglieh, der wahrscheinlichst« von allen, daß nämlich zeitweise be- 
sondere Motive wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen visze- 
ralen Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dic;er Fall führt 
bereits über die Schernerschc Theorie hinaus. 



Die Scbernerscbe Lcibrtiithuoriu. J57 

Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volkelt liegt 
darin, daü sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes auf- 
merksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und neue Er- 
kenntnisse zu verdecken scheinen- Es ist ganz richtig, daß in den 
Träumen Symbolisierungen von Korperorganen und Funktionen ent- 
halten sind, daß Wasser im Traume- häufig auf Harnreiz deutet, daß 
das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden Stab oder eine 
Säule dargestellt werden kann usw. In Träumen, welche ein sehr 
bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende Farben zeigen, im Gegensatz 
zu der Mattigkeit anderer Träume, kann man die Deutung als „Ge- 
sichlsreiztraum" kaum abweisen, ebensowenig den Beitrag der Illu- 
sionsbildung in Träumen bestreiten, welche Lärm und Stimmengewirr 
enthalten. Ein Traum, wie der von Scherner, daß zwei Reihen 
schöner blonder Knaben auf einer Brücke einander gegenüberstehen, 
sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, 
bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke setzt und einen langen 
Zahn aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von Volkelt, in 
d^m zwei Reihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der wiederum 
mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen bei beiden 
Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen lassen es nicht 
zu, daß man die Schernersuhe Theorie als müßige Erfindung bei 
Seite wirft, ohne nach ihrem guten Kerne zu forschen. Es stellt, sich 
dann die Aufgabe, für die vermeintliche Symbolisierung des angeb- 
lichen Zahnreizes eine andersartige Aufklärung zu erbringen. 

Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den 
somatischen Traumciuellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument 
geltend zu machen, welches sieli aus unseren Traumanalysen ableitet. 
"Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material 
an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der 
Traum einen ihm eigenen "Wert als psychische Aktion besitzt, daß 
ein "Wunsch das Motiv seiner Bildung wird, und daß die Erlebnisse 
des Vortages das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist 
jede andere Traumlehre, welche ein so wichtiges Untersuchungs- 
verfahren vernachlässigt und dementsprechend den Traum als eine 
nutzlose und rätselhafte psychische Reaktion auf somatische Reize 
erscheinen läßt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte 
denn, was sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten 
von Träumen geben, von denen die eine nur uns, die andere nur den 
früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es erübrigt 
nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lebre 
von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung inner- 
halb unserer Trauiniehre zu verschaffen. 

Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den 
Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle 
gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver- 
arbeiten (S. 125). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucks- 
fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen 
eich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt werden, des- 
gleichen, daß zum Traummaterial der psychisch wertvolle Eindruck 
und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten, voraus- 



158 v - Das Traummaterial und die Traumnuelleu. 

gesetzt, daß sich kommunizierende Vorstellungen zwischen beiden her- 
stellen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaktion auf alles, was 
in der schlafenden Psyche gleichzeitig als aktuell vorhanden ist. So- 
weit wir also das Traummaterial bisher analysiert haben, erkannten 
wir es als eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren, 
denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und dos infantilen 
Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von 
Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Ver- 
logenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Er- 
innerungsaktualitaten neues Material an Sensationen während des 
Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine. 
Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß 6ie aktuell sind ; sie werden 
mit den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material 
für die Traumbildung abzugeben. Die Reize während des Schlafes 
werden, um es anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet, 
deren andere Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesresto 
sind. Diese Vereinigung muß nicht vollzogen werden; wir haben ja 
gehört, daß gegen körperliche Reize während des Schlafes mehr als 
eine Art des Verhaltens möglich ist. Wo sie vollzogen iwird, da ist 
es eben gelungen, ein Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu 
finden, welches für beiderlei Traumquellen, die somatischen wie die 
psychischen, eine Vertretung darstellt. 

Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den 
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt 
eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das 
aktuelle Material bestimmt wird. 

Ich will hier gerne Raum lassen für eine Reihe von Eigentüm- 
lichkeiten, welche die Bedeutung äußerer Reize für den Traum ver- 
änderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammen- 
wirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen 
Umständen gegebener Momente darüber entscheidet, wie man sich in 
den einzelnen Fällen von intensiverer objektiver Reizung während des 
Schlafes benehmen wird ; die habituelle und akzidentelle Schlaftiefe 
im Zusammenhalt mit der Intensität des Reizes wird es" das eine Mal 
ermöglichen, den Reiz SO zu unterdrücken, daß er im Schlafe nicht, 
stört, ein anderes Mal dazu nötigen, aufzuwachen, oder den Versuch 
unterstützen, den Reiz durch Vcvwebung in einen Traum zu über- 
winden- Der Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend 
werden äußere objektive Reize bei dem einen häufiger oder seltener 
im Traume zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir, 
der ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran fest- 
halte, mich durch keinen Anlaß im Schlafe stören zu lassen, ist die 
Einmengung äußerer Erregungsursachen in die. Träume sehr selten, 
während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht zum 
Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen Traum auf- 
gezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte Reizquelle zu erkennen 
ist, und gerade in diesem Traume wird es sehr lehrreich werden, nach- 
zusehen, welchen Traumerfolg der äußere Reiz gehabt hat. 

Ich reite auf einem grauen Pferde, zuerst zaghaft und 
ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne ich 



Der Tranm vom Reiten. 15y. 

einem Kollegen P., der im Lodenanzug hoch zu Roß sitzt 
und mich an etwas mahnt (wahrscheinlich, daß ich schlecht 
sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst intelligenten 
Roß immer mehr zurecht, sitze bequem und merke, daß ich 
oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe ich eine Art 
Polster, das den Raum zwischen Hals und Croup des 'Pfer- 
des vollkommen ausfüllt. Ich reite so knapp zwischen zwei 
Last wagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine Strecke 
weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zu- 
nächst vor einer kleinen offenen Kapelle, die in der 
Straßenfront liegt. Dann steige ich wirklich vor einer 
ihr nahestehenden ab; das Hotel ist in derselben Straße; 
ich könnte das Pferd allein hingehen lassen, ziehe aber 
vor, es bis dahin zu führen. Es ist, als ob ich mich schämen 
würde, dort als Reiter anzukommen. Vor dem Hotel steht 
ein Hotelbursche, der mir einen Zettel zeigt, der von mir 
gefunden wurde, und mich darum verspottet. Auf dem Zet- 
tel steht, zweimal unterstrichen: Nichts essen und dann 
ein zweiter Vorsatz (undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu 
eine dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin, in 
der ich nichts arbeite 

Dem Traume wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter 
dem Einflüsse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent- 
standen ist. Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die 
mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel 
an der Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße herangewachsen, hatte 
mir bei jedem Schritte die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und 
fieberhafte Müdigkeit. Eßunlust, die trotzdem festgehaltene schwere 
Arbeit des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine 
Stimmung zu stören. Ich war nicht recht fähig, meinen ärztlichen 
Aufgaben nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitze des 
fbels ließ sieh an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicher- 
lich so untauglich gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist 
das Reiten. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum; 
es ist die. energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zu- 
gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst 
nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferde gesessen 
und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem 
Traume reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte, nein, 
gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel ist der Be- 
mi lnvibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Einschlafen er- 
möglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des 
•Schlafes — so verwahrt — nichts von meinem Leiden verspürt. Dann 
meldeten eich die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich 
aufwecken, da kam der Traum und sagte beschwichtigend: „Schlaf 
doch weiter, du wirst doch nicht aufwachen! Du hast ja gar keinen 
Furunkel, denn du reitest ja auf einem Pferde, und mit einem Furunkel 
an der Stelle kann man doch nicht reiten!" Und es gelang ihm so;, 
der Schmerz wurde übertäubt und ich schlief weiter. 



jgy V. L>a» Tmommatenal uuil die i'raainqueUon. 

Der Traum hat sieh aber nieht damit begnügt, mir durch die 
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vor- 
stellung, den Furunkel „abzusuggericren", wobei er sich benommen 
wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind ver- 
loren hat*, oder des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen 
gebracht haben ; sondern die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation 
und "des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch 
als Material, um das, was sonst in der Seele , aktuell vorhanden ist, an 
die Situation des Traume-: anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen. 
Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau 
dem pfefi'er- und salzfarbigen Dreß, in dem ich dem Kollegen 
P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharf gewürzte Nahrung 
ist mir als die Ursache der Furunkulose vorgehalten worden, immer- 
hin als Ätiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furun- 
kulose denken kann. Freund P. liebt es. sieh mir gegenüber aufs 
hohe. Roß zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, 
mit der ich große Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im 
Traume auf dem Pferde zuerst wie ein Kunstreiter tangential), 
die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den SonntagB- 
reiter geführt hat, wohin sie wollte. So kommt das Roß zur sym- 
bolischen Bedeutung einer Patientin (es ist im Traume höchst in- 
telligent). „Ich fühle, mich ganz heimisch oben" geht auf die 
Stellung, die ich in dem Hause innehatte, ehe ich durch P. er- 
setzt wurde. „Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im 
Sattel", hat mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner 
wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem 
gesagt. Es war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht 
bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber ich weiß, 
daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine besonders 
schwierige Arbeit nicht langt* fortsetzen kann, und der Traum ,ist voll 
düsterer Anspielungen auf die Situation, die sich dann ergeben muß 
(der Zettel, wie ihn die Ne-urasthenikcr haben und dem Arzte vor- 
zeigen): — Nieht arbeiten und nicht essen. Bei weiterer Deu- 
tung sehe ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von der Wunsch- 
situation des Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen Kinder- 
streitszenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in England loben* 
den, übrigens um ein Jahr alteren, Neffen abgespielt haben mußten. 
Außerdem hat er Elemente aus meinen Reisen in Italien aufgenommen; 
die Straße im Traume ist aus Eindrücken von Verona und von Siena 
zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt zu sexuellen 
Traum gedanken. und ich erinnere mich, was bei einer Patientin, die 
nie in Italien war, die Traumanspielungcn an das schöne Land be- 
deuten sollten (gen Italien — Genitalien), nicht ohne Anknüpfung 
gleichzeitig an das Haus, in dam ich vor Freund P. Arzt war, und 
un die Steile, an welcher mein Furunkel sitzt- 

In einem anderen Traume gelang es mir auf ähnliche Weise, 
eine diesmal von einer Sinnesreizunff drohende Schlafstörung ab- 

• Vgl. die Stelle bei Griesinsrcr und die Bemerkung io meinem zweiten 
Aulsalz über die A b w e b r - 1' t y e h o n e u r os e n, Neurologisches Zcutralblatt 
is'.iii. (Sammlung Kl. Schriften. 1. 1-olge.) 



Verarbeituug von Reizen im .Schlafe. JgJ 

zuwehren. aber es war nur ein Zufall, der mich in den Stand setzte, 
den Zusammenhang des Traumes mit dem zufälligen Traumreiz zu 
entdecken, und solcher Art den Traum zu verstehen. Eines Morgens 
erwachte ich, es war im Hochsommer, in einem tirolischen Höhenort, 
mit dem "Wissen, geträumt zu haben: Der Papst ist gestorben. 
Dio Deutung dieses kurzen, nicht visuellen Traumes gelang mir nicht 
Ich erinnerte mich nur der einen Anlehnung für den Traum, daß in 
der Zeitung kurze Zeit vorher ein leichtes Unwohlsein Sr. Heiligkeit 
gemeldet worden war. Aber im Laufe des Vormittags fragt meine 
Frau: ..Hast du heute morgens das fürchterliche Glockenläuten ge- 
hört?" Ich wußte nichts davon, daß ich es gohört hatte, aber ich 
verstand jetzt meinen Traum. Er war die Reaktion meines Schlaf- 
bedürfnisses auf den Lärm gewesen, durch den die frommen Tiroler 
mich wecken wollten. Ich rächte mich an ihnen durch die Folgerung, 
die den Inhalt des Traumes bildet, und schlief nun ganz ohne Inter- 
esse für das Geläute weiter. 

Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen 
fänden sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung 
sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in 
vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Keiz anschei- 
nend die einzige Traumquelle, der aus der Sensation entspringende 
Wunsch — der Durst — das einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in 
anderen einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz für sich allein 
einen Wunsch zu bilden vermag. Der Traum der Kranken, die Nachts 
den Kühlapparat von der Wange abwirft, zeigt eine ungewöhnliche 
Art, auf Schmcrzensrcize mit einer Wunscherfüllung zu reagieren ; 
es scheint, daß es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich 
analgisch zu machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden juisehob. 

Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger- 
tra.um, aber er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht, 
des Kindes nach der Mutterbrust, zurückzuschieben, und die harmlose 
Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unveriiüUt 
äußern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen Thun konnten 
wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell gegebenes körperliches 
Bedürfnis mit den stärksten, aber auch stärkst unterdrückten Regungen 
des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie in 
dem von Garnier berichteten Falle, der erste Konsul das Geräusch 
der explodierenden Höllenmaschine in einen Schlachtentraum verwebt, 
ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar 
darf Bestreben, in dessen Dienst die Seclentätigkeit sich überhaupt um 
die Sensationen während des Schlafens kümmert. Ein junger Advokat. 
der voll von seinem ersten großen Konkurs des Nachmittags ein- 
schläft, benimmt, sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. Er 
träumt von einem gewissen G- Reich in Hussiatyn, den er aus 
dem Konkurs kennt, aber Hussiatyn drängt sich weiter gebieterisch 
auf; er muß erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchial 
katarrh leidet, heftig — husten. 

Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens pin 
ausgezeichneter Schläfer war. und jenen anderen des langscliläfriircn 
Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse 

yremi, Tr«umilculong. ". Ana, 11 



]62 v - D* Traummitterial uml die Traum^uelien. 

ins Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann imit der Motivierung 
weiterschläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht 
aufzustellen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequem- 
lichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens 
unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des .Träumens 
überhaupt auf. In gewissem, Sinne sind alle Träume — Bequem- 
1 ich keilst räume; sie, dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen, 
anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des. Schlaf es, 
nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente wer- 
den wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre An- 
wendbarkeit auf die Rolle, der objektiven äußeren Reize können wir 
hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt 
nicht um die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, wenn sie 
dies gegen die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung 
dieser Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize 
in Abrede zu stellen oder zu entwerten, oder drittens, wenn sie die- 
selben anerkennen muß, so sucht, sie jene Deutung derselben auf, 
welche die aktuelle Sensation als einen Teilbestand einer gewünschten 
und mit dem Schlafen verträglichen Situation hinstellt. Die aktuelle 
Sensation wird in einen Traum verflochten, um ihr die Realität zu 
rauben. Napoleon darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traum- 
erinnerung an den Kanonendonner von Arcolc, was ihn stören will*. 

Der Wunsch zu schlafen, auf den sich das bewußte 
Ich eingestellt hat und der nebst der Traumzensur** des- 
sen Beitrag zum Träumen darstellt, muß so als Motiv der 
Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder 
gelungene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser all- 
gemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlaf- 
wunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der, 
bald jener durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegen- 
stand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch 
haben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der 
Strümpell- Wun dt sehen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und 
Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren Reizes aufzuklären ver- 
mag. Die richtige Deutung, deren die schlafende Seele sehr wohl 
fähig ist, nähme ein tätiges Interesse in Anspruch, stellt« die Anfor- 
derung, dem Schlafe ein Ende zu machen; es werden darum von den 
überhaupt möglichen Deutungen nur solche zugelassen, die mit der 
absolutistisch geübten Zensur des Schlaf Wunsches vereinbar sind, 
Etwa: Die Nachtigall ist"s und nicht die Lerche. Denn wenn's die 
Lerche ist, so hat die Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun 
zulässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche 
die beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden ' Wunschanregun- 
gen erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der 
Willkür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern — 
wenn man so will — Ausrede- Hier ist aber wiederum, wie bei dem 



* Uex Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus dunen ich ihn 
kenne, nicht übereinstimmend er7Ühlt. 

** (und der si&ter zu erwähnenden „sekundären Bearbeitung"). 



Der Traum der Wächter des Schlafes. Ißg 

Ersatz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur, ein Akt der 
Beugung des normalen psychischen Vorganges zuzugeben. 

Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug 
sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen sie — 
falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist — einen 
festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial, 
zu dem eine entsprechende Wunschcrfüllung in ähnlicher "Weise ge- 
sucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen 
zwei psychischen Traumreizen. Es ist insofern für eine Anzahl 
von Träumen richtig, daß in ihnen das somatische Element den 
Trauminhalt kommandiert. In diesem extremen Falle, wird selbst 
behufs der Traumbildung ein gerade nicht aktueller Wunsch geweckt. 
Der Traum kann aber nicht anders, als einen Wunsch in einer 
Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor die Aufgabe ge- 
stellt, zu suchen, welcher Wunsch durch die nun aktuelle Sensation 
als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von 
eehmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur 
Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über 
Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Widerspruch 
scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein zweier 
psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur er- 
klärlich wird. 

Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben vordrängte 
Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung 
das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch 
gemeint, daß es solche Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet 
worden sind; sondern die. Lehre von der Verdrängung, deren man 
in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, daß solche verdrängte 
Wünsche noch existieren, gleichzeitig aber eine Hemmung, die auf 
ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie von -Unter- 
drücken" solcher Impulse, redet. Die psychische Veranstaltung, da- 
mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung durchdringen, 
bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, daß ein 
solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert sich 
die überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsfähigen) Systems 
als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schließen: wenn Sensationen 
mit Unlustcharakter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden 
sind, so wird diese Konstellation von der Traumarbeit benützt, um 
die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches — mit mehr oder 
weniger Beibehalt der Zensur — darzustellen. 

Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen, 
während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen 
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die 
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische sein, 
aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst verdräng- 
ter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze Angst- 
traum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen ,an 
der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes scheitert. 
In anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung somatisch 

11« 



1(54 V. Das 'i'raummaterial and die Traumquellea, 

gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zufälliger Atom- 
behinderung). und dann wird sie. dazu benutzt, solchen energisch 
unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu Verhelfen, 
deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angstenthindung 
zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden scheinbar 
gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen Bildungen, 
einer Affektneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig zu- 
sammengehören, hebt die eine, die aktuell gegeben ist, auch im 
Traume die andere; bald die somatisch gegebene Angst den \inter- 
drückten Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung l>ei'rcite, 
mit sexueller Erregung einhergehende Vorstellungsinhait die Angst- 
entbindung. Von dem einen Falle kann man sagen, daß ein somatisch 
gegebener Affekt psychisch gedeutet wird; im anderen Falle ist alles 
psychisch gegeben, aber der unterdrückt, gewesene Inhalt ersetzt sich 
leicht durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die 
►Schwierigkeiten, die sich hier für das Verständnis ergeben, haben 
mit dem Traume nur wenig zu tun; sie rühren daher, daß wir mit 
diesen Erörterungen die Probleme der Angstentwicklung und der 
Verdrängung streifen. 

Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leib 
lichkeit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. Nicht 
daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traum- 
gedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches zur Dar- 
stellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen Teil dieses 
Materials, als zu ihrem Wesen passend, nahe legt, den anderen fern 
hält. Überdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung vom Tage her 
mit den für den Traum bedeutsamen psychischen Kosten verknüpft. 
Dal>ci kann diese Stimmung selbst im Traume erhalten bleiben oder 
überwunden weiden, so daß sie, wenn unlustvoll, ins Gegenteil um- 
schlägt. 

Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes — die 
Schlaf Sensationen also — nicht von ungewöhnlicher Intensität sind, 
so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine 
ähnliche Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indifferenten Ein- 
drücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung 
herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigung mit dem Vorstellungs- 
inhait der psychischen Traumquellc eignen, im anderen Falle alier 
nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit bereitliegendes Material 
l>ehandelt. welches zur Verwendung kommt, so oft man dessen be- 
darf, anstatt daß ein kostbares Material die Art seiner Verwendung 
selbst mit vorschreibt. Der Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der 
Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt, 
aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe des Steines, seine 
Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder 
welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während bei gleich- 
mäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der 
Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinne gestaltet. 
Auf diese "Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß 
jener Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten 



Kn Tranm von motorischer Hemronnj, j(J5 

Reizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen 
Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint*. 

Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung 
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte 
ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtsein, 
nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. ügl-, die so "häufig 
geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl be- 
deuten mag. In der Nacht darauf hatte ich folgenden Traum: Ich 
gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Wohnung 
im Parterre über die Treppe in ein höheres Stockwerk. 
Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich, 
daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich, 
daß ein Dienstmädchen die Treppen herab und also mir 
entgegenkommt. Ich schäme mieh, will mich eilen, und 
nun tritt jenes Gehern in tsein auf, ich klebe an den Stufen 
und komme nicht von der Stelle. 

Analyse: Die Situation des Traumes ist der täglichen Wirk- 
lichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien uwei Woh- 
nungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Jm Hoch- 
parterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeits- 
zimmer, einen Stock höher die Wohnräume- Wenn ich in später 
Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich über die Treppe 
ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume hatte ich diesen 
kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette gemacht, d. h. 
ich hatte Kragen, Kravate und Manschetten abgelegt ; im Traume 
war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad 
von Kleiderlosigkeit geworden. Das überspringen von Stufen ist 
nieino gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits 
im Traume anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit 
dieser Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit 
getröstet Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer 
Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes. Sie 
zeigt mir — was des Beweises nicht bedurfte — , daß der Traum keino 
Schwierigkeit hat, sich motorische Aktionen in aller Vollkommen- 
heit ausgeführt vorzustellen; man denke an das Fliegen im Traume I 

Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses; 
ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegenkommende Person 
klärt mich über die gemeinte Ortlichkcit auf. Diese Person ist das 
Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich zweimal besuche, um 
ihr Injektionen zu machen ; die Treppe ist auch ganz ahnlieh jener, 
die ich zweimal im Tage dort zu ersteigen habe. 

Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in 
meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist, 
hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem 
ich träume, ist älter ala ich, mürrisch und keineswegs anreizend. 

• Bank bat in einer Reihe von Arbeiten gezeigt, daß gewisse, durch 
Organreiz hervorgerufene Weckträume (die Harnreiz- und Pollutionstraume) be- 
sonders geeignet sind, den Kampf zwischen dem Schlafbedürfnis und den An- 
forderungen des organischen Bedürfnisses sowie den Linfluu des letzteren auf 
den Trauminhalt zu demonstrieren. 



Jßfl V. Da« Tranroraiterinl und die Traumqaenen. 

Zu diesen Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als das folgende: 
"Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch mache, werde ich ge- 
wöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Produkt der 
Expektoration gerät auf die Stiege- In diesen beiden Stockwerken 
befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich vertrete den Stand- 
punkt, daß die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine Kosten er- 
folgen darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes er- 
möglicht werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche und 
mürrische Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich Uir zu- 
zugestehen bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen Anderen 
Standpunkt ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte 
Freiheit erlauben werde, und wenn sie das konstatiert hat, höre ich 
eio vernehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die ge- 
wohnte Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Trau- 
mes bekam nun die Partei der Hausmeistcrin eine Verstärkung durch 
das Dienstmädchen- Ich hatte eilig wie immer meinen Besuch bei 
der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer stellte 
und die Bemerkung von eich gab: „Herr Doktor hätten sich heute 
echon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer kommen. Der 
rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren Füßen." Dies 
ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen geltend .machen 
können, um in meinem Traume zu erscheinen. 

Zwischen meinem Uber-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-dcr- 
Treppe-Spucken besieht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh 
wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des 
Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner 
Hausfrau nicht den Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem einen 
Hause so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu einem Ge- 
bilde verschmilzt. 

Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis 
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll- 
ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Ergeb- 
nis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der gehemm- 
ten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser Zu- 
sammenhang ilirer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität 
im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes sein, denn 
einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er- 
kenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen. 

d) Typische Träume. 

"Wir sind im allgemeinen nicht im Stande, den Traum eines 
änderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum- 
inhalt, stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch 
wird die praktische Verwextbarkeit unserer Methode der Traum- 
deutung schwer beeinträchtigt. Nun gibt es aber, so recht im Gegen- 
satz zu der sonstigen Freiheit des einzelnen, sich seine Traumwelt in 
individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem Verständnis 
der anderen unzugänglich zu machen, eine gewisse Anzahl von 
Träumen, die fast jedermann in derselben Weise geträumt hat, ,von 



Typische Traume. 107 

denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch hei jedermann 
dieselbe- Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet sich die- 
sen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlich bei allen 
Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders gut ge- 
eignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß ;;u geben. 

"Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen darangehen, 
unsere Technik der Traumdeutung an diesen typischen Träumen zu 
versuchen und uns nur sehr ungern eingestehen, daß unsere Kunst 
sich gerade an diesem Material nicht recht bewährt. Bei der Deutung 
der typischen Träume versagen in der Regel die Einfälle des Träumers, 
die uns sonst zum Verständnis des Traumes geleitet haben, oder sie 
werden unklar und unzureichend, so daß wir unsere Aufgabe mit ihrer 
Hilfe nicht lösen können. 

"Woher dies rührt, und wie wir diesem Mangel unserer Technik 
abhelfen, wird sich an einer späteren Stelle unserer Arbeit ergeben. 
Dann wird dem Leser auch verständlich werden, warum ich hier nur 
einige aus der Gruppe der typischen Träume behandeln kann and die Er- 
örterung der anderen auf jenen späteren Zusammenhang verschiebe. 

o)' Der Verlegenheitstraum der Nacktheit. 

Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen- 
wart Fremder sei, kommt auch mit der 2utat vor, man habe eich 
dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem 
Nacktheitstraume nur dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit 
«empfindet, entfliehen oder eich verbergen will und dabei der eigen- 
tümlichen Hemmung unterliegt, daß man nicht von der Stelle kann 
und sich unvermögend fühlt, die peinliche Situation zu /eriindern. 
Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der Kern seines 
Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen einbezogen 
werden oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt sich 
im wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der 
Scham, daß man seine Nacktheit, meist durcli Lokomotion, verbergen 
möchte und es nicht zu Stande bringt- Ich glaube, die allermeisten 
meiner Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits be- 
funden haben. 

Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig 
deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist 
selten ein klares Bild; meist ist die TJnbeklcidung so unbestimmt, 
daß sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben wird: 
,.Ich war im Hemde, oder im Unterrocke." In der Regel ist der 
Defekt der Toilette nicht so arg. daß die dazugehörige Scham gerecht- 
fertigt schiene. Für den, der den Rock des Kaisers getragen hat, er- 
setzt sich die Nacktheit häufig durch eine vorschriftswidrige Ad- 
i'ustierung. Ich bin ohne Säbel auf der Straße und sehe Offiziere näher 
:ommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine karrierte Zivilhose 
u. dgl. 

Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde 
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet os sich im 
typischen Traume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst 
eolcho Verlegenheit bereitet, beanstandet- oder auch nur bemerkt wird. 



IQg V. Da» Traummaterial and die Tnwmqnellen. 

Die Leute machen ganz im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich e3 
in einem besonders klaren Traume wahrnehmen konnte, feierlich steife 
Mienen. Das gibt zu denken. 

Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit 
der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume 
häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch 
nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen, 
oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug 
ist durch die Wunseherfüllung beseitigt worden, während der andere, 
durch irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen 
die beiden Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein inter- 
essantes Zeugnis dafür, daß der Traum in seiner durch Wunseh- 
erfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht ge- 
funden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden, 
Welches uns allen in der Anderscnschen Fassung* bekannt ist. 
Und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman" poetischer 
Verwertung zugeführt worden ist- Im Andersenschen Märchen wird 
von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares Gewand 
weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein soll. Der 
Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet aus, und durch 
die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle Leute, als 
ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merken. 

Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört 
wold nicht viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unverständ- 
liche Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung 
zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation 
sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung 
beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir 
werden hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes durch die 
bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig 
vorkommt und aJs ein Faktor für die endgültige Traumgcstaltung an- 
zuerkennen ist, ferner, daß bei der Bildung von Zwangsvorstellungen 
und Phobien ähnliche Mißverständnisse — gleichfalls innerhalb der 
nämlichen psychischen Persönlichkeit — eine Hauptrolle spielen. Es 
hißt sich auch für unseren Traum angeben, woher das Material 
für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger ist der Traum, 
der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz ver- 
rät eine dunkle Kenntnis davon, daß es sich im latenten Traura- 
inhalte um unerlaubte, der Verdrängung geopferte Wünsche handelt. 
Der Zusammenhang, in welchem solche Träume während meiner Ana- 
lysen bei Ncurotikern auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber, 
daß dem Traumo eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu 
Grunde liegt- Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in 
mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden 
Pflcgcpersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir 
haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt**. An vielen 
Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre Ent- 

" „De« Kaisers neue Kleider." 
•* Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein kleines 
Kibd: „Aber er hat ja gar nichts an." 



Die kindliche Ejhibitiousln.it. jfi<) 

kloidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Schmu zu 
leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf ileo Leib, die 
Mutter oder wer dabei ist. verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine 
Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitions- 
gelüste; mau kann kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, 
ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches 
vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt. 
Einer meiner Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung «ine Szene 
aus seinem achten Lebensjahre bewahrt, wie er nach der Entkleidung 
vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner kleinen Schwester im 
nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die dienende Person 
es ilun verwehrt. In der Jugendgeschichte von NYurotikern spielt die. 
Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine .große Italic; 
in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtest 
zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers 
Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum 
Zwang erhoben worden ist. die der Exhibitionisten. 

Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Iiüfik- 
schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts 
anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. 
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sieh 
nicht vor einander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und 
die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtslehen 
und dio Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der 
Traum allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermutung 
Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der ersten Kindheit, (der 
prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten vierten Jahre) an 
und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter ankäme, 
nach Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine Wunsch- 
erfüllung ist. Die Naektheitsträume sind also Exhibitions träume*. 

Den Kern des Exhibitionstraumes bildet di • eigene Gestalt, die 
nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen 
wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung 
90 vieler späterer Negligeerinnerungen oder der Zensur zu Liebe un- 
deutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor denen man 
sich schämt- Ich kenne kein Beispiel, daß die tatsächlichen Zu- 
schauer bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume wieder auf treten. 
Der Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merk- 
würdigerweise werden jene Personen, denen unser sexuelles Interesse 
in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des Traumes, der 
Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die Paranoia setzt 
die Zuschauer wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar ge- 
blieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was 
der Traum für sie einsetzt, „viele fremde Leute", die sich nicht um 
das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu der W u nschgegen- 
satz zu jener einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Ent- 

* Eine Anzahl interessanter Nacktheit» träume bei Frauen, die sich ohne 
Schwierigkeiten auf die infantile Exbibitionshust zurückführen ließen, aber in 
manchen Zügen von dem oben behandelten „typischen" Nackihcitstraum ab- 
weichen, hat Fercuczi mitgeteilt. 



1 ^(j V. Das Trauuimateriul und die Traumquelleu. 

blößung bot. „Viele fremde Leute" finden sich in Träumen übrigens 
auch häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten 
immer als Wunschgegensatz „Geheimnis"*. Man merkt, wie auch 
die. Restitution des alten Sachverhaltes, die in der Paranoia .vor sich 
geht, diesem Gegensatze Rechnung trugt- Man ist nicht mehr allein, 
man wird ganz gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind i„viele, 
fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene Leute". 

Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrängung zur 
Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion 
des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr ver- 
worfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt 
ist. Um sio zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder belebt werden 
dürfen. 

Vor. der Empfindung, des Gehemmtseins werden wir später 
nochmals handeln. Sic dient im Traume vortrefflich dazu, den 
Willens konf likt. das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten 
Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur 
unterbrochen werden. 

Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen 
und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch zu- 
fällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungs- 
prozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und 
ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den 
Traum zurückgeführt. Ein Ereund macht mich auf folgende Stelle 
aus G. Kellers „Grünem Heinrich" aufmerksam: „Ich wünsche 
llinen nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante 
Wahrheit in der Lage des Odysscus, wo er nackt und mit Schlamm 
bedeckt, vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus 
Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht ''. 
Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von 
Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umher- 
schweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben 
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es 
Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat 
nähern; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben, 
holde, feine und liebe Gestatten treten Ihnen entgegen ; da entdecken 
Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. 
Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu be- 
decken, zu verbergen und erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist, 
solange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen, umher- 
geworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten 
und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen." 

Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Er- 
weckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind 
ijene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch ge- 
wordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigen und 
einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen im Traume die 
unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinderwünsche hervor, und 

* Dasselbe bedeutet, aus begreiflichen Gründen, im Traume die Anwesen- 
heit der „ganzen Familie". 



Der Nucktheitnttaum. \;\ 

darum schlägt der Traum, den die Sage von der Xausikaa objektiviert, 
regelmäßig in einen Angsttraum um. 

Mein eigener, auf S. 165 erwähnter Traum von dem Eilen über 
die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-Kleben ver- 
wandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen 
Bestandstüeke eines solchen aufweist. Er müßte, sich also auf Kinder- 
erlebnisso zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte 
einen Aufschluß darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienst- 
mädchens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig 
sremacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traume einnimmt. 
Ich kann dio gewünschten Aufklärungen nun wirklich beibringen. 
In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annäherung auf sach- 
lichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die, anscheinend 
zusammenhanglos, unmittelbar aufeinanderfolgen, gehören zu einer 
Einheit, die zu erraten ist. ebenso wie ein a und ein b, die ich neben- 
einander hinschreibe, als eine Silbe : ab ausgesprochen werden sollen. 
Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte 
Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, 
deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von 
ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang ge- 
luiren. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Er- 
innerung an eine Kinderfrau zu Grunde, die mich von irgend einem 
Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von 2 1 / 2 Jahren betreut hat, 
von der mir auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben 
ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner Mutter ein- 
goholt habe, war sie alt und häßlich, aber sehr klug und tüchtig; 
nach den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat 
sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung angedeihen und mich 
harte "Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit 
kein genügendes Verständnis entgegenbrachte- Indem also das Dienst- 
mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie 
den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im 
Traume behandelt zu werden- Es ist wohl anzunehmen, daß das 
Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe 
geschenkt hat*. 

ß) Die Träume vom Tod teurer Personen. 

Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden 
dürfen, sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern 
oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß sofort von 
diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen 
man im Traume von Trauer unberührt bleibt, so daß man sich nach 
dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei 
denen man tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn selbst 
in heißen Tränen während des Schlafes äußert. 



* Kine Cberdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führte, 
da „Spuken" eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser Cbersetzung zum ..ospril 
d'escalier". Treppenwitz heißt soviel als Mangel an Schla^fertigkeit. Den habe 
ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob aber dio Kinderfrau es ou ,.Schlagf ertig- 
koit"- hat fehlen lassen! 



j 72 V. Das Traammaterial und die Trauniquelleii. 

Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen; 
sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie 
analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten, als sie ent- 
halten, daß sie. dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch 
zu verdecken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer 
Schwester aufgebahrt vor sich sieht ('S. 107). Das bedeutet nicht, daß 
sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur, wie 
wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person nach 
langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher einmal 
nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen Neffen wieder- 
gesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche Inhalt des 
Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und darum wird auch 
im Traume keine Trauer verspürt- Man merkt es hier, daß die im 
Traume enthaltene Empfindung nicht zum manifesten Trauminhalt 
gehört, sondern zum latenten, daß der Affektinhalt des Traumes von 
der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vorstellungsinhalt be- 
troffen hat. 

Anders die. Träume, in denen der Tod einer geliebten verwandten 
Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt wird. 
Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die betreffende 
Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, daß sich die 
Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ahnliches geträumt haben, 
gegen meine Auslegung sträuben werden, muß ich den Beweis auf der 
breitesten Basis anstreben. 

Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen 
konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt dar- 
stellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch ver- 
flossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein, denen 
wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traume doch eine Art 
von Eortexistenz zusprechen müssen. Sic sind nicht tot wie die 
Verstorbenen nach unserem Begriffe, sondern wie die Schalten der 
Odyssee, die. sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen 
Leben erwachen. In jenem Traume vom toten Kinde in der Schachtel 
(S. 108) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren 
aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. 
Es ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn 
ich hinzufüge, daß selbst diesem Wunsehe eine Erinnerung aus der 
frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines 
Kind — wann, ist nicht sicher festzustellen — gehört, daß ihre Mutter 
in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere Ver- 
slimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den 
Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, folgte 
sie nur dem Beispiele der Mutter. 

Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein 
Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so 
werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß 
er ihnen jetzt den Tod wünscht- Die Theorie des Traumes fordert 
nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen — irgend 
einmal in der Kindheit — den Tod gewünscht habe. Ich fürchte 
aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der 



Der Egoismus des Kindes. 173 

Beschwerdeführer bei tragen; diese dürften ebenso energisch die Mög- 
lichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie sich sicher 
fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich muß 
darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseclcnlcben nach den 
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen*. 

Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Ge- 
schwistern ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es 
müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister- 
feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sieh 
drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre 
noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber auch 
sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen 
und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener 
Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere miß- 
handelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das jüngere hat 
sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet und 
gefürchtet, oder seine ersten Regungen von Freiheitsdrang und Rechts- 
bewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern 
sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür 
nicht zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß der Charakter auch 
des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn ,bei einem Erwachsenen 
zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet 
seine Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedi- 
gung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in 
erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber 
darum nicht „schlecht", wir heißen es „schlimm"; es ist unverant- 
wortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem 
Strafgesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß noch 
innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zurechnen, in 
dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die Moral er- 
wachen werden, daß, mit Meynert zu reden, ein sekundäres Ich 
das primäre überlagern und hemmen wird. Wohl entsteht die Mora- 
lität nicht gleichzeitig auf dar ganzen Linie, auch ist die Dauer der 
morallosen Kindheitsperiode bei den einzelnen Individuen verschieden 
lang. Psychoanalytische Untersuchungen haben mir gezeigt, daß ein 
sehr frühzeitiges Einsetzen der moralischen Reaktionsbildung (vor 
dem dritten Jahr), also ein sehr rasches „Bravwerden" des Kindes, zu 
den für die spätere Ausbildung einer Neurose disponierenden Momen- 
ten gerechnet werden muß. Wo die Entwicklung dieser Moralität aus- 
bleibt, sprechen wir gern von „Degeneration"; es handelt sich offen- 
bar um eine Entwicklungshemmung. Wo der primäre Charakter durch 
die spätere Entwicklung bereits überlagert ist. kann er durch die Er- 
krankung an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt werden. 
Die Übereinstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit 
dem eines schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangs- 
neurose hingegen entspricht dem Durchbruch einer Ubermoralität, die 

* Vgl. hiezu : Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben im Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychni-athologische Forschungen. Bd. I, 1909, und 
„Ober infantile Sexualtueorien" in Sammlung kleines Schriften zur Neuroscu- 
iehre, zweit« Folge. 



174 V. Da» Tranmmaterial und die Traumquellen. 

als verstärkende Belastung dem sich immer wieder regenden primären 
Charakter auferlegt war. 

Viele Personen also, die heute ihre Geschwister liehen und sich 
durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her 
böse- Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sieh in 
Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders inter- 
essant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in 
ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das Kind 
war bisher das einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der Storch 
ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den »Ankömmling und 
äußert dann entschieden: „Der Storch soll es wieder mitnehmen*." 

Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind 
abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu 
erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die sich heute 
mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß 
ich, daß sie die Nachricht von deren Ankunft mit dem Vorbehalit 
beantwortet hat: „Aber meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht 
geben." Sollte das Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen, 
so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkte erwachen. Ich 
kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges Mädchen den Säugling 
in der "Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen weiterer Anwesen- 
heit ihr nichts Gutes ahnte Der Eifersucht sind Kinder um diese 
Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine 
Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat 
wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein 
neues vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser 
Liebling den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent 
möge dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder 
so gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit**? Natürlich ist 
dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen 
Verhältnissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes. Bei 
einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren Mädchen bereits 
dio mütterlichen Instinkte gegen das hilflose Neugeborene regen. 

Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen 
im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beob- 
achtung Erwachsener auffallen***. 

* Der S'/jjährign Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyso in der vor- 
hin erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber kurz nach der Geburt einer 
ßchwestcr: Ich will aber kein Schwesterchen haben. In seiner Neurose, l'/j Jahr© 
später, gesteht er den Wunsch, dufl die Mutter das Kleine beim Baden in dio 
Wanno fallen lassen möge, damit es sterbe, unumwunden ein. Dabei ist Hans 
ein gutartiges, zärtliches Kind, welches bald auch diese Schwester liebgewinnt 
und sio besonders gern protegiert. 

** Solche in der Kindheit erlebte Sterbefiille mögen in der Familie bald 
vergessen worden sein, die psychoanalytische Erforschung zeigt doch, daß sie 
für die spätere Neurose »ehr bedeutungsvoll geworden sind. 

*** Beobachtungen, die sich auf das ursprünglich feindselige Verhalten von. 
Kindern gegen Geschwister und einen IQfclMktOil beziehen, sind seither in großer 
Anzahl gemacht und in der psychoanalytischen Literatur niedergelegt worden. 
Besonders ci:ut und naiv hat der Dichter Spittelcr diese typische kindliche 
Einstellung aus seiner frühesten Kindheit geschildert: „Übrigens war noch ein 
iweiter Adolf da. Ein kleines Geschöpf, von dorn man behauptete, er wäre ineia 
Bruder, von dem ich aber nicht begriff, wozu er nützlich §ci; noch weniger. 



Die Feindseligkeit des Kindes gegen Geschwister. 175 

Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe 
ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie 
jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 
15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde. 
Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das 
Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küßt und sie streichelt; ich 
überzeuge mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten zweiten 
Jahre seine Sprachfähigkeit dazu benützt, um Kritik an der ihm doch 
nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die Rede auf 
sie kommt, mengt er sieh ins Gespräch und ruft .unwillig: Zu k(l)ein, 
zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch 
vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß 
er seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, an- 
ders zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran; 
Sie hat keine Zähne*. Von dem ältesten Mädchen einer anderen 
Schwester haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals 
sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be- 
stätigen ließ: „Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht ver- 
stehen?" Lucie war die um 2 J /8 Jahre jüngere Konkurrentin. 

Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode 
der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen ver- 
mißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Bestäti- 
gung der Regel umdeuten ließ. Als ich. einst einer Dame während 
einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem Sympto.n 
an der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, antwortete sie 
mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein 
anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts zu 
schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Je 'iren, zuerst als damals 
Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. „Eine Menge Kinder, 
alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen tum- 
melten sich auf einer Wiese. Plötzlich bekamen sie Flü- 
gel, flogen auf und waren weg." Von der Bedeutung'dcs Traumes 
hatten sie keine Ahnung; es wird uns nicht schwer fallen, einen Traum 
vom Tode aller Geschwister in seiner ursprünglichen, durch die 
Zensur wenig beeinflußten Form darin zu erkennen. Ich getraue mich 
folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem Tode eines aus der 
Kinderschar — die Kinder zweier Brüder wurden in diesem Falle 
in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen — wird unsere noch 
nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person gefragt 
haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die 
Antwort wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und wer- 
den Engerl. Im Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Ge- 
weswegen man solch ein Wesen aus ihm mache wie von mir selber. Ich genügtet 
für mein Bedürfnis, was brauchte ich einen Bruder? Und nicht bloß unnütj 
war er, sondern mitunter sogar hinderlich. Wenn ich die Großmutter belästigte, 
wollte er sie ebenfalls belästigen, wenn ich im Kinderwagen gefahren wnrde, 
saß er gegenüber und nahm mir die Hälfte Plati weg, so daß wir uns mit den 
Füßen stoßen mußten." 

* In die nämlichen Worte kleidet der 3V s jährige Hans die vernichtende 
Kritik seiner Schwester (1. o.). Er nimmt an, daß sie wegen des Mangels der 
Zahne nicht sprechen kann. 



j"6 V. Das Traumniaterinl and die Traumquellea. 

schwistcr alle Flügel wie die Engel und — was die Hauptsache ist — 
sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke, 
das einzige nach einer solchen Schar! Uaß sich die Kinder auf einer 
"Wiese tummeln, von der sie wegfliegen, deutet kaum mißverständlich 
auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das Kind 
geleitet hätte, welche die Alten bewog, die Psyche mit ,Schmetterlings- 
ilfigelii zu bilden- 

Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der 
Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme 
das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber 
oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, als ob alle 
Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, 
erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom „Totsein" mit der 
unsorigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat. 
Da« Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, ,vom Frieren 
im kalten Grabe, vom Schrecken des endlosen Nichts, das der Er- 
wachsene, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner i Vorstellung 
so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum 
spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem anderen Kinde: 
„Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz 
gestorben ist," wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die 
vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der 
erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit 
bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Ganga 
durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: 
„Mama, ich habe dich so lieh; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich 
ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer, 
immer sehen kann!" So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom 
Gestorbensein der unserigen*. 

Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die 
Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als 
„fort sein", die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet 
nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu Stande kommt, ob durch 
Verreisen, Entfremdung oder Tod**. Wenn in den prähistorischen 
Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und einige 

* Von einem hochbegabten zehnjährigen Knaben hörte ich nach dem plötz- 
lichen Toilo seines Vaters zu meinem Erstannen folgende Äußerung: Dan der 
Vater gestorben ist, versteho ich, aber warum or nicht zum Nachtmahl nach 
Hauso kommt, kann ich mir nicht erklären. — Weiteres Material zu diesem 
Thema findet sich in der von Frau Dr. v. Hug-Hellmuth redigiorten Kubrik 
„Kindorseele" von „Imago", Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf 
dio Geisteswissenschaften, Bd. I— V, 1912—1918. 

** Die Beobachtung eines psychoanalytisch geschulten Vaters erha-cht auch 
der. Moment, in dem sein geistig hochentwickeltes vierjähriges Töchterchen den 
Unterschied zwischen „fortsein" und „totsein" anerkennt. Das Kind machte 
Schwierigkeiten beim Kssen und fühlte sich von einer der Aufwärterinnen in 
der Pension unfreundlich beobachtet. „Die .Josefine soll tot sein", äußerte sie- 
darum gegen den Vater. Warum gerade tot sein/, fragte der Vater beschwich- 
tigend. Ist es nicht genug, wenn sie weggpht? „Kein," antwortete das Kind, 
,, 'laiin kommt sie wieder." — Für die uneingeschränkte Eigenliebe (den Nar- 
zißmus") des Kindes ist jode Störung ein crimen laesae majestatis, und wie dio 
drakonische Gesetzgebung setzt das Gefühl dos Kindes auf alle solche Vergehen 
nur dia eine ni^ht dosierUuo Strafe, 



TodeswBnschc gegen IJMcllWiatw nii'l Eltern. 171 

Zeit darauf seine Mutter gestorben [st, so liegen für seine Erinnerung, 
wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse in einer Roiha 
übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv ver- 
mißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren, wenn sie nach 
mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre 
Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges 
Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes ,,un- 
entdoekte Land" verreist ist, »von des Bezirk kein Wanderer wieder- 
kehrt", so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und 
erst nachträglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern. 

Wem das Kind also Motive hat, dio Abwesenheit eines anderen 
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen "Wunsch 
in dio Form zu kleiden, es möge tot sein, und die psychische Reak- 
tion auf den Todcswunschtraum beweist, daß trotz aller Verschieden- 
heit im Inhalt der "Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche 
ist wio der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen. 

Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister er- 
klärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister 
als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen 
dio Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und 
Erfüllet seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus ego- 
istischen Motiven wünschen sollte? 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit, leitet uns die Erfahrung, daß 
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des 
Elternpaares betreffen, der das Gesebleoht des Träumers teilt, daß 
also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode der 
Mutter träumt. Ich kann das nicht als regelmäßig hinstellen, aber 
das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, daß es 
eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert. 
Es verhält sich — grob ausgesprochen — so, als ob eine sexuelle 
Vorliebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im 
Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe 
erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann. 

Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge 
man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern 
ins Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kulturforderung der 
Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beob- 
achtung als tatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern 
und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß zur Feindseligkeit ver- 
borgen; die Bedingungen für das Zustandekommen von Wünschen, 
welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmaße 
gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater 
und Sohn- Ich meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des 
Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahr- 
nehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu 
merken, daß der größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung 
des vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten 
Schichten der menschlichen Gesellschaft pflegt die Pietät, gegen die 
Eitern vor anderen Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nach- 
richten, die in Mythologie und Sago aus der Urzeit der menschlichen 

r - . . . i. 'i'ntmniUuluotf 7. AuA. I* 



178 V. Pns Traummateria! and die Traamqaetlen. 

Gesellschaft auf uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des 
Vaters und von der Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, 
eine unerfreuliche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder- 
etwa wie der Eber den Wurf des Mutterschweines, und Zeus ent- 
mannt den Vater* und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Je 
unumschränkter der Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr 
muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes ge- 
rückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein, durch den 
Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen- Noch in unserer 
bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Verweigerung der 
Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem 
natürlichen Keime der Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur 
Entwicklung zu verhelfen- Der Arzt kommt oft genug in idie Lage zu 
bemerken, daß der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne 
die Befriedigung über die endlich erlangte Freiheit nicht unter- 
drücken kann. Den Rest der in unserer heutigen Gesellschaft arg 
antiquierten potestas patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft 
festzuhalten, und jeder Dichter ist der Wirkung sicher, der den uralten 
Kampf zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln 
rückt. Die Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und Mutler er- 
geben sich, wenn die Tochter heranwächst und in der Mutter die 
Wächterin findet, während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die 
Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, daß 
für sie die Zeit gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen. 

Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns 
Augen. Sie fördern uns aber niclit bei der Absicht, die Träume vom 
Tode der Eltern zu erklären, welche eich bei Personen finden, denen 
die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist. 
Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen darauf vor- 
bereitet, daß sich der Todeswunsch gegen die Eltern aus äer frühesten 
Kindheit ableiten wird. 

Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich 
diese Vermutung für die Psychoncurotiker bei den mit ihnen vor- 
genommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig dio 
sexuellen Wünsche des Kindes erwachen — soweit sie im keimenden 
Zustand diesen Namen verdienen — , und daß die erste Neigung des 
Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben der 
Mutier gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, die Mutter 
für das Mädchen zur störenden Mitbewerber, und wie wenig für das 
Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todeswunsch führe, 
haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt. Die 
sexuelle Auswahl macht sich tn der Regel bereits bei den Eltern 
geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen 
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während 
beide, wo der Zauber des Gesclüechtes ihr Urteil nicht verstört, mit 

* Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach anderen wir.l 
dio .Entmannung nur von Kronoa an seinem Vater Uranos vollzogen. 

Cber dio mythologische Bedeutung dieses Motivs vgl. Otto Rank: De^ 
Mythus von der Goburt des Helden, 6. Heft der „Schriften zur angew. Seele-a- 
kuude, 1909' und „Das Inzestinotiv in Dichtung und Sago", 1913, Kap. IX. 2. 



Die Quellru des ToJ»swanncliea gegou die Eltern. 1 79 

Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt 
die Bevorzugung selir wohl und leimt sich gegen den Teil des Eltern- 
paares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu 
finden, ist ilim nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürf- 
nisses, sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem 
Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eignen sexuellen Triebe 
und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, 
wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie 
diese trifft» 

Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder 
pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach 
den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner 
Bekanntschaft benutzt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische 
abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren- „Jetzt 
will ich die Mama sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, 
ich bitte dich" usw. Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen 
von nicht vier Jahren, an dem dies Stück Kinderpsychologie besonders 
durchsichtig ist, äußert direkt: ..Jetzt kann das Muatterl einmal fort- 
gehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will seine Eriu 
sein." Im Kinderleben schließt dieser Wunsch durchaus nicht aus, 
daß das Kind auch seine Mutler zärtlich liebo. Wenn der kleine 
Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, 
und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer 
Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sicli leicht der Wunsch 
bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit 
er seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein 
Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der 
Vater tot ist, denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: „Tote" 
Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie 
wieder. 

Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vor- 
geschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings nicht 
die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener Neuro- 
tiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume 
erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als Wunsch- 
träume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages eine Dame betrübt 
und verweint. Sie sagt: „Ich will meine Verwandten nicht mehr sehen, 
es muß ihnen ja vor mir grausen." Dann erzählt sie fast ohne Über- 
gang, daß sie sich an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung sie 
natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier Jahren geträumt, er lautet 
folgendermaßen: Ein Luchs oder Fuchs geht, auf dem Dache 
spazieren, dann fällt etwas herunter oder sie fällt her- 
unter, und dann träjrt man die Mutter tot aus dem Hause, 
wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mitgeteilt) daß dieser 
Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten muß. die Mutter tot 
zu sehen, und daß sie dieses Traumes wegen meinen muß, die Ver- 
wandten grausen sieh vor ihr, so liefert sie bereits etwas Material, 
den Traum aufzuklären. „Luchsaug" ist ein Sehimpfwort, mit dem sie 
einmal als ganz kleines Kind von einem Gassenjungen belegt wurde; 

12» 



180 V. Das Tranmmaterial un.1 die Tranmqoellcn. 

ihrer Mutter ist. als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein von? 
Dache auf den Kopf gefallen, so daß sie heftig geblutet hat. 

Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver- 
schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren, 
in einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann, 
zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, 
schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bett näherte, während 
sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll 
und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer 
Zustand mil sehr gestörtem Schlafe; in dieser Phase begann ich die 
Behandlung und analysierte- ihre Träume. Eine Unzahl derselben 
handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter; bald 
wohnle sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald sah sie 
sieh und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen ; es blieb 
üIkm- den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fort- 
schieilender Besserung traten hysterische Phobien auf; die quälendste 
darunter war, daß der Mutter c-.was geschehen sei. Von wo sie immer 
sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen, 
daß die Mutler nocli lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten mit 
meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleichsam 
mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Keakt ionsweisen des psychi- 
schen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der Verworren- 
heit, die ich als Überwältigu ngder zweiten psychischen Instanz 
durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde die unbewußte 
Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig; als dann die 
erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der 
Zensur wieder hergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr 
das Gebiet des Traumon.? offen, um den Wunsch nach ihrem Tode zu 
verwirklichen; als das Normale sieh noch weiter gestärkt hatte, schuf 
es als hysterische Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die über- 
mäßige Sorge um die Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht 
mehr unerklärlich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärt- 
lich an ihren Müttern hängen. 

Ein andermal halte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un- 
bewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangs- 
neurose fast existenzuufähig, nicht auf die Straße gehen konnte, weil 
ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingen, 
um. Er verbrach lo seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi 
in Ordnung zu haiton, falls die Anklage wegen eines der in der Stadt 
vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu 
bemerken, daß er ein ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch 
war. Die — übrigens zur Heilung führende — Analyse deckte als 
die Begründung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse 
gegen seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er hieben Jahre 
alt war. zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natürlich 
aus weit früheren Kindesjahren stammten. Nach der qualvollen Krank- 
heit und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebensjahre der Zwangs- 
vorwurf auf, der eich in Form jener Phobie auf Fremde übertrug'. 
"Wer im Stande war. seinen eigenen Vater von einem Berggipfel in 
den Abgrund stoßen zu wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, daß 



Die Sage Tom Könifj Odipus. \%\ 

er auch das Leben Fernerstehender nicht schone ; der tut darum recht 
daran, sich in seine Zimmer einzuschließen. 

Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern 
im Kindorseelenleben aller späteren Psychoneurotikcr die Hauptrolle, 
und Verliebtheit gegen den einen, Ha.ß gegen den anderen Teil des 
Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zei'u gebildeten 
und für die Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Ma- 
terials an psychischen Regungen. Ich glaube aber ni.-ht, daß dio 
Psychoneurotikcr sich hierin von anderen, normal verbleibenden Men- 
schenkindern scharf sondern, indem sie absolut Neues und ihnen 
Eigentümliches zu schaffen vermögen. Es ist bei weitem wahrschein- 
licher und wird durch gelegentliche Beobachtungen an normalen 
Kindern unterstützt, daß sie auch mit diesen verliebten und feind- 
seligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur durch die Vergrößerung 
kenntlich machen, was minder deutlich und weniger intensiv in der 
Seele der meisten Kinder vorgeht Das Altertum hat uns zur Unter- 
stützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen durch- 
greifende und allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche 
All gemeingültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kinder* 
Psychologie verständlich wird. 

Ich meine dio Sago vom König Odipus und das gleichnamige 
Drama des Sophokles. Odipus, der Sohn des La los, Königs 
von Theben, und der Jo käste, wird als Säugling ausgesetzt, weil ein 
Orakel dem Vater verkündet hatte, der noeli ungeborene Sohn werde 
sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königssohn an 
einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher, selbst das 
Orakel befragt und von ihm den Hat erhält, die Heimat zu meiden, 
weil er der Mörder 6eines Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter 
werden müßte Auf dem Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg 
trifft er mit König Laios zusammen und erschlägt ihn in rasch ent- 
branntem Streite- Dann kommt er vor Theben, wo er die Rätsel 
der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank dafür von den 
Thebanern zum König gewählt und mit Jokastes Hand beschenkt 
wird. Er regiert lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit der 
ihm unbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest 
ausbricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seite 
der T heb an er veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles 
ein. Die Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, 
wenn der Mörder des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo abe? 
weilt der? 

• 

„Wo findet sich 
die echwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?" 

(Obcnetruntr von Pnnnar, v. 10* > 

Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als irt 
der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung — 
der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar — , daß Odipus selbst 
der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten und d*r 
Jokaäte ist Durch seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert. 



J5J V. l>u» Trnummatcrial und die Tranmquellen. 

blendet sich ödipus und verläßt die Heimat. Der Orakelspruch ist 
erfüllt. 

König Ödipus ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre 
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über- 
mächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom 
Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der 
Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene 
Zuschauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne 
Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, in- 
dem sie den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel 
verwoben. Allein die. Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz 
alles Sträubens schuldloser Menschen ein Fluch oder Orakelspruch 
sich an ihnen vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind obna 
"Wirkung geblieben. 

Wenn der König ödipus den modernen Menschen nicht minder 
zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die 
Lesung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen 
Tragödie nicht auf d>*m Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen- 
willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, 
an welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß eine Stimme in 
ntserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schicksals 
inj ödipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen wio 
in der „Ahnfrau" oder in anderen Schicksalstragödien als willkürliche 
zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in der Tat 
in der Geschichte des Königs Ödipus enthalten. Sein Schicksal er- 
greift uns nur darum, weil es auch das unscrige hätte werden können, 
weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns ver- 
hängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die 
erste Sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalt- 
tätigen Wunsch gegen den Vater zu richten ; unsere Träume über- 
zeugen uns davon. König ödipus, der seinen Vater Laios er- 
schlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunsch- 
crfüllung unserer Kindheit- Aber glücklicher als er. ist es uns seitdem, 
insofern wir nicht Psyehoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere 
sexuellen Kegungen von unseren Müttern abzulösen, unsere Eifersucht 
gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher eich 
jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück 
mit dem ganzen Betrag der Verdrängung, welche diese Wünsche in 
unserem Innern seither erlitten haben. Während der Dichter in jener 
Untersuchung die Schuld des ödipus ans Licht bringt, nötigt er uns 
zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn 
auch unterdrückt, noch immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung, 
mit der uns der Chor verläßt, 

„ . . . sehet, das ist ödipus. 

der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht, 
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten ; 
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!" 

diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den 
Kind<*>jahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer 



Der Ödipuskomplex. [S.j 

Schätzung. "Wie ödipus leben wir in Unwissenheit der die Moral 
beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat. und 
nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden 
von den Szenen unserer Kindheit*. 

Daß die Sage von ödipus einem uralten Traumstoffe entsprossen 
ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern 
durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalt hat, dafür findet 
sich im Texte der Sophok leischcn Tragödie selbst ein nicht miß- 
zuverstehender Hinweis. Jo käste tröstet den noch nicht aufgeklärten, 
.iber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten 
Ödipus durch die Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Men- 
echen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas bedeute: 

..Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon 
955. Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies 
Für nichtig achtet, trägt- die Last des Lebens leicht" 

Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso 
wie damals auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und 
verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel der Tra- 
gödie und das Ergänzungsstück zum Traume vom Tode des Vaters. 
Die ödipus fabel ist die Reaktion der Phantasie auf diese beiden 
typischen Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen mit Ab- 
lehnungsgefühlen erlebt werden, so muß die Sage Schreck und Selbst- 
bestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung 
rührt wiederum von einer mißverständlichen sekundären Bearbeitung 
des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden Absicht dienstbar 
zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von der Exhibition S. 167 f.) 
Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der menschlichen Verantr 
wortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an diesem Material wie an 
jedem anderen mißlingen- 

Auf demselben Boden wie „König ödipus" wurzelt eine andere 
der großen tragischen Dichterschöpfungen, der Hamlet Shake- 
speares. Aber in der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes 
offenbart sich der ganze Unterschied im Seelenleben der beiden weit 
auscinanderliegendeu Kulturperiodeu, das säkulare Fortschreiten der 
Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im ödipus wird die 
zu Grunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans 
Licht gezogen und realisiert; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir 
erfahren von ihrer Existenz — dem Sachverhalt bei einer Neurose 
ähnlich — nur durch die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen. 

* Keine der Ermittlungen der psychoanalytischen Forschung hat so er- 
bitterten Widerspruch, ein so grimmiges Sträuben und — so ergötzliche Vcr- 
ronkuugen der Kritik hervorgerufen wie dieser Hinweis auf die kindlichen, im 
Unbewußten erhalten gebliebenen Inzestneigungen. Die letzte Zeit hat selbst 
einen Versuch gebracht, den Inzest, allen Erfahrungen trotzend, nur als „sym- 
bolisch" gölten zu lassen. Eine gei-i reiche Cbordeutung des ödipus mythu.i 
gibt, auf einer P.ricf-telle Sohope n ha u ors füllend, Fcrenczi in der Imagol, 
IUI 2. — Der hier zuerst in der „Traumdeutung" berührte „Ödipuskomplex" hat 
•lureb weitere Studien eine ungeahnt große Bedeutung für das Verständnis der 
Menschheitsgeschichte und der Entwicklung von Religion und Sittlichkeit gu- 
wuunen. S. Totoia und Tabu, 1913. 



Jg4 V Das Traummnterinl und dlo Traumqueilen. 

Mit der fiborvültigenden "Wirkung dos moderneren Dramas hat es sich' 
eigentümlicherweise als vereinbar gcz'igt, daß maa über den Charakter 
des Holden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf 
die Zögonu.g Hamlets gebaut, dio ibm zugeteilte Aufgabe der Kache 
zu erfüllen- welches die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, 
gesiebt der Text nicht ein; die vielfältigsten üeutungsversuche haben 
es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute noch herrschenden, 
durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Typus des 
Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Ent- 
wieklung dor Gedankenlätigkeit gelähmt wird (.,Von des Gedankens 
Blasso angekränkelt")- Nach anderen hat der. Dichter einen krank- 
haften, unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden 
Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des Stückes lehrt, 
daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des 
Handelns überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auf 
treten, das einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den 
Lauscher hinter der Tapete niederstoßt, ein anderesmal planmäßig, 
ja selbst arglistig, indem er mit der vollen Unbedenklichkeit des 
Kciiaissance-Brinzen die zwei Höflinge in den ihm selbst zugedachten 
Tod schickt. "Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, dio 
der Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die 
Auskunft, daß es die besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet 
kann alles, nur nicht die Kache an dem Manne vollziehen, der seinen 
Vator beseitigt und bei seiner Mutter desseu Stelle eingenommen hat, 
nn dem Manne, der ihm die Kealisierung seiner verdrängten Kinder- 
wimsehe zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Kache drängen sollte, ersetzt 
sich so bei ihm durch Selbst. vorwürfe, durch Gcwisscnsskrupel, die 
ihm vorhalten, daß er, wortlich verstanden, selbst nicht besser Bei 
als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe dabei ins Bewußte 
übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß; wenn 
jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als 
Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung 
stimmt sehr wohl dazu, die Hamlet dann im Gespräch mit Ophelia 
äußert, die nämliche Sexualabnoigung, die von der Seele des Dichters 
in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren 
Gipleläußerungen im Timon von Athen. Es kann natürlich nur das 
eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet 
entgegentritt; ich entnehme dem Werke von Georg Brandes über 
Shakespeare (1896; die Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem 
Tode von Shakespeares Vater (1601), also in der frischen Trauer um 
ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, der auf den Vater 
bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt 
ist auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Namen 
Hamnet (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis 
des Sohnes zu den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahe- 
stehende. Macbeth auf dem Thema der Kinderlosigkeit. Wie übrigens 
jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, der Cberdeutung 
fällig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird 
auch jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv 
und einer Anregung in der Seele des Dichters hervorgegangen ecin 



Shakespeares Hamlet }H5 

und mehr als eine Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung 
der tiefsten Schicht von liegungen in der Seele des schaffenden Dich- 
ters versucht*. 

Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten 
nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie des 
Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume 
zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, dali der durch 
den verdrängten Wunsch gebildete TraumgedaoJöJ jeder Zensur ent- 
geht und unverändert in den Traum übertritt. Es müssen besondere 
Verhältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich finde die 
Begünstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten: Erstens 
gibt es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben; wir meinen, 
das zu wünschen könnte, „uns auch im Traume nicht einfallen", und 
darum ist die Traumzensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht ge- 
rüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung Solons keine Strafe für 
den Vatermord aufzustellen wußte. Zweitens ater kommt dem ver- 
drängten und nicht geahnten 'Wunsche gerade hier besonders häufig 
ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer Sorge um das Leben der 
teuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum ein- 
tragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient; der 
Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen Sorge 
maskieren- Wenn man meint, daß dies alles einfacher zugeht, daß 
man eben bei Nacht und im Traume nur tortsetzt, was man bei Tag 
angesponnen hat, so läßt man die Träume vom Tode teurer Personen 
außer allem Zusammenhang mit der Traumerklärung und hält ein 
Solu- wohl reduzierbares Bätsei überflüssigerweise fest. 

Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den 
Angstträumen zu verfolgen. Iu den Träumen vom Tode teurer Per- 
sonen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er 
sich der Zensur — und der durch sie bedingten Entstellung -- ent- 
ziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung ist dann, daß 
schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso 
kommt der Angsttraum nur zu stände, wenn die Zensur ganz oder 
teilweise überwältigt wird, und anderseits erleichtert es die Über- 
wältigung der Zensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus somati- 
schen Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher 
Tendenz die Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung ausübt; 
es geschieht, um die Entwicklung von Angst oder anderen 
Formen peinlichen Affektes zu verhüten. 

Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseelo 
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen Zu- 
sammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen Charakter 
bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt 

• Pin obenstehenden Andeutungen zum analytischen Verständnis dos Ham- 
let hat dann B. Jones vervollständigt und gegen andere in der. Literatur nie- 
dergelegte Auffassungen verteidigt- (Das Problem des Hamlet und der Ödipus- 
komplex 1911.) — Weitere Bemühungen um die Analyse des Macbeth in mei- 
nem Aufsätze „Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit'*, Imago 
IV, 1916, und bei L. Jekels, Shakespeares Macbeth." lum;ro V. 1918. 



lyß V. Diu Traummaterial u.id die Traumi|uellon. 

ÜHß liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die Wünsche, die in ihnen 
eriüllt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses Ichs; es ist nur ein 
täuschender Anschein, wenn je das Interesse für einen anderen einen 
Traum hervorgerufen haben sollte- Ich will einige Beispiele, welche 
dieser Behauptung widersprechen, der Analyse unterziehen. 

I. Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine 
grolle garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes Stück 
Fleisch gebraten war, u nd d a s Stück war auf einmal ganz 
— nicht zerschnitten — » aufgegessen. Die Person, die es 
gegessen hat, hat er nicht g e s e h e n*. 

Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch- 
mahlzeit unser Kleiner t räumt ? Die Erlebnisse des Traumtages müssen 
un.-! darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen Tagen nach 
ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber 
unartig, und da wurde ihm zur Strafe die Al>endmahlzeit entzogen. 
Er hatte schon früher einmal eine solche Hungerkur durchgemacht und 
sieh sehr tapfer dabei benommen. Er wußte, daß er nichts bekommen 
werde, getraute sich al>er auch nicht, mit einem Worte anzudeuten, 
daß er Hunger habe. Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken; sie 
äußert sich bereits im Traume, der einen Anfang von Traumentstel- 
lting zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren 
Wünsche auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit, 
zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er es nicht, 
wie die hungrigen Kinder es im Traume tun (vgl. den Erdbeertraum 
meiner kleinen Anna, S. 91), sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. 
Die Person bleibt anonym. 

II. Ich träume, einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhand- 
lung ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die 
ich sonst zu kaufen pflege (Kunst lermonographien, Monographien zur 
Weltgeschichte, berühmt* Kunststätten usw.). Die neue Sammlung 
nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und das Heft I 
derselben trägt den Namen Dr. Lecher. 

In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der 
Ruhm Dr- Lechers. des Dauerredners d^r deutschen Obstruktion 
im Parlament, während meiner Träume beschäftigte. Der Sachverhall 
ist, der. daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur psychischen 
Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stunden täglich zu 
sprechen genötigt bin- Ich bin also selbst solch ein Dauerredner. 

III Ich träum* ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an 
unserer Universität -agt : Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein 
Dialog, aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber 
dann ein dritles Traumstück, in dem ich und meine Söhne vorkom- 
men, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und Sohn, Pro- 

* Auch da« CiroOe, Überreiche, niermüBige und PbcrtriebPne der Trfmme. 
könnte ein Kindlieitscli.ua.kter sein. Pas Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch, 
als groß zu werden, von allem so viel zu bekommen wie die Großen; es isti 
schwer ZU befriedigen, kennt kein Comic, verlaugt unersättlich nach Wieder- 
holung dessen, was ihm gefallen oder geschmeckt hat. Maß halten, sieh be- 
scheiden, resignieren lernt es erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich 
neigt auch der Nouroliker zur Maßlosigkeit und l'nmiUligkeit. 



Der Egoismus der Trttume. Ig7 

fessor M.. nur Strohmänner, die mich ttaä meinen Ältesten decken. 
Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigentümlichkeit r.och 
weiter unten behandeln. 

IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen G-fühlrn, 
die sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum: 

Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im 
Gesichte und hat vortretende Augen- 

Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver- 
bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht, 
sie erfolgreich behandelt, wenn sie. erkranken, und sie überdies zu 
allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können, beschenkt. 
Er war am Traumtage zu Besuch, und da bemerkte meiue Frau, daß 
er müde und abgespannt aussehe. Nachts kommt mein Traum und 
leiht ihm einige der Zeichen der Basedowschen Krankheit. Wer 
sich in der Traumdeutung von meinen Regeln freimacht, der wird 
diesen Traum so verstehen, daß ich um die Gesundheit meines Freun- 
des besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich im Traume realisiert. 
Es wäre ein Widerspruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der 
Traum eine "Wunschcrfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß 
er nur egoistischen Kegungen zugänglich ist. Aber wer so deutet, 
inügo mir erklären, warum ich bei Otto die Basedowsche Krank- 
heit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht, den 
leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Ma- 
terial aus einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat. 
Wir fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R. 
befand] in tiefer Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden 
weit von unserem Sommcrautenthalt entfernt- Der nicht ijanz nüch- 
terne Kutscher warf uns mit dem Wagen einen Abhang hinunter, und 
es war noch glücklich, daß wir alle heil davon kirnen. Wir waren 
aber genötigt, im nächsten Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde 
von unserem Unfall große. Sympathie für uns erweckte. Ein Herr, 
der die unverkennbaren Zeichen des Morbus Basedowii an s-ich trug, 
— übrigens nur Bräunung der Gesicht shaut und vortretende Ajigen, 
ganz wie im Traume, kein Struma — stellte sich ganz zu unserer Ver- 
fügung und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in seiner 
bestimmten Art antwortete : Nichts anderes, als daß Sie mir ein 
Nachthemd leihen- Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann ich 
nicht, und ging von dannen. 

Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein. daß Basedow nicht 
nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten 
Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht 
recht sieher.) 'Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich gebeten 
habe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche Erziehung 
meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit, (daher das Nachthemd). 
zu überwachen. Indem ich nun Freund Otto im Traume mit den 
Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe, will ich offenbar 
sagen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm ebensowenig etwas für 
die Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn Baron L. trotz seiner 



188 V. Da» Traummaterial und die Traumquellen. 

liebenswürdigen Anerhietungen. Der egoistische Einsehlag dieses Trau- 
mes dürfte nun wohl aufgedeckt sein*. 

"Wo steckt aber liier die AVunscherfüllung? Nicht in der Rache 
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist. in meinen 
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender Bezie- 
hung. Indem ich Otto als Baron L. im Traume darstelle, habe ich 
gleichzeitig meine eigene Person mit einer anderen identifiziert, näm- 
lich mit der des Professors IL, denn ich fordere ja etwas von Otto, 
wie in jener Begebenheit R. vom Baron L. gefordert hat- Und daran 
liegt es. Professor R. hat ähnlich wie ich seinen Weg außerhalb der 
Schule selbständig vorfolgt und ist erst in späten Jahren zu dem 
längst verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal Professor 
werden! Ja selbst das „in späten Jahren" ist eine "Wunscherfüllung, 
denn es besagt, daß ich lange genug lebe, um meine Knaben selbst 
durch die Pubertät za geleiten 

Y) Der Prüfungstraum. 

Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien 
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der 
Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klasse wiederholen müsse 
u. dgl- ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades er- 
setzt sieh dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vor- 
hält, daß er die rigorosen Prüfungen abzulegen habe, und gegen 
den er vergeblich noch im Schlafe einwendet, daß er ja schon seil 
Jahren praktiziere, Privaldozent 6ei oder Kanzleikiiter. Es sind die 
unauslöschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kind- 
heit für verübte Untaten erlitten haben, die sich so an den beiden 
Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies illa -1 der 
sirengen Prüfungen in unserem Inneren wieder geregt haben. Auch 
die „Prüfungsangst" der Neurotikcr 1 findet in dieser Kinderangst ihre 
Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind 
es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die 
Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausal- 
vorkettung des Lettens hat unsere weitere Erziehung übernommen, 
und nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosuni, — 
und wer hat damals nicht selbst als Gerechter gezagt? — so oft wir 
erwarten, daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht 
recht gemacht, nicht ordentlich zu Stande gebracht haben, so oft wir 
den Druck einer Verantwortung fühlen- 

Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer 
Bemerkung von Seite eines kundigen Kollegen, der einmal in einer 
wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der 
Maluratraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung be- 
standen haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der 

* Als Ernost Jones in einem wissenschaftlichen Vortrag vor einer anv.ika- 
nlschcn (Jcsellschnft vom lOgnjsuius der Träume sprach, erhob eine gelehrte JUmo 
gegen diese unwissenschaftliche VerollR meimrunjr den Einwand, der Autor künna 
doch nur übel die Träume von Österreich 'rn urteilen und dürfe über die Trauma 
von Amerikanern nichts aussagen. Sie sei für ihre Person sicher, daß all.' ihre» 
Träume streng altruistisch seien. 



Der PrUfiiufjslraum, JgG, 

ängstliche Prüflingstraum, der, wie, sich immer mehr bestätigt, dann 
auftritt, wenn man vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung 
und die Möglichkeit, einer Blamage erwartet, würde also eine Gelegen- 
heit aus der Vergangenheit herausgesucht haben, bei welcher sich die 
große Angst .als unberechtigt erwies und durch den Ausgang wieder- 
legt wurde. Es wäre dies ein sehr auffälliges Beispiel von .Mißver- 
ständnis des Tiaiiminhaltes durch die wache Instanz. Die als Em- 
pörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich bin ja schon 
Doktor u. dgl., wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum spen- 
det, und der also lauten würde : Fürchte dich doch nicht vor morgen ; 
denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt 
hast) und es ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja schon 
Doktor usw. Die Angst aber, die wir dem Traume anrechnen, stammte 
aus den Tagesresten. 

Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen 
anstellen konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben 
gut gestimmt. Ich bin z. B. als Rigorosant in gerichtlicher Medizin 
durchgefallen; niemals hat dieser Gegenstand mir im Traume zu' 
schaffen gemacht, während ich häufig genug in Botanik, Zoologie 
oder Chemie geprüft wurde, in welchen Fächern ich mit gut be- 
gründeter Angst zur Prüfung gegangen, der Strafe aber durch Gunst 
des Schicksals oder des Prüfers entgangen bin. Im Uymnasialprüi'ungs- 
t.raume werde ich regelmäßig au* Geschichte geprüft, wo ich damals 
glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein liebens- 
würdiger Professor — der einäugige Helfer eines anderen Traumes, 
vgl. S. 12 — nicht übersehen hatte, daß auf dem Prül'ungszettel, den 
ich ihm zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit. dem Fingerna.ye.l 
durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht 
bestehen solle Einer meiner Patienten, der von der Matura zurück- 
getreten war und sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der 
Offiziersprüfung durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, be- 
richtet mir, daß er oft genug von der orsleren, aber nie von der 
letzteren Prüfung träumt. 

Die Prüfungsträunie setzen der Deutung bereits jene Schwierig- 
keit entgegen, die ich vorhin als charakteristisch für die meisten der 
typischen Träume angegeben habe. Das Material an Assoziationen, 
welches uns der Träumer auf Verfügung stellt, reicht, für die Deutung 
nur selten aus. Man muß sich das bessere Verständnis solcher Träume 
aus einer größeren Reihe von Beispielen zusammentragen. Vor kurzem 
gewann ich den sicheren Eindruck, daß die Einrede: Du bist ja schon 
Doktor u. dgl. nicht, nur den Trost verdeckt, sondern auch einen Vor- 
wurf andeutet. Derselbe hätte gelautet: Du bist jetzt schon so alt, 
schon so weit im Leben, und machst noch immer solche Dummheiten, 
Kindereien. Dies Gemenge von Selbstkritik und Trost würde dem 
latenten Inhalt der Prüfungsträume entsprechen. Es ist dann nicht 
weiter auffällig, wenn die Vorwürfe wegen der „Dummheiten" und 
..Kindereien" sich in den zuletzt analysierten Beispielen auf die 
AViederholung beanständeter sexueller Akte bezogen. 



VI. 
Die Traumarbeit. 

Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er- 
ledigen, knüpften direkt an den Ln der Erinnerung gegebenen mani- 
festen Trauniinhalt an und bemühten sieh, aus diesem die Traum- 
deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, 
ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt 
zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt 
gegenüber; für uns schiebt sieh zwischen den Trauminhalt und die 
Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Material ein: 
der durch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt 1 oder 
die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten 
Traumiuhalt. entwickelten wir die L sung des Traumes. An uns tritt 
darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht ge- 
geben hat. die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes 
zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, 
durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist. 

Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar- 
stellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder 
besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung 
der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen 
und Fügungsgesetze wir durch die Verglcichung von Original und 
Übersetzung kennen lernen sollen. Die Traumgedanken sind uns ohne 
weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren haben. Der Traum- 
inhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen 
einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind. Man 
würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen nach 
ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte. 
Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus, auf dessen 
Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe, dann 
eine laufende. Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgL Ich 
konnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und 
deren Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht 
auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nieht 
laufen; auch ist die Person größer als das Haus, und wenn das 
Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sieh die einzelnen 
Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die 
richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn 
ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen 
Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine 
Silbe oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Be- 
ziehung durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sieh so zu- 
sammenfinden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten 



Die Verdichtnr'*. \Q\ 

Und sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilderrätsel ist 
nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum- 
deutung haben, den Fehler begangen, den Rebus als zeichnerische 
Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig 
und wertlos. 

a) Die Verdichtungsarbeit. 

Das erste, was dem Untersucher bei der Verglek-hung von 
Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine groß- 
artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum Ist knapp, 
armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Reich- 
haltigkeit der Traumgedankcn. Der Traum füllt niedergeschrieben eine 
halbe Seite; die Analyse, in der die Trauingedanken enthalten sind, 
bedarf das Sechs-, Acht-, Zwölffacho an Schriftraum. Die Relation 
ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert, soweit ich es 
kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel unterschätzt 
man das Maß der statthabenden Kompression, indem man die ans 
Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material hält, 
während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traume versteckte 
Gedanken enthüllen kann- Wir haben bereits, anführen müssen, daß 
man eigentlich niemals sicher ist. einen Traum vollständig gedeutet 
zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos 
erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch ein anderer 
Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Verdichtungsquote ist 
also — streng genommen — unbestimmbar. Man könnte gegen dio 
Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen Trauminhalt und 
Traumgedanken der Schluß zu ziehen sei, ce finde eine ausgiebige 
Verdichtung des psychischen Materials bei der Traumbildung statt, 
einen Einwand geltend machen, der für den ersten Eindruck recht 
bestechend scheint. Wir haben ja so oft die Empfindung, daß wir 
Behr vieles, dio ganze Nacht hindurch, geträumt und dann das meiste 
wieder vergessen haben. Der Traum, den wir beim Erwachen erinnern, 
wäre dann bloß ein Rest der gesamten Traumarbeit, welche wohl den 
Traumgedanken an Umfang gleichkäme, wenn wir sie eben voll- 
ständig erinnern könnten. Daran ist ein Sti" sicherlich richtig; man 
kann sich nicht mit der Beobachtung täuschen, daß ein Traum am 
getreuesten reproduziert wird, wenn man ihn bald nach dem Er- 
wachen zu erinnern versucht, und daß seine Erinnerung gegen den 
Abend hin immer mehr und mehr lückenhaft wird. Zum anderen Teil 
aber läßt sich erkennen, daß die Empfindung, man habe sehr viel 
mehr geträumt, als man reproduzieren kann, sehr häufig auf einer 
Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert werden soll. 
Die Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird überdies 
von der Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, denn sie 
wird durch die Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den einzelnen 
erhalten gebliebenen Stücken des Traumes gehören. Ist tatsächlich 
ein großes Stück des Traumes für die Erinnerung verloren gegangen, 
60 bleibt uns hiedurch etwa der Zugang zu einer neuen Reihe von 
Traumgedanken versperrt. Es ist eine durch nichts zu rechtfertigende 
Erwartung, daß die untergegangenen Traumstücke sich gleich fall« 



IQ) Yl.nieTranmstrb.il 

nur auf jene Gedanken bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyst 
der erhalten gebliebenen kennen*. 

Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die 
Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhaltes bei bringt, 
wird sich bei jedem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man 
denn all das, was einem bei der Analy.se nachträglich einfällt, zu 
den Traumgedauken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese Ge- 
danken seien schon während des Schlafzustandes tätig gewesen und 
hätten an der Traumbildung mitgewirkt? üb nicht vielmehr während 
des Analysierens neue Gedankenverbindungen entstehen, die an der 
Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur bedingt 
beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst während der Ana- 
lysu entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich jedesmal 
überzeugen, daß solche neue Verbindungen sieh nur zwischen Gedan- 
ken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer Weise 
verbunden sind; die neuen Verbindungen sinrt gleichsam Neutuischlie- 
ßungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestsind anderer und tiefer 
liegender Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der, Analyse 
aufgedeckten Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon 
bei der Traumbildung tätig gewesen sind, denn wenn man sich durch 
eine Kcüe solcher Gedanken, die außer Zusammenhang mit der Traum- 
bildung scheinen, durchgearbeitet hat, stößt man dann plötzlich auf 
einen Gedanken, der. im Trauminhalt vertreten, für die Traumdeutung 
unentbehrlich ist und doch nicht anders als durch jene Gedanken- 
ketle zugänglich war. Man vergleiche hiezu etwa den Traum von 
der botanischen Monographie, der als das Ergebnis einer erstaunlichen 
Verdichtungslcistung erscheint, wenngleich ich seine Analyse nicht 
vollständig mitgeteilt habe- 

Wi6 soll man sich aber dann den psychischen Zustand während 
des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle 
die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander 
durchlaufen oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von 
verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich 
meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von dem psychischen 
Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen. 
Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken handelt, 
und daß der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der, welchen 
wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten Nachdenken in 
uns wahrnehmen. 

Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdichtung 
beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdichtung nun 
zu Stande? 

WebO man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken 
nur dio wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume 
vertreten sind, so sollte man schließen, die Vej iichtung geschehe auf 
dem Wege der Auslassung, indem der Trs-im nicht eine getrer- 

* Hinweise auf dio Verdichtung im Traume finden sieh hei zahlreichen 
Autoren. Du I'rel äußert an einer Stelle (p. 85), es sei absolut sicher, daü 
ein Verdicbtuuß^rozelJ der Vorslcllungsreihe stattgefunden habe. 



Uie Verdichtung im Traum von der botanischen Monographie. 19,'j 

liehe Übersetzung oder eine Projektion Punkt für Funkt der Traum- 
gedanken, sondern eine höchst unvollständige und lückenhafte Wieder- 
gabe- derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden werden, 
eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr und fragen 
uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den Traumgedanken in 
den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen bestimmen die_Aus- 
wahl derselben"' 

Em hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine 
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhaltes zu, welche die 
gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu 
dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird 
für diese Untersuchung das günstigste Material sein. ^Ich wähle den 
auf S. 118 mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie. 

Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine 
(unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben. Das 
Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine eingeschla- 
gene farbige Tafel um- Dem Exemplar ist ein getrock- 
netes Spezi men der Pflanze beigebunden. 

Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische 
Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages ; 
in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine 
Monographie über die Gattung „Zyklamen" gesehen. Die 
Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die 
Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. 
Die „botanische Monographie" erweist sofort ihre Beziehung zu der 
Arbeit über Kokain, die ich einmal geschrieben habe; vom Ko- 
kain aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und 
zu gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits 
zu meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, der an der 
Verwertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person 
des Dr. K. knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene 
Gespräch, das ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen 
Gedanken über die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen. 
Dieses Gespräch ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die 
Monographie über Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber in- 
differenter Natur; wie ich sehe, erweist sich die „botanische Mono- 
graphie" des Traumes als ein mittleres Gemeinsames zwischen 
beiden Erlebnissen des Tages, von dem indifferenten Eindruck un- 
verändert übernommen, mit dorn psychisch bedeutsamen Erlebnis durch 
ausgiebigste Assoziationsverbindungen verknüpft. 

Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische 
Monographie", sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch" 
und „Monographie" gesondert geht durch mehrfache Verbindungen 
tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „bo- 
tanisch" gehören die Erinnerungen an die Person des Professors 
Gärtner, an seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora 
heißt, und an die Dame, von der ich die Geschichte mit den ver- 
gessenen Blumen erzählt habe- Gärtner führt neuerdings auf das 
Laboratorium und auf das Gespräch mit Königstein; in dasselbe 
Gespräch gehört die Erwähnung der beiden Patientinnen. Von der 

lind, Tnamdntung, 7. Aufl, 13 



jy4 VI. Di« Traumarbeit. 

Frau mit den Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den Lieblings- 
1)1 u inen meiner Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der bei 
Tag flüchtig gesehenen .Monographie liegt. Außerdem erinnert ..bo- 
tanisch" an eine Gymnasialepisode und an ein Examen der Uni- 
versitätszeit, und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema, 
das meiner Liebhabereien, knüplt sich durch Vermittlung meiner scherz- 
haft sogenannten Lieblingsblume, der Artischocke, an die von 
den vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Arti- 
schocke" steckt, die Erinnerung an Italien einerseits und an eine 
Kinderszene, anderseits, in der ich meine sei<-her intim gewordenen 
Beziehungenau Büchern eröffnet habe- „Botanisch" ist also ein 
wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Gedan- 
kengänge .zusammentreffen, die, wie ich versichern kann, in jenem 
Gespräche mit Fug und Recht in Zusammenhang gebracht worden 
sind. Man he findet sich hier mitten in einer Gedankerifa brik, in der 
wie im Weber-Meisterstück 

„Ein Tritt tausend Fäden regt, 

Die Schiiflein herüber, hinüber schießen, 

Die Fäden ungesehen fließen, 

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt." 

„Monographie" im Traume rührt wiederum an zwei Themata, 
an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner 
Liebhabereien. 

Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck, 
daß die Elemente „botanisch" und „Monographie" darum in den Traum- 
inhalt Aufnahme gefunden halten, weil sie mit den meisten Traum- ^ 
ge.danken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, also Kno- 
tenpunkte darstellen, in denen sehr viele der Traumgedankeo. zu- 
sammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung vieldeutig 
sind. Man kann die dieser Erklärung zu Grunde liegende Tatsache 
auch anders aussprechen und dann sagen: Jedes der Elemente des 
Trauminhaltee erweist sich als überdeterminiert, als mehrfach 
in den Traumgedanken vertreten. 

Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des 
Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die far- 
bige Tafel, die ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse S. 120) auf 
ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen Arbeiten, und 
auf ein bereit« im Traume vertretenes, meine Liebhabereien, außer- 
dem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch mit farbigen 
Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar der Pflanze rührt an 
das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese Erinnerung 
besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung zwischen 
Trauminhalt und Traumgedanken ist : Nicht nur die. Elemente des 
Traumes sind durch die Traumgedankeu mehrfach determiniert, 
sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traume durch 
mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des Traumes führt 
der Assoziationsweg zu mehreren Traumgedanken; von einem Traum- 
gedankeu zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildnng erfolgt 
also nicht so. daß der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von 



Überdeterminierang der Tniumelumente. I9y 

solchen eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, und dann der 
nächste Traumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretung, etwa 
wie- aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt werden, sondern 
die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer gewissen Be- 
arbeitung, nach welcher die meist.- und bestunterstützten Element c 
sieh für den Eintritt in den Trauminhalt heraushel>cn„ etwa der Wahl 
durch Listenskrutininm analog. Welchen Traum immer ich einer ähn- 
lichen Zergliederung unterziehe, ich finde stet« die nämlichen Grund- 
sätze bestätigt, daß die Traumelemente aus der ganzen Afasse der 
Traumgedanken gehildct werden, und daß jedes von ihnen in Bezug 
auf die Traumgedanken mehrfach determiniert erscheint. 

Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt 
und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches 
sieh durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Be- 
ziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, 
den ich wegen Claustrophobic (Angst in geschlossenen Bäumen) l>e- 
handclte. Es wird sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt 
finde, diese aiisn?l.mcnd geistreiche Traumleistung in folgender Weise 
zu überschreiben : 

II. ,,Ein schöner Traum." 

Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straßc, in 
der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus befindet (\va- 
nicht richtig ist). In den Bäumen desselben wird Theater ge- 
bpielt; er ist bald Publikum, bald Schauspieler. Am Endo 
heißt es. man müsse sich umziehen, um wieder in die Stadt 
zu kommen. Ein Teil des Personals wird in die Barterre- 
räume verwiesen, ein anderer in die des ersten Stockes. 
Dann entsteht ein Streit. Die oben ärgern sich, daß die 
unten noch nicht fertig sind, so daß sie nicht herunter kön- 
nen. Sein Bruder ist oben, er unten und e. r ärgert sich über 
den Bruder, daß man so gedrängt, wird. (Diese Partie unklar.} 
Es war übrigens schon beim Ankommen bestimmt und ein- 
geteilt, wer oben und wer unten sein soll. Dann geht er 
allein über die Anhöhe, welche die X- S t r a ß e gegen die 
Stadt hin macht, und geht so schwer, so mühselig, daß 
er nicht von der Stelle kommt. Ein älterer Herr ge- 
sellt sich zu ihm und schimpft über den K ö n i g von 
Italien. Am Ende d e r A n h ö h c g e h t e r d a n n viel leichter- 

Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß rr nach 
dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich- 
keit war. 

Dem manifesten Inhalt nach wird mau diesen Traum kaum lohen 
können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke beginnen, 
welche« vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde. 

Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Be- 
schwerde, das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Sym- 
ptome, die der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde, 
damals im Vereine mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrscheiti 
lieh hysterisch vorgetäuschte) Tuberkulose bezogen. Wir kennen btt* 

13* 



1<J6 VI. Die Traumarbeit. 

reite fliese dem Traume eigentümliche Sensation der Gehhemmung aus 
den Exhibitionst räumen und finden hier wieder, daß sie als ein alle- 
zeit bereit, liegendes Material zu Zwecken irgend welcher anderen 
Darstellung verwendet wird. Das Stück des Trauminhaltes, welches 
beschreibt, wie das Steigen anfänglich schwer war, und am Ende der 
Anhühe leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des Traumes 
;in die bekannt« meisterhafte Introduktion der „Sappho" von A. Dau- 
det Dort trügt ein junger .Mann die Geliebt« die Treppen hinauf, an- 
fänglich wie federleicht ; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet 
sie auf seinen Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf 
des Verhältnisses] durch dessen Schilderung Daudet die Jugend 
mahnen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen von niedriger 
Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden*. Ob- 
wohl ich wußte, daß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis 
mit einer Dame vom Theater unterhalten und gelöst hatte, erwartet« 
ich doch nicht, meinen Deutungseinfall berechtigt zu finden. Auch 
war es ja in der „Sappho" umgekehrt wie im Traume; in letzterem 
war das Steigen anfänglich schwer und späterhin leicht; im Roman 
diente es der Symbolik nur, wenn das, was zuerst leicht genommen 
wurde, sich am Ende als eine schwere Last erwies. Zu meinem Er- 
staunen bemerkte der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum 
Inhalt des Stückes, das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das 
Stück hieß: ..Kund um Wien" und behandelte den Lebenslauf eines 
Mädchens, das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Ver- 
hältnisse mit hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die 
Höhe kommt", endlich aber immer mehr „herunter kommt". 
Das Stück hatte ihn auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, er- 
innert, welches den Titel trug: „Von Stufe zu Stufe", und auf 
dessen Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege 
zu sehen war. 

Nun die weitere Deutung. In der X- Straße hatte die Schau- 
spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver- 
hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht. 
Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien ver- 
brachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nahe abgestiegen. 
Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher: „Ich bin froh, 
daß ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe" (übrigens auch 
eine, seiner Phobien). Der Kutscher darauf: „Wie kann man aber 
da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr- 
wirt s h a u s" 

An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung 
•eines Zitats: 

„Bei einem Wirte wundermiid, 
Da war ich jüngst zu Gaste." 

Der Wirt im Uh landsehen Gedichte ist aber ein Apfelbaum. 

Nun setzt ein zweites Zitat, die Gedankenkette fort: 



* Man denke zur Würdigung: dieser Darstellung des Dichters an die im 
Abschnitt über .Symbolik mitgeteilte Bedeutung der Stiegi-nträumo. 



Ein „Bchiiner" Traum. 197 

Faust (mit der Jungen tanzend) : 
Einst hatf ich einen schönen Traum; 
Üa sah ich einen Apfelbaum, 
Zwei schöne Äpfel glänzten dran, 
Sie reizten mich, ich stieg hinan. 

Die Schöne. 

Der Äpfelchen begehrt ihr sehr, 
Und schon vom Paradiese her. 
Von Freuden fühl' ich mich bewegt, 
Daß auch mein («arten solche, trägt. 

Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel- 
baume und dem Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand 
aucli obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen 
Träumer gefesselt hatte. 

Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen (»rund 
anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit 
zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Animo 
des jetzt bald dreißigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist 
der Busen der Amme tatsächlich das Eiukchrwirtshaus. Die Amme 
sowohl als die ; ,Sappho" Handels erscheinen als Anspielung auf 
die vor kurzem verlassene Geliebte. 

Im Trauminhalt erscheint aucli der (ältere) Bruder des Patienten, 
und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine 
L'mkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der , Bruder hat, 
wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient 
sio erhalten- Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Traum- 
inhaltes zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst ..parterre" gewesen. 
Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei 
uns von einer Person, sie ist ..parterre", wenn sie Vermögen und 
Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Übertragung, wie mau 
„heruntergekommen" gebraucht. Es muß nun einen Siuu haben, 
daß an dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt dargestellt ist. Die 
L'mkehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen Trauin- 
gedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor. 
wie diese L'mkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Trau- 
mes, wo es sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt verhält wie 
in der „Sappho". Dann ergibt sieh leicht, welche Umkehrung ge- 
meint ist: In der „Sappho" trägt der Mann das zu ihm in .sexuellen 
Beziehungen stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich 
also umgekehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser 
Fall sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder 
auf die Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des 
Traumes trifft es also, die ...Sappho" und die Amme in der näm- 
lichen Andeutung darzustellen. 

Wie der- Name „Sappho" vom Dichter nicht ohne Beziehung 
auf eine lesbische Gewohnheit gewählt, ist, so deuten die Stücke des 
Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt sind, auf 
Phantasien sexuellen Inhaltes, die den Träumer beschäftigen und als 



Jjlfl VI. Die Traumarboit. 

unterdrückte Gelüste nicht außer Zusammenhang mil seiner Neuroso 
stehen. Daß es Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen 
Vorgänge sind, die so im Traume, dargestellt werden, zeigt die Traum- 
deutung selbst nicht an; dieselbe liefert uns nur einen Gedanken- 
inhalt und Überläßt es uns. dessen Realitiitswcrt festzustellen. Wirk- 
liebe und phantasierte Begebenheiten erscheinen hier — und nicht 
nur hier, auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde 
als der Traume — zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft be- 
deiilel, wie wir bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist nichts 
anderes als der in die Kindheitsszene durch „Zurückplnintasicren"' 
e.inget ragene Vertreter aller späteren. Nebenbuhler beim Weibe. Diu 
Episode von dein Herrn, der auf den König von Italien schimpft, be- 
zieht sich durch Vermittlung eines rezenten und an sich gleichgültigen 
Erlebnisses wiederum auf das Eindrängen von Personen niederen 
Standes in höhere Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung, welche 
Daudet dem Jungling erteilt, eine ähnliche, für das säugende Kind 
gültige., a« die Seite gestellt werden sollte*. 

lim ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei de»- 
Traumbildung bereit zu haben- teile ich die partielle Analyse eines 
anderen Traumes mit. den ich einer älteren, in psychoanalytischer 
Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzus Länden 
entsprechend, an denen die Kranke, litt, enthielten ihre Träume über- 
reichlich sexuelles Gedankenmatcrial, dessen Kenntnisnahme sie an- 
fangs ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traum- 
deutung nicht bis ans Endo führen kann, scheint dns Traummaterial 
in mehrere Gruppen ohne sichtbaren Zusiimmcnhanir zu zerfallen. 

111. Trauiiiinhal t: Sie besinnt sich, daß sie zwei M a i- 
k;i f er in einer Seh ach t el h al. denen sie die Freiheit geben 
um li, weil sie sonst erst icken- Sie öffnet die Seh achtel, die 
tvü f er sind ganz matt; einer f I i egt z um geöffneten Fenster 
hinaus, der andere aber wird vom Fensterflügel zer- 
quetscht, während sie das Fenster schließt, wie irgend 
jemand von ihr verlangt (Äußerungen des Ekels). 

Analyse: Ihr Mann ist verreist, die. vierzehnjährige Tochter 
schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf- 
merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist: sie ver- 
säumt es aber, sie herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am 
Morgen. In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze 
in siedendes Walser werfen, und die Zuckungen des Tieres ge- 
schildert, Das sind die beiden an sieh gleichgültigen Trauinnnlässe. 
Das Thema von der Grausamkeit gegen Tiere beschäftigt sie 
weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie in einer gewissen Ge- 
gend zum Sommer wohnten, sehr grausam gegen das Getier. Sie legte 
sich eine Sehmet terlingsainmlimg an und verlangte von ihr Arsenik 



* Diu phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen 
Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme 
in diesem Falle die Mutter war. Ieli erinnere übrigens an das auf S. 112 er- 
wähnte Bedauern de« junpeil Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner 
Amine nielii besser ausgenutzt zu haben, welches wohl die yuolk- dieses Trau- 
mes ist. 



Der Küfertraum. 199 

zur Tütung- der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein Nacht- 
falter mit der Nudel durch den Leib noch lange im Zimmer herum- 
flog; ein andermal fanden 9ich einige. Raupen, die zur Verpuppung 
aufbewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zar- 
terem Alter Käfern und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; 
heute würde sie vor all diesen grausamen Handlungen zurückschrecken, 
sie ist. sehr gutmütig geworden. 

Dieser "Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen an- 
deren Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er 
in Adam Bedo von der Eliot dargestellt ist. Ein schönes, aber 
eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. 
Der Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der 
adelig fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den L ten 
nicht ansehen. Wer würde ihr ansehen, daß sie von sinnlichen 
Wünschen geplagt wird? 

In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung 
anlegte, litt die Gegend arg unter der M'.rikäferplage- Die Kinder 
wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat 
damals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß 
und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat 
auch im M a i geheiratet. Drei Tage nacli der Hochzeit schrieb sie 
den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie sei- Sie war 
es aber keineswegs. 

Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt 
uud verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen, 
so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als 
Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen 
Verehrers*. 

Sie macht sich Vorwurfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes 
Buch von Maupassant in die Hand bekommen**. Dir Arsenik, 
den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an diu A rsen i kpil len, die 
dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben. 

Zu ..Freiheit geben' 1 fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein: 

..Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen, 
Doch geb' ich dir die Freiheit nichts 

Zu den „Maikäfern 1 ' noch die Rede des Käthchen s*** : 

..Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir." 

Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt — " 
Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die 
Furcht, rlaß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in zahl- 
reichen Phantasien des Tages. Kurz variier hatte sie in ihren un- 
bewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine 
..Greisenhaftigkeit" gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser 

* Dias ist der eigentliche Trauincrreger. 
** Zu ergänzen: Solche Lektüre sei liif t für ein junges Mädchen. Sie 
selbst hsilte in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft. 

*** Ein weiterer Gedankengang führt zur I' enthesileia desselben Dich- 
ters: Grausamkeit gegen den Geliebten. 



200 VI. Die Traum arbeit. 

Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am besten erraten, wenn ich er- 
zähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume plötzlich mitten in 
ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten Im- 
perativ erschreckt wurde: Häng' dich auf. Es ergab sich, daß sie 
einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle 
sich eine kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser 
Erektion, der in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der 
Verdrängung wiederkehrte. „Häng' dich auf," besagte Soviel als 
„Verschaff dir eine Erektion um jeden Preis." Die Arsenikpillen 
des Dr. Jenkins im Nabab gehören hieher: es war der Patientin 
aber auch bekannt, daß man das stärkste Aphrodisiakum, Kantha- 
riden, durch Zerquetschen von Käfern bereitet (sogenannte 
spanische Fliegen;. Auf diesen Sinn zielt der Hauptbestandteil des 
Trauminhaltee. 

Das Fensteröffnen und -schließen ist eine der ständigen Dif- 
ferenzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann 
aerophob. Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom. über das sie 
in diesen Tagen zu klagen gehabt hat. 

In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe icli durch die 
Schrift hervorgehoben, wo eines der Tra.umclemente in den Traum- 
gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren 
augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die Ana- 
lyse bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sicli wohl, auf einen Traum 
mit ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, um die Über- 
determinierung des Trauminhaltes an ihm zu erweisen. Ich wähle 
hielür den Traum von Irmas Injektion. Wir werden an diesem Bei- 
spiel mühelos erkennen, daß die Verdichtungsarbeit l>ei der Trauni- 
bildung sich mehr als nur eines Mittels bedient. 

Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die 
mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesellen wurde und also 
zunächst, sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie 
beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere 
Person hergenommen, von jener Dame, mit dor ich meine Patientin 
vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insofern Irni.i 
einen diphtherischen Belag erkennen läßt, bei dem die Sorge um 
meine älteste Tochter erinnert, wird, gelang! sie zur Darstellung die- 
ses meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleiehheit mit 
diesem verknüpft, sich die Person einer durch Intoxikation verlorenen 
Patientin verbirgt. Im weiteren Vorlaufe des Traumes wandelt sich 
die Bedeutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traume 
gesehenes Bild -sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die. 
wir in der öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstitiitcs unter- 
suchen, wobei meine Freunde die Verschiedenheit, ihrer geistigen An- 
lagen erweisen. Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung 
meiner kindlichen Tochter vermittelt- Durch das Sträuben beim Mund- 
öffnen wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von 
mir untersuchte Dame, ferner in demselben Zusammenhang auf meine 
eigene Frau. In den kränkhaften Veränderungen, die ich in ihrem 
Halse entdeckte, habe ich Überdies Anspielungen auf eine ganze Keike 
von noch anderen Personen zusammengetragen. 



Sammelpersoneu und Misclipersonfn. 201 

All diese Personen, auf die ich bn der Verfolgung von ..Irina - ' 
gerate, treten im Traume nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich 
hinter der Traumperson ..Irma", welche so zu einem Sammelbild mit 
allerdings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur 
Vertreterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten 
Personen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug 
für Zug an diese Personen erinnert. 

Ich kann mir eine S a m in e 1 p e r s o n auch auf andere Weise 
für die Traumverdichtung herstellen, indem ieh aktuelle Züge zweier 
oder mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Soleher Art 
ist der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des 
Dr. M., spricht und handelt wie er; seine leibliche Charakteristik 
und sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten 
Bruders; ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt deter- 
miniert, indem er in der Realität beiden Personen gemeinsam ist. 
Eine ähnliche Misehperson ist der Dr. R. meines Onkeltra.umes. Hier 
aber ist das Traumbild noch auf andere Weise bereitet. Ich habe 
nicht Züge, die dem einen eigen sind, mit Zügen des anderen vereinigt 
und dafür das Erinnerungsbild eines jeden um gewisse Züge ver- 
kürzt, sondern ieh habe das Verfahren eingeschlagen, nach welchem 
Galton seine Eamilienporträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufein- 
ander projiziert, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, 
die nicht zusammenstimmenden einander auslöschen und im Bilde 
undeutlich werden- Im Onkeltraumc hebt sich so als verstärkter Zug 
aus der zwei Personen gehörigen und darum verschwommenen Phy- 
siognomic der blonde Bart hervor, der überdies eine Anspielung 
auf meinen Vater und auf mich enthält, vermittelt durch die Be- 
ziehung zum Ergrauen. 

Die Herstellung von Sammel- und Misch personen ist eines der 
Hauptarbeitsmittel der Tr;iumverdich1ung. Es wird sich bald der 
Anlaß ergehen, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln. 

Der Einfall ..Dysenterie" im Injektionstraume ist, gleichfalls 
mchrlach determiniert, einerseits durch den paraphasischen (rleich- 
klang mit Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir 
in den Orient geschiekten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird. 

Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die 
Erwähnung von „I 1 ropylen" im Traume. In den Traumgedanken 
war nicht ..Propylen". sondern ..Amylen" enthalten. Man könnte 
meinen, daß hier bei der Traumbildung eine einfache Verschiebung 
Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient 
den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traum 
analyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem Worte ..l> ro- 
pylen' 1 noch einen Moment haltmacht, so fällt mir der Uleiehklang 
mit dem Worte „Propyläen" ein. Die Propyläen befinden sieh 
aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser Stadt, 
habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals schwerkranken 
Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf Propy- 
len folgende Trimethy lamin des Traumes unverkennbar wird. 

Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und 
anderswo bei der Traumanalvse Assoziationen von der verschieden- 



20JJ VI. Die Traumarbeit. 

sten Wertigkeit wie gleichwertig zur Gedankenverbindung benutzt 
werden, und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der 
Ersetzung von Aniylen in den Traumgedanken durch Propylen 
in dem Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen. 

Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto, 
der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt, und mir nach Amylen 
duftenden Likör schenkt ; dort durch Gegensatz verbunden die meines 
Freundes Wilhelm, der mich verstellt, mir Recht geben würde, und 
dem ich so viel wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie der 
Sexualvorgänge, verdanke- 

Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders er- 
regen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe 
bootimmt; das Amylcji gehört zu diesen ausgezeichneten, für den 
Trauminhalt prädestinierten Elementen. Die reiche Voistellungs- 
gruppo „Wilhelm" wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto be- 
lebt und die. Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereit« 
erregten in Otto anklingen. In diesem ganzen Traume rekurriere ich 
ja von einer Person, die mein Mißfallen erregt, auf eine andere, die 
ich ilir nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für Zug 
den Freund gegen den Widersacher auf. So erweckt das Amylen bei 
Otto auch in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise der 
Chemie ; das Trimethylamiu, von mehrere]) Seiten her unterstützt, 
gelangt in den Trauminhalt. Auch ..Amylen - ' könnte unverwandelt 
in den Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der 
Gruppe „"Wilhelm", indem aus dem ganzen Eriniu-rungsumfaug, den 
dieser Name deckt, ein Element hervorgosueht wird, welches eine 
doppölte Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von 
' Amylen liegt für die Assoziation „Propylen"' ; aus dem Kreise 
„Wilhelm" kommt ihm München mit den Propyläen entgegen. In 
Propy len-Propy läen treffen beide Vorstellungskreise zusammen- 
AYie, durch einen Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann 
in den Trauminhalt. Es ist hier ein mittleres Gemeinsames 
geschaffen worden, welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir 
greifen so mit. Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durch- 
dringen in den Trauminh.'ill erleichtern muß. Zum Zwecke dieser 
Mitlelbildung ist, unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit 
von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der Assoziation nahe 
Liegenden vorgenommen worden. 

Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits, einige 
Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu 
gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum- 
gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten 
(Sammelpcrsonen, Misehgcbilde) und die Herstellung von mittleren 
Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdrchtungsarbelt erkennen, Wozu 
die Verdichtung dient und wodurch sie gefordert wird, werden wir 
uns erst frairen. wenn wir die psychischen Vorgänge bei der Trauin- 
bildung im Zusammenhange erfassen wollen. Begnügen wir uns jetzt 
mit der Feststellung der Traum verdicht ung als einer bemerkens- 
werten Relation zwischen Traumgcdanken und Trauminhalt 



Wort- uud Naim.-uveiJicliIuiifri;n. 203 

Arn greifbarsten wird die Verdirbt ungsarbeit des Traumes, wenn 
eie^Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden 
vom Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren 
dann dieselben Zusammensetzungen, Vierecllicbuiigeui Ersetzungen und 
also auch Verdichtungen wie Sie Dingvorsiellungcn. Komisclie und 
seltsame Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume._ Als 
mir einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschiekte, 
in welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem 
Urteil überschätzt und vor allem in überschwenglichen Ausdrücken 
-abgehandelt war. da träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der 
«ich offenbar auf diese Abhandlung bezog: ..Das ist ein wahrhaft 
norekdaler Stil." Die Auflösung des AYort Gebildes bereitete mir 
ani anglich Schwierigkeiten: es war nicht zweifelhaft, daß es den 
•Superlativen „kolossal, pyramidal" parodi.stisch nachgeschaffen war: 
aber woher es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel 
mir das Ungetüm in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei 
bekannten Schauspielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen 
letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher einen 
.Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen. 

II. Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit, 
der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich 
mit ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das 
wird in einen allgemeinen M 3Iai.stolliuütz" ausgehen. Dabei im 
Traume- der duuklo Gedanke, das sei ein« Mehlspeise aus .Mais, eine 
Art Polen! a. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais — toll — manns- 
toll — Ol mutz, welche Stücke eich sämtlich als Regte einer Kon- 
versation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter 
Mais verbargen sich außer der Anspielung auf die eben eröffnete 
Jubiläumsausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner Porzellan- 
figur, dio einen Vogel darstellt), Miß (die Engländerin ihrer Ver- 
wandten war nach Olmütz gereist), mies = ekel, übel im scherz- 
haft gebrauchten .jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Ge- 
danken und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des Wort- 
klumpens ab. 

III. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an- 
geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf- 
folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends, um 
•den Zi mmer tel egr ap h en zu richten. Nachdem er weg- 
gegangen ist, läutet es noch immer nicht kontinuier- 
lich, sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener 
holt den Mann wieder, und er sagt: Es ist doch merk- 
würdig, daß auch Leute, dio sonst tutelrein sind, solche 
Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen. 

Der indifferente Tratimanlaß deckt, wie man siebt, nur ein?s 
der Elemente des Traumes- Zur Bedeutung ist er überhaupt nur ge- 
kommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers an- 
gereiht hat, das, an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit 
stellvertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit 
seinem Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas Wasser 
.auf den Boden, so daß das Kabel des Zimmerlelegraphen durchtränkt 



204 VC Die Traomarbeit. 

wurde und das kontinuierliche Läuten den Vater im Schlafe- 
störte. Da das kontinuierliche. Läuten dem Naßwerden entspricht, so 
werden dann „einzelne Schläge" zur Darstellung des Tropfen- 
fall ens verwendet. Das Wort ..tutelrein" zerlegt sich aber nach 
drei Eichtungen und zielt, damit auf drei der in den Traumgedankm 
vert retenen Materien : „T u t e 1" = K u r a t e 1, bedeutet Vormundschaft ; 
Tutsi (vielleicht „Tuttel") ist eine vulgäre Bezeichnung der weib- 
licher. Brust, und der Bestandteil „rein" übernimmt die ersten Silben 
des Zimmertelegraphen, um ..Z i m mer re i n" zu bilden, was mit dem 
Naßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen der 
in der Familie des Träumers vertretenen Xamen anklingt*. 

IV. In einem längeren wüsten Traume von mir, der eine Schiffs- 
reise zum scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor. daß die nächste 
Station Henrsing heißt, die nächst weitere aber Fließ. Letzteres 
ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner Reise 
gewesen is*.- Hearsing aber ist kombiniert aus den Ortsnamen un- 
serer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing ausgehen: Hiet- 
zing. Liesing. Mödling (Medelitz, ,.meae deliciae" der alte Name, 
also „meine Freud'",) und dem englischen Hearsay = Hören- 
sagen, wa« auf Verleumdung deutet und die. Beziehung zu dem in- 
differenten Traiimerreger des Tages herstellt, einem (iedichte in den 
„Fliegenden Blättern" von einem verleumderischen Zwerge: „Sagter 
Hatergesagt". Durch Beziehung der Endsilb« .ing" zum Namen 
Fließ gewinnt man „VI Usingen": wirklich die Station der See- 
reise, die mein Bruder l>erührfc, wenn er von England zu uns auf 
Besuch kommt. Der englische Name von Vlissingen lautet aber 
Flushing. was in englischer Sprache Erröten bedeutet und .an -lie 
Patienten mit ..Errötensangst"" mahnt, dh ich behandle, auch ;.n eine 
rezente Publikation Bechterews iiuer diese Neurose, die mir An- 
laß zu ärgerlichen Empfindung^, gegeben hat. 

V. Ein anderes Mal habe :ch einen Traum, der aus zwei ge- 
sonderten Stücken besteht. Das »rste ist das lebhaft erinnerte Wort 
,.Alito<iidasker", das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen 

* Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung '1er Silben — eine währt 
Silbenehemie — dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie gewinnt 
man auf die billigste Art Silber! Man begibt sich in eine Allee, in der Silber- 
pappeln stehen, gebietet, Schweigen, dann hört das .Pappeln' (Schwätzen) auf, 
und das Silber wird frei." Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir 
den Einwand gemacht, den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, ,.daß 
der Träumer oft zu witzig erscheine". Das ist richtig, solange es nur auf den 
Träumer bezogen wird, involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den 
Traumdeuter übergreifen soll. In der wachen Wirklichkeil kann ich wenig An- 
spruch auf das Prädikat „witzig" erheben: wenn meine Träume witzig erscheinen, 
so liegt es nicht an meiner Person, sondern an den eigentümlichen nsychojo- 
gisclien Bedingungen, unter denen der Trn.um gearbeitet, wird, und hängt mit 
der Theorie, des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der Traum wird witzig. 
weil ihm der gerade und nächst« Weg RUM Ausdruck seiner Gedanken gesperrt 
ist; er wird es notgedrungen. Die Leser können sich Überzeugen, daß die Träume 
meiner Patienten den Kindruck des Witzigen (Witzelnden) im selben und im 
höheren Grade machen als die meinen. Immerhin gab mir dieser Vorwurf Anlaß, 
die Technik des Witzes mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 1905 
veröffentlichten Buche „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" %o- 
«chcheu ist (2. Aufl. l'J12). 



Wortneubildangen. 205 

produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhaltes, daß ich 
■dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muß: ,.Der 
Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet 
wirklieh nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermutet haben/' Das 
neugebildete „A utod id as ker" hat nun nicht nur der Anforderung 
zu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder vertritt, es soll 
auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem riis dem 
Wachen wiederholten Vorsätze stehen, dem" Professor N. ;cnc Genug- 
tuung zu geben- , 

Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor. Auio- 
■didakt und Las kor, an den sich der Name Lassalle schließt. 
Die ersten dieser Worte führen zu der — dieses Mal bedeutsamen 
— Veranlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände 
■eines bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet 
ist, und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie 
ich (J. J. David). Eines Abends sprach sie mit mir über den tiefen 
Eindruck, den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkom- 
menen Talentes in einer der Davidschen Novellen gemacht hatte, 
und unsere Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von Be- 
gabung zu. die wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen. Unter 
<ler Herrschaft des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die 
sich auf die Kinder bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, 
daß gerade solche Gefahren durch die Erziehung abgewendet werden 
können. In der Nacht ging mein Gedankengang weiter, nahm die 
Besorgnisse meiner Frau auf und verwob allerlei anderes mit. Eine 
Äußerung, die der Dichter gegen meinen Bruder in Bezug auf das 
Heiraten getan hatte, zeigte meinen Gedanken einen Nebenweg, der 
zur Darstellung im Traume führen konnte. Dieser Weg leitete nach 
Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame geheiratet hatte. Für 
•die Besorgnis, am Weibe zu Grunde zu gehen, die den Kern meiner 
Traumgedanken bildete, fand ich in Breslau die Exempel Las ker 
und La ss alle auf, die. mir gleichzeitig die beiden Arten dieser 
Beeinflussung zum Unheil darzustellen gestatteten*. Das „Cherchez 
la femme", in dem sieh diese Gedanken zusammenfassen lassen, bringt 
mich in anderem Sinne auf meinen noch unverheirateten Bruder, der 
Alexander heißt. Nun merke ich. daß Alex, wie wir den Namen 
abkürzen, fast wie eine Umstellung von Las ker klingt, und daß 
dieses Moment mitgewirkt haben muß. meinen Gedanken die Umweg- 
iiehtung über Breslau mitzuteilen. 

Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, ent- 
hält aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines 
glücklichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf fol- 
gendem Wege. In dem Künstlerroman L'oeuvre, der meinen Traum- 
gedanken inhaltlich nahe liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich 
sich selbst und sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildeit 
und tritt darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat 
-er bei der Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola 

* Las ker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim 
Weibe erworbenen Infektion (Lues); Lassalle, wie bekannt, im Duell wegen 
•einer Dame. 



2Q(j VI. Die Traumarbeft. 

gibt umgekehrt (wie die Kimler so gern zu tun pflegen) Aloz- Das 
war ihm wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die; 
Silbe AI, die auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte. 
Silbo desselben Namens sand, und so kam Sandoz zu Stande. So 
ähnlich entstand also auch mein Au tod idasker- 

Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns 
beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgeude 
"Weise. in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeits- 
Jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik 
im Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht eine 
Rückenmarksveränderiing, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Ein& 
Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend gewesen und hätte allen 
Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Anamnese,, 
ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken so ener- 
gisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegenheit rief 
ich den Arzt zu Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie* 
andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge. 
Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dannL 
„Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein." Da. 
ich weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen 
nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht, 
meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die 
Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihm,, 
sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten. 
Tber raschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen, 
habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir ge- 
rade das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, und dessen 
ich zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleich- 
terung, aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich mußte mir zu- 
gestehen, daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichtigung der Ana- 
mnese unbeirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm 
zu sagen, wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er ßeeht ge- 
habt habe und ich Unrecht. 

Gerade dies tue ich nun im T»auiue. Aber was für Wunseh- 
erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne- daß ich Unrecht habe?' 
Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte Unrecht haben mit meinen 
Befürchtungen, respektive ich möchte, daß meine Krau, deren Be- 
fürchtungen ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe, Un- 
recht behält. Das Thema, auf welches sich das Recht- oder Unrecht- 
behalten im Traume bezieht, i.<t von dem für die Traumgedanken 
wirklich Interessanten nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative 
der organischen oder der funktionellen Schädigung durch das Weib, 
eigentlich durch das Sexualleben : Tabesparalyse oder Neurose, an weich- 
letztere sich die Art des Unterganges von Lassalle lockerer anreiht. 

Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger 
Deutung ganz durchsichtigen) Trauma nicht nur wegen dieser Ana- 
logie und wegen meines Wunsches. Unrecht zu behalten, eine Holle 
— auch nicht wegen seiner nebenher gehenden Beziehungen zu. 
Breslau und zur Familie unserer dorthin verheirateten Freundin — ,. 
sondern auch wegen folgender kleinen Begebenheit, die «ich an un-- 



Woitnuibildung-eu. 207° 

scre Konsultation anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die 
ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein Interesse per- 
sönlichen Dingen zu. „Wieviel Kinder haben Sie jetzt?" — „Sechs." 

— Eine Gebärde von Respekt und Bedenklichkeit. — „Mädel. Buben?" 

— „Drei und drei, das ist mein Stolz und mein Reichtum." — „Nun, 
geben Sie acht, mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen 
einem später Schwierigkeiten in der Erziehung." — Ich wendete ein, 
daß sie bis jetzt recht zahm geblieben wären ; offenbar behagte mir 
diese zweite Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebensowenig 
wie die früher gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. 
Diese beiden Eindrücke sind also durch Kontiguität, durch das Er- 
leben in einem Zuge verbunden, und wenn ich die Geschichte von der 
Neurose in den Traum nehme, ersetze ich durch sie die Rede über- 
die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken 
nufweist. da sie so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner 
Frau rührt. So findet, selbst meine Angst, daß N. mit den Bemer- 
kungen über die Erziehungesehwierigkeiten bei den Buben Recht be- 
halten möge, Eingang in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der 
Darstellung meines Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen 
Unrecht haben möge, verbirgt. Diese Phantasie dient unverändert 
der Darstellung beider gegensätzlichen Glieder der Alternative. 

VI. M arcinowski : „Heute fruit erlebte ich zwischen Traum 
und Wachen eine sehr hübsche Wortverdichtung. Im Ablauf einer 
Fülle von kaum erinnerbare« Traumbruchstücken stutzte ich ge- 
wissermaßen über ein Wort, das ich halb wie geschrieben, halb wie 
gedruckt vor mir sehe- Es lautet: ,erzefi lisch' und gehört zu einem 
Satz, der außerhalb jedes Zusammenhanges völlig isoliert in mein be- 
wußtes Erinnern hinüberglitt; er lautete: .Das wirkt erzefilisch 
a u fdie Geschlechtsempfindung.' Ich wußte sofort- daß es eigent- 
lich ,erzieheriseh' heißen solle, schwankte auch einige Male liin und. 
her, ob es nicht richtiger .erzifilisch' hieße- Dabei fiel mir das Wort 
Syphilis ein, und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren 
K'ginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen Traum hineinkäme, 
da ich weder persönlich noch von Berufs wegen irgend welche Be- 
rührungspunkte mit dieser Krankheit habe. Dann fiel mir ein ,er- 
zehlerisch', das e erklärend, und zu gleicher Zeit erklärend, daß 
ich gestern abend von unserer .Erzieherin' veranlaßt wurde, über 
das Problem der Prostitution zu sprechen, und ich hatte ihr dabei 
liitsächlich, um .erzieherisch' auf ihr nicht ganz normal entwickeltes 
Empfindungslosen einzuwirken, das Buch von Hesse .Über die Pro- 
stitution' gegeben, nachdem ich ihr mancherlei über das Problem 
erzählt hatte. Und nun wurde mir auf einmal klar, daß das Wort 
.Syphilis" nicht im wörtlichen Sinne zu nehmen sei, soudern für 
Gift stand, in Beziehung natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz 
lautet also in der Übersetzung ganz logisch: .Durch meine Erzäh- 
lung habe ich auf meine Erzieherin erzieherisch auf deren 
Empfindungsleben einwirken wollen, aber habe die Befürchtung, daß 
es zu gleicher Zeit vergiftend wirken könne.' Erzefilisch =». 
erzäh — (erzieh — ) (e r z i f i 1 i s c h)." 



jJ08 VI. Die Traumarbeit. 

Die Wortverbildurigen des Traumes ähneln sehr den bei der Para- 
noia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvorstellungen 
nicht vermißt werden. Die Spraehkünste der Kinder, die zu gewissen 
Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch neue Spra- 
chen und artefizielle "Wort f ügungen erfinden, sind für den Traum 
wie für die Psychoncurosen hier die gemeinsame Quelle. 

Die Analyse unsinniger "Wortbildungen im Traume ist besonders 
dazu geeignet, die Verdichtungsleistung der Trauinarbcit aufzuzeigen. 
Man möge aus der hier verwendeten geringen Auswahl von Beispielen 
nieht den Schluß ziehen, daß solches Material selten oder gar nur 
ausnahmsweise zur Beobachtung kommt. Es ist vielmehr sehr häufig, 
allein die Abhängigkeit der Traumdeutung von der psychoanalyti- 
schen Behandlung hat die Folge, daß die wenigsten Beispiele ange- 
merkt und mitgeteilt werden, und daß die mitgeteilten Analysen meist 
nur für den Kenner der Xeurosenpathologie verständlich sind. So 
ein Traum von Dr. v. K ar p i ns k a (Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse II, 
1!)14), der die sinnlose Worthildung ..Svingnum elvi" enthält. 
Erwähnenswert ist noch der Kall, daß im Traum ein an sich nicht 
bedeutungsloses Wort erscheint, da.s aber, seiner eigentlichen Bedeu- 
tung entfremdet, verschiedene andere Bedeutungen zusammenfaßt, zu 
denen es sich wie ein „sinnloses" Wort verhält. Dies ist in dem 
Traum von der ..Kategorie" eines zehnjährigen Knaben der Fall, den 
V. Tausk (Ztir Psychologie der Kindersexualität, Internat. Zeitschr. 
für Psych. I, 1913) mitteilt. „Kategorie" bedeutet hier das weib- 
liche Genitale und „kategorieren" soviel wie urinieren. 

Wo in einem Traume, Reden vorkommen, die ausdrücklich als 
solche von Gedanken unterschieden werdeu. da gilt als ausnahmslose 
Kegel, daß Traumredc von erinnerter Rede im Trauramaterial al>- 
stammt. Der Wortlaut der Rede ist entwedei unversehrt erhalten oder 
leise im Ausdruck verschoben ; häufig ist die Traumrede aus ver- 
schiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der Wortlaut dabei 
das sich gleich Gebliebene, der Sinn womöglich mehr- oder anders- 
deutig verändert. Die Traumrede dient, nicht selten als bloße An- 
spielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel*. 

b) Die Verschiebungsarbeit. 

Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation 
mußte uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traum- 
verdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente, 
welche im Trauminlialt sich als die wesentlichen Bestandteile hervor- 
drängen, in den Traumgodanken keineswegs die gleiche Rolle spielen. 
Als Korrelat dazu kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aus- 
sprechen. Was in den Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt 
ist, braucht im Traume gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist 

* Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, mit übrigens 
intakten und hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich unlängst dio 
einzige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, dio in seinen Träumen vorkamen, 
stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern ent- 
sprachen dem unents bellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken, dio ihm im Wachen 
nur abgeändert zum Bewußtsein kamen. 



Die T:it-ac!ie der Verschiebung im Trauma. 20<j 

gleichsam nndcxs zentriert, sein Inhalt um andere Elemente als 
Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So /.. B. ist im Traume 
von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Trnuminhalles offen- 
bar das Element „botanisch"; in den Traumgedanken handelt es sieh 
um die Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden 
Leistungen zwischen Kollegen ergehen, in weilerer Folge um den 
Vorwurf) daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen 
pflege, und das Element ,. botanisch" findet, in diesem Kerne der 
Traumgedanken überhaupt keine Stelle, wenn es nicht, durch eine 
Gegensätzlichkeit locker damit verbunden ist. denn Botanik hatte 
niemals einen Platz unter meinen Lieblings9tudien. In dem S.ippho- 
tiaumo meines Patienten, ist das Auf- und Niedersteigen, Oben- 
und I. ntensein zum Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber 
von den Gefahren sexueller Beziehungen zu niedrig stehenden Per- 
sonen, so daß nur eines der Elemente der Traumgedanken. dies aber 
in ungebührlicher Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen 
scheint. Ähnlich ist im Traume von den Maikäfern, welcher die So- 
zi -hungen der Sexualität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar 
das Moment der Grausamkeit im Trauminhalt wieder erschienen, aber 
in andersartiger Verknüpfung und ohne Erwähnung des Sexuellen, 
also aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch zu etwas Frem- 
dem umgestaltet. Tn dem Onkeltraume wiederum scheint der blonde 
Bart, der dessen Mittelpunkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den 
Größenwünschen, die wir als den Kern der Traumgedanken erkannt 
haben. Solche Träume machen dann mit gutem Rechte einen ..ver- 
schobenen" Eindruck. Im vollen Gegensatz zu diesen Beispielen 
zeigt dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung 
diu einzelnen Elemente auch wohl den Platz behaupten können, den 
sie in den Traumgedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser neuen, 
in ihrem Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen Traumgedan- 
ken und Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu 
oregen. Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des Normallehens 
finden. daß eine. Vorstellung aus mehreren anderen herausgegriffen 
-wurde und für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat. 
so pflegen wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der 
siegenden Vorstellung eine besonders hohe psychische. Wertigkeit ('ein 
gewisser Grad von Interesse) zukommt. Wir machen nun die Erfah- 
rung, daß diese Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traum- 
gedanken für die Traumbildung nicht, erhalten bleibt oder nicht in 
Betracht kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchst- 
wertigen Elemente der Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns 
unmittelbar. Bei der Traumhildung können diese wesentlichen, mit. 
intensivem Interesse betonten Elemente nun so behandelt werden, als 
ob sie minderwertige wären, und an ihre Stelle treten im Traum • 
andere Elemente, die in den Traumgedanken sicherlich minderwertig 
waren. Es macht zunächst den Eindruck, als käme die psychische In- 
tensität* der einzelnen Vorstellungen für die Traumnuswahl überhaupt 

" Psychische Intensität. Wertigkeit. Interesseuclonung .einer VftF-H-lluiig 
ist natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellleu, ireson'lwt 
m halten. 

Freu.1. TitnmJetituiif, 7. Ai.fl. •* 



210 VI Uie Traumarbcit 

nicht in Betracht, sondern bloß die mehr oder minder vielseitige 
Determinierung derselben. Nicht was in den Traumgedanken wichtig 
ist, kommt in den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten, 
könnte man ineinen; das Verständnis der Traumbildung wird aber 
durch diese Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird 
man nicht glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen 
Determinierung und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl 
anders als gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche 
in den Traumgedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die 
am häufigsten in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von 
Mittelpunkten die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch 
kann der Traum diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten 
Elemente ablehnen und andere Elemente, denen nur die letztere Eigen- 
schaft zukommt, in seinen Inhalt aufnehmen. 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Ein- 
druck verwenden, den man bei der Untersuchung der Oberdeter- 
ininierung des Traiiniinhaltes empfangen hat. Vielleicht hat schon 
mancher Leser dieser Untersuchung bei sich geurtcilt, die Uber- 
determinierung der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil 
sie ein selbstverständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse von den 
Traumelemcnlen aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich an die- 
selben knüpfen; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen Ge- 
dankenmaterial eben diese Elemente sich besonders häufig wieder- 
finden- Teh könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber 
selbst elwas ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den 
Gedanken, welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele, die 
dem Kern des Traumes fernerstellen, und die sich wie kunstliche 
Einschaltungen zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der Zweck 
derselben ergibt sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft 
eine gezwungene und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt 
und Traumgedanken her. und wenn diese Elemente aus der Analyse 
ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandteile des Trauminhaltes 
oftmals nicht nur die übenleforminierung, sondern überhaupt eine 
genügende Determinicrung durch die Traumgedanken, (Wir weiden so 
zum Schlüsse geleitet, daß die mehrfache Determinierung, die für 
die Traumauswahl entscheidet, wohl nicht immer ein primäres Moment 
der Traumbildung, sondern oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch 
unbekannten psychischen Macht ist. Sie muß aber bei alledem für 
das Eintreten der einzelnen Elemente in den Traum von Bedeutung 
sein, denn wir können beobachten, daß sie mit einem gewissen Auf- 
wand hergestellt wird, wo sie sich aus dem Traummaterial nicht ohne 
Nachhilfe ergibt. 

Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine 
psychische Macht sien äußert, die einerseits die psychisch hochwer- 
tigen Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem 
Wege der Über determ inier ung aus minderwertigen neue Wertig- 
keiten schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so 
zugeht, 80 hat bei der Traumbildung eine Übertragung und Ver- 
B eh. i e b u n g d e r psychischen Intensitäten der einzelnen Ele- 
mente statt gefunden, als deren Folge die Textverschiedenheit xon 



Yrrhultui» voii Verschiebung uuil CbcrJctermiuierut g. 211 

TrauminKalt und Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so 
supponieren, ist geradezu das wesentliche. Stück der Traumarbeit ; er 
verdient den Namen der Traum Verschiebung. Traum Verschie- 
bung und Traum Verdichtung sind die beiden Werkmeister, deren 
Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zuschreiben 
dürfen. 

Ich denke, wir haben es i\uch leicht, die psychische Macht, die 
eich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen. 
Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kernn 
der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine 
Entstellung des Traumwunsches im Unbewußten Wiedergibt. Di" 
Traiynejitstclluug aber ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf 
die Zensur-' zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz im Ge- 
dankenleben gegen cirio andere ausübt. Die Traumverschiebung ist 
eines der Hauptmittel zur Erzieltmg dieser Entstellung. Ie feeit, 
eui profuit "Wir dürfen annehmen, daß die Trauniverseliiebung durch 
deu Einfluß jener Zensur, der endopsychischen Abwehr, zu Stande 
kommt*. 

In welcher "Weise die Moment« der Verschiebung, Verdichtung 
und Uberdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen, 
welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Eaktor 
wird, das worden' wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig 
können wir als eine zweite Bedingung 1 , der die in den Traum ge- 
langenden Elemente genügen müssen, angeben, daß sie der Zen- 

* Da ich dio Zurückfühning der Trauracntstellung auf die Zensur als den 
Kern meiner Traumanffassung bezeichnen darf, schalle ich hi<>r das letzte Stück 
jener Erzählung „Träumen wie Wachen" aus den „Phantasien eines Kea- 
listen" von Lynkeus (Wien, 2. Aufl., 1900) ein, in dem ich diesen Haupt- 
charaktcr meiner Lehre wiederfinde: 

„Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn 
iu träumen." 

„Deino herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf deinen 
Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; es ist 
dio moralische Klarheit deiner Natur, die mir alles an dir verständlich macht." 

„Wenn ich es aber recht bedenke," erwiderte der andere, „so glaube ich 
beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gor niemand träum« 
jemals Unsinn I Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihn 
nacherzählen kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann 
auch gar nicht anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnt n 
sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Kaum oft durch- 
einander gerüttelt werden, benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, 
denn sie sind beide gewiß ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. 
Wir machen es ja oft im Wachen auch so; denko an das Märchen, an so vielo 
kühne und sinnvolle Phantasiegebilde, zu denen nur ein Unverständigi'i" sagm 
würde: ,Das ist widersinnig! Denn das ist nicht möglich'!" 

„Wenn man nur die Träume immer richtig zu deutea wüßte, so wie du das 
eben mit dem meinen getan hast!" sagte der Ercund. 

„Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerk- 
samkeit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. — Warum es meistens 
nicht golingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, 
etwas Unkeusches eigener und höherer Art, ein.) gewisse Heimlichkeit in Eurem 
Wesen, die schwer auszudenken ist; nnd darum scheint Euer Träumen so oft 
ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein. Es int aber im tiefsten Grunde durch- 
aus nicht so; ja, es kann gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Menscli, 
ob er »acht oder träumt," 



212 VJ f 1 "' Tmumnrhait. 

sur des Widerst an des eni Zögen BJfifin. Di'- Trournvorschieluiiig 
aber wollen wir von nun ;in als unzweifelhafte Tatsache oc| des 
[Traumdeutung in Rechnung ziehen. 

c) Die Darslell ungsin iltel des Traumcä, 

Außer den heideu Momenten tief Traum Verdichtung Und 
Traumversuhiebung, die. wir l>ei (l«;r Vor. wand hing des latenten 
Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam auf- 
gefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung 

noch zwei weiteren Bedingungen h •gegnen. die unzweifelhaften Ein- 
fluß auf die Auswahl de.-; in dou Trauin gelangenden Materials üben. 
Vorher möchte ieh. selbst auf die Gefahr hin. daß wir auf unserem 
Wege halt zu machen seheinen. einen ersten Blick auf die Vorgange 
hei der Ausführung der Traumdeutung «eilen. Ich verhehle mir 
nicht, daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und 
ihre Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen 
einzelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, wie 
ich es im Abschnitt II bei dem Traume von Irinas Injektion gezeigt, 
habe, dann aber die Traumgedanken. die ich aufgedeckt habe, zu- 
sammenstelle, und nun die Bildung des Trauines aus ihnen rekon- 
Rtruiere. also die Analyse der Träume durch eine Synthese derselben 
ergänze. Diese Arbeit habe ieh an mehreivn Beispielen zu meiner 
eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, 
weil mannigfache und von jedem billig Denkenden gutzuheißende 
Rücksichten auf das psychische Material zu dieser Demonstration mich 
daran verhindern. Bei der Analyse der Träume störten diese ltück- 
eichten Weniger, denn die Analyse durfte unvollständig sein und be- 
hielt ihren Wert, wenn sie auch nur ein Stüek weit in das Gewebe 
des Traumes hineinführte- Von der Synthese wüßte ich es nicht an- 
ders, als daß sie, um zu überzeugen, vollständig sein muß. Eine voll- 
ständige S3'nlhesc könnte ich nur von Träumen solcher Personen geben, 
die dein lesenden Publikum unbekannt sind. Da aber nur Patienten, 
Xeurotiker. mir dazu die Mittel bieten, eo muß dies Stück Darstel- 
lung de« Traumes einen Aufschub erfahren, bis ieh — an anderer 
Siedle — die psychologische Aufklärung der Neurosen so weit führen 
kann, daß der Anschluß au unser Thema herzustellen ist*. 

Aus meinen Versuchen. Träume aus den Traumgedanken synthe- 
liseh herzustellen, weiß ich. daß das bei der Deutung sich ergebende. 
Material von versehiedenari igen) Wert« ist. Den einen Teil desselben 
bilden die wesentlichen Traumircdanken. die also den Traum voll er- 
setzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es für 
den Traum keine. Zensur gäbe. Dem anderen Teil ist man gewohnt, 
geringe Bedeutung zuzuschreiben- Man legt auch keinen Wert auf 
die Behauptung- daß alle dies.- Gedanken an der Traumbildung be- 
teiligt gewis.-n sei -n. vielmehr können sieh Einfälle unter ihnen finden, 

• Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweisr Träume seither 
in dem ..Kruelis-tiiek einer IIy?terieana].vsc', 1903, gegeben. AI* dia vollständigste 
Deutung eines libifcerra Traumes muß die Analyse von O. Hank „tiu I'iMum, der 
iiüh selbst deutet," anerkiiaul werden. 



Die Darrtelluiig der logischen Hchitioueu. 2]^ 

■welche nn Erlebnisse nach dorn Traume, zwischen den Zeitpunkten 
des Träumcns und des Deutens, anknüpfen. Dieser Anteil umfaßt 
alle die Verbindungswege, die vom manifesten Trauminhalt bis zu 
den latenten Traumgedanken geführt .haben, aber ebenso ilie vermit- 
telnden und annähernden Assoziationen, durch welche man während 
der Deutungsarbeit zur Kenntnis dieser Verbindungswege gekommen ist. 

Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen 
.Traumgedanken. Diese enthüllen sieh zumeist als ein Komplex von 
Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickcltsten Aufbau mil. 
allen ""Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedanken- 
gänge- Nicht selten sind es (Sedankenzüge, die von mehr als einem 
Zentruni ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht entbehren: fast 
regelmäßig steht neben einem Gedankengang sein kontradiktorisches 
[Y\ iderspiol. durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden. 

Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natür- 
lich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie 
bilden Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen, 
Bedingungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze 
Masse dieser Traunigcdanken der Pressung der Trimmarbeit unter- 
liegt, wobei die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben 
werden, etwa wie treibendes Kis, so entsteht die Frage, was aus den 
logischen Banden wird, welche bishin das Gefügt! gebildet haften. 
Welche Darstellung erfahren im Traume das ..Wenn, weil, gleichwie, 
obgleich, entweder — oder" und alle anderen Konjunktionen, ohne 
die wir Satz und Rede nicht verstehen können? 

Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat l'ür diese 
logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Dar- 
stellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Konjunktionen un- 
berücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traum- 
gedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen, 
den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Trauma rbeit ver- 
nichtet hat. 

Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum ge- 
arbeitet ist. wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer 
ahnlichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, 
Malerei und Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sieh der Hede be- 
dienen kann, und auch hier liegt der Grund des In Vermögens in dem 
Material, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas zum 
Ausdruck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis der l'ür 
sio gültigen Gesetze des Ausdruckes gekommen war. bemühte sie sieh 
noch, diesen Nachteil auszugleichen. Ans dem Munde der gemalten 
Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraushängen, welche 
als Schrift die Bede brachten, die im Bilde darzustellen der Maler 
verzweifelte. 

Vielleicht wird sich hier ein Einw;ind erheben, der für den 
Traum den Verzicht auf die Darslellung logischer Relationen bestreitet. 
Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperu'tionen 
Vor sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen 
wird wie im wachen Denken. Allein auch hier trügt der Schein ; 
wenu maa auf die Deutung solcher Träume eingeht, erfährt mau. 



214 1"1 "'" Traumwbi?it. 

daß dies alles Tr a u mm al eri ö 1 ist, nicht Darstellung In- 
tellekt u eil it Arbeit im Traume Der Inhalt der Traum- 
gedanken isi durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben, 
nicht die Beziehungen der Traumgedanken zueinander, 
in deren Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele 
erbringen. Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle Reden, 
die in Traumen vorkommen und die ausdrücklich als solche bezeichnet 
werden, unveränderte oder nur wenig modifizierte Nachbildungen von 
Heden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des Traummateria Is 
vorfinden- Die Hede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den 
Traumgedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ist ein 
ganz anderer. 

Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk- 
arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgebildcn wiederholt, 
ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Fak- 
tors werde ich zu Ende, dieser Erörterung beleuchten müssen. Es 
wird eich dann ergoben, daß diese Denkarbeit nicht durch die Traum- 
gedanken, 6onde.ru durch den in gewissem Sinne bereits fertigen Traum 
hervorgerufen wird. 

Es bleibt, also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen 
zwischen den Tr&umgedankcu im Traume eine besondere Darstellung 
nicht finden. Wo sieh y.. B. Widerspruch im Traume findet, da ist es 
entweder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem 
Inhalt eines der Trauingodaukcu ; einem Widerspruch zwischen den 
Traumgedanken entsprich! der Widerspruch im Traume nur in höchst 
indirekt vermittelter Weise. 

Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens «lie 
Hedeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Ver- 
warnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch den 
flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit 
ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen Traum- 
gedanken durch eine zugehörige Modifikation der eigentümlichen 
Traumdarstellung Hüeksicht zuzuwenden. Man kann die Erfahrung 
machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung 
verschieden weit gehen ; während sich der eine Traum über das 
logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer 
dasselbe, möglichst vollständig anzudeuten. ,Der Traum entfernt sich 
hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Bearbeitung vor- 
liegenden, Text. /Ahnlich wechselnd bönimmt sich der Traum übrigens 
auch gegen das" zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn ein solches 
im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Irmas Injektion). 

Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer 
darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde 
versuchen, sie einzeln aufzuzählen. 

Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu- 
sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im 
ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als 
Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammen- 
hang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin ahn lieh 
wie der Mahj-, der alle Philosophen oder Dichter zum Bilde einer 



s.iuammeuliang, Kauria'bezieliuii;». 21Ü 

Schule von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, die niemals 
in einer Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind, 
wohl aber für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft bilden. 

Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So 
oft er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen be- 
sonders innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in 
den Traumgedanken. Es ist wie in unsereijr~Sehriftsystenv ab be- 
deutet, daß die beiden~Buchsi,aben in einer Silbo ausgesprochen wer- 
den Bollen a und b nach einer freien Lücke laßt a als den letzten 
Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten eines anderen 
Wortes erkennen- Demzufolge bilden sich die Traum kombinationen nicht 
aus beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen des Traummaterials, 
sondern aus solchen, die auch in den Traumgedanken in innigerem 
Zusammenhang stellen __ 

Die K ausa 1 boz ieh u n gen darzustellen, hat der Traum zwei 
Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere 
Darstellun^-sweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies 
so und so war, mußte- dies und jenes geschehen, besteht darin, <den 
.Nebensatz als Vörtraum zu bringen und dann den Hauptsatz als 
Haupttraum anzufügen- Wenn ich recht gedeutet habe, kann die Zeit- 
folge auch die umgekehrte 6ein. Stets entspricht dem Hauptsatz der 
breiter ausgeführte Teil des Traumes. 

Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalit.it hat 
mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin voll- 
ständig mitteilen werde (s. u. Symbolik). Er bestand aus einem kurzen 
Vorspiel und einem sehr weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade 
zentriert war und etwa überschrieben werden konnte : Durch die Blume. 
Der Vortraum lautete so: Sie geht in die Küche zu den beiden 
Mägden und tadelt, bjp daß sie nicht fertig werden „mit 
«.lein Bissei Essen". Dabei sieht sie sehr viel grobes 
Küchengeschiri zum Abtropfen umgestürzt in der Küche 
stehen, und zwar in Haufen aufeinander gestellt. Die 
beiden Mägde gehen Wasser holen und müssen dabei 
wie in einen Fluß steigen, der bis ans Haus oder in 
den Hof reicht. 

Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt 
von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer, 
und freut eich, daß ihr Kleid dabei nirgends .hängen 
bleibt, usw. Der Vörtraum bezieht sich nun auf das elterliche Haus 
der Dame. Die .Worte in der Küche hat sie wohl oft so von ihrer 
Mutter gehört- Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus der 
einfachen Gcschirrhandluug, die sich in demselben Hause befand. Der 
zweite Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, der 
sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei einer 
Überschwemmung — das Haus stand nahe am Ufer des Flusses — 
sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der sich hinter 
diesem Vortraume verbirgt, heißt also: Weil ich aus diesem Hause, 
aus so kleinlichen tind unerquicklichen Verhältnissen stamme. Der 
Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt ihn 
in durch .Wunscherfüllung verwandelter Form: Ich bin von hoher 



2\l\ VI. i'i>- Tnuunnrbvit. 

Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin, 
Wut mein Lebenslauf so und so. 

Soviel ich seht'.. bedeutet eine Teilung dos Traumes in zwei im- 
gleiche Stucke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den 
Gedanken der beiden Stücke. Oft .seheint es, als ob in den beiden 
Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten au» 
dargestellt würde: sicherlich gilt dies für die iu eine Pollution aus- 
huili tide Tranmreihe einer Nacht, in welcher das somalische Bedürfnis 
sich einen fortschreitend deutlicheren Ausdruck erzwingt. Oder die 
heulen Träume sind aus gesonderten Zentren im Traummaterial hervor- 
üvgnngcii und überschneiden eiiiamler im Inhalt, so daß in dem einen 
Traum Zentrum ist, was im anderen als Andeutung mitwirkt und 
Umgekehrt- In einer gewissen Anzahl von Träumen bedeutet aber die 
Spaltung in kürzeren Vor- und längeren Naehtraum tatsächlich kau- 
sale Beziehung zwischen beiden Stücken. Die andere Darslellungs- 
weise des Kausnlverhnltnisses findet Anwendung hei minder umfang- 
reichem Material und besteht darin, daß ein Bild im Trauint.', sei es 
einer Person oder einer Sache, sieh in ein anderes verwandelt. Nur WO 
wir diese Verwandlung im Traume vor sieh gehen sehen, wird der 
kausale Zusammenhang ernstlich behauptet: nicht wo wir bloß mer- 
ken, es sei an Stelle des eiirm jetzt, das andere gekommen. Ich sagte. 
die beiden Verfahren. Kaiisalbeziehung darzustellen, liefen auf das- 
selbe hinaus; in beiden Fällen wird die Verursachung dargestellt 
durch eiti Nacheinander, einmal durch das Aufeinanderfolgen der 
Träume, das andere Mal durch die unmittelbare Verwandlung eines 
Hildes in ein anderes. In den allermeisten Fällen freilich wird die 
Kaiisaln •Intimi überhaupt nicht dargestellt, sondern fällt unter das 
auch im Traum Vorgang unvermeidliche Nacheinander der Elemente. 

Di« Alternativa „Entweder — Oder" kann der Traum überhaupt 
nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt 
in einen Zusammenhang aufzunehmen. Kiu klassisches Heispiel hiefür 
enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken 
heißt, es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas 
Sehmerzen •. die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen 
die Annahme der Lösung oder daran, daß sie unter Ungunst Igen 
sexuellen Bedingungen lebt, die ich eicht ändern kann, oder ihre 
Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer 
Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast ausschlie- 
ßenden Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem Traum- 
wumeh eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder — 
Oder habe ich dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang 
der Traiimgedanken eingesetzt. 

Wo aber der Hrzähler bei der Reproduktion des Traumes ein 
Entweder — Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten 
oder ein Wohnzimmer usw.. da kommt in den Traumgedanken nicht 
etwa, eine Alternative, sondern ein ..und", eine, einfache Anreihung, 
vor. Mit Entweder — Oder h-schreiben wir zumeist einen noch auf- 
lösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem Traumelement. 
Dir Hellt uugsrcgel für diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der 
scheinbaren Alternative sind einander gleich zu setzen und "durch 



Verur.iachunp, Altrmative. SIT 

,.und" zu vorbinden. Ich träume z. B., nachdem Mi längere Zeit vor- 
erhlieh auf die Adresse meines in Italien weilenden Freundes gewartet» 
liabe. daß ich ein Telegramm erhalte- welches mir diese Adresse mit- 
teilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den l'apierstreifen des Telc- 
grammes; das erste .Wort ist verschwommen. 

etwa v i a, 

oilcr Villa, "las zweite deutlich: Sezerno. 
oder sogar (l'asai. 

Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt und uuea 
nn unsere etymologischen Besprechungen erinnert, druckt auch meinen 
Arger aus, daß er seinen Aufenthalt so lange vor mir geheim 
gehalten; jedes der Glieder aber des Ternavorschluges /.um ersten 
"Worte läßt sich l>ei der Analyse als selbständiger und gleichberech- 
tigter Ausgangspunkt der Gedankciivorkettung erkennen. 

In der Nacht vor dorn Begräbnis meines Vaters i räume ich von 
einer bedruckten Tal'el. einem Plakat oder Anschlagzettel — etwa 
wie die das Rauchverbot verkündenden Zettel in den Wartesälen der 
Eisenbahnen — , auf dem zu lesen ist. entweder: 

Man b i 1 1 o t, die Augen z u z u d r ü c k e n. 

oder 
Man bittet, ein Auge zuzudrücken, 

was ich in folgender Form darzusi eilen gewohnt bin: 

die 
Man bitte t, -r- A u g e ( u i zuzml r ü c k e n. 
ein 

Jode der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt 
in der Traumdeutung auf besondere Wege, ich halte das Zeremoniell 
müglichsl einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene ühvl' 
solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder waren 
aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; sie mein- 
ten. man werde sich vor den Trauergästen schämen müssen. Daher 
bitiet der eine Wortlaut des Traumes. ..ein Auge zuzudrücken - , d- h. 
Nachsicht zu üben. Die Bedeutung «1er Verschwommenheit, die wir 
mit einem Entweder — Oder beschrieben, ist. hier besonders leicht 
zu erfassen Es ist der Traumarbeit- nicht gehingen, einen einheilliehen, 
aber dann zweideutigen "Wortlaut für die Tranmgodaiikon herzustellen. 
So sondern sich die beiden IIau]itgedankcnzüge schon im Trauminhalt 
voncinaodor. 

In ci.iigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei 
gleich große- .Stücke die schwer darstellbare Alternativa ins. 

Bliebst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kate- 
gorie von Gegensatz und Widcrspr ncli- Dieser wird schlichtweg 
vernachlässigt, das ^JTein^j scheint für den Traum nicht zu existieren. 
Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusam- 
mengezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt «ich ja auch 
dro Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wniischgegensatz 
darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen 
Elemento weiß, ob es in den Tiaumgedanken positiv, oder negativ ent- 



21d 



VL Die Traumarbeit. 



luilten ist*. In d-tri einen der letzterwähnten Träume, dessen Vorder- 
satz wir bereits gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunft bin",), 
steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen 
blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt. 
Wie der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Maria Ver- 
kündigung (sie heißt .selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die 
weißgekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, wäh- 
rend die Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der 
blühende Zweig im Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle 
Unschuld. Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, Von 
denen jede einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende ihres Weges, 
heißt es im Traume weiter, sind die Blüten schon ziemlieh abgefallen ; 
dann folgen unverkennbare Anspielungen auf die Periode, Somit ist 
der nämliche Zweig, der getra^jn wird, wie eine Lilie und wie von 
einem unschuldigen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die 
Kaiüelicndame, die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug, zur 
Zeit der Periode aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig („des 
Mädchens Blüten" in den Liedern von der Müllerin bei Goethe) 
stellt die sexuelle Unschuld dar und auch ihr Gegenteil. Der näm- 
liche Traum auch, welcher die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, 
niibefleekt durchs Loben zu gehen, läßt an einigen Stelleu (wie an 
der vom Abfallen der Blüten) den gegensätzlichen Gedankengang 
durchschimmern, daß sie sieh verschiedene Sünden gegen die sexuelle 
Keinheit habe zu Schulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich). 
AV'ir können bei der Analyse des Traumes deutlich die beiden Ge- 
dankengänge unterscheiden, von denen der tröstliche oberflächlich, 
der vorwurfsvolle tiefer gelagert seheint, die einander schnurstracks 
zuwiderlaufen, und deren gleiche aber gegenteilige Elemente durch 
die nämlichen Traumelcnieufe Darstellung gefunden haben. 

Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Me- 
chanismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute- Es ist 
dies die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung. Berührung, das 
„Gleichwie", die im Traume wie keine andere mit mannigfachen 
Mitteln dargestellt werden kann**. Die im Traummatcrial vorhandenen 
Dockungen oder Fälle von „Gleichwie" sind ja die ersten Stützpunkte 
der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum- 
arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die 
vorhandenen der Widerst andszensur wegen nicht in den Traum ge- 
langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt der 
Darstellung der Ähnlielikeitsreliition zu Hilfe. 

* Aus einer Arbeil. von K. Abel, Der Uegensinn der Urworte, 1884 (siehe 
mein Referat im Jahrbuch f. Ps.-A. II, 1910; erfuhr ich die überraschende, auch 
Von anderen Sprachforschern bestätigte Tatsache, da.'J die ältesten Sprachen sich 
in diesem Funkle ganz ähnlich benahmen wie der Traum. Sie habon anfänglich 
nur ein Wort für die beiden Gegensätze nn den Enden einer Qualitäten- oder 
Tätigkcitsreiho (slarkschwnch, altjung, fernnah, binden-trennen) und bilden ge- 
sonderte Bezeichnungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte 
Modifikationen des gemeinsamen Vrwortos. Abel weist diese Verhältnisse im 
großen AusmaUe im Altägyptischen nach, zeigt aber deutliche Reste derselben 
Entwicklung auch in dm semitischen nml indogermanischen Sprachen nuf. 

»♦ Vgl. die Uemerkung des Aristoteles' über dio Eignung zum Traum- 
deuter (S. 68, Anuikg.**). 



Gvgeunl/. und Gleichstellung. 219 

Ä Ii nliehkoi I. Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird 
Toni Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusamnienziehung zu 
tiasü 1- inheit, wclclie entweder im Traummateri.iT bereits vorgefun- 
den oder neu gebildet wird- Den ersten Fall kann man als Identi- 
fizierung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die~Jdenti- 
i'izierung kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt ; 
die Mischbildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch 
■werden Mischbildungen auch von Personen hergestellt. Ortlichkeiten 
Werden oft wie Personen behandelt. 

Die Identifizierung besieht darin, daß nur eine der durch ein. 
Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung 
gelangt, wahrend die zweite oder die anderen Personen für den Traum 
unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im* 
Traume in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von 
ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung, 
die eich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die 
•len Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden, 
so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine 
Mi&chperson. bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver- 
schiedenen Wegen zu Stande gebracht werden. Entweder die Traum- 
person hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den Namen — 
wir wissen dann in einer Art. die dem Wissen im Wachen ganz analog 
ist, daß diese oder jene Person gemeint ist — , während die visuellen 
Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist 
aus visuellen Zügen, die 6ich in Wirklichkeit auf beide verteilen, 
zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge, kann der Anteil der 
zweiten Person auch vertreten werden durch die. Gebärden, die man 
ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation, 
in. welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung 
beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identifizierung und Misch- 
personbildung sich zu verflüchtigen. Es kann aber auch vorkommen, 
daß die Bildung einer solchen Mischperson mißlingt. Dann wird dia 
Szene des Traumes der einen Person zugeschrieben und die andere 
— in der Regel wichtigere — tritt als sonst unbeteiligte Anwesende 
daneben hin. Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch 
dabei (Stekel). Ein solches Element des Trauminhaltes ist dann einem 
Determinativum in der Hieroglyphenschrift zu vergleichen, welches 
nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung eines anderen Zeichens 
bestimmt ist- 

Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen 
.'echt fertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt hein oder 
fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung 
«ben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt 
zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich 
im Traume eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor 
in einer andersartigen Aktion, welche sonst B charakterisiert. Die so 
gewonnene Traumperson tritt mir im Traume in irgend welcher neuen 
Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß sie sowohl A aU 
auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die betreffende 
Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den Luiden gemeinsam ist. 



ptjfl VI D.» TraumnrUTL 

Dämlich Jas feindselige. Verhältnis zu mir. Auf solche Weis« crzielo 
ich oft ßinc ganz außerordentliche Verdichtung für den Traumiuhalt; 
ich kann mir ilio direkt« Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse, 
<lio mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser 
Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Bezie- 
hungen den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, in- 
wiefern diesi Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann, 
die, Widerslandszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter sc« 
hart» Bedingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in 
jenen Vorstellungen liegen, welche im .Material mit der einen Person 
Verknüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls 
Beziehungen zu dem beanstandeten Material hat, abu- nur zu einem 
Teile desselben. Die Berührung in jenem nicht zensurfreien Punkte, 
gibt mir jetzt das lieeht, eine \l iseuperson zu bilden, die nach beiden 
Seiten hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- 
und Identifizierungsperson ist nun als zer.surfrci zur Aufnahme in 
den Tratiuiinhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Trauiu- 
\crdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt. 

W'o im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar- 
gepü*Ut ist, da ist dies gewöhnlich ein AYink, nach einem imderen 
verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die« 
Zensur unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu Gun- 
sten iler Darstellbiirkeit eine Vci'schicbnng in Betreff des Gemeinsamen 
stattgefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit einem indifferenten 
Gemeinsamen im Traume gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs. 
indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen. 

Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im 
Traume versehiedenen Zwecken, erstens der Daist ellung eines beiden 
Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verschobenen 
(Jemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte Gemein- 
samkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen einer Ge- 
meinsamkeit zwischen zwei Personen häutig mit einem Vertauschen 
derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation im Traume durch 
Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume von Irmas In- 
jektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen, wünsche 
also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die eine äst; 
der Traum trägt diesem AYunsche Rechnung, indem er mir eine Person 
zeigt, diu Irma, heißt, die aber in einer Position untersucht wird, wie 
ich sie nur bei der anderen zu Sehen Gelegenheit, hatte. Im Onkel- 
traume ist- diese. Verla usehung zum Mittelpunkte des Traumes gemacht; 
ich identifiziere mich mit dem Minister, indem ich meine Kollegen 
nicht besser als er behandle und beurteile. 

Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden 
habe, daß jeder Traum die eigene Pereon behandelt. \ Träume sind 
nhsnlut egoistisch. AYo im Traumiuhalt nicht, mein Ich, sondern nur 
eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein 
Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf 
mein Ich ergänzen. Ändere Male, wo mein Ich im Traume erscheint, 
lehrt mich die Situation, in der es sieh befindet, daß hinter dem Ich 
ciue andere Person sieh durch Identifizierung verbirgt. Der Traum 



Vxriveiiuiis der SIticlil>il.turi£>>D. 'Z2\. 

soll mich dann mahnen in dor Traumdeutung etwas, was dieser Person 
anhängt, das Verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es gibt 
auch Ti-.iunte, in denen mein Ich nebst muteten Personen vorkommt, 
diu sieh durch Lösunsr der Identifizierung wiederum als mein Ich ent- 
hüllen. Ieli soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierun- 
gen gewisse. Vorstellungen vereinigen: gegen deren Aufnahme sich die 
.Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Trauine mehr- 
fach darstellen, das einemal direkt, das undcremal vermittels d<T 
Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen Identi- 
fizierungen laßt sich ein ungemein reiches Gedankcnmaterial ver- 
dichten*. 

Durchsichtiger noch als hei Personen gestaltet sich die, Auf- 
lösung der Identifizierungen bsi mit Eigennamen bezeichneten Ortlich" 
keiten. da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich 
entfällt. In einem meiner Romträume (S. 133) heißt der Ort, an 
dem ich mich befinde. Hom; ich erstaune aber über die Menge von 
deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine Wunseh- 
crlüllung. zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag 
aus einer heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugend- 
zeit stemmen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein Zusam- 
mentreffen mit einem Freunde in Aussicht genommen : Jh« Identifizie- 
rung von Moni und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte Ge- 
meinsamkeit : ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als 
in Prag, für diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen. 

Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter 
den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge 
verleihen indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt 
"werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. 
Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar 
der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen 
uns vorstellen und nachbilden. Der Unterschied liegt, nur darin, daß 
hei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Ein- 
druck des Neugebildes selbst das Maßgebende ist. während die Misch- 
hildung des Traumes durch ein Moment, welches außerhalb ihrer 
Gestaltung liegt., das Gemeinsame in ihm Traumgedanken, determiniert 
■wird. Die. Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger 
"Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung weiden 
nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Dar- 
stellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes 
Objekt, gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen 
wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient, sich 
dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten 
zwischen liciden Objekten- Das Neugebildete kann gänzlich absind 
ausfaller. oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nach 
dem Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. 



• Wenn iBll iui Zweifel bin. Iiiuh-r WDlohu* der im Intime niiflretriiden 

Personen ich mein Ich SO suchen Iiii'.jc, M halle ich Midi au ftilf.'nde Kegel: 

Die Person, dia im Traume einem Affekt, uulerliegt, Uen ich :iU Schlafender 
versjnire, die verbirgt mein Ich, 



y««J VT. Pi« Tr:uimnrl>i\t. 

Sind die. Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen, 
gar zu disparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Misch- 
gebildc mit einem deutlicheren Kerne zu schaffen, an den sich undeut- 
lichere Bestimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist. 
hier gleichsam nicht gelungen; die beiden Darstellungen überdecken 
einander und erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen Bilder. 
Wenu man sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen Walir- 
nehmungsbildcrn vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstel- 
lungen in einer Zeichnung gelangen. 

Es wimnielt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebil- 
den; einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen 
bereite mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume 
auf S. 215. welcher den Lebenslauf der Patientin „durch die Blume" 
oder „verblümt" beschreibt, trügt das Traum-Ich einen blühenden 
Zweig in der Hand, der, wie wir erfahren haben, gleichzeitig .Un- 
schuld und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch 
die Alt, wie die Blüten stehen, außerdem an Kirschblüten; die 
Blüten selbst, einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu das 
Ganzo noch den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das 
(iemeinsamo an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sieh dus 
den Traumgedankcn. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an 
Geschenke zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder 
werden sollte, sich gefällig zu erweisen- So in der Kindheit die 
Kirschen- in späteren Jahren ein Kainelienstock; dos Exotische ist 
eine Anspielung auf einen vielgereisten Naturforseher, welcher mit 
einer Blumenzeiehnung um ihre Gunst werb-n wollte. Eine andere 
Patientin schafft sich im Traume ein Mittelding aus Badekabinen 
im Seebade, ländlichen Abort hinsehen und den Bodenkammern 
unserer städtischen Wohnhäuser- Den beiden ersten Elementen ist 
die Beziehung auf menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam; 
es läßt sieh aus der Zusammensetzung mit dem driften Element 
sehließen, daß 'in ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schau- 
platz von Entblößung war. Ein Träumer schafft sich eine Misch- 
lokalität aus zwei Oitlichkeiten, in denen „Kur" gemacht wird, aus 
meinem Ordinationszimmer und dem öffentlichen Lokal, in dem er 
zuerst seine Frau kennen gelernt hat. Ein Mädchen träumt, nach- 
dem der ältere Bruder versprochen hat. sie mit Kaviar zu regalieren, 
von diesem Bruder, daß dessen Boine von den schwarzen Kaviar- 
perlen übersät sind- Die Elemente „Ansteckung" im moralischen 
Sinne und die Erinnerung an einen Ausschlag der Kindheit, der 
die Beine, mit roten anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät er- 
scheinen ließ, haben sich hier mit den Kaviarperlen zu einem 
neuen Begriff vereinigt, dessen „was sie von ihrem Bruder 
bekommen hat". Teile des menschlichen Körpers werden in diesem 
Traume behandelt wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. In 
einem von F erenezi mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor, 
das aus der Person eines Arztes und aus einem Pferde zusammen- 
gesetzt war und überdies ein Nachthemd anhatte. Das Gemein- 
same dieser drei Bestandteile ergab sich aus der Analyse, nachdem 
das Nachthemd als Anspielung auf den Vater der Träumerin in einer 



Umgekehrt, im Grgenleile. j; 9a 

Kindheitsszene erkannt, war. Es handelte sich in allen drei Fällen 
um Objekte ihrer geschlechtlichen Neugierde. Sie war als Kind von 
ihrer Kindsfrau öfters in das militärische Gestüt mitgenommen wor- 
den, wo sie Gelegenheit halte, ihre — damals noch ungehemmte — 
Neugierde ausgiebig zu he friedigen. 

Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat. die 
Relation des "Widerspruches, Gegensatzes, das ..Nein" auszudrücken, 
Ich gehe daran, dieser "Behauptung zum erstenmal zu widersprechen. 
Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz" zusammenfassen lassen, 
findet seine Darstellung einfach durch Identifizierung, wie wir ge- 
sehen haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, 
an dio Stelle, setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wieder- 
holt Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traum- 
gedanken, der etwa unter die. Kategorie „Umgekehrt, im Gegen- 
1 ei l'y fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traume auf folgende 
merkwürdige, beinahe witzig zu nennende. Weise. Das „Umgekehrt" 
gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine An- i 
Wesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe 
liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes — gleichsam 
nachträglich — umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter zu 
illustrieren, als zu beschreiben. Im schönen Traume von „Auf und 
Nieder" (S. J95) ist dio Trauuidarstellung des Steigens umgekehrt 
wie das Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introduktions- 
szeno der „Sappho" Daudets; es geht im Traume anfangs schwer, 
später leicht, während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später 
immer schwerer wird. Auch das „Oben" und „Unten" in Bezug auf 
den Bruder ist im Traume verkehrt dargestellt. Dies deutet auf eine 
Relation von Umkehrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken 
des Materials in den Traumgedanken besteht, und die wir darin ge- 
funden haben, daß in der Kindheitsphantasie des Träumers er von 
seiner Amme getragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die 
Geliebte- trägt. Auch mein Traum von Goethes Angriff gegen 
Herrn M. (s. unten) enthält ein solches „Umgekehrt", das erst redressiert 
worden muß, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. 
Im Traume hat Goethe einen jungen Mann, Herrn M„ angegriffen; 
in der Realität, wie, sie die Traumgedanken enthalten, ist ein be- 
deutender Mann, mein Freund, von einem unbekannten jungen Autor 
angegriffen worden. Im Traume rechne ich vom Sterbedatum Goe- 
thes an; in der Wirklichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahre 
des Paralytikers aus. Der Gedanke, der in dein Traummaterial maß- 
gebend ist, ergibt sich als der Widerspruch dagegen, daß Goethe 
behandelt werden soll, als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, ragt 
der Traum, wenn du das Buch nicht verstehst, bist du der Schwach- 
sinnige, nicht der Autor. In all diesen Träumen von Umkehrung 
scheint mir überdies eine Beziehung auf die verächtliche Wendung 
(„einem die Kehrseite zeigen") enthalten zu sein (die Umkehrung 
in Bezug auf den Bruder im ..Sappho"-Traum). Es ist ferner be- 
merkenswert, wie häufig die Umkehrung gerade in Träumen be- 
nötigt wird, die von verdrängten homosexuellen Regungen eingegeben 
werden. 



gg4 Vl - I)ie l'niöninr^eil. 

Dir Umkehruug; .Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines 
«lcr beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen DarstclLungs- 
initli 1 der Traumarbeit,. Sie dient zunächst dazu, der "Wunschcrfüllung 
gegen ein bestimmtes Element der Traumgedankeii Geltung zu ver- 
.-••haften Wäre es doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste 
Ausdruck für die Reaktion des Ichs gegen ein peinliches Stück Er- 
innerung. Ganz besonders wertvoll wird die l'mkehrung aber im 
Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstellung des .Dar- 
zustellenden zu Stande bringt, welehes das Verständnis des Traumes 
zunächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen 
Sinn hartnäckig vorweigert, jedesmal den Versuch der l'mkehrung 
mit bestimmten Stüekcn seines manifesten Inhaltes wagen, worauf 
nieht selten alles sofort klar wird. 

Neben der inhaltlichen l'inkelirulig isi die zeitliche nicht zu 
übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin, 
den Ausgang der Hegebenheit oder den Schluß iles Gedankenganges 
zu Eingang des Traumes darzustellen und am Ende dessellien die 
Voraussetzungen des Schlusses oder die Ursachen des Geschehens" nach- 
zutragen. Wijr nicht an dieses technische Mittel der Traumentstellung 
gedacht hat. steht dann der Aufgabe der Traumdeutung ratlos gegen 
über*. 

Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, 
wenn man an dem Trauminhalt eine, mehrfache l'mkehrung. nach 
verschiedenen Relationen, vorgenommen hat. So z. H. verbirgt, sieh 
im Traume eines jungen Zwangsneurotikers die Erinnerung an den 
infantilen Todeswunsch gegen den gcfürehloten Vater hinter folgendem 
Wortlaut: Sein Vater schimpft mit ihm. weil er so spät 
nach IIa use kommt. Allein der Zusammenhang der psychoana- 
lytischen Kur und die Einfälle, des Träumers beweisen, daß es zu- 
nächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater und sodann, daß 
ihm dei Väter auf alle Fälle zu früh id. h- zu baldi nach Hause 
Uniin Er hätte es vor ue zogen, daß der Vater überhaupt nicht nach 
Hause gekümmert wäre, was mit dem Todeswunseh gegen den Vater 
identisch ist iv. S. 17l!i. Der Träumer hatte sich nämlich als kleiner 
Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle 
Aggression gegen eine andere Person zu Schulden kommen lassen und 
war mit der Drohung gestraft worden; X;i wart', bis der Vater zu- 
rückkommt ' 



* ller-elbe» Technik der seitlichen l'mkehrung bediont sieli manchmal il<T 
1\ -h'i-i-clie Anfall, hui -i'incn Sinn <l'in Zuschauer zu verborgen. Ein hysterisches 
M£idcll&II I al /.. 1!. in einem Anfüllt* Pillen kleinen ltnnian darZDStcll "il. den sie sieh 
im Anschluß au eine Begegnung in der StadiWi.hu im I'nbcwuCicn phantasiert liai. 
Wie der Uel reifende, durch die Sehüiiheil. ihres KuUcs angezogen, sie, während 
sii' liest, anspricht, iric sie dann mtl ihm irohi mnJ eine stürmische Liebesszcnc 
erlebt. 1 li r Aufnil seui mtl der Dan-ieiiuiic dieser Licbcsnenc durch die Körpcr- 
xnekuiigeii ein (dtttvci l.ippenhcwegitngcii für.- Küssen. Verschriitlkung der Arni" 
liir rli,. I lnarmung ). darauf ejli, sie in? andere Zimmer, sc tat sieh auf einen Stuhl. 
Ilfltit das Kleid, um den Kuli /.n zeigen, tut, als oh sie iu einem Buche tesen würde, 
imd spricht mich an (gibt, mir Antwort). Vgl. IliozQ die. Bemerkung des Artomi- 
il 'i t ii ä : .,Bci der Auslesung von Tmumgcschiehlcn itinIS mau .-i • einmal veni An- 
fang: gegen das Kudc, da- andere Mal vom Knde gegen dun Anfang hin ins 
Aue.e fassen. ..." 



t>ie Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit. 225 

Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum- 
gedanken welter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traun» 
selbst zum Ausgangspunkte und stellt sieh die Frage, was gewiss» 
formale Charaktere der Traumdarstellung in Bezug auf die Traum- 
gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns im 
Traume auffallen müssen, gehören vor allem die Unterschiede in der 
sinnlichen Intensität \ler einzelnen Traumgebilde und in der Deutlich- 
keit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander ver- 
glichen. Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traum- 
gebilde umfassen eine ganze. Skala von einer Schärfe der Ausprägung, 
die man — wiewohl ohne Gewähr — geneigt ist, über die der Realität 
zu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als 
charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinen, 
der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten 
der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich 
bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut- 
lichen Traumobjckt empfangen, als „flüchtig"', während wir von den 
deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit 
der Wahrnehmung standgehalten haben. Es fragt sich nun, durch 
welche Bedingungen im Traummaterial dies« Unterschiede in der 
Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhaltes hervorgerufen 
werden. 

Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, 
die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes 
auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können, 
wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen 
abgeleiteten Traumclemente im Trauminhalt durch besondere Intensität 
hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders 
lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein 
wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht 
richtig, daß die Elemente des Traumes, welche Abkömmlinge von 
realen Eindrücken während des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor 
den anderen, die aus Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit aus- 
zeichnen. Das Moment, der Realität geht für die Intensitätsbestimmung 
der Traumbilder verloren. 

Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinn- 
liche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Be- 
ziehung habe zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden 
Elemente in den Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität 
mit psychischer Wertigkeit zusammen; die intensivsten Elemente sind 
keine anderen als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt, der Traum- 
gedanken bilden. Nun wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente der 
Zensur wegen meist keine Aufnahme in den Trauminhalt finden. Aber 
es konnte doch sein, daß ihre- sie vertretenden nächsten Abkömmlinge 
im Traume einon höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß sie 
darum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch diese 
Erwartung wird indes durch die vergleichende Betrachtung von Traum 
und Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier hat 
mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findet 
zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine völlige „Um- 

l'tend. Tn-indmlnng. 7. A»tt. ™ 



226 VI - 1)ie Trnumarbei«. 

wertunp aller psychischen "Werte" statt. ) Gerade in einem 
flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten Element 
des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömm- 
ling dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig dominierte. 

Die Intensität der Elemente des Trauines zeigt sich anders deter- 
miniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige Moment«. 
Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv 
dargestellt sind, durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt. 
Dann aber lehrt die Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen 
des Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, daß die leb- 
haftesten gleichzeitig die bestdeterminierten sind. Es ist keine Än- 
derung des Sinnes, wenn wir den letzten empirisch gewonnenen Satz 
in nachstehender Form aussprechen ; Die größte Intensität zeigen jene 
Elemente des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste Vcrdich- 
tungsarbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann er- 
warten, daß diese Bedingung und die andere der "Wunseherfüllung 
auch in feiner einzigen Formel ausgedrückt werden können. 

Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der 
größeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen 
Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen Pro- 
blem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit ganzer 
Träume oder Traumabschnitte bezieht- Dort ist der Gegensatz von 
Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es ist aller- 
dings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden und fallenden 
Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie des Trau- 
mes, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive Elemente; ein 
unklarer Traum ist im Gegenteil aus wenig intensiven Elementen 
zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches die Skala vom an- 
scheinend Klaren bis zum Undeutlich -Verworrenen bietet, weit kom- 
plizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der Traumelemente; 
ja orsteres entzieht sich aus später anzuführenden Gründen hier noch 
der Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man nicht ohne Cln-i- 
raschung. daß der Eindruck von Klarheit oder Undeutliehkeit. den 
man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts für das Traum- 
gefüge, bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als ein Bestandteil 
desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen Traum, der mir 
nach dem Erwachen so besonders gut geiügt, lückenlos und klar er- 
schien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir versetzte, eine 
neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem Mechanismus 
der Verdichtung und Verschiebung unterlege!« waren, sondern als 
„Phantasien während des Schlafens" bezeichnet Werden durften. Nähere 
Prüfung ergab, daß dieser rare Traum dieselben Risse und Sprünge 
in seinem Gefüge zeigte wie jeder andere; ich ließ darum die Kate- 
gorie der Traumphantasie.n auch wieder fallen. Der reduzierte Inhalt 
des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde, eine schwierige und 
lange gesuchte Theorie der Bisexualität vortrug, und die wunscher- 
füllcodc Kraft, des Traumes hatte es zu verantworten, daß uns diese 
Theorie (die übrigens im Traume-nieht mitgeteilt wurde) klar und 
liiekenlos erschien. "Was ich also für ein Urteil über den Fertigen Traum 
gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesentliche Stück des 



Darstellung von TrauminLalt durch die Form de» Traume». 227 

Trauiuinhalles. Die Traumarbeit griff liier gleichsam in «las erste 
wache Denken über und übermittelte mir als Urteil über ilen Traum 
jenes Stück des Traummal erials, dessen genaue Darstellung im Traume 
ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes Gegenstück hiczu erlebte 
ich einmal bei einer "Patientin, die einen in die Analyse gehörig«-» 
Traum zuerst überhaupt nicht erzählen wollte, „weil er so undeutlich 
und verworren sei"', und endlich unter wiederholten Protesten gegen 
die Sicherheit ihrer Darstellung angab, es seien im Traume mehrere 
Personen vorgekommen, sie, ihr Mann und ihr Vater, und pl§ ob sie 
nicht gewußt hätte, ob ihr Mann ihr Vater" sei oder wer eigen! lieh 
ihr Vater sei. oder so ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes 
mit ihren Einfällen in der Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß 
ea sich um die ziemlich alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens 
handle, welches bekennen mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun 
Zweifel zu hören bekomme, „wer eigentlich der Vater (des Kindes) 
sei"*. Die Unklarheit, die der Traum zeigte, war also auch hier ein 
Stück aus dem traumerregenden Material. Ein Stück dieses Inhaltes 
war in der Form des Traumes dargestellt worden. Die Form des 
Traumes oder des Träum ens wird in ganz überraschen- 
der Häufigkeit zur Darstellung des verdeckten In- 
haltes verwendet. 

Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu 
demselben dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der raffi- 
niertesten Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich verraten. 
So z. B. wenn ein Träumer äußert: Hier ist der Traum verwischt, 
und die Analyse eine infantile Reminiszenz an das Belauschen einer 
Person ergibt, die sich nach der Defäkation reinigt. Oder in einem 
anderen Falle, der ausführliche Mitteilung verdient. Ein junger Mann 
liat einen sehr deutlichen Traum, der ihn an bewußt gebliebene Phan- 
tasien seiner Knabenjahre mahnt: Er befindet sich abends in einem 
Sommerhotel, irrt sich in der Zimmernummer und kommt in einen 
Raum, in dem sich eine ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden. 
lim zu Bette zu gehen. Er setzt fort: Dann sind einige Lücken 
im Traum, da fehlt etwas, und am Ende war ein Mann im 
Zimmer, der mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen mußte 
Er bemüht sich vergebens, den Inhalt und die Absieht jener knaben- 
haften Phantasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt. 
Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt durch 
die Äußerung über die undeutliche Stelle d«« Traumes bereits gegeben 
ist. Die „Lücken" sind die Genitalöffnungen der zu Bette gehenden 
Frauen; „da fehlt etwas" beschreibt «len Jlauptcharakler «les weib- 
lichen Genitales. Er brannte in jenen jungen Jahren vor Wißbegierde« 
ein weibliches Genitale zu sehen, und war noch geneigt, an der infan- 
tilen Sexualtheorie, die dem Weibe ein männliches Glied zuschreibt, 
festzuhalten. 

In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz 
eines anderen Träumers ein. Er träumt: Ich gehe mit Frl. K. i ti 



* Btsgleitonde hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und grolle Ver- 
.".tiniinuug, da.* Hauptleiden dieser Kranken. 

15» 



228 VI - ^»e Traamirbeit. 

das Volksgar teurestaurant . . . dann kommt eine dunkle Stelle, 
eine Unterbrechung . . . dann befinde ich mich in einem Bor- 
d o 1 1 s a 1 o n. in d e m ich zwei oder drei Frauen sehe, eine 
in II e m d und II ö sehe n. 

Analyse: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie 
er selbst zugibt, ein Sehwestercrsatz. Er hatte nur selten Gelegenheit, 
mit ihr zu sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung zwischen 
ihnen vor, in der „man sich gleichsam in seiner Geschlcchtlichkeit 
erkannte, als ob man sagen würde; Ich bin ein Mann und du ,ein 
Weib". Im angegebenen Restaurant war er nur einmal in Begleitung 
der Schwester seines Schwagers, eines Mädchens, das ihm vollkommen 
gleichgültig war. Ein andermal begleitete er eine Gesellschaft von 
drei Damen Ins zum Eingange in dieses Restaurant. Die Damen waren 
seine Schwester, seine Schwägerin und die bereit« erwähnte Schwester 
seines Schwagers, alle drei ihm höchst gleichgültig, aber alle drei 
der Sehwestcrreihe angehörig. Ein Bordell hat er nur selten besucht, 
vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben. 

Die Deutung stützte sich auf die ,, dunkle Stelle", „Unter- 
brochung" im Traume und behauptete, daß er in knabenhafter Wiß- 
begierde einigemale, allerdings nur selten, das Genitale seiner um 
einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage später 
stellte sich die bewußte Erinnerung an die vom Traume angedeutete 
Untat ein. 

Alle. Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem 
nämlichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Grup- 
pierung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als ein "Stück 
Mitteilung aus den latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. Bei 
der Deutung von Träumen, die aus mehreren Hauplstüekcn bestehen, 
oder überhaupt solchen, die derselben Nacht angehören, darf man 
auch an dio Möglichkeil, nicht vergessen, daß diese verschiedenen und 
aufeinanderfolgenden Traume dasselbe bedeuten, die nämlichen He- 
gungen in verschiedenem Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich 
vorangehende, dieser homologen Träume ist dann häufig der ent- 
stelltere, schüchterne, der nachfolgende ist dreister und deutlicher. 

Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von 
den Kühci. den Josef deutete, war von dieser Art. Er findet sich 
bei Josephus (Jüdische. Altertümer. Buch II, Kap. 5 und 6) ausführ- 
licher als in der Bibel berichtet. Nachdem der König den ersten Traum 
GTZähli hat, sagt er: „Nach diesem ersten Traumgesicht wachte ich 
beunruhigt auf und dachte nach, was dasselbe wohl bedeuten möge, 
schlief jedoch hierüber allmählich wieder ein und hatte nun einen 
noch viel seltsameren Traum, der mich noch mehr in Furcht und Ver- 
wirrung geflötet hat." Nach Anhöron der Trauraerzählung sagt Josef: 
.Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach wohl ein zweifacher, 
allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung." 

Jung, der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes" 
erzählt, wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens von 
ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen 
weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen, „daß 
der Schlußgedanke einer langen Reihe von Traumbildern genau dae 



Fortschreitende Deutlichkeit aufeiuanderfolgeiider Träume. V9i) 

enthält, was schon im ersten Bild der Serie darzustellen versucht 
worden war. Die Zensur schiebt den Komplex so lange wie möglich 
weg durch immer wieder erneute symbolische Verdeckungen, Ver- 
schiebungen, Wendungen ins Harmlose usw." Fl. c. p. 87). Scherner 
hat dies«; Eigentümlichkeit der Traumdarstellung gut gekannt und 
beschreibt sie im Anschluß an seine Lehre von den Organreizen als 
ein besonderes Gesetz (p. 166). ..Endlich aber beobachtet die Phan- 
tasie in allen von bestimmten Xervenreizen ausgehenden symbolischen 
Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß sie bei Beginn des 
Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen des Beiz* 
Objektes malt, am Schlüsse aber, wo der malerische Erguß sieh er- 
schöpft haue, den Beiz selbst, respektive sein betreffendes Organ 
oder dessen Eunktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen 
organischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende, erreicht - — — ." 

Eine- schöne Bestätigung dieses Scher n ersehen Gesetzes hat 
Otto Bank in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich selbst deutet" 
geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte, 
sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zu- 
sammen, von denen der zweite mit einer Pollution abschloß. Dieser 
Pollutionstrauui gestattete, eine bis ins einzelne durchgeführte Deutung 
tinter weitgehendem Verzicht auf die Beiträge der Träumerin, und die 
Fülle der Beziehungen zwischen den beiden Traumiuhalten ermöglichte 
es zu erkennen, daß Aar erste Traum in schüchterner Darstellung das- 
selbe zum Ausdruck bringe, wie der zweite, so daß dieser, der Pol- 
lutionstraum, zur vollen A\ifklärung des ersteren verholfen hatte. 
Rank erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem Recht die- Be- 
deutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumons überhaupt. 

In solche Lage. Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf 
Sicherheit oder Zweifel im Trnummaterial umdeuten zu können, 
kommt man aber nach meiner Erfahrung nicht in allen Fällen. Ich 
werde späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der Traum- 
bildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitäten- 
akala des Traumes wesentlich abhängt. 

In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation 
und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit fol- 
genden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es. 
gleichzeitig ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes-"' 
Was in solcher Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht, 
dio nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich 
im Traummaterial als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke 
heraus. Die Kondition in den Traumgedanken wird im Traume durch 
Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn — wann;. 

Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation 
der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will 
gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas verrichten und 
stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in 
Bewegung setzen und man kann ihn nicht erreichen ; man hebt die 
Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt usw. Wir 
sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitionsträumen 
begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht. 



230 VI' Die Traumarbcit. 

Es ist blauem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe bestehe, 
motorische Lähmung, die sieh durcli die. erwähnte Sensation bemerkbar 
macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht beständijr. 
von solchen gehemmten Hewegungen? und wir dürfen erwarten, d;ili 
diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation irgend welcheu 
Zwecken der Darstellung diene und nur durch das im Traummaterial 
gegebene. Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt werde. 

Das Nichtzustandebringen tritt im Traume nicht immer als 
Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf- 
Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die. 
Hedeutung dieses Traumrequisiles aufzuklären. Ich werde verkürzt, 
einen Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt er- 
scheine. Die Örtliehkeit ist ein Gemenge aus einer Privat- 
heilanstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein Die- 
ner erscheint, um mich zu einer Untersuchung zu rufen. 
Im Traume weiß ich, daß etwas v e r m ißt wird, und daß 
die Untersuchung wegen des Verdachtes erfolgt, daß 
ich mir das Verlorene angeeignet- Die Analyse zeigt, 
daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärzt- 
liehe Untersuchung mit einschließt. Im Bewußtsein 
meiner Unschuld und meiner Konsiliarfunktion in 
diesem Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. An einer 
Tür empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf 
mich deutend: Den haben Sie mir mitgebracht, der ist 
ja ein anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener 
in einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der 
mich an ein Inferno mit seinen höllischen Straf auf- 
gaben erinnert. An einem Apparat sehe ich einen Kol- 
legen eingespannt, der allen Grund hätte, sich um mich 
zu bekümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt 
dann, daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen 
Hut niuht und kann doch nicht gehen. 

Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als 
ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum- 
gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den 
Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen 
meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis 
bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu 
schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des Wider- 
spruches sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde, 
bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nichtzu- 
standebringen des Traumes ist ein Ausdruck des AViderspruches. 
ein ..Nein", wonach also die frühere Behauptung zu korrigieren ist, 
daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag*. 

* Eino Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der voHsläo- 
■digon Analyse durch folgende Vermittlung: — Der Mohr hat Beine Schuldigkeit 
getan, der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, 
wenn er seine Schuldigkeil, getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (loh soll 
so viel wirres schwarzes Haar mit zur AVeit gebracht haben, daß mich die junge 
Mutter für einen kleinen Mohren erklärte. ) — DaU ioa den Hut nicht finde, ist 



Die Traumbemroung. Der Traum im Traume. J>31 

In anderen Träumen, welche das Nichtzustandekommen der Be- 
wegung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist 
derselbe. "Widerspruch durch die Sensation der Bcweguugshemraung 
kräftiger ausgedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich wider- 
setzt. Die Sensation der Bewegungsheminung stellt also einen Wil- 
lenskonflikt dar. Wir werden später hören, daß gerade die mo- 
torische- Lähmung im Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen 
des psychischen Vorganges während des Träumens gehört. Der auf 
die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes 
als der "Wille, und daß wir sicher sind, im Schlafe diesen Impuls als 
gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus ge- 
eignet zur Darstellung des Wollens und des „Nein", das sich ihm 
entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich 
auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so nahe 
steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die .Vngst ist. 
ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom Vor- 
bewllJHen gehemmt, wird. Wo also im Traume die Sensation der 
Hciciung mit Angst verbunden ist. da muß es sich um ein Wollen 
hnin.eln, das einmal fähig war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle 
Regung. 

Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils- 
äußerung: „Daß ist ja nur ein Traum" bedeute, und welcher psy- 
chischen Macht sie zuzuschreiben sei. werde ich an anderer Stelle 
(3. u.) erörtern. Ich nehme liier vorweg, daß sie zur Entwer- 
tung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende, 
interessante Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein ge- 
wisser Inhalt im Traum selbst als „geträumt - ' bezeichnet wird, das 
Rätsel des „Traumas im Traume - ' hat W. Stckel durch die Analyse 
einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst. Das ,.Ge- 
träunitc" des Traumes soll wiederum entwertet, seiner Realität be- 
raubt werden; was nach dem Erwachen aus dem ..Traum im Traume" 
weiter geträumt wird, das will der Traumwunsch an die Stelle der 
ausgelöschten Realität setzen- Man darf also annehmen, daß das „Ge- 
trau mte" die Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, 
der fortsetzend« Traum im Gegenteil die Darstellung des bloß vom 
Träumer Gewünschten enthält. Der Einschluß eines gewissen Inhaltes 
in einen „Traum im Traume" ist also gleichzusetzen dem Wunsche, 
daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen sollen. Mit 
anderen Worten: wenn eine bestimmt« Begebenheit von der Traum- 
arbeit- selbst in einen Traum gesetzt wird, so bedeutet dies die ent- 
schiedenste Bestätigung der Realität dieser Begebenheit, die stärkst« 
Bejahung derselben. Die Traumarbeit verwendet das Träumen selbst 
als eine Form der Ablehnung und bezeugt damit die Einsicht, daß 
der Traum eine Wunscherfüllung ist, 

ein luolirsiuMg \ erwertetes Tages erlobnis. Inser im Aufbewahren geniales Stuben- 
mädchen liatte ihn versteckt. — Auch die Ablehnung trauriger Todesgedauken 
vorbirgt sich hinter diesem Träumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lan^e 
nicht getan; ich darf noch nioht gehen. — Geburt um! Tod wie in dem kurz 
vorher erfolgteu Traume von Goethe und dem Fijraljliker (s. u.). 



232 VI - Dit ' Traumarbeit. 

(h Die Rücksicht, auf I) a r s t e 1 1 b a r k o i t. 

"Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wio 
der Traum die Relation zwischen den Traumgedanken darstellt, 
griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche 
Veränderung da3 Traum matcrial überhaupt für die Zwecke der Traum- 
bildung erfährt. Wir wissen nun, daß das Traummaterial. seiner Rela- 
tionen zum guten Teile entblößt, einer Kompression unterliegt, während 
gleichzeitig Intensitätsversehiebungeu zwischen seinen Elementen eine 
psychische Umwertung dieses Materials erzwingen. Die Verschiebun- 
gen, die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer 
bestimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgend- 
wie nahestehende, und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht, 
indem auf solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres Ge- 
meinsames zwischen ihnen zur Aufnahme in den Traum gelangte. Von 
einer anderen Art der Verschiebung haben wir noch keine Erwähnung 
getan. Aus den Analysen erfährt man aber, daß eine solche besteht, 
und daß sie sich in einer Vertausch ung des sprachlichen 
Auedruckes für den betreffenden Gedanken kundgibt. Es handelt 
sich ln-idemale um Verschiebung längs einer Assoziationskette, aber 
der gleiche Vorgang findet in verschiedenen Sphären statt, und das 
Ergebnis dieser Verschiebung ist das einemal, daß ein Element durch 
ein anderes substituiert wird, während im anderen Falle ein Element 
seine Wortfassung gegen eine andere vertauscht. 

Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden 
Verschicbungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern 
ist auch besonders ' gut geeignet, den Anschein phantastischer Ab- 
surdität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver- 
schiebung erfolgt in. der Regel nach der Richtung, daß ein farbloser 
tind abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen 
und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil und somit, die Absicht, 
dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für den Traum 
d ar s te 1 1 u n g s i'äh i g, läßt sich in eine Situation ^infuijen, wo der 
abstrakte Ausdruck der Traumdarstcllung ähnliche Schwierigkeiten 
bereiten würde wie etwa ein politischer Leitartikel einer Zeitung der 
Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Interessen 
der Verdichtung und der Zensur können bei diesem Tausche gewinnen. 
Ist erst der abstrakt ausgedrückte, unbrauchbare Traumgedanke in 
eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen diesem 
neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als vorher 
die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit bedarf, 
und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten 
Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge anknüpfun^s- 
reicher als die begrifflichen. | Man kann sich vorstellen, daß ein gutes 
Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welche die geson- 
derten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen Aus- 
druck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise, durch 
pausende sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sich 
geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen 
fiststeht, wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdrucks- 



Die Uüolisii'bt auf Dar.-,tellb.irlteit. 233- 

möglichkcilen des anderen einwirl.cn und dies vielleicht von vorn- 
herein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht-, 
in Keimen entstehen soll, so ist die zweite Jteimzeile an zwei Be-/ 
dingungen gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn ausdrücken! 
und ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile finden- DfcL 
besten Gedichte sind wohl die, wo man die Absieht, den Heim zu 
finden, nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von vornherein durch 
gegenseitige Induzicrung den sprachlichen Ausdruck gewählt haben, 
der mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen läßt. 

Iu einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum- 
verdichtung noch auf kürzerem "Wege, indem sie. eine Wortfügung 
finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken 
Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der 
Traumarboit dienstbar gemacht- Man darf sich über die Holle, welche 
dem Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern. Das Wort, 
als der Knotenpunkt, mehrfacher Vorstellungen, ist sozusagen eine prä- 
destinierte Vieldeutigkeit, und die Neurosen (Zwangsvorstellungen, Pho- 
bien) benutzen die Vorteile, die das Wort so zur Verdichtung und 
Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie der Traum*. Daß 
die Traumverstellung bei der Verschiebung des Ausdruckes mitprofi- 
tiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, wenn ein zweideu- 
tiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird; und der Ersatz 
der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine bildliche hält 
unser Verständnis auf. besonders da der Traum niemals aussagt, ob 
die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im übertragenen Sinne 
zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung eingeschobener Redens- 
arten auf das Traummaterial bezogen werden sollen- Es ist im all- 
gemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelementes zweifelhaft, 
ob es: 

a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (.Gegen- 
satz relation); 

h) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz); 

<■) symbolisch oder ob 

d) seine Verwertung vom "Wortlaute ausgehen soll- 

Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung 
der Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt, verstanden zu 
werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet als 
etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern. 

Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zwei- 
deutigkeit des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich be- 
reits mehrere angeführt („Der Mund geht gut auf" im Injektions- 
traume; „Ich kann noch nicht gehen" im letzten Traume, S. 230 
usw.}. Ich werde nun einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die 
Verbildlichung des abstrakten Gedankens eine größere Rolle spielt. 
Der Unterschied solcher Traumdeutung von der Deutung mittels Sym- 
bolik wie im Altertum läßt sich noch immer scharf bestimmen; bei 
der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel der Symbolisierung 

* Vgl. Der Witz und seine Bezi'.-hung zum Unbewußten. 1905 (2, Aufl. 1912), 
— und die- „Wortbrüeken" in den Löningen neurotischer Symptome 



' 



2§± VL Die Trauaiarbeit. 

vom Traumdeuter gewählt; in unseren Fällen von sprachlicher Ver- 
kleidung Sind diese Schlüssel allgemein bekannt und durch fest- 
stehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über den richtigen Ein- 
fall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume dieser Art auch 
unabhängig von den Angaben des Träumers ganz oder stückweise 
auflösen- 

Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in 
der Oper. Es ist eine Wagncrvorstellung. die bis 3 /,8 Uhr 
morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre stehen 
Tische, an denen gespeist und getrunken wird. Ihr eben 
von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter sitzt an 
«in cm solchen Tische mit seiner jungen Frau; neben 
ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die junge 
Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht, 
ganz offen, etwa wie man einen Hut von der Hochzeits- 
reise mitbringt, inmitten des Parketts befindet sich 
ein hoher Turm, der oben eine Plattform trägt, die 
mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch oben 
ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters; er läuft 
beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt furcht- 
bar und leitet von diesem Posten aus das unten um die 
Basis des Turmes angeordnete Orchester. Sie selbst 
■sitzt mit einer (mir bekannten,) Freundin in einer Loge. 
Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett ein 
großes Stück Kohle hinaufreichen mit der Motivie- 
rung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange dauern 
werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren. (Etwa 
als ob die Logen während der langen Vorstellung ge- 
heizt werden müßten) 

Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine 
Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der 
Dirigent das Orchester leitet ; vor allem aber die Kohle, die ihr die 
Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine 
Analyse verlangt ; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be- 
ziehungen der Träumerin gelang es mir, Stücke von ihm selbständig 
zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker 
gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter- 
brochen worden war. Ich entschloß mich also, den Turm im Parkett 
wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie 
au Hanü Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen 
Mitglieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist als 
ein Mischgebildo durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem 
Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben, 
hinter dem er .wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Käfig (An- 
spielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere 
Schicksal desselben. „Narrenturm" wäre etwa das Wort, in dem di<> 
beiden Gedanken hätten zusammentreffen können. 

Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war, 
konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den 



Die Verschiebung des spraehlicueii Ausdrucks. 235 

Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben 
Schlüssel aufzulösen. , .Kohle" mußte „heimliche Liebe" bedeuten 

„Kein Feuer, keine Kohle 
Kann brennen so heiß, 
Als wie heimliche LicIiCi 
Von der niemand was weiß." 

Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die 
jüngere. Schwester, die noch Aussieht hat zu heiraten, reicht ihr die 
Kohle hinauf, ..weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange 
■dauern wird". Was so lange dauern wird, ist im Traume nicht 
gesagt: in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vorstellung; 
im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge fassen, ihn für 
zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie heiratet". Die Deutung 
..heimliche Liebe -1 wird dann unterstützt durch die Erwähnung des 
Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durch die dieser 
letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegensätze zwischen 
.heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer und der Kälte 
•der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier wie dort übrigens ein 
„Hochstehender" als Mittelwort zwischen dem Aristokraten und 
•dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker- 

Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes 
Moment aufgedeckt, dessen Anteil l>ei der Verwandlung der Traum- 
j'edankcn in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die 
i ü c k s i c h t auf d i e D a r s t e 1 1 b a r k e i t indem eigentümlichen 
«sychi sehen Material, dessen sich der Traum bedient, also 
zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen Xclwnanknüp- 
fungen an die wesentlichen TraumgcdanfccO wird diejenige bevorzugt 
werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die Traum - 
arbeit, scheut nicht die. Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst in 
«ine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die un- 
gewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der 
psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende 
macht. Diese Umleerung des Gedankeninhaltes in eine andere Form 
kann sich aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen 
und Beziehungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst, nicht 
vorhanden wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke, 
des Entgegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck ver- 
ändert haben. 

Herbert Silber er hat einen guten Weg gezeist. wie man die 
bei der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der Gedanken in 
Bilder direkt beobachten und somit dies eine Moment der Traumurbeit 
isoliert studieren kann. Wenn er sich im Zustande der Ermüdung 
und Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auferlegte, so ereignete 
•es sieh ihm häufig, daß ihm der Gedanke entschlüpfte und dafür 
«in Bild auftrat, in dem er nun den Ersatz des Gedankens erkennen 
konnte. Silberer nennt diesen Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen 
., autosymbolischen'. Ich gebe hier einig,» Beispiele aus der Arbeit 
von bi Iberer wieder, auf welche ich wegen gewisser Eigenschaften 



I 



236 v I. Uie Tnuunorbeit. 

der "beobachteten Phänomene noch an anderer Stelle zurückkommen; 
werde. 

„Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem. 
Aufsätze eine holprige Stolle auszubessern. 

Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatt hobeln. 

Beispiel Nr. 5- Ich suche mir den Zweck gewisser metaphysischer 
Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu vorgegenwärtigen. 
Dieser Zweck besteht darin, so denite ich mir. daß man sich auf 
der Suche nach den Daseinsgründen zu immer höheren Bewußtseins- 
formen oder Daseinsschichten durcharbeitet. 

Symbol- Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte r 
wie. um ein Stück davon zu nehmen. 

Deutung: .Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das .Durch- 
arbeiten', von dem die Bede ist. ... Die Erklärung des Symbol- 
grundes ist die folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und ita das 
Zerschneiden und Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft, welches ich 
mit. einem langen biegsamen Messer verrichte, was einige Sorgfalt er- 
heischt- Insbesondere ist das reinliche Herausheben der geschnittenen 
Tortenteile mit gewissen Schwierigkeiten verbunden; das Messer muß 
behutsam unter die betreffenden Stücke geschoben werden (das 
langsame .Durcharbeiten', um zu den Gründen zu gelangen). Es 
liegt aber noch mehr Symbolik in dem Bild. Die Torte des Sym- 
bols war nämlich eine Dobos-Torto, also eine Torte, bei welcher das 
schneidende Messer durch verschiedene Schichten zu dringen hat 
(die Schichten des .Bewußtseins und Denkens). 

Beispiel Xr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den Faden. 
Ich gebe mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber erkennen, daß- 
mir der Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist. 

Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen herausge- 
fallen sind." 

Angesichts der Holle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und 
Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es voll- 
kommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art 
überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet wer- 
den sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder 
mit anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von 
,. Kraut und Rüben", also ,. Durcheinander" und bedeutet demnach 
..Unordnung". Ich habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur 
ein einziges Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat 
eich eine allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund 
allgemein bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Den größten 
Teil dieser Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, 
den Sagen und Volksgebräuchen gemeinsam- 

Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die 
Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung üle baupt nichts Originelles 
leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensur- 
freien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im 
unbtwuflten Denken bereits gebahut vorüudet, bevorzugt sie jene Um- 



Die Traumsymbolik. 237 

"Wandlungen des verdriingten Materials, die als Witz und Anspielung 
auch bewußt werden dürfen, und von denen alle Phantasien der 
Ncurotiker «nullt sind-. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Ver- 
ständnis für die Traumdeutungen Scherners, deren richtigen Kern 
ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die Phantasiebeschäftigung 
mit dem eigenen Korper ist keineswegs dem Traume allein eigen- 
tümlich oder für ihn charakteristisch. Meine Analysen haben mir 
gezeigt, daß sie im unbewußten Denken der Neurotiker ein regel- 
mäßiges Vorkommnis ist und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht, 
•deren Gegenstand die Genitalien des anderen, ab-r doch auch die des 
eigenen Geschlechtes, für den heranwachsenden Jüngling oder für die 
Jungfrau werden. Wie aber Scherner und Volkelt ganz zutref- 
fend hervorheben, ist das Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, 
der zur Symbolisierung der Leiblichkeit verwendet wird — im Traume 
so wenig wie im unbewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne 
Patienten, die allerdings die architektonische Symbolik des Körpers 
und der Genitalien (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das 
Gebiet, der äußeren Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfei- 
ler und Säulen Beine bedeuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor 
an eine der Körperöffnungen (..Loch",), die jede Wasserleitung an 
den Hainapparat denken läßt usw. Aber ebenso gern wird der Vor- 
stellungskreis des Pilanzenlebens oder der Küche zum Versteck sexu- 
eller Biider gewählt*; im erstcren Falle hat der Sprachgebrauch, der 
Niederschlag von Phantasievergleichungen ältester Zeiten, reichlich 
vorgearbeitet (der „Weinberg'' des Herrn, der .,Samen", der „Garten" 
des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar harmlosen Anspielungen 
an die Verrichtungen der Küche lassen sich die häßlichsten wie die 
intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken und träumen, und die 
Symptomatik der Hysterie wird geradezu undeutbar, wenn man ver- 
gißt, daß sieh sexuelle Symbolik hinter dem Alltäglichen und Un- 
auffälligen als seinem besten Versteck verbergen kann. Es hat seinen 
guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder kein Blut und kein 
rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln erbrechen, wenn 
die dem Menschen natürliche Furcht vor der Sehlange beim Neurotiker 
eine ungeheuerliche Steigerung erführt, und überall wo die Neurose 
sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die Wege, die einst in 
alten Kulturperioden die ganze Menschheit begangen hat, und von 
deren Existenz unter leichter Verschüttung heute noch Sprachge- 
brauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen. 

Ich füge hier den angekündigten Blumentraum meiner Patientin 
ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der 
schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht 
mehr gefallen. • ' 

a) Vortraum : Sie geht in die Küche zu den beiden Mäd- 
chen und tadelt sie. daß sie nicht fertig werden ..mit 
dem Bissei Essen', und sieht dabei so viel umgestürztes 
Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in 



* Reichliches Belegiusteriaj hiezu in den dr. i Ergänzungsbänden von Ed. 
Tuchs' „Illustr, Sittengeschichte" (Privaldrucke b.-i A. I.angon. München). 



ygg VI. Die Trsumnrbeit. 

Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die beiden. 
Mädchen gehen Wasser holen und müssen dabei wie« 
in einen Pluß steigen, der bis ins Haus oder in den. 
Hof reicht*. 

b) Haujit träum** : Sie steigt von hoch herab*** über 
eigentümliche Geländer oder Zäune, die zu großen Karos 
vereinigt sind und ans PI echt werk von kleinen Qua- 
draten bestehent. Es ist eigentlich nicht zum Steigen 
eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für 
den Puß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei nir- 
gends hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig 
bleibttt- Dabei trägt sie einen großen Ast in der Handttt, 
eigentlich wie einen Bann, der dick mit roten Blüten 
besetzt ist. verzweigt und ausgebreitet^- Dabei ist 
die Idee Kirschblüten, sie sehen aber auch aus wie ge- 
füllte Kamelien, die freilich nicht auf Bäumen wach- 
sen. Während des Herabgehens hat sie zuerst ei neu. 
dann plötzlich zwei, später wieder einengg. Wie sie un- 
ten anlangt, sind die unteren Blüten schon ziemlich 
allgefall eil. Sie sieht, dann, unten angelangt, einen Haus- 
knecht, der einen eben solchen Baum, sie möchte sagen 
— kämmt, d. h. mit einem Holze dicke Haarbüschel, die 
wie Moos von ihm herabhängen, rauft. Andere Arbeiter 
haben solche Äste aus einem Garten abgehauen und auf 
die Straße geworfen, wo sie herumliegen, so daß viele Leute 
sich davon nehmen. Sie fragt aber, ob das recht ist. ob 
m an sich auch einen nehmen kann §g§. Im Garten steht 
ein junger Mann ("von ihr bekannter Persönlichkeit, ''in Frem- 
der'), auf den sie zugeht, um ihn zu fragen, wie man 
sii lebe. Äste in ihren eigenen Garten umsetzen könne*!-- 
Er in f ä ngt sie, wor au f sie sich sträubt und ihn fragt, 
was ihm einfallt, ob man sie denn so umfangen darf. 
Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist erlaubt**t. Er er- 
klärt sich dann bereit, mit ihr in den anderen Garten 
zu g c li e n. um ihr das Einsetzen zu zeigen, und sagt 
ihr etwas, was sie nicht, recht versteht: Es fehlen mir 



* Zur Deutung dieses als „kati-ul'' zu nehmenden Vortraumes siehe S. 215. 
•* Ihr Lebenslauf. 
*** I toltt? Abkunft. Wunschgegcusat* zum Yorlraume. 

t Miscbpehihle, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden de« 
Yalerhanses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstand ihrer späteren. 
Phantasien, und den Huf eines schlimmen Ünkels, der sie zu necken pflegte. 

tt WnnSCl'lgegeftS&tJI zu einer realen Eiiimerunp vom Hofe des Onkels, daß 
tid sieh im Schlafe zu entblößen pflegte 

ftt Wie der Elidel in der Verkündigung Maria einen Lilieustengel. 

S Pie Erklärung dieses Miscligebild.es siehe S. 218: Unschuld, Periode, Ka- 
lnclii iniamc. 

Sg Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dienenden Personen. 
gSS Ob man sich auch einen herunterreißen darf. i. e. tua-sturbieren. 
*t Der Ast hat hingst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen,, 
enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den Familiennamen, 
"t Bezieht sieh wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten. 



Ein Beispiel von Symbolik de« Sexuellen. 23? 

ohnedies drei Meter — (später sagt sie: Quadratmeter) oder 
drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für seine Bereit- 
willigkeit etwas von ihr verlangen würde, als ob er 
die Absicht hätte, sich in ihrem Garten zu entschädigen. 
oder als wollte er irgend ein Gesetz betrügen, einen 
Vorteil davon haben, ohne daß aie einen Schaden hat. 
Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nie hl*. 
Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber 
dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver- 
hältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine- 
besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarboit 
anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symboli- 
sierungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig enthalten 
ßind, bedient, weil sie. wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch 
wegen ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung 
besser genügen. 

c) Die Darstellung durch Symbole im Traume- 
Weitere typische Träume- 

Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik 
für die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut gemacht 
hat, muß man sieh die Frage vorlegen, ob nicht viele dieser Symbole 
wie die „Sigel" der Stenographie mit ein für allemal festgelegter 
Bedeutung auftreten, und sieht sich vor der Versuchung, ein Bettes 
Traumbuch nach der Chiffriermethode zu entwerfen. Dazu ist zu 
bemerken: Diese Symbolik gehört nicht dem Traume zu eigen an, 
sondern dem unbewußten Vorstellen, speziell des Volkes, und ist im 
Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der Spruchweisheit 
und in den umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger als im 
Traume aufzufinden. Wir müßten also die Aufgabe der Traumdeutung 
weit überschreiten, wenn wir der Bedeutung des Symbols gerecht 
werden und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme 
erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols knüpfen**. 
Wir wollen uns hier darauf beschränken zu sagen, daß die Dar- 
stellung durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen gehört, 
daß wir aber durch allerlei Anzeichen gewarnt werden, die Symbol- 
darstellung unterschiedslos mit den anderen Arten indirekter Dar- 
stellung zusammenzuwerfen, ohne noch diese unterscheidenden Merk- 
male in .begrifflicher Klarheit erfassen zu können. In einer Reihe 
von Fällen ist das Gemeinsame zwischen dem Symbol und dem Ei^ont- 



" Ein analoger „biographischer" Traum ist der anter den Beispielen zur 
Traunisymbolik als dritter mitgeteilte; ferner der von Rank ausführlich mit- 
geteilte ,. Traum, der sich selbst deutet"; einen anderen, der „verkehrt" gelten 
werden muß, siehe bei Stekel p. 486. 

** Vgl. die Arbeiten von Bleuler und seinen Züricher Schülern Ifaoder, 
Abraham u. a. über Symbolik, und die nicht ärztlichen Autoren, auf welche sie 
fii.h beziehen (Kleinpaul u. a.). Das Zutreffendste, was über diesen Segen- 
ttnnd geäußert worden ist, findet sich in der Schrift von 0. Bank und H. Sachs, 
Dia Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913t Kap. I- 



240 " "'• Traumarbeit. 

liehen, für welches ea eintritt, offenkundig; in anderen ist es ver- 
steckt; die Wahl des Symbols erseheint dann rätselhaft. Gerade diese 
Fälle müssen auf den letzten Sinn der Symbolbeziehung Lieht werfen 
können; sie weisen darauf hin, daß dieselbe genetischer Natur ist. 
Was heute symbolisch verbunden ist, war wahrscheinlich in Urzeiten 
durch begriffliehe und sprachliche Identität vereint. Die Symbol- 
beziehung scheint ein Rest und Merkzeichen einstiger Identität. Dabei 
kann man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in einer Anzahl 
von Fallen über die Sprachgemeinschaft hinausreicht, wie bereits Schu- 
bert (1814) behauptet hat*. Eine Anzahl von Symbolen ist so alt 
wie die Sprachbildung überhaupt, andere werden aber in der Gegen- 
wart fortlaufend neugebildet (z. B. das Luftschiff, der Zeppelin). 

Der Traum bedient nun sich dieser Symbolik zur verkleideten 
Darstellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten 
Symbolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast regel- 
mäßig das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der eigentüm- 
lichen Plastizität des psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein 
Symbol kann oft genug im Trauminhalt nicht symbolisch, sondern 
in seinem eigentlichen Sinne zu deuten sein ; andere Male kann ein 
Träumer sich aus speziellem Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, 
alles mögliche als Sexualsymbol zu verwenden, was nicht allgemein 
so verwendet wird. Wo ihm zur Darstellung eines Inhaltes mehrere 
Symbole zur Auswahl bereit stehen, wird er sich für jenes Symbol 
entscheiden, das überdies noch Sachbeziehungen zu seinem sonstigen 
Gedankenmatcrial aufweist, also eine individuelle Motivierung neben 
der typisch gültigen gestattet. 

Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit Scherner 
die Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben 
— selbst H. E 1 1 i s bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht 
möglich, daß Unsere Träume von Symbolik erfüllt seien — , so ist 
doch zuzugeben, daß die Aufgabe einer Traumdeutung durch die 
Existenz der Symbole im Traume nicht nur erleichtert, sondern auch 
erschwert wird. Die Technik der Deutung nach den freien Ein- 
fällen des Träumers läßt uns für die symbolischen Elemente des 
Trauminhaltes meist im Stich; eine Rückkehr zur Willkür des Traum- 
deuters, wie sie im Altertum geübt wurde und in den verwilderten 
Deutungen von St« leel wieder aufzuleben scheint, ist aus Motiven 
wissenschuft lieber Kritik ausgeschlossen. Somit nötigen uns die im 
Trauminhalt vorhandenen symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer 
kombinierten Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen 
des Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem Symbol Verständ- 
nis des Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der 
Symbole und sorgfältige« Studium derselben an besonders durchsich- 
tigen Traunibeisnielen müssen zusammentreffen, um den Vorwurf der 

* So tritt /.. Ii. dos auf ilem Wasser fahrende Schiff in den Harnlräumen 
unenrischer Traumer auf. obwohl dieser Sprache diu Rezeichnunsr „schiffen" für 
„uriuieren" fremd ist. (Feronczi; vgl. auch ,S. '>öl). In den Träumen von Fran- 
zosen und anderen Domänen dient da* Zimmer zur symbolischen Darstellung der 
Trau, obwohl di«3« Volker nichts dem deutschen „Frauenzimmer' Analoges kennen. 



Beispiele typischer Symbole. 2)J 

Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften. Die Unsicher- 
heiten, die unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes noch anhaften, 
rühren zum Teil von unserer unvollkommenen Erkenntnis her, die 
durch weitere Vertiefung fortschreitend gehoben werden l»ann, zum 
anderen Teil hängen sie gerade von gewissen Eigenschaften der Traum- 
symbolo ab. Dieselben sind oft viel- und mehrdeutig, so daß, wie 
in der chinesischen Schrift, erst der Zusammenhang die jedesmal rich- 
tige Auffassung ermöglicht. Mit dieser Vieldeutigkeit der Symbole 
verbindet sich dann die Eignung des Traumes, Überdeutungen zuzu- 
lassen, in einem Inhalt verschiedene, oft ihrer Natur nacli sehr ab- 
weichende Gednnkenbildtingen und Wunschregungen darzustellen. 

Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich an: 
Der Kaiser und die- Kaiserin (König und Königin) stellen wirklich 
zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er 
selbst. Dieselbe hohe Autorität wie dem Kaiser wird aber auch gro- 
ßen Männern zugestanden, darum erscheint in manchen Träumen z. B. 
Goethe als Vatersymbol. (Hitschmann.) — Alle in die Länge 
reichenden Objekte, Stöcke, Baumstämme, Schirme (des der Erektion 
vergleichbaren Aufspanncns wegen 1), alle länglichen und scharfen Waf- 
fen: Messer, Dolche, Piken, wollen das männliche Glied vertreten. 
Ein häufiges, nicht .recht verständliches Symbol desselben ist die 
Nagelfeile (des Reibens und Schabens wegen?). — Dosen, Schachteln, 
Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höh- 
len, Schiffe und alle Arten von Gefäßen. — Zimmer im Traume 
sind zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen Ein- 
gänge und Ausgänge, macht an dieser Auslegung gerade nicht irre*. 
Das Interesse, ob das Zimmer ..offen" oder „verschlossen" ist, wird 
in diesem Zusammenhange leicht versländlich. ("Vgl. den Traum Doras 
im „Bruchstück einer Hysterieanalyse".) Welcher Schlüssel das Zim- 
mer aufsperrt, braucht dann nicht, ausdrücklich gesagt zu werden; 
die Symbolik von Schloß und Schlüssel hat Uhland im Lied vom 
„Grafen Eberstein" zur anmutigsten Zote gedient. — Der Traum, 
durch eine Flucht von Zimmern zu gehen, ist ein Bordell- oder Harems- 
traum. Er wird aber, wie H. Sachs an schönen Beispielen gezeigt 
hat, zur Darstellung der Ehe (Gegensatz) verwendet. — Eine inter- 
essante Beziehung zur infantilen Sexualforschung ergibt sich, wenn 
der Träumer von zwei Zimmern träumt, die früher eines waren, oder 
ein ihm bekanntes Zimmer einer Wohnung im Traume in zwei geteilt 
sieht, oder das Umgekehrte. In der Kindheit hat man das weibliche 

* „Ein in einer Pension wohnender Patient träumt, er begegne jemand vom 
Dienstpersonal und frago sie, welche Nummer sie habe; sie antwortet zu seiner 
Überraschung: 14. Tatsächlich hat er Beziehungen zu dem in Rede stehenden 
Mädchen angeknüpft, und auch mehrmals Zusammenkünfte mil ihr in seinem 
ßohlafzilDrncr gehabt. Sie befürchtete begreiflicherweise, daß die Wirtin sie im 
Verdacht habe, und machte ihm am Tage vor dem Traum den Vorschlag, sich 
mit ihr in einem der unbewohnten Zimmer zu treffen. In Wirklichkeit hatte 
dieses Zimmer die Nummer 14, während im Traum da« Weib diese Nummer trügt. 
Ein deutlicherer Beleg für die Identifizierung von Trau und Zimmer- läßt sich 
kaum denken." (Ernest J one«. Intern. Z'.itschr. f. Psychoanalyse II, 1914.) (Vgl. 
A rtemidor.us, „Symbolik der' .Träume'' [übersetzt von V. S. KrauÖ, Wien 
1881, p. 110J: „So i. B: beden»et die Schlafstuhe die fiattin, falls eine. solche 
im Haine ist,*) 

Vr#uU. Traumdeutung, '. Aull. lt" 



,242 VI - Die Twumaibell. 

Genitale (den Popo) für einen einzigen Raum gehalten (die infantile 
Kloakentheorie) und erat spater erfahren, daß diese Körperregion zwei 
gesonderte Höhlungen und Öffnungen umfaßt. — Stiegen, Leitern, 
I Treppen, respektive das Steigen auf ihnen, und zwar sowohl aufwärts 
als abwärts, sind symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes*. — 
Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von Häusern, an denen 
man sich — häufig unter starker Angst — herabläßt, entspreche» 
aufrechten menschlichen Körpern, wiederholen im Traum wahrschein- 
lich die Erinnerung an das Emporkletterti des kleinen Kindes an 
Eltern und Pflegepersonen. Die ..glatten" Mauern sind Männer; an 
den „Vorsprüngen" der Häuser hält man sich nicht, selten in der 
Traumangst fest- — Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleich- 
falls Frauen, wohl des Gegensatzes wegen, der hier die Kürpcrwülbun- 
gen aufhebt. „Holz" scheint überhaupt nach seinen sprachlichen Be- 
ziehungen ein Vertreter des weiblichen Stoffes (Materie) zu sein- Der 
Name der Insel Madeira bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da 
„Tisch und Bett" die Ehe ausmachen, wird im Traume häufig der 
erstere für das letztere gesetzt, und soweit es angeht, der sexuelle 
Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex transponiert- — Von Klei- 
dungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit Sicherheit als 
Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso der Mantel, wobei 
es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an dieser Symbolverwendung 
dem Wortanklang zukommt. In Traumen der Männer findet man 
häufig die Kravate als Symbol des Penis, wohl nicht nur darum, 
weil sie lange herabhängt und für den Mann charakteristisch ist, 
sondern auch, weil man sie nach seinem Wohlgefallen auswählen kann, 
eine Freiheit, die beim Eigentlichen dieses Symbols von der Natur 
verwehrt ist.**. Personen, die dies Symbol im Traume verwenden, treiben 
im Leben oft großen Luxus mit Kravaten und besitzen förmliche 

• Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stolle (Die zukünftigen 
Chancen der psychoanalytischen Therapie, Zcntralbl. f. Psychoanalyse I, Nr. 1/2. 
1910) geäußert habe: „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, daß ein nns fern«r 
stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Bemerkung gewendet, wir 
überschätzten doch gewiß die geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häu- 
figster Traum sei, eine Stiege hinaufzusteigen, und da sei doch gewiß nichts 
Sexuelles dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem 
Vorkommen von Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt 
und konnten bald feststellen, da.6 die Sliege (und was ihr analog ist) ein sicheres 
Koitussymbol darstellt. Die Grundlage der Vorglcichung ist nicht schwer auf- 
zufinden; in rhythmischen Absätzen, unter zunehmender Atemnot kommt man 
auf eine Höhe und kann dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein. 
So findet sich der Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen 
wir nicht, den Sprachgebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen" 
ohne weiteres als Ersatzbezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man 

[iflegt zu sagen, der Mann ist ein „Steiger", „nachsteigen". Im Französischen 
leißt die Stufe der Treppe la marche; „un vieux marcheur" deckt sioh ganz mit 
unserem „ein alter Steiger". 

** Vgl. im Zbl. für Ps.-A. II, 675 die Zeichnung einer 19jährigen Manischem 
ein Mann mit einer Schlange als Kravate, die sich einem Mädchen entgegen- 
wendet. Dazu die Geschichte „Der Schainhafligo" (Anthrop. VI, 331): In eine 
Badestubo trat eine Dame ein, und dort befand sich ein Herr, der kaum das 
Hemd anzulegen vermochte ; er war sehr beschämt, deckte sich aber sofort den 
Hals mit dem Vorderteil des Hemdes zu und sagte: „Bitte um Verzeihung, biu 
ohne Kravate." 



Tjpische sexuelle Symbole. 243 

Sammlungen von ihnen. — Alle komplizierten Maschinerien und Ap- 
parate der Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien. — 
in der Regel männliche — . in deren Beschreibung sich die Traumsym- 
bolik so unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. Ganz unverkennbar 
ist. es auch, daß alle Waffen und Werkzeuge zu Symbolen des männ- 
lichen Gliedes verwendet werden: Pflug. Hammer, Flinte, Revolver, 
Dolch, Säbel usw. — Ebenso sind viele Landschaften der Träume, 
besonders solche mit Brücken oder mit bewaldeten Bergen, unschwer 
als Genitalbesehreibungen zu erkennen. Marcinowski hat eine 
Reihe von Beispielen gesammelt, in denen die Träumer ihre Träume 
durch Zeichnungen erläuterten, welche die darin vorkommenden Land- 
schaften und Räumlichkeiten darstellen sollton. Diese Zeichnungen ma- 
chen den Unterschied von manifester und latenter Bedeutung im Traume 
sehr anschaulich. Während sie arglos betrachtet Pläne. Landkarten 
u. dgl. zu bringen scheinen, enthüllen sie sich einer eindringlicher 
Untersuchung als Darstellungen des menschlichen Körpers, der Geni- 
talien usw. und ermöglichen erst nach dieser Auffassung das Verständ- 
nis des Traumes. (Vgl. hiezu Pf isters Arbeiten über Kryptographie, 
und Vexierbilder.) Auch darf man bei unverständlichen Wortneubiidun- 
gen an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit. sexueller Bedeutung 
denken. — Auch Kinder bedeuten im Traume, oft nichts anderes als 
Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt sind, ihr Genitale 
liebkosend als ihr ..Kleines" zu bezeichnen. Mit einem kleinen Kinde 
spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig Traumdarstellungen 
der Onanie- — Zur symbolischen Darstellung der Kastration dient 
der Traumarbeit : die Kahlheit, das Haarschneiden, der Zahnausfall 
und das Köpfen. Als Verwahrung gegen die Kastration ist es auf- 
zufassen, wenn eines der gebräuchlichen Penissymbole im Traume 
in Doppel- oder Mehrzahl vorkommt. Auch das Auftreten der 
Eidechse im Traume — eines Tieres, dem der abgerissene Schwanz 
nachwächst — hat dieselbe Bedeutung. (Vgl. den Eidechsentraum 
S. 7-) — Von den Tieren, die in Mythologie und Folklore als Genital- 
symbolc verwendet werden, spielen mehrere auch im Traum diese 
Rolle: der Fisch, die Schnecke, die Katze, die Maus (der Genital- 
behaarung wegen), vor allem aber das bedeutsamste Symbol des männ- 
lichen Gliedes, die Schlange. Kleine Tiere, Ungeziefer, sind die Ver- 
treter von kleinen Kindern, z. B. der unerwünschten Geschwister; 
mit Ungeziefer behaftet sein, ist oft gleichzusetzen der Gravidität. 
— Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männlichen Genitales 
ist das Luftschiff zu erwähnen, welches sow-ohl durch seine Be- 
ziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine Form solche Ver- 
wendung rechtfertigt. — Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht 
genügend verifizierter Symbole hat St ekel angegeben und durch Bei- 
spiele belegt. Die Schriften von Stekel, besonders sein Buch: ..Die 
Sprache des Traumes", enthalten die reichste Sammlung von Symbol- 
auflösungen, die zum Teil scharfsinnig erraten sind und sich bei der 
Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B. in dem Abschnitt über 
die Symbolik des Todes. Die mangelhafte Kritik des Verfassers und 
seine Neigung zu Verallgemeinerungen um jeden Preis machen aber 
andere seiner Deutungen zweifelhaft oder unverwendbar, so daß bei 

10» 



244 VI Die TraumorbcJi 

dem Gebrauch dieser Arbeiten Vorsicht dringend anzuraten ist. Ich 
beschränke mich darum auf die Hervorhebung weniger Beispiele. 

Rechts und Links sollen nach Slekel im Traum ethisch auf- 
zufassen sein. „Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des Hech- 
tes, der liuke den des Verbrechens. So kann der linke Homosexuali- 
tät, Inzest Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit einer Dirne 
usw. darstellen. Immer gewertet von dem individuell moralischen 
Standpunkt des Träumers" (1. c p. 4GÜ). Die Verwandten überhaupt 
spielen im Traume meistens die Rolle von Genitalien (p. 173). Hier 
kann ich in dieser Bedeutung nur den Sohn, die Tochter, die jüngere 
Schwester lestätigen, soweit also das Anwendungsgebiet des ..Kleinen" 
reicht. Dagegen erkennt man an gesicherten Beispielen die Schwe- 
stern als Symbole der Brüste, die Brüder als solche der großen 
Hcmipphären. Das Nichte inholen eines Wagens löst Stckel als 
das Bedauern über eine nicht einzuholende Altersdifferenz (p. 179). Das 
G e päc k, mit dem mau reist, sei die Sündenlast, von der man gedrückt 
wird (ibid.). Gerade diis Reisegepäck erweist sich aber häufig als un- 
verkennbares Symbol der eigenen Genitalien. Auch den häufig in 
Träumen vorkommenden Zahlen hat St ekel fixierte Symbolbcdeutun- 
gen zugewiesen, doch erscheinen diese Auflosungen weder genügend 
sichergestellt, noch allgemein gültig, wenngleich die Deutung im ein- 
zelnen Falle meist als wahrscheinlich anerkannt werden darf. Die Drei- 
zahl ist übrigens ein mehrseitig sichergedolltes Symbol des männlichen 
Genitales. Eine der Verallgemeinerungen, welche Stekc. 1 aufstellt, 
bezieht sicli auf die doppelsinnige. Bedeutung der Genitalsynibolc- 
„Wo gäbe es ein Symbol, das — wenn es die Phantasie nur einiger- 
maßen erlaubt — nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht 
werden könnte!" Der eingeschobene Satz nimmt allerdings viel von 
der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn die Phantasie er- 
laubt, es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht über- 
flüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der allgcmeino 
Satz Steke ls vor der Anerkennung einer größeren Mannigfaltigkeit 
zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso häufig für .las männ- 
liche wie für das weibliche Genitale stehen, gibt es solche, die vor- 
wiegend oder fast ausschließlich eines der Geschlechter bezeichnen, 
und noch andere, von denen nur die männliche oder nur die weibliche 
Bedeutung bekannt ist. Lange, feste Gegenstände und "Waffen als 
Symbole des weiblichen Genitales zu gebrauchen oder hohle (Kasten, 
Schachteln, Dosen usw.) als Symbole des männlichen, gestattet eben 
die Phantasie nicht. 

Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten 
Phantasien, die SexualsymMe bisexuell zu verwenden, einen archai 
sehen Zug verrät, da in der Kindheit, die Verschiedenheit der Genitalien 
unbekannt ist und beiden Geschlechtern das nämliche Genitale zu- 
gesprochen wird- 

Die Genitalien können auch im Traum durch andere Körperteile 
vertreten werden, daa männliche Glied durch die Hand oder den Fuß. 
die weibliehe. Genitalöffnung durch den Mund, das Ohr. selbst da-» 
Auge. Die Sekrete des menschlichen Körpers — Schleim, Tränen, 
Harn, Sperma usw. — können im Traum für einander gesetzt werden 



Beispiele s.-iueller Symbolik. — Der Hui. 24i> 

Diese im Ganzen richtige Aufstellung von W. Stekel hat eine be- 
rechtigte kritische Einschränkung durch Bemerkungen von R. Reit- 
ler erfahren. (Int. Zeitschr. für Psych. I, 1913.) Es handelt pich 
im wesentlichen um Ersetzung der bedeutungsvollen Sekrete wie des 
Samens durch ein indifferentes. 

Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen ge- 
nügen, um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen . Eine 
weit ausführlichere Darstellung der Traumsymbolik habe ich in meinen 
„Vorlesungen zur Einfültrung in die Psychoanalyse. 191G/17" versucht. 

Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher 
Symbole in Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich 
es wird, zur Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich der 
Traunisymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aher eine solche 
auch in vielen Fällen aufdrängt. An derselben Stelle möchte ich 
aber nachdrücklich davor warnen, die Bedeutung der Symbole für 
die Traumdeutung zu überschätzen, etwa die Arbeit der Traumüber- 
setzung auf Symbolühersclzung einzuschränken, und die Technik der 
Verwertung von Einfällen des Träumers aufzugeben. Die beiden Tech- 
niken der Traumdeutung müssen einander ergänzen; praktisch wie 
theoretisch verbleiht aber der Vorrang dem zuerst beschriebenen Ver- 
lahren, das den Äußerungen des Träumers die entscheidende Bedeutung 
beilegt, während die von uns vorgenommene Synibolübersetzung als 
Tlillsmittel hinzutritt. 

1. Der Hut als Symbol des Mannes (.des männlichen 

Genitales)**. 

(Teilstück aus dem Traum einer jungen, inlolge von Versuchungs- 
angst agoraphobischen Frau.) 

..Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen 
Strohhut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben 
aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung 
hier stockend), und zwar so. daß der eine tiefer steht als der andere. 
Ich bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem 
Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir 
alle nichts anhaben." 

Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, 
sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem 
emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seiten- 
teilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber 
man sagt ja auch: „Unter die Haube kommen!" Absichtlieh enthalte 
ich mich der Deutung jenes Details über das ungleiche Herabhängen 
der beiden Seitenteile, obwohl gerade solche Einzelheiten in ihrer 

* Bei aller Verschieden!» it der Sc heruerschen Auffassung von der Traum- 
symbolik und der hier entwickelten, muß ich doch hervorheben, daß Scherner 
als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume anerkannt werden sollte 
und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehaltenes, 
vor rund 50 Jahren veröffentlichtes Ruch nachträglich zu Ehren gebracht haben. 
** Aus ..Nachträge zur Traumdeutung". ZentralblaU für Psychoanalyse I, 
Kr. 5/G, 1011. 



24G VI. Die Tranmarbeit. 

Detcrmiiiierung <Lr Deutung den Weg weise» müssen. Ich setze fort: 
"Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht 
sio sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen 
zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre Yersuchungsphantasien 
vom Gehen ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese letz-, 
tero Aufklärung ihrer Angst hatte ich ihr schon zu wiederholten 
Malen, auf anderes Material gestützt, geben können. 

Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach 
dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes zurück 
und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach abwärts 
hingen Ich bin des Gehörten zu sicher, um midi beirren zu lassen, 
und beharre dabei- Sie schweigt eine Weile und findet dann den 
Mut zu fragen, was es bedeute, dali bei ihrem Manne ein Hode 
tiefer stehe als der andere, und ob es bei allen Männern so sei. 
Damit war dies sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt und die ganze 
Deutung von ihr akzeptiert. 

Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin 
diesen Traum mitteilte- Aus anderen, aber minder durchsichtigen 
Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weib- 
liches Genitale stehen kann*. 

2- Das Kleine ist das Genitale — das t> berf ahrenwerden 
»iS t ein Symbol des Geschlechtsverkehres. 

(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin.) 

„Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg. damit sie allein 
gehen muß. Sin fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und 
sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie 
Überfahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein 
unbehagliches Gefühl, aber kein eigentliches Entsetzen"). Dann sieht 
sio sicli aus dem Waggonfenster um. ob man nicht hinten die Teile 
sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine 
allein hat gehen lassen." Analyse. Die vollständige Deutung des 
Traumes ist hier nicht, leicht zu geben. Er stammt aus einem Zyklus 
von Träumen und kann nur im Zusammenhange mit diesen anderen 
voll verstanden werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis 
der Symbolik benötigte Material genügend isoliert zu bekommen- — 
Die Kranke findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu deuten 
ist, als Anspielung auf eine Fahrt von einer Nervenheilanstalt weg, 
in deren Leiter sie natürlich verliebt war. Die Mutter holte sie von 
dort ab. dc-r Arzt erschien auf dem Bahnhof und überreichte ihr 
einen Strauß Blumen zum Abschied; es war ihr unangenehm, daß 
die- Mutter Zeugin dieser Huldigung sein mußte. Hier erscheint also 
dio Mutter als Störerin ihrer Liebesbestrebungen, welche Rolle der 
strengen Frau während ihrer Mädchenjahre wirklich zugefallen war. 
— Der nächste Einfall bezieht sich auf den Satz: sie sieht sich um, 

* Vgl. ein solchos Beispiel in der Mitteilung von K ircli grabe r (Zentralbl. 
f. Ps.-A. III. 1912. p. 9. r i). Von Steknl (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird ein Traum 
mitgeteilt, in welchem der Hut mit schicfst?hcnder Feder in der Mitte den (impo- 
tenten) Mann symbolisiert. 



Das „Kieme" als Ueuitalajmbol. 247 

ob man nicht die Teile von hinten sieht. In der Traumfassade müßte 
man natürlich an die Teile des unerfahrenen und zermalmten Töehter- 
chens denken. Der Einfall weist aber nach ganz anderer Richtung. 
Sie erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer nackt von 
rückwärts gesehen, kommt auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen 
und hebt hervor, daß man beim Manne die Genitalien noch von rück- 
wärts sehen könne, beim Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhänge 
deutet sie nun selbst, daß das Kleine das Genitale sei. ihre Kleine. 
(sie hat eine vierjährige Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht 
der Mutter den Vorwurf, daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, 
als ob sie kein Genitale hätte, und lindet diesen Vorwurf in dem 
einleitenden Satz des Traumes wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine 
weg, damit sie allein gehen mußte. In ihrer Phantasie bedeutet dys 
Alleingehen auf der Straße keinen Mann, keine sexuelle Beziehung 
haben (coire = zusammengehen), und das mag sie nicht. Nach allen 
ihren Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der Eifersucht 
der Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten. 

Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem an- 
deren Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Bruder 
identifiziert. Sie war wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft hören, 
daß an ihr ein Bub verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung 
mit dem Bruder wird es dann besonders klar, daß das „Kleine" das 
Genitale bedeutet. Die Mutter droht ihm (ihr* mit der Kastration, 
die nichts» anderes als Bestrafung für das Spielen mit dem Gliede 
sein kann, und somit zeigt die Identilizierung, daß sie selbst als Kind 
onaniert hai, was ihre Erinnerung bisher nur vom Bruder bewahrt 
hatte. Eine Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr später ver- 
loren ging, muß sie nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals 
früh erworben haben- Ferner deutet der zweite Traum auf die in- 
fantile Scxualtheorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben 
hervorgehen. Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, fin- 
det sie sofort eine Bestätigung hiel'ür in der Kenntnis cLer \nekdote, 
daß der Bub das Mädel fragt: Abgeschnitten? worauf das Mädel 
antwortet: "Nein, immer so g'west- 

Das "Wegschicken der Kleinen, des Genitales im ersten Traum, 
bezieht sich also auch auf die Kastrationsdrohung. Schließlich grollt 
sie der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat. 

Daß das „fberfahrenwerden" sexuellen Verkehr symbolisiert, 
würde aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht ;;us zahl- 
reichen anderen Quellen sicher wüßte. 

3. Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen, 

Schachte. 

(Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.) 

„Er gellt mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß 
der Prater ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einen klei 
neren Vorbau, an dem ein Fesselballon angebracht ist, der 
aber ziemlich schlaff scheint. Sein Vater fragt ihn. wozu das 



jßjg* • VI. Die Tmuraarbrlt. 

alles ist;"cr wandert sich darüber, erklärt es ihm abar. Dann kommen 
sie in einen Hof, in dem eine große Platte von Blech ausgebreitet 
liegt. Sein Vater will sich ein großes Stück davon abreißen, sieht 
sich aber vorher um, ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt 
ihm, BT braucht es doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann er 
«ich ohne, weiteres davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine Treppe 
in einen Schacht hinunter, dessen Wände weich ausgepolstert sind, 
etwa wie ein Lederfauteuil. Am Ende dieses Schachtes ist eine län- 
gere Plattform und dann beginnt ein neuer Schacht.. '' 

A nalyse. Dieser Träumer gehörte einem therapeutweh nicht 
günsl igp.n Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen Punkt 
der Analyse überhaupt keine Widerstünde machen und sich von da 
an fast unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete er fast selb- 
ständig. Die Rotunde, sagte er, ist mein Genitale, der Fesselballon 
davor mein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu klagen habe. Mao 
darf also eingehender übersetzen, die Rotunde sei das — vom Kind 
regelmäßig zum Genitale gerechnete — Gesäß, der kleinere Vorbau 
der Hodensack. Im Traum fragt ihn der Vater, was das alles ist, 
d. h. nach Zweck und Verrichtung der Genitalien. Es liegt nahe, 
diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der fragende Teil wird. 
Da eine solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit, nie stattgefunden 
hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn 
etwa konditionell nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Auf- 
klärung gebeten hätte." Die Fortsetzung dieses Gedankens werden 
wir bald an anderer Stelle finden. 

Der Hof, in dem das "Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster 
Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftelokal 
des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ich- das „Blech" für 
das andere Material, mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst 
etwas am Wortlaut des Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das 
Geschäft des Vaters eingetreten und hat an den eher unkorrekten 
Praktiken, auf denen der Gewinn zum guten Teil beruht, gewaltigen 
Anstoß genommen. Daher dürfte die Fortsetzung des obigen Traum- 
gedankens lauten: („Wenn ich ihn gefragt hätte), würde er mich be 
trogen haben, wie er seine Kunden betrügt." Für das Abreißen, 
welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient, gibt 
der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie. Dies 
ist uns nicht nur längst bekannt (siebe oben S. 238), sondern stimmt 
auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis der Onanie durch das Gegen- 
teil ausgedruckt ist (man darf es ja offen tun). Es entspricht dann 
allen Erwartungen, daß die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater 
zugeschoben wird, wie die Betragung in der ersten Traumszene. Den 
Schicht deutet er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung 
der Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das Auf- 
steigen den Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will, setze ich 
aus anderer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung im Zcntralblatt für 
Psychoanalyse 1.1, l'.UO; siehe oben S. 242 Note). 

Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Platt- 
form folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch 



Symbolische Örtlichkeiten. Kostrationstr&uuiR. J>4g 

Er hat eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr infolge von Hem- 
mungen aufgegeben und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder 
aufnehmen zu können. Der Traum wird aber gegen Ende undeutlicher, 
und dem Kundigen muß es plausibel erscheinen, daß sieh schon in 
der zweiten Traumszene der Einfluß eines anderen Themas geltend 
mache, auf welches das Geschäft deä Vaters, sein betrügerisches Vor- 
gehen, die erste, als Schacht dargestellte Vagina deuten, so daß man 
eine Beziehung auf die Mutter annehmen kann. 

4. Das männliche Genitale durch Personen, das weib- 
liche durch eine Landschaft symbolisiert- 

(Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist, mit- 
geteilt von B. D a. 1 1 n e r.) 

. . . Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie 
habe angstvoll nach einem Wachmanne gerufen. Dieser aber sei mit 
zwei „Pülchcrn" einträchtig in eine Kirche* gegangen, zu der meh- 
rere Stufen** empor führten; hinter der Kirche sei ein Berg*** ge- 
wesen und oben ein dichter Waldf- Der Wachmann sei mit einem 
Helm, Kingkragen und Mantel ff versehen gewesen. Er habe einen 
braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem 
Wachmann gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene Schürzen 
um die Lenden gehabtfft- Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg 
geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrüpp verwachsen 
gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des Berges 
ein ordentlicher Wald geworden sei. 

5. Kastrationsträume bei Kindern. 

o) Ein Knabe von drei Jahren und fünf Monaten, dem die 
Wiederkehr dos Vaters aus dem Felde sichtlich unbequem ist, er- 
wacht eines Morgens verstört und aufgeregt und wiederholt immer- 
fort die Frage: Warum hat Papi seinen Kopf auf einem Teller ge- 
tragen? Heute nacht hat Papi seinen Kopf auf einem Teller getragen. 

b) Ein heute an schwerer Zwangsneurose leidender Student er- 
innert, daß er im sechsten Lebensjahr wiederholt folgenden Traum 
gehabt hat. Er geht zum Friseur, um sich die Haare schneiden zu 
lassen. Da kommt eine große Frau mit strengen Zügen auf ihn zu 
und schlägt ihm den Kopf ab. Die Frau erkennt er als die Mutter. 

6. Zur Harnsymbolik. 

Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe 
von Bildern, die Ferenczi in einem ungarischen Witzblatt („Fidi- 

* Oder Kapelle = Vagini. 
** Symbol des Koitus. 
* l " Moub veneris. 
t Crines pubis. 
tt Dämonen in Mänteln und Kapur.en sind nach der Aufklärung eines Fach- 
tnannes phänischer Natur. 

•fff Die beiden Hälften des llodensacltua. 



250 Vl - D™ Traamarbeit 

busz 1 ') aufgefunden und in ihrer Brauchbarkeit zur Illustration der 
Traumtheorie erkannt hat. 0. Rank hat das nebenstehende als 
„Traum der französischen Bonne" überschriebene Blatt bereits 
in seiner Arbeit üb^r die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 
(p. 99) verwertet. 

Erst das letzte Bild, welches das Erwachen der Bonne infolge 
des Geschreis des Kindes enthält, zeigt uns, daß die früheren sieben 
die Phasen eines Traumes darstellen. Das erste Bild anerkennt den 
Reiz, der zum Erwachen führen sollte. Der Knabe hat ein Bedürfnis 
geäußert und verlangt die entsprechende Hilfeleistung. Der Traum 
vertauscht aber die Situation im Schlafzimmer mit der eines Spazier- 
ganges. Im zweiten Bild hat sie den Knaben bereits an eine Straßen- 
ecke gestellt, er uriniert und — sie darf weiterschlafen. Der Weck- 
reiz hält aber an, ja er verstärkt sich; der Knabe, der sich nicht be- 
achtet findet, brüllt immer kräftiger. Je dringender er da.s Erwachen 
und die Hilfeleistung seiner Bonne fordert, desto mehr steigert deren 
Traum seine Versicherung, daß alles in Ordnung sei und daß sie 
nicht zu erwachen brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in die 
Dimensionen des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende 
Knabo liefert, wird immer mächtiger. Im vierten Bilde trägt er be- 
reits einen Kahn, dann eine Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes 
Dampfschiff! Der Kampf zwischen dem eigensinnigen Schlafbedürfnis 
und dem unermüdlichen Weckreiz ist hier in geisl reichster Weise von 
einem mutwilligen Künstler verbildlichl. 

7. E in S t iegen t r aum. 
(Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank) 

Demselben Kollegen, von dem der i unten S. 281 f.. Aninkg.1 an 
geführte Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähn- 
lich durchsichtigen Pollutionstraum : 

..Ich jage im Stiegcnhaus die Treppe hinunter einem kleinen 
Mädchen, das mir irgend etwas gelan hat, nach, um es zu bestrafen. 
Unten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weil>- 
liche Person?) das Kind auf; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich 
es geschlagen habe, denn plötzlich befand ich mich mitten auf der 
Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft) koitierte. 
Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein Genitale 
an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts 
zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des Sexualuktes 
sah ich links ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine X'emälde 
hängen, Landschaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem 
einen kleineren stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers 
mein eigener Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk 
bestimmt. Dann hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf 
stand, daß billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich sehe 
mich dann höchst undeutlich so wie oben auf dem Treppenabsatz 
im Bette liegen und) erwache durch die Empfindung der 2s*ässo, welche 
von der erfolgt QU Pollution herrührt" 



252 ' r - Die Traamai-belt 

Deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtages im 
Laden eines Buchhändlers gewesen, wo er während der Wartezeit 
einige der ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive 
wie die Traumbilder darstellten- Bei einem kleinen Bildchen, das ihm 
besonders gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des 
Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war. 

Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem 
böhmischen Dienstmädchen erzählen gehört, das sich gerühmt hatte, 
ihr außereheliches Kind sei „auf der Stiege gemacht worden". Der 
Träumer hatte sich nach dem Detail dieses nieht alltäglichen Vor- 
kommnisses erkundigt und erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem 
Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer Eltern gegangen war, wo 
zu geschlechtlichem Verkehr keine Gelegenheit gewesen wäre, und daß 
der erregte Mann den Koitus auf der Stiege vollzogen hatte. Der 
Träumer hatte dazu in scherzhafter Anspielung auf den boshaften 
Ausdruck für Wcinfälscherei geäußert: das Kind sei wirklich „auf 
der Kellerstiege gewachsen": 

Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im Traum- 
inhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert 
werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler 
Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung gefunden hat. Das 
Stiegenhaus ist das jenes Hauses, in welchem er den größten Teil 
6einer Kinderjahre verbracht und wo er insbesondere die erste be- 
wußte Bekanntschaft mit den Sexualproblemcn gemacht hatte. In 
diesem Stiegenhaus hatte er häufig gespielt und war dabei unter 
anderem auch rittlings längs des Geländers hinuntergerutscht, wobei 
or sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume eilt er mm eben- 
falls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch, daß er nach 
eigener deutlicher Angabe die einzelnen Stufen gar nicht berührt, 
sondern, wie man zu sagen pflegt, „hinunter f 1 i c g t" oder rutscht. 
Mit Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn dos Traumes 
den Moment der sexuellen Erregung darzustellen. — In diesem Stiegen- 
haus und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch 
mit den Naohbarekindern häufig sexuelle Raufspiele getrieben, wobei 
er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume geschieht. 

Weiß man aus Freuds soxualsymbolischen Forschungen (siehe 
Zentralblatt f. Ps.-A., Heft 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das Sticgen- 
eteigen im Traumo fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird 
der Traum völlig durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein 
Effekt, die Pollution, zeigt, rein libidinöser Natur. Im Schlafzustand 
erwacht die sexuelle Erregung (im Traume dargestellt durch das 
Hinuntereilen — rutschen — über die Stiege"), deren sadistischer 
Einschlag auf Grund der Raufspiele in der Verfolgung und Über- 
wältigung des Kindes angedeutet ist. Die libidinöse Erregung stei- 
gert sich und drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im Traumo 
durch das Fassen des Kindes und seine Beförderung in die Mitte der 
Stiege). Bis daher wäre der Traum rein sexualsymbolisch und für den 
wenig geübten Traumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der Über- 
starken libidinösen Erregung genügt diese symbolische Befriedigung 
nicht, welche die Ruhe des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung 



Stiegeutrilume. — Dai Wirklichkeitsperdhl. 253 

führt zum Orgasmus und damit wird die ganze Stiogensymbolik als 
Vertretung des Koitus entlarvt. — Wenn Freud als einen der Gründe 
für die sexuelle Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen 
Charakter beider Aktionen hervorhebt, so seheint dieser Traum 'beson- 
ders deutlieh dafür zu sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe des 
Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das Auf- und Nieder- 
reiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte Element 
gewesen war. 

Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen 
von ihrer realen Bedeutung auch in symbolischem Sinne als „Weibs- 
bilder" gelten, was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein 
großes und ein kleines Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein 
großes (erwachsenes) und ein kleines Mädchen vorkommen. Dali auch 
billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum Prostituierten- 
komplex, wie anderseits der Vorname des Träumers auf dem kleinen 
Bilde und der Gedanke, es sei ihm zum Geburtstag bestimmt, auf den 
Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege geboren = im Koitus er- 
zeugt). 

Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben 
auf dem Treppenabsatze im Bette, liegen sieht und Nasse verspürt, 
seheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit 
zurückzuweisen, und vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von Bett- 
nässen zum Vorbild zu haben." 

S. Ein modifizierter Stieg entra um. 

Ich mache einem meiner Patienten, einem schwerkranken Absti- 
nenten, dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der wieder- 
holt vom Treppensteigen in Begleitung der Mutter geträumt hat, die- 
Bemerkung, daß mäßige Masturbation ihm wahrscheinlich weniger 
schädlich wäre als seine erzwungene Enthaltsamkeit. Diese Beein- 
flussung provoziert folgenden Traum : 

„Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er s^'in Klavier- 
spiel vernachlässige, die Etüden von Moscheies sowie den Gradus 
ad Parnassum von Clement i nicht übt." 

Er bemerkt hiezu, der Gradus sei ja auch eine Stiege und die 
Klaviatur selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte. 

Man darf sagen, es gibt keinen Vorstellungskreis, der i-ich der 
Darstellung sexeuller Tatsachen und Wunsche verweigern würde. 

9. Wirklichkeitsgefühl und Darstellung der 
Wiederholung. 

Ein jetzt 35jahriger Mann erzählt einen gut erinnerten Traum, 
den er mit vier Jahren gehabt haben will: Der Notar, bei dem 
das Testament des Vaters hinterlegt war, — er hatte 
den Vater im Alter von drei Jahren verloren — , brachte zwei 
große Kaiserbirnen, von denen er eine zum Essen be- 
kam. Die andere lag auf dem Fensterbrot t des Wohn- 
zimmers. Er erwachte mit der rberzeutrung von de Realität des 



- 



254 n< Die Trimmarbeit. 

Geträumlcn und verlangte hartnäckig von der Mutter die zweite 
Birne; sie liege doch auf dem Fensterbrett- Die Mutter lachte darüber. 

Analyse. Der Notar war ein jovialer alter Herr, der, wie er 
6ich zu erinnern glaubt, wirklich einmal Birnen mitbrachte. Das Fen- 
sterbrett war so, wie er es im Traume sah. Anderes will ihm dazu 
nicht einfallen: etwa noch, daß die Mutter kürzlich ihm einen Traum 
erzählt. Sie hat zwei Vögel auf ihrem Kopfe sitzen, fragt eich, 
wann sie fortfliegen werden, aber sie. fliegen nicht fort, sondern der 
eine fliegt zu ihrem Mund und saugt aus ihm. 

Das Versagen der Einfälle des Träumers gibt uns das Itecht, 
die Deutung durch Symbolersetzung zu versuchen. Die beiden Birnen 
— pommes ou poiros — sind die Brüste der Mutter, die ihn genährt 
hat; das Fensterbrett der Vorsprung des Busens, analog den Bai- 
konen im Häusertraum (vgl. S. 242). Sein Wirklichkeitsgei'ühl nach 
dem Erwachen hat Recht, denn die Mutter hat ihn wirklich gesäugl, 
sogar weit über die gebräuchliche Zeit hinaus, und die Mutterbrust 
wäre noch immer zu haben. Der Traum ist zu übersetzen: Mutter, 
»ib (zeig',) mir die Brust wieder, an der ich früher einmal getrunken 
habe. Das „früher" wird durch das Essen der einen Bfrne dargestellt, 
das „wieder" durch das Verlangen nach der anderen. Die zeitliche. 
»Wiederholung eines Aktes wird im Traum regelmäßig zur zah- 
lenmäßigen Vermehrung eines Objektes. 

Es ist natürlich sehr auffällig, daß die Symbolik bereits im 
Traume- eines Vierjährigen eine Rolle spielt, aber dies ist nicht Aus- 
nahme, sondern Pegel. Man darf sagen, der Träumer verfügt über 
die Symbolik von allem Anfang an. 

Wie frühzeitig sich der Mensch, auch außerhalb des Traum- 
lebens, der symbolischen Darstellung bedient, mag folgende unbeein- 
flußte Erinnerung einer jetzt 27jährigen Dame lehren: Sie ist zwi- 
schen drei und vier Jahre alt. Das Kindsmädchen treibt sie. ihren 
um elf Monate jüngeren Bruder und eine im Alter zwischen beiden 
Eichende Cousine auf den Abort, damit sie dort vor dem Spazier- 
gang ihre kleinen Geschäfte verrichten. Sie setzt sieh als die älteste 
auf den Sitz, die beiden anderen auf Töpfe. Sie fragt die Cousine: 
Hast du auch ein Portemonnaie? Der Walter hat ein Würst- 
chen, ich hab' ein Portemonnaie. Antwort der Cousine: Ja, ich 
hab' auch ein Portemonnaie. Das Kindsmädchen hat lachend zugehört 
und erzählt die Unterhaltung der Mama, die mit einer scharfen Zu- 
rechtweisung reagiert. 

Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik 
eine Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete: 

10. „Zur Frage der Symbolik in den Träumen Gesunder"*. 

..Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig — zuletzt auch 
von Havelock Ellis** — vorgebrachter Einwand lautet, daß die 
Traunujynibolik vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei, 
aber keineswegs für die normale Gültigkeit habe. Während nun dia 

• Alfred Itobitsek im Zentralblatt f. Ps.-.A. II, 1011, P. 310. 
•• „The World o! Dreoms", London 1911, p, 1C8, 



Symbolik io Trttunien Gesunder. 255- 

psychoanalytische Forschung zwischen normalem und neurotischem 
Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen, sondern nur quantitative 
l "nterschiedc kennt, zeigt die Analyse der Träume, in denen ja bei 
Gesunden und Kranken in gleicher Weise die verdrängten Komplexe 
wirksam sind, die volle Identität der Mechanismen, wie der Symbolik. 
Ja die unbefangenen Träume Gesunder enthalten oft eine viel ein- 
fachere, durchsichtigere und mehr charakteristische Symbolik als die 
neurotischer Personen, in denen sie infolge der stärker wirkenden 
Zensur und der hieraus resultierenden weitergehenden Trauraentstel- 
iung häufig gequält, dunkel und schwer zu deuten ist. Der in fol- 
gendem mitgeteilte Traum diene zur Illustrierung dieser Tatsache. 
Kr stammt von einem nicht neurotischen Mädchen von eher prüdem 
und zurückhaltendem Wesen ; im Laufe des Gespräches erfahre ich, 
daß sie verlobt ist. daß sich aber der Heirat Hindernisse entgegen- 
stellen, die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt mir spontan 
folgenden Traum : 

,.I arrange the centre of a table with flowers for a 
birtliday." (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für 
einen Geburtstag her.) Auf Fragen gibt, sie an, sie sei im Traume 
wie in ihrem Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe 
ein Glücksgefühl empfunden. 

„Die .populäre' Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich 
zu übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche : der 
Tisch mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und 
das Genitale; sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie 
sich bereits mit dem Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt; 
die Hochzeit liegt also längst hinter ihr. 

„Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ,the centre of a table' 
eiu Ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibl, kann hier aber na- 
türlich nicht direkt weiter fragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die 
Bedeutung der Symbole zu suggerieren und fragte sie nur, was ihr zu 
den einzelnen Teilen des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurück- 
haltung wich im Verlaufe der Analyse einem deutlichen Interesse an 
der Deutung und einer Offenheit, die der Ernst des Gespräches er- 
möglichte. — Auf meine Frage, was für Blumen es gewesen seien, 
antwortete sie zunächst: .expensive flowers; one has to pay 
for them' (teuere Blumen, für die man zahlen muß), dann, es seien 
,1 i 1 i c s o f the Valley, v i o 1 e t s and p i n k s o r c a r n a t i o n s' 
gewesen (Maiglöckchen, wörtlich Lilien vom Tale, Veilchen und Nel- 
ken). Ich nahm an, daß das Wort Lilie in diesem Traume in seiner 
populären Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine; sie bestätigte, 
diese Annahme, indem ihr zu .Lilie' ,purity' (Reinheit) einfiel. 
.Valley' das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol; so wird 
das zufällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen 
Namen für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer 
kostbaren Jungfräulichkeit — expensive flowers, one has te pay for 
them — verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann 
ihren Wert zu würdigen wissen werde. Die Bemerkung .expensive 
flowers etc.' hat, wie sich zeigen wird, bei jedem der drei Blumcn- 
symbole eine andere Bedeutung. 



Vi l'ia Trauniarbcit 

„Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen .violets' 
suchte ich mir — recht kühn, wie ich meinte — mit einer unbe- 
wußten Beziehung zum französischen ,viol' zu erklären. Zu meiner 
Überraschung assoziierte die Träumerin ,violate'. das englische 
Wort für vergewaltigen. Die zufällige große "Wortähnlichkeit von 
violet und violate — in der englischen Aussprache unterschei- 
den sie sich nur durch eine Akzentverschiedenheit der letzten Silbe 
— wird vom Traume benutzt, um .durch die Blume' den Gedanken 
an die Gewaltsamkeit der Defloration (auch dieses "Wort benutzt die 
Blumensymbolik), vielleicht auch einen masuehistisehen Zug des Mäd- 
chens zum Ausdruck zu bringen- Ein schönes Beispiel für die Wort- 
brücken, über welche die Wege zum Unbewußten führen. Das .one 
has to pay for them' bedeutet hier das Leben, mit dem sie, das Weib- 
und Mutterweiden bezahlen muß. 

„Bei .pinks', die. sie dann ,ca rnations' nennt, fällt mir die 
Beziehung dieses "Wortes zum (Fleischlichen' auf. Ihr Einfall dazu 
lautete aber ,colour (Firbc). Sie fügt? hinzu, daß carnations die 
Blumen seien, welche ihr von ihrem Verlobten häufig und in 
großen Mengen geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches gesteht 
sie plötzlich spontan, sie habe, mir nicht die Wahrheit gesagt, es sei 
ihr nicht ,colour', sondern ,in karnation' (Fleisehwerdung) ein- 
gefallen, welches Wort ich erwartet hatte; übrigens ist auch ,colour' 
als Einfall nicht entlegen, sondern durch die Bedeutung von car- 
nation — Fleischfarbe, also durch den Komplex determiniert. 
Dieso Unaufrichtigke.it zeigt, daß der Widerstand an dieser Stelle, am 
größten war. entsprechend dem Umstand, daß die Symbolik hier am 
durchsichtigsten ist. der Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei 
diesem phallischcn Thema am stärksten war. Die Bemerkung, daß diese 
Blumen häufige Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppel- 
boden tung von carnalion ein weiterer "Hinweis auf ihren phallischen 
yinn im Traume. Der Tagesanlaß des Blumengeschenkes wird benutzt, 
um den Gedanken von sexuellem Geschenk und Gegengeschenk aus- 
zudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit und erwartet dafür ein 
reiches Licbcsleben. Auch hier dürfte das .expensive flowers, one 
has to pay for them' eine — wohl wirklieh finanzielle — Bedeutung 
haben. — Die Blumensymbolik des Traumes enthält also das jung- 
fräulich-weibliche, das männliche Symbol und die Beziehung auf die. 
gewaltsame Defloration. Es sei darauf hingewiesen, daß die sexuelle 
Blnmensymbolik, die ja auch sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen 
Sexualorgane durch die Blüten, die Sexualorgane der Pflanzen sym- 
bolisiert; das Blumenschenken unter Liebenden hat vielleicht über- 
haupt diese unbewußte Bedeutung. 

„Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl 
die Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sieh mit dem Bräutigam, 
stellt ihn dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert. Der 
latente Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht 
warten, sondern die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen. Gewalt 
brauchen; darauf deutet ja auch das violate. So kommt auch die 
sadistische Libidokomponente zum Ausdruck. — 



Traume von Ahnungslosen ^bl 

,Tn einer tieferen Schichte des Trauines dürfte das J arrange etc.' 
eine a utoerot isehe, also infantile Bedeutung haben- 

..Sic liat auch eine nur iui Traume mögliche Erkcnutnis ihrer 
körperlichen Dürftigkeit: sie sieht sieh flach wie einen Tisch; um. 
so mehr wird die Kosl harkeil des .centre" (sie nennt es ein ander- 
mal .;; eentre pioee o f flowers - ), ilirc Jungfräulichkeit, hervor- 
gehoben- Auch das Horizontale des Tisches dürfte ein Element zum 
Symbol beitragen. — Beachtenswert ist die Konzentration des Trau- 
mes: nichts ist überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol- 

..Sic bringt später einen Nachtrag zum Traume: ,1 decorate, 
tlie flowers witli green crinkled paper-' (Ich verziere die 
Hlnmc.li mit grünem, gekräuseltem Papier.; Sie fügt hinzu, es sei 
-fam-y paper' (Phantasiepapier), mit dein man die gewöhnlichen 
TU iiinent öpfe verkleide, Sie sagt weiter: .tu hide untidy things, 
whatever was to bo seen, which was not prutty to the eye; 
there is a gap, alittle space in the flowers.' Also: .um un- 
saubere Dinge zu verbergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein 
•Spalt, ein kleiner Zwischenraum in den Blumen. - ,The paper looks 
like velvet or raoss' (,das Papier sieht wie Samt oder Moos aus'). 
Z\\ .deeoratc" assoziiert sie ,decoruni". wie ich es erwartet hatte- 
Die grüne Farl>e sei vorherrschend: sie assoziiert dazu .hope' (Hoff- 
nung), wieder eine Beziehung zur Gravidität. — In diesem Teile des 
Traumes herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne, sondern. 
<*s kommen Gedanken von Scham und Offenheit, zur Geltung. Sie macht 
sich schön für ihn. gesteht sich körperliche Fehler ein, deren sie sich 
schämt und die sie zu korrigieren sucht. Die Einfälle Samt, 
Moos sind ein deutlicher Hinweis, daß es sieh um die crines pubis 
handelt. 

..Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache Den- 
ken des Mädchens kaum kennt ; Gedanken, die .sich mit der Sinnen- 
liebe und ihren Organen beschäftigen; sie wird ,für einen Geburts- 
tag zugerichtet', d- h. koitiert; die Furcht vor der Defloration, viel- 
leicht auch das lustbetonte Leiden kommen zum Ausdruck: sie ge- 
stellt sieh ihre körperlichen Mängel ein. überkompensiert diese durch 
rbtrschälzung des Wertes ihrer Jungfräulichkeit. Ihre Scham ent- 
schuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit damit, daß diese ja das Kind 
•/um Ziel hat. Auch materielle Erwägungen, die der Liebenden fremd 
-sind, finden ihren Ausdruck. Der Affekt des einfachen Traumes — 
«In* Glüeksgefühl — zeigt an. daß hier starke Gefühlskomplcxe ihre 
Befriedigung gefunden haben.'' 

Forenezi hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, wie leicht 
gerade „Träume von Ahnungslosen" den Sinn der Symbole und die 
Bedeutung der Träume erraten lassen. (Int- Zeitschr. f. Psych. IV, 
lillG/17.) 

Die nachstehende Analyse des Traumes, einer historischen Per- 
sönlichkeit unserer Tage schalte ich hier ein, weil in ihm ein Gegen- 
stand, der sieh auch sonst zur Vertretung des männlichen Gliedes 
«ignen würde, durch eine hinzugefügte Bestimmung aufs deutlichste 

Freud, Tnumii™ un*, 7. Aufl. !'• 



258 



VI. Die Triiunuirbi'it. 



als phallisches Symbol gekennzeichnet wird. Die ..unendliche Ver- 
längerung" einer Reitgerte kann nicht leicht anderes als lie Erektion 
bedeuten. Überdies gibt dieser Traum ein schönes Beispiel dafür, wie. 
ernsthafte und dem Sexuellen fernabliegende Gedanken durch infan- 
til-sexuelles Material zur Darstellung gebracht werden. 

11. Ein Traum Bismarcks. 
(Von Dr. Hanns Sachs.) 

„In seinen „Gedanken und Erinnerungen"' teilt Bismarek (Bd. TT 
der Volksausgabe, p. 222) einen Brief mit, den er am LS. Dezember 
1881 an Kaiser Wilhelm schrieb. Dieser Brief enthält folgende Stelle: 
■.Kurer Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Trau- 
mes, den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Konfliktstagen hatte-, 
aus denen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir 
träumt*- und ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und an- 
deren Zeugen, daß ich auf einem schmalen Alpenpfad ritt, recht« 
Abgrund, links Felsen; der Pfad wurde schmäler, so daß das Pferd 
sich weigerte und Umkehr und Absitzen wegen Mangel an Platz un- 
möglich; da schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen 
die glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich 
lang, die Felswand stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen brei- 
ten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, 
preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traum der Ge- 
danke, wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könnte. Dieser 
Traum erfüllte sich und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm. - ' 

..Die Handlung de* Traumes zerfällt in zwei Abschnitte : im ersten 
Teil gerät der Träumer in Bedrängnis, aus der er dann im zweiten 
auf wunderbare Weise erlöst wird. Die schwierige Lage, in der sieh 
Hoß und Reiter befinden, ist eine leicht, kenntliche Traumdarstellung 
der kritischen Situation des Staatsmannes, die er am Abend vor dem 
Traume, über die Probleme seiner Politik nachdenkend, besonders bitter 
empfunden haben mochte Mit der zur Darstellung gelangten gleich- 
nisweisen Wendung schildert Bismarek selbst, in der oben wieder- 
gegebenen Briefstello die Trostlosigkeit, seiner damaligen Position; sie 
war ihm also durchaus geläufig und naheliegend. Nebstdem haben 
wir wohl auch ein schönes Beispiel von Silbe rers „funktionalem 
Phänomen" vor uns. Die Vorgänge im Geiste des Träumers, der bei 
jeder von seinen Gedanken versuchten Lösung auf unübersteigliche 
Hindernisse stößt, seinen Geist aber trotzdem nicht von der Beschäf- 
tigung mit den Problemen losreißen kann und darf, sind sehr tref- 
fend durch den Reiter gegeben, der weder vorwärts noch rückwärts 
kann. Der Stolz, der ihm verbietet, an ein Nachgeben oder Zurück- 
treten zu denken, kommt im Traume durch die Worte „Umkehren 
oder absitzen .... unmöglich" zum Ausdruck. In seiner Eigenschaft 
als stets angestrengt Tätiger, der sich für fremdes Wohl plagt, Ing- 
es für Bismarek nahe, sich mit einem Pferde zu vergleichen, und 
er hat, dies auch bei verschiedenen Gelegenheiten getan, z. B. in seinem 
bekannten Ausspruch: ..Hin wackeres Pferd stirbt in seinen Sielen."- 



Hin Traum Diuiiarcic-s. j&'j 

So ausgelegt bedeuten die Worte, d;iß ..das Pferd sieb weigerte", 
nichts anderes, als daß der Übermüdete das Bedürfnis empfinde, sich 
von den Borgen der Gegenwart abzuwenden, oder anders ausgedruckt, 
daß er im Begriffe stehe, sicli von den Fesseln des Realitätsprinzips 
durch Schlaf und Traum zu befreien. Der Wunscherfüllung, die dann 
im zweiten Teil so stark zu Wort kommt, wird dann auch liier schon 
präludiert durch das Wort ,, Alpenpfad". Bismarck wußte damals 
wohl schon, daß er seinen nächsten Urlaub in den Alpen — nämlich 
in Gastein — zubringen werde; der Traum, der ihn dahin versetzte, 
befreite ihn also mit einem Schlage von allen lästigen Staats- 
geschäften. 

„Im zweiten Teil werden die Wünsche des Träumers auf dop- 
pelte Weise — unverhüllt und greifbar, daneben noch symbolisch — 
als erfüllt dargestellt. Symbolisch durch das Verschwinden des hem- 
menden Felsens, an dessen Stelle ein breiter Weg — also der gesuchte 
Ausweg in bequemster Form — erscheint, unverhüllt durch den An- 
blick der voiTüekenden preußischen Truppen. Man braucht zur Er- 
klärung dieser prophetischen Vision durchaus nicht mystische Zusam- 
menhänge zu konstruieren; die Freudsche WunseherfüUungstheorie 
genügt vollständig. Bismarck ersehnte schon damals als den besten 
Ausgang aus den inneren Konflikten Preußens einen siegreichen Krieg 
mit Osterreich. Wenn er die preußischen Truppen in Böhmen, also 
in Feindesland, mit ihren Fahnen sieht, so stellt ihm der Traum da- 
durch diesen Wunsch als erfüllt dar. wie es Freud postuliert. Indi- 
viduell bedeutsam ist es nur, daß der Träumer, mit dem wir uns hier 
beschäftigen, sich mit der Traumerfüllung nicht begnügte, sondern 
auch die reale zu erzwingen wußte. Ein Zug. der jedem Kenner der 
psychoanalytischen Deutungstechnik auffallen muß, ist die Keitgerte. 
dio „um-ndlich lang" wird. Gerte, Stock, Lanze und Ähnliches sind 
uns als phallische. Symlxde geläufig; wenn aber diese Gerte nocli 
dio auffallendste Eigenschaft, des Phallus, die Ausdehnungsfähigkeit 
besitzt, so kann kaum ein Zweifel bestehen. Die Übertreibung des 
Phänomen'; durch die Verlängerung ins ..Unendliche" scheint auf die 
infantilo Übersetzung zu deuten. Das in-die-Hand-Nehmen der Gerte 
ist eine deutliche Anspielung auf die Masturbation, wobei natürlich 
nicht an dio aktuellen Verhältnisse des Träumers, sondern an weit 
zurückliegende Kinderlust zu denken ist. Sdhr wertvoll ist hier die 
von Dr. St ekel gefundene. Deutung, nach der links im Trauma 
das Unrecht, das Verbotene, die Sünde bedeutet, was auf die gegen 
ein Verbot betriebene Kinderonanie sehr gut anwendbar wäre. Zwi- 
sehen dieser tiefsten, infantilen Schicht und der obersten, die sieh 
mit den Tagesplänen des Staatsmannes beschäftigt, läßt sich noch 
eine Mittelschicht nachweisen, die mit beiden anderen in Beziehung 
.steht. Der ganze Vorgang der wunderbaren Befreiung aus einer Not 
durch das Schlagen auf den Fels mit der Heranziehung Gottes als 
Helfer erinnert auffällig an eine biblische Szene, nämlich wie Mosi\s 
für die dürstenden Kinder Israels aus dem Felsen Wasser schlägt. 
Die genaue Bekanntschaft mit dieser Stelle dürfen wir bei dem aus 
einem bibelgläubigen, protestantischen Hause hervorgegangenen Bis- 
marck ohne weiteres annehmen. Mit dem Anführer Moses, dem das 

17» 



2(J0 *''■ ,>ie Trauraarlwit 

Volk, das er befreien will, mit Auflehnung, Haß und Undank lohnt, 
konnte sich Bismarck in der Konfliktszeit unschwer vergleichen. 
Dadurch wiire also die Anlehnung an die aktuellen Wünsche gegeben. 
Anderseits enthält die Bihclstellc manche Einzelheiten, die für die 
Masturbationsphantasie sehr gut verwertbar sind. Gegen das Gebot 
Gottes greift Moses zum Stock und für diese Übertretung straft ihn 
der Herr, indem er ihm verkündet, daß er sterben müsse, ohne das 
gelobte Land zu betreten. Das verbotene Ergreifen des — im Traume 
unzweideutig jphallischen — Stockes, das Erzeugen von Flüssigkeit 
durch das Schlagen damit und die Todesdrohung — damit haben wir 
alle Hauptmomente der infantilen Masturbation beisammen. Inter- 
essant ist die Bearbeitung, die jene beiden heterogenen Bilder, von 
denen eines aus der Psyche des genialen Staatsmannes das andere 
aus den Regungen der primitiven Kindcrseele stammt, durch Ver- 
mittlung der Bibelstelle zusammengeschweißt hat, wobei es ihr ge- 
lungen ist, alle peinlichen Momente wegzuwischen. Daß das Ergreifen 
<\<s Stockes eine verbotene, aufrührerische Handlung ist, wird nur 
mela durch die linke Hand, mit der es geschickt, symbolisch angedeutet. 
Im manifesten Trauminhalt wird aber dabei Gott angerufen, wie um 
recht ostentativ jeden Gedanken an ein Verbot oder eine Heimlichkeit 
nbzuweison. Von den beiden Verheißungen Gottes an Moses, daß er 
das verheißene Land sehen, nicht betreten werde, wird die eine sehr 
deutlich als erfüllt dargestellt (Klick auf Hügel und Waldland), die 
andere, höchst peinliehe, gar nicht erwähnt. Das Wasser ist wahr- 
scheinlich der sekundären Bearbeitung, welche die Vereinheitlichung 
dieser Szene mit der vorigen erfolgreich anstrebte, zum Opfer gefallen, 
statt dessen stürzt der Fels selber. 

„Den Schluß einer infantilen Maslurbationsphantasic, in der das 
Verbotsmotiv vertreten ist, müßten wir so erwarten, daß das Kind 
wünscht, die Autoritiitspersonen seiner Umgebung möchten nichts von 
dem Geschehenen erfahren. Im Traume ist dieser Wunsch durch das 
Gegenteil) den Wunsch, das Vorgefallene dem König sogleich ^u mel- 
den, ersetzt. Diese Uinkehrung schließt sich aber ausgezeichnet und 
ganz unauffällig der in der obersten Schicht der Traumgedanken und 
in einem Teile des manifesten Trauminhaltcs enthaltenen Siegesphan- 
tasie an. Ein solcher Sieges- und Eroberungstraum ist oft der Deck- 
mantel eines erotischen Erobcrungswunschc-.; einzelne Züge des Trau- 
mes, wie z. B., daß dem Eindringenden ein Willerstand entgegengesetzt 
wird, nach Anwendung der siel» verlängernden Gerte aber ein breiter 
Weg erscheint, dürften dahin deuten, doch reichten sie nicht hin, 
um daraus eine bestimmte, den Traum durchziehende Gedanken- und 
Wunsch rieht ung zu ergründen. Wir sehen hier ein Musterbeispiel 
einer durchaus gelungenen Traumentstellung. Das Anstößige wurde 
überarbeitet, daß es nirgends über das Gewebe hinausragt, das als 
schützende Decke darübergebreitet ist. Die Folge davon ist, daß jede 
Entbindung von Angst hintertrieben werden konnte. Es ist ein lilrcal- 
fall von gelungener Wunseherfüllung ohne Zensurvorletzung, so daß 
wir begreifen können, daß der Träumer aus solchem Traizme froh 
und gestärkt erwachte." 



Traum einen Chemikers. 9ßJ 

Ich schließe mit dem 

12. Traum eines C I» e m i k c P s, 

eines jungen Mannes, der sieh bemühte, seine ununistischen Gewohn- 
heiten gegen den Verkehr mit dem "Weibe aufzugeben. 

V r bor i c h t. Am Tage vor dem Traume hat or einem Stu- 
denten Aufschluß über die Ö ri gnardsche Reaktion gegeben, bei 
welcher Magnesium unter katalytiseher Judeinwirkung in absolut 
reinem Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es bei der näm- 
lichen Reaktion eine Explosion, bei der sich ein Arbeiter die Hand 
verbrannte. 

Traum: I. Er soll Phcnylmagncsiumbromid machen, sieht die 
Apparatur besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium 
substituiert. Er ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung, 
sagt sich immer: Ms ist das Richtige, es geht, meine Füße lösen sieh 
schon auf. meine Kniee werden weich. Dann greift er hin. fühlt an 
seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß nicht wie) seine Beine aus 
dem Kolben heraus, sagt sieh wieder: Das kann nicht sein. — Ja 
doch, es ist richtig gemacht. Dabei erwacht er partiell, wiederholt sich 
den Traum, weil er ihn mir erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor 
der Auflösung des Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr erregt 
und wiederholt sieh beständig: Phonyl, I'henyl. 

II. Er ist. mit seiner ganzen Familie in ***ing, soll um */(13 Uhr 
beim Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein, 
wacht aber erst um %12 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu spät; 
bis du hinkommst, ist es I /«l Uhr. Im nächsten Moment sieht er die 
ganze Familie um den Tisch versammelt, besonders deutlich die Mutter 
und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er sagt sich dann: 
Nun. wenn wir schon essen, kann ich ja nicht mehr fort. 

Analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine 
Beziehung zur Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in der 
Nacht vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der Student, 
dem er dio Auskunft gab, ist ein besondere ekelhafter Kerl; er sagte 
ihm: Das ist nicht das Richtige, weil das Magnesium noch ganz un- 
berührt war, und jener antwortete, als ob ihm gar nichts daran läge: 
Das ist halt nicht das Richtige. Dieser Student muß er selbst sein; 
— er ist sc gleichgültig gegen seine Analyse, wie jener für seine 
Synthese — ; das Er im Traume, das die Operation vollzieht, aber 
ich. Wie ekelhaft muß er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den 
Erfolg erscheinen! 

Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese") ge- 
macht wird. Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die Beine 
im Traume erinnern an einen Eindruck von gestern abends. Er traf 
in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er erobern will; 
er drückte sie so fest an sieh, daß sie einmal aufschrie. Als BJC mit 
dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte er ihren kräftigen 



2Ü2 VJ. !•'" TruuniiirluNt 

Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis oberhalb der Knie, an den 
im Traume erwähnten Stellen. In dieser Situation ist also das Weib 
das Magnesium in der Betörte, mit dem es endlich geht. Er ist 
feminin gegen mich, wie er viril gegen das Weib ist. Geht, es mit 
der Dame, so geht es auch mit der Kur. Das Sichbefühlen und die 
Wahrnehmungen an seinen Knien deuten auf die Onanie und ent- 
sprechen seiner Müdigkeit vom Tage vorher. — Das Rendezvous war 
wirklich für i /. i l2 Uhr verabredet. Sein Wunsch, es zu verschlafen 
und bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zu 
bleiben, entspricht seinem Widerstände. 

Zur Wiederholung des Xamens Phcnyl berichtet er: Alle diese 
Kadikaie auf yl halten ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr l>cquem 
zu gebrauchen : Renzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun nichts, aber 
als ich ihm das Radikal: Schlemihl vorschlage, lacht er sehr und 
Pi2fih.lt, daß er während des Sommers ein Ruch von Prevost ge- 
lesen, und in diesem war im Kapitel : Loa exclus de l'amour aller- 
dings von den ,.S e h lern i lies" die Rede, bei deren Schilderung er sich 
sagte.: Das ist mein Fall. — Schlcmihlerei wäre es auch gewesen, 
wenn er das Rendezvous versäumt hätte. 

Es seheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte 
experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. Schrotter 
hat 1912 über Anregung von H. Swoboda bei tief hypnotisierten 
l'ersonen Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt, der einen 
großen Teil des Trauminhaltes festlegte. Wenn die Suggestion den 
Auftrag brachlo, vom normalen oder abnormen Sexualverkehr zu 
träumen, so führte der Traum diese Aufträge- aus. indem er an Stelle 
des sexuellen Materials die aus der psychoanalytischen Traumdeutung 
In kannten Symbole einsetzte. So z. B. erschien nach der Suggestion, 
vom homosexuellen Verkehr mit einer Freundin zu träumen, im Traume 
diese Freundin mit einer schäbigen Reisetasche in der Hand, worauf 
ein Zettel klebte, bedruckt mit den Worten: „Nur für Domen." Der 
Träumerin war angeblich von Symbolik im Traume und Traumdeutung 
niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider wird die Einschätzung 
dieser bedeutsamen Untersuchung durch die unglückliche Tatsache ge- 
>tört, daß Dr. Schrötter bald nachher durch Selbstmord endete. 
Von Seinen Traumexperimenten berichtet bloß eine vorläufige Mit- 
teilung im ..Zentialldatt für Psychoanalyse". 



Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben, 
können wir in der S. 189 abgebrochenen Behandlung der typischen 
Träume fortfahren. Ich halte es für gerechtfertigt, diese Träume im 
Groben in zwei Klassen einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal 
den gleiehen Sinn haben, und zweitens in solche, die trotz des gleichen 
i»ler ähnlichen Inhaltes doch die verschiedenartigsten Deutungen er- 
fahren müssen' Von den typischen Träumen der ersten Art habe ich 
den Prüfungstraum bereits eingehender behandelt. 

Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume. 
Mim Xiehterreiehen eines Kisenbahnzuges den Prüfungsträumen ange- 
reiht zu werden, ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese Annäherung. 



ZilmreulrSuni.-'. 'Zü'.i 

Es sind Trost träume gegen oino andere im Schlaf empfundene Angsl- 
regung, die Angst zu sterben. „Abreisen" ist eines der häufigsten 
und am testen zu begründenden Todessymbole- Der Traum sagt dann 
tröstend: Sei ruhig, du wirst nicht sterben (abreisen): wie der Prüfung* 
träum beschwichtigte: Fürchte nichts; es wird dir auch diesmal nichts 
geschehen. Die Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von Träumen 
rührt daher, daß die Aiigslcmpfindung gerade an den Ausdruck, dos 
Trostes geknüpft ist. 

Der Sinn der „Z ahn reiz t räu ni c", die ich bei meinen Pa 
tienten oft genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit entgangen, 
weil sich zu meiner Überraschung der Deutung derselben regelmäßig 
allzu große Widerstände entgegenstellten. 

Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß 
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit 
die Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume 
analysieren- von denen einer gleichzeitig ein „Flug! räum'' ist. Beide 
rühren von derselben Person her, einem jungen Manne mit starker, 
aber im Leben gehemmter Homosexualität : 

Er befindet sich bei einer ,.Fid>-l io''-Vo rs t e 1 1 u ng im 
Parkett der Oper, neben L., einer ihm sympathischen Per- 
sönlich keit. deren Freundschaf t er gern erwerben möchte. 
Plötzlich fliegt er schräg hinweg über das Parkett 
bis ans Ende, greift sich dann in den Mund und zieht 
sich zwei Zähne aus. 

Den Flug beschreibt er selbst, als ob <r in die Luft „geworfen" 
würde- Da es sich um eine Vorstellung des ,.Fidclio" handelt, lL to o 
das Dichterwort nahe: 

„Wer ein holdes Weib errungen — " 

Aber das Erringen auch des holdesten Weites gehört nicht zu 
den "Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse 
besser : 

„Wem der große Wurf gelungen, 

Eines Freundes Frpund zu sein- . ." 

Der Traum enthält nun diesen ..großen "Wurf", der .iber nicht 
allein Wunseherfüllung ist. Es vorbirgt sich hinter ihm auch die pein- 
liche Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freundschall 
schon so oft Unglück gehabt hat. „hinausgeworfen" wurde, und die 
Furcht, dieses Schicksal könnte sich bei dem jungen Manne, neben dem 
er die „Fidelio" -Vorstellung genießt, wiederholen. Und nun Schließ I 
sich daran, das für den feinsinnigen Träumer beschämende Geständnis 
au. daß er einst nach einer Abweisung von Seite eines Freundes aus 
Sehnsucht zweimal hintereinander in sinnlicher Erregung onaniert hat. 

Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Un i versi täts- 
professoren behandeln ihn an meiner Statt. Dereine tut. 
irgend etwas an seinem Gliedc; er hat Angst vor einer 
Operation. Der andere stößt mit einer eisernen Slang'-- 
gegen seinen Mund, so d a ß e r ein oder zwei Zähne ver- 
liert. Er ist mit vier seidenen Tüchern gebunden. 



264 V"JL Wm Trimmarbeit. 

Der sexuelle Sinn diese« Traume.'! ist wohl nicht zweifelhaft. 
Die seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm 
bekannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus aus- 
geführt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr mit 
Männern gesucht hat, stellt sieh den sexuellen Verkehr nach dem 
Vorbilde der ihm einst verl muten PulKTtätsonanie vor. 

Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen 
Zahnn iztraumes. z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn aus- 
zieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlieh wer- 
den*. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der „Zahnreiz" zu dieser 
BedeütUilg gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Ver- 
legung von unten nach oben aufmerksam, die im Dienste der Sexual- 
verdrungung steht, und vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sen- 
sationen und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, 
wenigstens an anderen einwandfreien Körperteilen realisiert werden 
können. Ein Fall von solcher Verlegung ist es auch, wenn in der 
Symbolik des .unbewußten Denkens die Genitalien durch das Ange- 
sicht ersetzt werden. Der Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er 
„Hinterbacken" als Homologe, der Wangen anerkennt, „Schamlippen" 
Indien den Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen. Die Nase 
wird in zahlreichen Anspielungen dein Penis gleichgestellt, die Be- 
haarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit. Nur ein Ge- 
bilde- steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne, und 
ge.rade dies Zusammentreffen, von Übereinstimmung und Abweichung 
macht die Zähne für dio Zwecke der Darstellung unter dem Drucke 
der Sexualverdrängung geeignet. 

Ich will nicht behaupten, daß nun dio Deutung des Zahniviz- 
traumes als Onanietr.mm, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln 
kann, voll durchsichtig geworden ist**. Ich gebe so viel, als ich zur 
Erklärung weiß, und muß einen Best unaufgelöst, lassen. Aböl" ich 
muß auch auf einen anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen 
Zusammenhang hinweise». In unseren Landen existiert eine unfeine 
Bezeichnung für den masturbatorisehen Akt: sich einen ausreißen 
oder sich einen herunterreißen***. Teh weiß nicht zu sagen, woher 
(IiCfiO Bedcweiscn stammen, welche Verbildliehung ihnen zu Grunde 
liegt, aber zur crsleren von den beiden würde sich der „Zahn" eejir 
gut füg enf. 

* Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist, als Kastration 
zu deuten (ähnlich wie (Tai Haareschneiden durch den Friseur; .Stekel). Es ist 
zu unterscheiden zwischen Znliiireizträumen und Zahnarzt t räumen überhaupt, wie 
solche e. B. Corial. (Zcutralbl. f, Ps.-A. III, 410) mitgeteilt hat. 

** Nach einer Mitteilung von C. G. .lang haben dio Zahnrcizlräume bei 
Frauen die Bedeutung von Gcburtsträumcn. E. .Tones hat eine gute Bestätigung 
liiefiir erbracht. Das Gemeinsame dieser Deutung mit der obsn vertretenen liegt 
darin, dall es sich in beiden Fällen (Kastration — Geburt) um die Ablösung eine» 
Teiles vom Körpcrgauzen handelt. 

*** Vgl. hiezu den „biographischen" Traum auf S. 238. 

t Da die Träume vom /ahnziehen oder Zahnausfall im Volksglauben auf 
den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die Psychoanalyse ihnen aber solche 
Bedeutung höchstens im oben angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen kann, 
schalte ich hier einen, von Otto Rank zur Verfügung gestellten „Z;iliiir»iv-- 
trauin" ein: 



Zahnreiz imd Onanie. 26ö 

Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in 
denen man fliegt oder schwebt, füllt, schwimmt u. dgl. Was bedeuten 
diese Träume? Das ist allgemein nicht, zu sagen. Sie bedeuten, wie 
wir hören worden, in jedem Falle etwas anderes, nur das Material 
an Sensationen, das sie enthalten, stammt allemal aus derselben Quelle- 

Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, 
muß man sehließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinder- 
zrit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die 

„Zum Thema der Zahn reiz träume ist mir von einem Kollegen, der sich seit 
einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu interessieren be- 
ginnt, der foleendc Bericht zugekommen: 

.Mir träum tu kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen 
rückwärtigen Zahn des Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet sc» 
lange herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann f a U t 
or ihn mit. der Zange und zieht ihn mit einer spielenden f.eich- 
i. igkeit heraus, die mich in Verwunderung setzt. Er sagt, ich 
<ollo mir nichts daraus mar hon, denn das sei gar nicht der eigent- 
lich behandelte Zahn und logt ihn auf den Tisch, wo der Kahn 
(«ie mir nun scheint, ein oberer .Schneidezahn) in mehrere Sc hi c h- 
len zerfällt, Ich erhöbe mich vom Operationss tu h 1, trete imu- 
yicrig näher und stelle interessiert eine medizinische Frage. 
Der Arzt orklärt mir, während er die einzelnen Teilstückc de 9 
auffallend weißen Zahnes sondert und mit einem Instrument 
zermalmt (piil vorisiert). daß das mit der Pubertät zusammen- 
hängt, und daß die Zähne nur vor der Pubertät so leicht heraus- 
gehen; bei Frauen sei das hiefür entscheidende Moment die Ge- 
burt eines Kindes. — Ich merke dann fwic ich glaube im Halb- 
schlaf), daß dieser Traum von einer Pollution begleitet war, 
die ich aber nicht mit Sicherheit an eine bestimmte Stelle de» 
Trau in es einzureihen weiß; am ehesten scheint sie mir noch beim 
Heran »ziehen des Zahnes eingetreten zu sein. 

Ich träume dann welter einen mir nicht mehr er i nncrlie hen 
Vorgang, der damit abschloß, daß ich Hut und Hock in der Hoff- 
nung, man werdo mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgend- 
wo (möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurück- 
lassend und bloß mit dem Cberrock bekleidet mich beeilte, einen 
abgehenden Zug noch zu erreichen. Ka gelang mir auch im letz tu n 
Moment^ auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen, wo be- 
reits jemand stand. Ich konuto jedoch nicht mehr in das Innen; 
• los Wagens gelangen, sondern mußte in einer unbequemen Stel- 
lung, aus der ich mich mit sc, hlioßlichem Erfolg zu befreien 
vorsuchte, die Reise mitmachen. Wir fahren durch ein großes 
Tunnel, wobei in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch un- 
.-oren Zug hindurchfahren, alB ob dieser das Tunnel wäre. Ich 
schaue wie von außen durch ein Waggonfenster hinein.' 

Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende Er- 
lebnisse und Gedanken des Vortages: 

I. Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und habe 
zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des Unterkiefers, 
der im Traume angebohrt wird, und an dem der Arzt auch in Wirklichkeit 
schon länger hemmarbeitcl, als mir lieb ist. Am Vormittag dos Traumtages war 
ich neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen, 'lex mir nahegelegt hatte, 
einen anderen als den behandelten Zahn im selben Kiefer ziehen zu lassen, von 
dem wahrscheinlich der Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sicli um einen 
eben durchbrechenden .Weisheitszahn'. Ich hatte bei der Gelegenheit auch eine 
darauf bezügliche Frage an sein ärztliches Gewissen gestellt. 

II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Dame gegen- 
über meine üble Ijuine mit don Zahnschmerzen entschuldigen zu müssen, worauf. 



26G Vt Di« TniinuailicU. 

für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher 
Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Anne 
ausstreckend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm ge- 
spielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein plötzlich 
streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat. als ob er ihm die Un- 
terstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und verlan- 
gen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas Schreck 
und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach Jahren die 



sie mir erzählte, sie habe Furcht, sich eine Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone 
last gänzlich abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre bei den Augenzähnen 
besonders schmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr anderseits eine Bekannte gesagt 
habe, daß es bei den Zähnen des Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich 
bei ihr) leichter gehe. Diese Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in 
der Narkose ein falscher Zolin gesogen worden, eine Mitteilung, welche ihre Scheu 
vor der notwendigen Operation mir vermehrt habe. Sic fragte mich dann, ob 
linier Augenzähnen Backen- oder Eckzähne zu verstehen seien, und was über diese 
bekannt sei. Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all 
diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des richtigen Kern :s 
mancher volkstümlicher Anschauungen zu versäumen. Sie weil) darauf vou einem 
ihrer Erfahrung nach sehr alten und allgemein bekannten Volksglauben zu be- 
richten, der behauptet: Wen.n eine Schwangere Zahnschmerzen hat, 
so bekommt sie einen Buben. 

III. Diese» Sprichwort interessierte mich mit Bücksicht auf die von Freud 
in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193 f.) mitgeteilte typisohe Bedeutung der 
Zahnrcizt.rii.nmc als Onanieersatz, da ja auch in dem Volksspruoh der Zahn und 
Uns männliche Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung gebracht werden. Ieli 
las also am Abend desselben Tages die betreffende Stelle in der Traumdeutung 
nach und fand dort unter ariderem die im folgenden wiedergegebenen Ausführun- 
gen, deren Kinfluß auf meinen Traum ebenso leicht zu erkennen 13t wie die Ein- 
wirkung der beiden vorgenannten Erlebnisse. Freud schreibt von den Zahnreiz- 
träumen. ,dnß bei Männern nichts anderes als das Onanicgolüste der Pubertäts- 
zeit die Triebkraft dieser Träum» abgebe', (p. 193). Ferner: ,Ich meinet daß 
auch die häufigen Modifikationen des typischen Zahnreiztraumes, z. II. daß ein 
anderer dem Träumer den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Auf- 
klärung verständlich worden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der Zabn- 
reiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige 
Verlegung von unlen nach oben (im vorliegenden Traume auch vom Unter- 
kiefer in den Oberkiefer) aufmerksam, die im Dienst-.' der Sexualverdrängung steht 
und Vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die 
sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen einwandfreien 
Körporstellen realisiert werden können' (.p. 101). ,Aber ich muß auch auf einen 
linderen im sprachlichen Au-druck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In un- 
seren. 1-andcu existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturba.torischcn Akl : 
sich einen ausreißen oder sich einen herunterreißen' (p. 19ö). Dieser Ausdruck 
war mir schon in früher .Tugend als Bezeichnung für die Onanie geläufig und 
von hier aus wird der geübte Traumdeuler unschwer den Zugang zum Kindhoits- 
inalerial, da.s diesem Traume zu Grunde liegen mag, finden. Ich erwähne nur noch, 
i&U die Leichtigkeit, mit der im Traume der Zain, der sich nach dem Ziehen in 
einen oberen .Schneidezahn verwandelt, herau'igpht, mich an einen Vorfall meiner 
Kindurzeil erinnert, wo ich mir einen wackligen oberen Vordorzahn leicht 
und schmerzlos selbst ausriß. Dieses Freigut, das mir heute noch in allen 
seinen Einzelheiten deutlich erinnerlich i«t, fällt in dieselbe frühe Zeit, in die 
bei mir die ersten bewußten Ouniieversuche zurückgehen (Deckcrinuening). 

Der Hinweis Freuds auf eiuo Mitteilung von 0. G. Jung, wonach die 
Zahnreiztränme bei Frauen die Bedeutung von Geburts träumen haben 
(Traumdeutung S. 191 Anmkg.), sowie der Volksglaube von. der Bedeutung des 
Zahnsckmcrzr* bei Schwangeren halvn die Gegenüberstellung der weiblichen Be- 
deutung gegenüber der männlichen (Pubertät) im Traume veranlaßt. Dazu er- 



Hiegen und Acuwrlirn. 2G7 

"Wiederholung im Traume, lassen ahcr im Traume die Hände wog. 
die sie gehakm haben, so dali sie nun frei schweben und fallen. Diu 
Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln 
und Wippen ist "bekannt; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im 
Zirkus sehen, wird die. Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei man- 
chen Knaben besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduk- 
tionen solcher Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit aus- 
führen. Nicht selten sind bei diesen an sich harmlosen Bcwejnings- 



innor« ich mich eines früheren Traumas, wo mir. lxild nachdem ich aus der Be- 
handlung pinea Zahnarztes entlassen worden war. (räumte, daß mir die oben einge- 
setzten Goldkronen herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kosten- 
aufwandes, den icli damals noch nicht ganz vorschmerzt hatte, im Traume sei. 
ärgerte. Dieser Traum wird mir jetzt im Hinblick auf ein gewisses Erlebnis : 
Anpreisung der materiellen Vorzug" der Masturbation gegenüber der in jeder 
Vorm ökonomisch nachteiligeren Objoktliebe verständlich (Goldkronen^ und ich 
glaube, daß die Mitteilung joner Dame über die Bedeutung des Zahnschmerzes 
boi Schwangeron, diese Gedankengänge in mir wieder wachrief." 

So weit dio ohne weiteres einleuchtende und, wie ich glaube, auch einwand- 
freie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe als etwa deu Hin- 
weis auf deu wahrscheinlichen Sinn dos zweiten Traunitciles, der über die Wort- 
brücken: Zahn-(ziehen-Zug; reiDen-reisen) den allem Anschein nach unter Schwie- 
rigkeiten vollzogenen Obergang dos Träumers von der Masturbation zum Ge- 
schlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen Richtungen hinein- 
und herausfahren) sowie die Gefahren desselben (Schwangerschaft; Pbcrzieher) 
darstellt. 

Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Kiohtungen intorassa-nt. 
Erstens ist es beweisend für den von Freud aufgedeckten Zusammenhang, dall 
'lio Ejakulation im Traume beim Akt des Zahnziehens erfolgt. Sind wir doch 
'-•enötigt. die Pollution, in welcher Form immer sie attftrcteu mag, als eine inaslur- 
i>atorischo Befriedigung anzusehen, welche ohne Zuhilfenahme mechanischer Hei- 
zungen zu Stande kommt. Dazu kommt, daß in diesem Falle die pollutionistischo 
I tot riediguug nicht wie sonst an einem, wenn auch nur imaginierten Objekte er- 
folgt, sondern objcktlos, wenn man so sagen darf, rein autoerolisch ist und höeh- 
alens einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen lallt. 

Der zweito Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, iSl fiilgender: 
„Es liegt der Einwand nahe, dall die. Freud sehe Auffassung hier ganz Überflüssiger- 
woiso geltend gemacht zu werden suche, da doch die Erlebnisse den Vortages 
allein vollkommen hinreichen, uns den Inhalt des Traumes verständlich zu machen. 
Der Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch mit der Dame und die Lektüre der 
Traumdeutung erklärten hinreichend, daß der auch nachts durch Zahnschmerzen 
hrunruhigfc Schläfer diesen Traum produziere; wenn man durchaus wolle, sogar 
zur Beseitigung des sehlafstörendeii Schmerzes (mittels der Vorstellung von der 
Entfernung des schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Ohortönung der gefüreh- 
teten Schmorzempfindung durch Libido;. Nun wird uia-ti aber selbst bei den 
weitestgehenden Zugeständnissen in dieser Hichlung die Behauptung nicht ernst- 
haft vertreten wollen, daß die. Lektüre der Freud sehen Aufklärungen den Zu- 
sammenhang von Zahnziehen und Ma9turba.lion.iakt in dem Träumer hergestellt 
■ •der auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht, wie der Träumer 
-elbst eingestanden hat (.sich einen ausreißen') langst vorgebildet gewesen wäre. 
Was vielmehr diesen Zusammenhang neben dem Gespräch mit der Dame belebt 
haben mag, ergibt die spätere Mitleilnug des Träumer.-, daß er bei der Lektüru 
der Traumdeutung aus begreiflichen (i runden an diese typische Bedeutung der 
Zahnreizträume nicht recht glauben mochte und deu Wunsch hegte, zu wissen, 
oh dies für alle derartigen Träume zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das 
wenigstens für seine eigene Person und zeigt, ihm so, warum er daran zweifeln 
mußte. Der Traum ist also auch in dieser Hinsieht die Erfüllung eines Wunsches: 
nämlich sich von der Tragweite und der llallburkeit dieser Freudschen Auf- 
fassung zu überzeugen.'' 

- - 



2GS ft> lr "' Tramnarbeit. 

spielen iiuch sexuelle Empfindungen wachgerufen worden*. Um es 
mit einem bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen decken- 
den Worte zu sagen: es ist. das ..Hetzen" in der Kindheit, welches 
die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u.dgl. wiederholen, dessen 
Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weiß. 
ist auch das Heizen der Kinder in der Wirklichkeit häufig genug 
in Zwist und Weinen ausgegangen. 

Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der 
Zustand unserer Hautget'ühle während des Schlafes, die Sensationen 
von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die, Träume vom Fliegen 
und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus 
der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum sich be- 
zieh!, daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen. 

Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende 
Mati rial von Hewegungsempfir.dungcn wird nun zur Darstellung der 
allermannigfaltigsten Traumgedanken verwendet- Dio meist lustbetoft- 
ten Träume vorn Fliegen oder Schweben erfordern die verschiedensten 
Deutungen, ganz spezielle hei einigen Personen, Deutungen von selbst. 
typischer Natur bei anderen. Fine meiner Patientinnen pflegte sehr 
häufig zu träumen, daß sie, über die Straße in einer gewissen Hohe 
schwebe, ohne den Boden zu berühren, Sie war sehr klein gewa hsen 
und scheute jede Beschmutzung. die der Verkehr mit Menschen mit 
sich bringt. Ihr Schwe.betraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er 
ihre Füße vom Frdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen 
ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen halle der Flieget räum die Be- 
deutung der Söhnsucht: Wenn ich ein Vüglcin war"; andere wurden 
so nächtlieherweiso zu Engr-ln in der Entbehrung, bei Tage, so ge- 
nannt zu werden. Dio nahe Verbindung des Fliegens mit der Vor- 
stellung des Vogels macht es verständlich, daß der Fliogertraiim bei 
Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung hat. Wir werden uns 
auch nicht verwundern, zu hören, daß dieser oder jener Träumer 
jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenköiinen isl. 

Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung aus- 
gesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Kickt ionst räume Bind, 
da das merkwürdige und dio menschliche. Phantasie unausgesetzt be- 
schäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft, 
imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen 1er Antike. i 

Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder 
Deutung abgeneigte Traumexperimentator Mourly Vold gleichfalls 
<li" erotische Deutung der Fliege- (Schwebe) Träume vertritt (Bd. II. 
p. 791). Er nennt die Erolik das ..wichtigste Motiv .'.um Sohwebc- 

* Kin junger, von Nervosität freier Kollego teilt mir liiczii mit: „Ich weiß 
aus eigener Erfahrung, daü ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem Moment, 
wo dio Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein eigentümliches Gefühl in den 
Genitalien bekam, dös ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war, doch 
als Lustgefühl bezeichnen muß." — Von Patienten habe ich oftmals gehört, dal! 
<'ie ersten Erektionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Kiwbenzeit beim 
Klettern aufgetreten sind. - Aus den Psychoanalysen ergibt ninb mit aller Sicher- 
heit, daß häufig die ersten sexuellen Ifege.ngi-n in den Tin.iif- und Uingspicleu der 
Kinderjahrc wurzeln. 



Kaileu, Schwimmen. Feuerträume. 2(J9 

träum", beruft sielt auf das .starke Vibrationsgefühl im Körper, wel- 
ches diese Träume begleitet, uml auf die häufige Verbindung solcher 
Träume mit Erektionen oder Pollutionen. 

Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter. 
Ihre Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast 
regelmäßig die symbolische Verwendung des Fallen* akzeptieren, wel- 
elies die. Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umsehreibt. 
Die infantilen Quellen des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft ; 
fast alle Kinder sind gelegentlich gefallen und wurden dann auf- 
gehoben, und gelicbkost ; wenn sie nacht« aus dem Bettehen gefallen 
waren, von ilirer Pflogeperson in ihr Bett genommen. 

l'ersonen. die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem 
Bihaeen die Wellen teilen usw.. sind gewöhnlich Bettnässer gewesen 
und wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie seit langer 
Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die 
Träume vom Schwimmen leicht bieten, werden wir bald an dem einen 
oder dem anderen Beispiele erfahren. 

Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der 
Kinderstube Recht, weiches die Kinder nicht ,. zündeln" heißt, damit 
sie nicht nächtlicherweile das Bett nässeu sollen. Es liegt nämlich 
auch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinder- 
Jahre zu Grunde. In dem .. Bruchstück einer Hysterieanalyse - ' 1905* 
habe ich die vollständige Analyse und Synthese eines solchen Feuer- 
iraumes im Zusammenhinge, mit der Krankengeschichte der Träumerin 
gegeben und gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer Jahre 
sich diese* infantile Material verwenden läßt. 

Man könnte noch eine ganze Anzahl von ..typischen" Träumen 
anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr 
des gleichen manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen Träumern 
vu-steht. SO z. B. : Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom 
Gehen durch eälö ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächt- 
lichen Räuber, dem auch die Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor 
dem Schlafengehen gelten, die von Verfolgung durch wilde Tiere 
< Stiere. Pferde) oder von Bedrohung mit Messern, Dolchen. Lanzen, 
die beide letztere für den manifesten Trauminhalt von Angstle.idenden 
«•haraktcristiseh sind u. dgl. IOine Untersuchung, die sieh speziell mit 
diesem Material beschäftigen würde, wäre sehr dankenswert. Ich habe 
an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sieh aber nicht aus- 
schließlich auf typische Träume beziehen. 

I. Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen Itfschäftigt, 
desto bereitwilliger muß maji anerkennen, daß die Mehrzahl der Träume 
Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische Wünsche zum 
Aufdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, d. h. vom 
Manifesten Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken vordringt, 
kann sich ein Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit begnügt, 
den manifesten Inhalt zu registrieren (wie z. B. Näeke in seinen 
Arbeiten über sexuelle Träumet. Stellen wir gleich fest, daß diese 
Tatsache uns nichts Überraschendes bringt, sondern in völler Uber- 

* Suuiriiliiiii.' kl. Schrille» z. Ncuroseuk-hre. Zweite Folge, Jltoy. 



270 v *- Bio Triwmai 'Wt. 

einsliinniung mit unseren Grundsätzen der Traumerklärung steht. Kein 
anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel Unterdrückung erfahren 
müssen wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten*, von 
ki inem anderen erübrigen so viele und so starke unbewußte Wünsche, 
die nun im Schlafzustandc traumerzeugend wirken. Man darf bei 
der Traumdeutung diese Bedeutung s-xueller Komplexe niemals ver- 
gessen, darf sie natürlich auch nicht zur .Ausschließlichkeit übertreiben. 

An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung festeteilen 
können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem sie «ine 
unabweisbare rberdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle, d. h- 
der normalen (Jesehleehtsbclätigung der träumenden Person entgegen - 
gesetzte Regungen realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell zu 
deuten seien, wie W. Stekel** und Alf. Adler*** behaupten, 
scheint mir eine ebenso unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verall- 
gemeinerung, welche ich nicht vertreten möchte- Ich wüßte vor allem 
den Augenschein nicht wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt. 
welche andere als — im weitesten Sinne — erotische Bedürfnisse 
befriedigen, die Hunger und Durstf räume. Bequemlichkeitsträume usw. 
Auch die ähnlichen Aufstellungen. .,daß hinter jedem Traum die 
Todesklausel zu finden sei" (Stekeli, daß jeder Traum ein „Fort- 
schreiten von der weiblichen zur männlichen Linie" erkennen lasse 
(Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung Zulässigen 
weit zu überschreiten. — Die Behauptung, daß alle Träume 
eine sexuelle Deutung erfordern, gegen welche in der Li- 
teratur unermüdlich polemisiert wird, ist meiner „Traumdeutung" 
fremd. Sie ist in fünf Auflagen dieses Buches nicht zu finden und 
steht in greifbarem Widerspruch zu anderem Inhalt desselben. 

Daß die auffällig harmlosen Träume durchwegs grobe ero- 
tische Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle be- 
hauptet und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele erhärten. 
Aber auch viele indifferent scheinende Träume, denen man nach keiner 
Richtung etwas Besonderes anmerken würde, führen sich nach der 
Analyse auf unzweifelhaft sexuelle Wunsehregungen oft Unerwarteter. 
Art zurück. AVer würde z. B. bei nachfolgendem Traume einen se- 
xuellen Wunsch vor der Deutungsarbeit vermuten? Der Träumer er- 
zählt ii Zwischen zwei stattlichen Palästen steht etwas 
zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore ge- 
schlossen sind. Meine Frau führt mich das Stück der 
Straße bis zu dein Häuschen hin. drückt die Tür ein, 
und dann schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere 
eines schräg aufsteigenden Hofes- 

Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat. wird aller- 
dings sofort daran gemahnt, werden, daß das Eindringen in enge Bäume, 
das Öffnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen Sym- 
bolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine Dar- 

* Vgl. des Vorf. „Drei Abhandlungen zur Sexuallheorie'*, 1305, 3. Aufl. 191.1. 
** Dia Sjiracbe des Traumes, 1911. 
*** Der psychische Hermnphrodiü.suHis im Leben und in «1er Xeurose, Forl- 
srbrille der Medizin 1910, Nr. IC, und spätere Arb'i'eu im Zentral blalt für l'syelio- 
■nalyjie I, 1910/11. 



Vorwiegen sexueller Wünsche in deu laleuleu Traumgi-Jaukeu. ^'Jl 

etollung eine* Koitusverpuehes von rückwärts (.zwischen (Ion beiden 
stattlichen Hinterbacken des weiblichen Körpers) finden. Der enge, 
.--ehräg aufsteigende Gang ist natürlich die Scheide; die der Frau d<*9 
Träumers zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in "Wirk- 
lichkeit nur die Rücksieht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem 
solchen Versuche besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am 
Traum tag ein junges Mädchen in den Haushalt des Träumers ein- 
getreten ist, welches sein "Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck 
gemacht hat, als würde es sich gegen eine derartige Annäherung 
nicht zu sehr sträuben Das kleine Haus zwischen den zwei Palästen 
ist von einer Reminiszenz an den Hradschin in» Prag hergenommen und 
weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende Mädchen hin- 
Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des üdipustraumis, 
mit der eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so be- 
komme ich zur Antwort : Ich kann mich an einen solchen Traum 
nicht erinnern- Gleich darauf steigt aber die Erinnerung an einen 
anderen, unkenntlichen und indifferenten. Traum auf, der '-ich bei dem 
Betreffenden häufig wiederholt hat, und die Analyse zeigt, daß dies 
ein; Traum des gleichen Inhaltes, nämlich wiederum ein ;')dipustraiun 
ist. Ich kann versichern, daß die verkappten Träume vom Sexual- 
verkehre mit der Mutter um ein Vielfaches häutiger -ind als die 
aufrichtigen*. 

Es gibt Träume von Landschaften oder örtlie.hkeiten, bei denen 
im Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon ein- 
mal. Dieses ,.Deja vu" hat aber im Traum eine besonder»». Bedeutung. 
Diese örtlichkeit ist dann immer das Genitale der Mutter; in der 
Tat kann man von keiner anderen mit solcher Sicherheit behaupten, 
daß man ..dort schon einmal war"- Ein einziges Mal brachte mich 
ein Zwangsneurotiker durch die Mitteilung eines Traumes in Ver- 

* Ki" typisches lieinpicl eines solchen verkappten. OdipiistniumCs lutbe Ml 
in Nr. 1 des Zentialbkiites für Psychoanalyse vei-öfft-m licht; ein anderes mit aus« 
i'ührlichor Deutung O. Rank ebendort in Xr. 4. Ober audero verkappte Odipus. 
träume, in denen die Symbolik des Auges hervortritt, siehe Rank (Internat. 
Zeitschrift für Psychoanalyse J, 1913). Daselbst auch Arbeiten über ..Augenträurne' 
und Augensymbolik von Eder, Foronczi, Reitler. Die Blendung in der ödipu-.- 
»•ago wie anderwärts als Stellvertretung dir Kastration. Den Alton war übrigens 
auch die symbolische Deutung der unverhiillten Odipusl räume nicht fremd. (Vjfl. 
O. Rank, Jahrb. II, p. 534): ..So ist von JuliU3 Cäsar ein Traum vom geschlechf- 
liehen Verkehr mit der Muttor überliefert, den die Trautnileuter als günstiges 
Vorzeichen für dio Besitzergreifung der Erde (Mutter-Erde) auslegten. Eben*» 
bekannt ist das den Tarquiniern gegebene Orakel, demjenigen von ihnen wetdn 
dio Herrschaft Roms zufallen, der zuerst die Mutter küsse (osi-ulum matri 
tulerit), was Brutus als Hinweis auf dio Mutter-Krde auffaßte (tciram osculo 
contigit, scilicet quod ea communia mater omnium inorUilium osset. I.ivius I. 
l.XI). Vgl. hiezu den Traum des Hippias bei Herodot VI, 107: „Die Darbaren 
nber führte Hippias nach Marathon, nachdem er in der vergangenen Nacht fol- 
gendes Traumgesicht gehabt: Es deuchte dem Hippias. er schliefe bei seiner 
eigenen Mutter. Aus diesem Traume schloß er nun, er würde heimkommen nach 
Athen und seine Herrschaft wieder crlialten und im Vaterlande sterben in seinen 
alten Tagen." Diese Mythen und Deutungen weisen auf eine rieht ige psycho- 
logische Krkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß dio Personen, die sich von der 
Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Loben jene besondere Zuversicht 
zu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die nicht selten 
als heldenhaft erscheinet] und den wirklichen Erfeig erzwingen. 



VI. Die Trimmarbeit. 



k'genlieit, in dem es hieß, er besuche eine Wohnung, in der er 
7, w ei mal gewesen sei. Gerade dieser Patient hatte mir aber lä 



in der er schon 
längere 



Zeit vorher als Begebenheit aus seinem sechsten Lebensjahre erzählt. 
er habe damals einmal das Bett der Mutter geteilt und die Gelegenheit 
dazu mißbraucht, den Finger ins Genitale der Schlafenden einzuführen. 
Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, 
oft das Passieren von engen Bäumen oder den Aufenthalt im Wasser 
zum Inhalt haben, liegen Phantasien über das Intrautcrinleben, das 
Verweilen im Mutterleibe und den Geburtsakt zu Gruude. Im fol- 
genden gebe ich den Traum eines jungen Mannes wieder, der in der 
Phantasie schon die intrauterine Gelegenheit zur Beimischung eittoa 
Koitus zwischen den Eltern benutzt. 

Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in de in 
ein Pen st er ist wie im Semmeringtunnel. Durch die ms 
sieht er zuerst leere Landschaft und dann kompun iert 
er ein Bild hinein, welches dann auch sofort, da ist und 
die Leere ausfüllt. Das Bild stellt ein', B Aeker dar, 
der VOltt Instrument tief aufgewühlt wird, und die 
schöne Luft, die. Idee der gründliehen Arbeit, die da- 
bei ist. die blauseh warzen Schollen machen einen schönen 
Eindruck. Dann kommt er weiter, sieht eine Pädagogik 
un f geseh lagen ... und wundert sieh, daß den sexml 
len Gefühlen (des Kindes) darin soviel Aufmerksam- 
k Q i t geschenkt wird, wobei er an mich denken m u ß." 

Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer beson- 
deren Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender: 

In ihrem So in Hierauf ent hal t am **See stürzt sie sieh 
ins dunkle Wasser, dort, wo sieh der blasse Mund im 
W a s s e r spiegelt. 

Träume dieser Art sind Geburtst räume; zu ihrer Deutung ge- 
langt man,, wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte Tatsache 
umkehrt, also anstatt: sich ins Wasser stürzen. — aus dem W&sjaor 
herauskommen, d. h. : geboren werden*. Die Lokalität, aus der man 
geboren wird, erkennt man, wenn man an den mutwilligen Sinn von 
,1a lunc.'" im Pranzösisi-hen denkt. Der blasse Mond ist dann der weiß • 
Popo, aus dem das Kind hergekommen zu sein bald errät. Was soll 
es nun heißen, daß die Patientin sich wünscht, in ihrem Sonnm-r- 
aufenthalt ,. geboren zu werden"? Je.h befrage die Träumerin, die ohne 
zu zögern antwortet : Bin ich nicht durch die Kur wie neugeboren? 
£5o wird dieser Traum zur Einladung, die Behandlung an jenem 
S'oinmerortc fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält viel- 
leicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst 
Mutter zu werden**. 



* Cbcr die mythologische Bcdeulun™ der Wasscrgcburt sielio Itauk: I),t 
Mythus von der Geburt des Helden, 1901». 

** Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken iibr das Leben 
im Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie enthalten sowohl die 
Aufklärung für die sonderbare Angst so vieler Mensehen, lebendig begraben au 
verdeu, als auch die tiofste unbewußte Begründung des Glauben* au ein Fort- 



Geburtatrilume. 273 

Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung 
einer Arbeit von E.Jones: „Sie stand am Meeresufer und 
beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige 
zu sein schien, während er ins Wasser watete. Dies tat 
er so weit, bis das Wasser ihn bedeckte, so daß sie 
nur noch seinen Kopf sehen konnte, wie er sich an der 
Oberfläche auf und nieder bewegte. Die Szene ver- 
wandelte sich dann in die gefüllte Halle eines Ho- 
tels. Ihr Gatte verließ sie, und sie ,trat in ein Ge- 
spräch mit' einem Fremden." 

„Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei 
der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und An- 
knüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste 
Teil des Traumes war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den 
Träumen wie in der Mythologie wird die Entbindung eines Kindes 
aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels Umkehrung als Eintritt 
des Kindes ins Wasser dargestellt; neben vielen anderen bieten die 
Geburt de& Adonis, Osiris Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele 
hiefür. Das Auf- und N edertauchen des Kopfes im Wasser erinnert 
die Patientin sogleich an die Empfindung der Kindesbewegungen, 
welche aio während ihrer einzigen Schwangerschaft kennen gelernt 
hatte- Der Gedanke an den ins Wasser steigenden Knaben erweckt 
eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem 
Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und 
kleidete und schließlich in ihr Haus führte. 

„Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar. welche 
das Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen 
Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte des Traumes ent- 
spricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie. 
Außer der früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen 
in jeder Hälfte des Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das Kind 
in das Wasser und dann baumelt sein Kopf; in den zu Grunde 
liegenden Traumgedanken tauchen erst die Kindesbewegungen auf 
und dann verläßt das Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung). 
In der zweiter. Hälfte verläßt ihr Gatte sie; in den Traumgedanken 
verläßt sie ihren Gatten." (Übersetzt von O. Rank.) 

Einen weiteren Geburtstraum erzählt Abraham von einer jun- 
gen, ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von einer Stelle 
des Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal direkt ins 
Wasser (Geburtsweg — Fruchtwasser). Sie hebt eine Klappe im Fuß- 
hoden auf und sogleich erscheint ein in einen bräunlichen Pelz ge- 
kleidetem Geschöpf, das beinahe einem Seehund gleicht. Dieses Wesen 
entpuppt, eich als der jüngere Bruder der Träumerin, zu dem sie 
von jeher in einem mütterlichen Verhältnis gestanden hatte. 

Rank hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die Geburts- 
träume sich derselben Symbolik bedienen wie die Harnreizträumo. 

leben nach dem Tode, welches nur die Projektion in dio Zukunft dieses unheim- 
lichen Lebens vor der Geburt darstellt. Der Geburtsakt ist übrigens das 
erste Angsterlebnis und somit Quelle und Vorbild des Angst- 
af f ok tes. 

Fr«uJ, Traumdeutung, 7. Anfl. 18 



274 V1 - Die Traumnrbeit. 

Der erotische Reiz wird in ihnen als Harnreiz dargestellt; die Schich- 
tung der Bedeutung in diesen Traumon entspricht einem Bedeutungs- 
wandel des Symbols seit der Kindheit. 

Wir dürfen hier auf das Thema zurückgreifen, das wir S. 166 
abgebrocher. hatten, auf die Rolle organischer, schlafstürender Reize 
für die Traumbildung. Träume, die unter diesen Einflüssen zu Stande 
gekommen sind, zeigen uns nicht nur die Wunscherfüllungstendenz 
und den Bequemlichkeitscharakter ganz oTfen, sondern sehr häufig 
auch eine völlig durchsichtige Symbolik, da nicht selten ein Reiz 
zum Erwachen führt, dessen Befriedigung in symbolischer 
Einkleidung im Traume bereits vergeblich versucht 
worden war. Dies gilt für die Pollutionsträume wie für die durch 
Harn und Stuhldrang ausgelösten. Der eigentümliche Charakter der 
Pollutionsträume gestattet uns nicht nur gewisse, bereits als typisch 
erkannte, aber doch heftig bestrittene Sexualsymbole direkt zu ent- 
larven, sondern vermag uns auch zu überzeugen, daß manche schein- 
bar harmlose Traumsituation auch nur das symbolische Vorspiel einer 
grob sexuellen Szene ist, die jedoch meist nur in den relativ seltenen 
l'ollutionst räumen zu direkter Darstellung gelangt, während sie oft 
genug in einen Angsttraum umschlägt, der gleichfalls zum Erwache» 
führt. 

Die Symbolik der Harnreizträume ist besonders durchsichtig 
und seit jeher erraten worden. Schon Hippokrates vertrat die 
Auffassung, daß es eine Störung der Blase bedeutet, wenn man von 
Fontänen und Brunnen träumt ?H. Ellis). Scherner hat die Man- 
nigfaltigkeit der Harnroizsymbolik studiert und auch bereits behaup- 
te! , daß „der stärkere. Hanireiz stets in die Reizung der Gesehlechts- 

sphäre und deren symbolische Gebilde umschlägt Der Harn- 

roiztraum ist oft. der Repräsentant des Geschlechtstraumes zugleich". 

0. Rank, dessen Ausführungen in seiner Arbeit über die .,Sym- 
bolschiehtung im Wecktraum" ich hier gefolgt bin, hat es sehr wahr- 
scheinlich gemacht, daß eine große Anzahl von „Harnreizträumen" 
eigentlich durch sexuellen Reiz verursacht werden, der sich zunächst 
auf dem Wege der Regression in der infantilen Form der Urethral- 
erotik zu befriedigen sucht. Besonders lehrreich sind dann jene Fälle, 
in denen der so hergestellte Haanreiz zum Erwachen und zur Blasen- 
cntleerung führt, worauf aber trotzdem der Traum fortgesetzt wird 
und sein Bedürfnis nun in unverhüllten erotischen Bildern äußert*. 

In ganz analoger Weise decken die Darin reiz träume die 
dazugehörige Symbolik auf und bestätigen dabei den auch völker- 
psychologisch reichlich belegten Zusammenhang von Gold und Kot**. 

* „Die gleichen Symbolilarstolltinyon, die im infsntilen Sinne dem vcsikolrn 
Traume, zu Grunde, liefen, erscheinen im „rezenten" Sinne in exquisit sexueller 
Bedeutung: Wu-sser = Irin = Sperma = Gehurtswasser; Schiff = „schiffen" (uri- 
nieren) = Fruchtbehälter (Kasten); naß werden = Kuuresis = Koitus = Gravi- 
dität; schwimmen = l'riufüllo = Aufenthalt des L'n geborenen; Hegen = Uri- 
nieren = Bofrueutnngssymbai; Reisen (fahren = Aussteigen) = Aufstehen aus 
dem Bett = Geschlecht lieh verkehren (..fahren", Hochzeitsreise); Urinieren = 
»cxuolle Entleerung (Pollution) - '. (Bank 1. c.) 

"Freud. Charakter und Annlerotik; Rank. Die Svmbolschiclitung etc.- 
Dattnor, lulorn. Zeitschr. f. Psych. I, 1913: Reik, Intern. Zi-itscür. III, 1915. 



Harn- und Dormreiz. — RettungH- and liäubertrüunie. 275 

,.So träumt z. B. eine Frau zur Zeit, da sie wogen einer Darm- 
störung in ärztlicher Behandlung steht, von einem Schatzgräber, 
der in der Nähe einer kleinen Holzhütte, die wie ein ländlicher Abort 
aussieht, einen Schatz vergräbt. Ein zweiter Teil des Traumes hat 
zum Inhalt, wie sie ihrem Kind, einem kleinen Mädcrl, das sich 
beschmutzt hat, den Hintern abwischt." 

Den Geburtsträumen schließen sieh die Träume von „Ret- 
tungen" an. Retten, besonders aus dem W asser retten, ist gleich- 
bedeutend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird, modi- 
fiziert aber diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. (Siehe einen 
solchen Traum bei Pi'ister: Ein Fall von psychoanalytischer Seel- 
sorge und Seelenheilung. Evangelische Freiheit, 1909.) — Über das 
Symbol des ..Rcttens" vgl. meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen 
der psychoanalytischen Therapie. Zentralblatt f. Psychoanalyse, Nr. 1, 
1910, sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebcns, I. Über einen 
besonderen Tvpus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. Ps.-A. r 
Bd. II, 1910*: 

Die. Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen 
man sich vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegentlich 
den Schlafenden heimsuchen, entstammen einer und derselben infan- 
tilen Reminiszenz. Es sind die nächtlichen Besucher, die das Kind 
aus dem Schlafe geweckt haben, um es auf den Topf zu setzen, damit 
es das Betl nicht nässe, oder die die Decke gehoben haben, um sorg- 
sam nachzuschauen, wie es während des Schlafens die Hände hält. 
Aus den Analysen einiger dieser Angstträume habe ich noch die 
Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszierung bringen können. 
Der Räuber war jedesmal der Vater, die Gespenster werden wohl eher 
weiblichen Personen im weißen Naehtgewande entsprechen. 

/') Beispiele von Darstellungen- — Rechnen und Reden 

im Traume. 

Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden 
Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner 
Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche, teils das Zu- 
sammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils Be- 
weise für frei hingestellte Behauptungen nachfragen oder unabweisbare 
Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja in der vor- 
stehenden Darstellung der Traumarboit recht schwer geworden, meine 
Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die. einzelnen 
Salze sind nur im Zusammenhange- einer Traumdeutung beweiskräftig; 
aus dem Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und 
eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfang- 
reich, daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Illustrierung sie 
dienen soll, verlieren läßt. Dieses technische Motiv mag entschuldigen, 
wenn ich nun allerlei aneinanderreihe, was nur durch die Beziehung 
auf den Text des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird. 

* ferner Itnnk, Belege zur l<eltuu£splianta.=ie (Zentralblatt f. Ps.-A. I, )'.)10, 
p. 331): Reife, Zur Retbingwymboifk (ebenda, p. -1W): Hank. Die ..Cieliurts- 
relturigsplianta*ie" in Traum und Dichtung (Intern. Zeitschr, f. Psych. II, 1914) 

18« 



276 Vf - Die Traumnrbeit. 

Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von 
ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume- Im Traume einer Dame 
ht-ißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter wie 
zum Fensterputzen und hat einen Schimpansen und 
eine Gorillakatze (später korrigiert: Angorakatze) bei sich. 
Sit? wirft die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse 
schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekel- 
haft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches 
Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und 
nach ihrem Wortlaute darstellte. „Affe" wie Tiernamen überhaupt 
sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt, nichts anderes 
als „in it Schimpfworten um sich werfe n". Diese selbe Samm- 
lung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses ein- 
fachen Kunstgriffe.« bei der Traumarbeit bringen. 

Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit 
einem Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel 
hat; von diesem Kinde hat sie gehört, daß es durch 
die Lage im Muttorleibe so geworden. Man könnte den 
Schädel, sagt der Arzt, durch Kompression in eine 
bessere Form bringen, allein das würde dem Gehirn 
schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist, schadet es ihm 
weniger. — Dieser Traum enthält die plastische Darstellung des 
ah-trakten Begriffes: „Kindereindrücke", den die Träumerin in 
den Erklärungen zur Kur gehört hat. 

Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden 
Beispiel ein- Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug 
zum Hilmteieh bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter 
draußen: ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft das 
Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des Inhaltes 
ist minder direkt im Traume, als ich es bringe) Der Traum bedeutet 
„überflüssig'. Das Abstraktum, das sich in den Traumgedanken 
fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivek gemacht worden, etwa 
durch „überfließend" ersetzt oder durch „flüssig und überflüssig", 
und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur Dar- 
stellung gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den Wänden, 
Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und ,.über"- 
flüssig. — Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Ortho- 
graphie* weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade 
wundernehmen, wenn sich z. B. der Beim ähnliche Freiheiten ge- 
statten darf. In .einem weitläufigen von Rank mitgeteilten und .-".hr 
eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens wird erzählt, 
daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie schöne Gerste- und 
Kornähron abschneidet. Ein Jugendfreund kommt, ihr entgegen, und 
sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es 
sich um einen Kuß in Ehren handelt (Jahrb. II, p. 491). Die 
Ähren, die nicht abgerissen, sondern abgeschnitten werden sollen, 
dienen in diesem Traum als solche und in ihrer Verdichtung mit 
Ehre, Ehrungen zur Darstellung einer ganzen Reihe von an- 
deren Gcilanken. 



Beispiele von Durstelluiigcii im Traume. 277 

Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die Dar- 
stellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze 
Reihe von "Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret ge- 
meint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne ge- 
braucht werden. Der Traum braucht diesen Worten nur ihre frühere 
volle Bedeutung wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel des 
Wortes ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß 
sein Bruder in einem Kasten steckt; bA der Deutungsarbeit ersetzt 
sich der Kasten durch einen „Schrank" und der Traumgedanke 
lautet nun, daß dieser Bruder sich „einschränken" solle, ah seiner 
Statt nämlich. Ein anderer Träumer steigt auf einen Berg, von dem 
aus er eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat. Er identifiziert 
sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rundschau" herausgibt, 
welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten beschäftigt. 

In einem Traum des „Grünen Heinrieh" wälzt sich ein über- 
mütige** Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn aber „ein 
süßer Mandelkern, eine Kosine und ein neuer Pfennig" ist, „zu 1 
fcamir.cJi in rote Seide gewickelt und mit einem Endehen Schweins- 
borste eingebunden". Der Dichter (oder der Träumer) gibt uns sofort, 
die Deutuno dieser Traumdarstellung, denn das Pferd fühlt sich an- 
genehm gekitzelt, so daß es ruft: Der Hafer sticht mich. 

Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wortwitz- 
träum macht (nach Henzen) die altnordische Sagaliteratur, in der 
sich kaum ein Trawnbeispiel ohne Doppelsinn oder Wortspiel findet. 

Es wäro eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu 
bammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu 
ordnen. Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. 
Mau hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte, wenn 
der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte: 

1. Kin Mann träumt, mau frage ihn nach einem Namen, an 
den er sieh aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle 
heißen: Es fällt mir nicht im Traume ein. 

2. Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle han- 
delnden Personen Wsonders groß waren. Das will heißen, setzt sie 
hinzu, daß es sieh um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit 
handeln muß, denn damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so 
ungeheuer groß erschienen. Ihre eigene Person trat in diesem Traum- 
inhalt nicht auf. 

Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch 
anders ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht 
die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt am Endo 
eines langen Weges oder so, als ob man sie mit einem verkehrt ge- 
richteten Opernglas betrachten würde- 

3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdi ucks- 
weise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in ge- 
wissem Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben 
ein Zug ankomme- Dann werde aber der Perron an den stehen- 
den Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung des wirk- 
lichen Vorganges. Dieses Detail ist auch nichts andere: als ein In- 
des, der daran mahnt, daß etwas anderes im Trauminhalt umge- 



278 



VI. Die Traumarbeit. 



kehrt werden solle. Die Analyse desselben Traumes führt zu Erin- 
nerungen an Bilderbücher, in denen Männer dargestellt waren, die 
auf dem Kopfe standen und auf den Händen gingen. 

4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen 
Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel 
gibt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung 
hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße: Autoerotism ns. Ein 
Scherz im "Wachen hätte ebenso lauten können. 

5. Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das 
heißt: Er gibt ihr den Vorzug. 

C. Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser 
gegenüber : Er bringt sieh in Gegensatz zum Vater. 

7. Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines 
Knochenbruches. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstel- 
lung eines Ehebruches u- dgl. 

8. Die. Tageszeiten vertreten im Trauminhalt s.dir häufig Lebens- 
zeiten der Kindheit. So bedeutet z. B. um l /ß Uhr früh bei einem 
Träumer das Alter von 5 Jahren 3 Monaten, den bedeutungsvollen 
Zeitpunkt der Geburt eines jüngeren Bruders. 

!). Eine andere Darstellung von Lebenszeiten im Traume: 
Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 1V 4 Jahre auseinander 
sind. -- Die Träumerin findet keine Familie ihrer Bekanntschaft, 
für die da« zuträfe- Sie deutet selbst, daß beide Kinder ihre eigene 
Person darstellen, und daß der Traum sie mahnt, die beiden traumati- 
schen Ereignisse ihrer Kindheit seien um soviel voneinander entfernt. 
(3'/ 2 und 4»/ 4 J.) 

10. Es ist. nicht zu verwundern, daß Personen, die in psycho- 
analytischer Behandlung stehen, häufig von dieser träumen und alle 
die Gedanken und Erwartungen, die sie erregt, im Traume ausdrücken 
müssen. Das für die Kur gewählte Bild ist in der Regel das einer 
Fahrt, meist im Automobil, als einem neuartigen und kompli- 
zierten Vehikel ; im Hinweis auf die Schnelligkeit des Automobils 
kommt dann der Spott des Behandelten auf seine Rechnung. Soll das 
..Unbewußte" als Element der Waehgedanken im Traume Dar- 
stellung finden, so ersetzt es sich ganz zweckmäßigerweise durch 
„unterirdische" Lokalitäten, die andere Male, ganz ohne Be- 
ziehung zur analytischen Kur, den Frauenleib oder den Mutterleib 
bedeutet hatten. „Unten" im Traume bezieht sieh sehr häufig auf 
die Genitalien, das gegensätzliche „oben" auf Gesieht, Mund 
oder Brust- Mit wilden Tieren symbolisiert die Traumarbeit in 
der Regel leidenschaftliche Triebe, sowohl die des Träumers als auch 
die anderer Personen, vor denen der Träumer sich fürchtet, also mit 
einer ganz geringfügigen Verschiebung die Personen selbst, welche 
die Träger dieser Leidenschaften sind. Von hier ist es nicht weit 
zu der an den Totemismus anklingenden Darstellung des gefürch- 
teten Vaters durch böse Tiere. Hunde, wilde Pferde. Man könnte, 
sagen, die wilden Tiere dienen zur Darstellung der vom Ich ge- 
fluchteten, durch Verdrängung bekämpften Libido. Auch die Neu- 
rose selbst, die „kranke Person", wird oft vom Träumer abgespalten 
und als selbständige Person im Traume veranschaulicht. 



Beispiele vou Darstellungen im Traume. 279 

11- (H. Sachs.) „Aus der .Traumdeutung' wissen wir, daß die 
Trauma r bei t verschiedene Wege kennt, um ein Wort, oder eine Eede- 
wendung sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich z. B. den 
Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig ist, zunutze 
machen und, den Doppelsinn als .Weiche' benutzend, statt der ersten, 
in den Traumgedanken vorkommenden Bedeutung, die zweite in den 
manifesten Trauminhalt aufnehmen. 

„Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume ge- 
schehen, und zwar unter geschickter Benutzung der dazu tauglichen 
rezenten Tageseindrücke als Darstellungsmaterial. 

Ich hatte am Traumtago an einer Erkältung gelitten und des- 
halb am Abend beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich, während 
der Nacht nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich scheinbar nur 
meine Tagesarbeit fortsetzen; ich hatte mich damit beschäftigt, Zei- 
tungsausschnitte in ein Buch zu kleben, wobei ich bestrebt war, jedem 
-Ausschnitt den passenden Platz anzuweisen. Der Traum lautete: 

,Ich bemühe mich, einen Ausschnitt in das Buch zu 
kleben; er geht ah er nicht auf die Seite, was mir großen 
Schmerz verursacht-' 

Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des 
Traumes als realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch zwang, 
meinem Vorsatz untreu zu werden- Der Traum hatte mir als , Hüter 
dm Schlafes - die Erfüllung meines Wunsches, im Bette zu bleiben, 
durch die Darstellung der Worte ,er geht aber nicht auf die Seite' 
vorgetäuscht." 

Man darf geradezu sagen, die Traumarbeit bediene sich zur visu- 
ellen Darstellung der Traumgedanken aller ihr zugänglichen Mittel, 
ob sio der Wachkritik erlaubt oder unerlaubt erscheinen mögen, und 
setzt sich dadurch dem Zweifel wie dem Gespött aller jener aus, 
die von Traumdeutung nur gehört und sie nicht selbst geübt haben. 
An solchen Beispielen ist besonders das Buch von St ekel, ,.Die 
.Sprache des Traumes" reich, doch vermeide ich es, von dort die Be- 
lege zu entnehmen, weil die Kritiklosigkeit und technische Willkür 
des Autors auch den nicht in Vorurteilen Befangenen unsicher macht. 

12. Aus einer Arbeit von V. Tausk, Kleider und färben im 
Dienste der Traumdarstelluug (Int. Zeitschr. f. Ps.-A., II, 1914): 
o) A. träumt, er sehe seine frühere Gouvernante im schwarzen 

Lü sterkleid, das über dem Gesäß straff anliegt. — Das heißt, 

er erklärt diese Frau für lüstern. 
b) C sieht im Traum auf der X-er Landstraße ein Mädchen, von 

weißem Licht umflossen und mit einer weißen Bluse bekleidet. 
Der Träumer hat auf jener Landstraße mit einem Fräulein 

Weiß die ersten Intimitäten ausgetauscht, 
f) Frau D. träumt, sie sehe den alten Blasel (einen 80jährigen 

Wiener Schauspieler) in voller Rüstung auf dem Divan 

liegen- Dann springt er über Tische und Stühle, zieht seinen 

Degen, sieht sich dabei im Spiegel und fuchtelt mit dem Degen 

in der Luft herum, als kämpfe er gegen einen eingebildeten 

Feind 



2tf(J VI. Die Trautnorbeit. 

Deutung. Die Träumerin hat ein altes Blasenleiden. 
Sic liegt bei der Analyse auf dem Divan im 1 wenn sie sich in> 
Spiegel sieht, dann kommt sie sich insgeheim trotz ihrer Jahre und 
ihrer Krankheit noch sehr rüstig vor. 

13. Die ..große Leistung" im Traume. 
Der männliche Träumer sieht sich als gravides Weib im Bette 
liegend. Der Zustand wird ihm sehr beschwerlich. Er ruft aus: Da 
will ich doch lieber ... (in der Analyse ergänzt er, nach einer Er- 
innerung an eine Pflegeperson: Steine klopfen). Hinter seinem Bett 
hängt eine Landkarte, deren unterer Rand durch eine Holzleiste 
gespannt erhalten wird. Er reißt diese Leiste herunter, indem er 
sie an beiden Enden packt, wobei sie aber nicht quer bricht, sondern 
in zwei Längshälften zersplittert. Damit hat er sich erleichtert und 
auch die Geburt befördert 

Er deutet ohne Hilfe das Herunterreißen der Leiste als eine 
große „Leistung", durch welche er sich aus seiner anbehaglichen 
Situation (in der Kur) befreit, indem er sich aus seiner weiblichen 
Einstellung herausreißt. . . . Das absurde Detail, daß die Holzleiste 
nicht nur bricht, sondern der Länge nach splittert, findet seine Er- 
klärung, indem der Träumer erinnert, daß die Verdoppelung im Ver- 
ein mit der Zerstörung eine Anspielung auf die Kastration enthält. 
Der Traum stellt sehr häufig die Kastration im trotzigen Wunsch- 
gegensatz durch das Vorhandensein von zwei Penissymbolen dar. Die 
, .Leiste" ist ja auch eine den Genitalien naheliegende Körperregion. 
Er fügt dann die Deutung zusammen, er überwinde die Kastrations- 
drohung, welche ihn in die weibliche. Einstellung gebracht hat*. 

11. In einer von mir französisch durchgeführten Analyse ist ein 
Traum zu deuten, in dem ich als Elefant erscheine. Ich muß natür- 
lich fragen, wie ich zu dieser Darstellung komme. „Vous nie trom- 
pez", antwortet der Träumer, (trompe = Rüssel.) 

Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr 
sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene 
Verwertving sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume 
hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich 
fertige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was 
wie zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume 
noch später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt: 
..Staniol'. und nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius 
meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete 
Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wis- 
senschaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirk- 
lich auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer 
Name war im Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen. 

Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonder- 
barem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkens- 
wert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame 
erzählt: Tch kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt ge- 
träumt habe, der liebe Gott habe einen zugespitzten Pa- 

* Intern. ZeiUchr. f. Psych. II. 19H. 



Zihleu and Rcchuungen im Traun.». 28 L 

piorliut auf dem Kopl'c Einen solchen Hut pflegte man mir 
nämlich sehr oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die 
Teller der anderen Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem 
betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich gehört habe, Gott sei 
allwissend, so bedeutet der Traum, ich wisse alles auch trotz des 
aufgehetzten Hutes. 

Worin, die Traumarbeit besteht, und wie sie mit ihrem Material, 
den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an 
den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vor- 
kommen. Gctränmte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als be- 
sonders verheißungsvoll. Ich werde aho einige Beispiele solcher Art 
aus meiner Sammlung heraussuchen. 

I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur: 
Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt 

ihr 3 0« 66 kr- aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was tust 
du? Es kostet ja nur 2! kr. Diese? Stückchen Traum war mir 
durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung ihrer- 
seits versländlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter 
in einem Wiener Erziehungsinstilut \int ergebracht hatte und meine 
Behandlung fortsetzen konnte, solange ihre Tochter in Wien blieb. 
In divi Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch 
die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorstcheiin 
nahegelegt, ob sie sich nicht entschließ:'!) könnte, das Kind noch ein 
weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese 
Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem Falle auch die Be- 
handlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf bezieht sich nun 
der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei Wochen 
bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich ersetzen 
durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele Behandlungsstunden'). 
Die Zahlen, die in den TraumgeJauken bd Zeiten standen, werden 
im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit, ein tieferer 
Sinn zum Ausdruck käme, denn „Timo is money". Zeit hat Geld- 
wert. 3ti5 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die 
Kleinheit der im Traume erseheinenden Summen ist offenkundige 
Wtinseherfüllung: der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie 
des Lehrjahres im Institut verkleinert. 

II. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem 
anderen Traume. Eine junge »bor schon seit einer Reihe von Jahren 
verheiratete Daine erfährt, daß eine ihr fast gleich alterige Bekannt«, 
Elise L-i sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie sitzt 
mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts 
ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L» und 
ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber 
nur schlechte Sitze, bekommen. 3 für 1 11. 50 kr., und die 
konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch 
kein Unglück gewesen. 

Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indiffe- 
renten Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne 
150 fl. zum Geschenk bekommen und sieh heilt, sie los zu werden, 
indem sie sich einen Sehmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken» 



282 VI - Die Traumarbeit. 

daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. ist. Woher die 3» die bei den 
Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung, 
daß die Braut um ebensoviel Monate — drei — jünger ist als sie. 
Zur Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der 
Zug im Traume, daß eine Seite, des Parketts leer bleibt, bedeuten 
kann. Derselbe, ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine 
Begebenheit, die ihrem Mann guten Grund zur Neckerei gegeben hat. 
Sie hatte sich vorgenommen, zu einer der angekündigten Theater- 
vorstellungen der Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere 
Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaul'sgebühr zu zahlen 
hatte. Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die oine 
Seite des Hauses fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich 
so sehr zu beeilen. 

Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: 
„Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hatte es nicht 
nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der Elise L. 
sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und 
zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur ge- 
wartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). Drei 
solche Männer hatte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!" 
AV'ir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen 
in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang verändert 
haben als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und Entstel- 
lungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so 
deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein be- 
sonders hohes Maß von inneq>sychischem Widerstand zu überwinden 
hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume ein 
absurdes Element enthalten ist. nämlich daß zwei Personen drei 
Sit.ZB nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im 
Trauma über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des 
Trauminbaltes den meist betonten der Traumgedanken darstellen soll: 
Ein Unsinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz neben- 
sächlichen Beziehung der beiden verglichenen Personen enthaltene 
3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur Produktion 
des für den Traum erforderlichen Unsinns verwendet worden. Die 
Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr. entspricht der Ge- 
ringschätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unterdrückten 
G( danken der Träumerin. 

III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes 
vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: 
Er sitzt bei B... (einer Familie, seiner früheren Bekanntschaft) 
und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali 
nicht gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: 
W i e a 1 1 s i n d S i e d e n n ? Antwort: Ich bin 1882 geboren. 
— Ah. dann sind Sie 28 .1 a h r e alt. 

Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar 
schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der 
des Paralytikers an die Seite gestellt, werden, wenn sie sieh etwa 
nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen, 
deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen 



Zahleu und Rechnuugen im Traume. 283 

können- Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige 
.Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete, 
nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich 
sein wollte. Diese war es. deren Alter er auf 28 Jahre schätzte. 
Soviel zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren Rechnung. 
1882 war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht 
unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen, 
die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs 
jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Türe zu öffnen 
pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulieh fand, sich die 
Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „ge- 
setzt e u" Herrn. 

IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige De- 
terminierung oder vielmehr Cberdeterminierung ausgezeichnet ist, ver- 
danke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner: 

„Mein Hausherr, Sicherheitswaehmann in Magistratsdiensten, 
träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung 
ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen 
die Nummer 22 und 62 oder 26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere 
Zweier draufgewesen. Schon die Zeitteilung der Zahl '22C>2 bei der 
Wiedergab"» det Traumes läßt darauf schließen, daß die Bestandteile 
eine gesonderte Bedeutung haben. Sie hätten gestern im Amt über 
die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab 
ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei. Der 
Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, 
um eine 90°oige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun 
zuerst die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektors- 
rang, vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er 
selbst, er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblings- 
wunsch, hat seine 2 Jahre, und 2 Monate abgedient und kann nun 
wie der 62jährige Inspektor mit voller Pension aus dem Amte 
scheiden*". 

Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele zu- 
sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt 
nicht, weder richtig noch falsch ; sie fügt nur Zahlen, die in den Traum- 
gedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht larsteilbares 
Material dienen können, in der Form einer Rechnung zusammen. Sie .- 
Ichandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen Weise als Material 
zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen Vorstellungen, wie 
auch die Namen und die als Wortvorstellungen kenntlichen lteden. 

Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. 
Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag. 
die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt 
uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich 

• Analysen von anderen Zahlenträumen siehe bei Juug, Maroinowski 
u. a. Dieselben setzen oft sehr komplizierte Zahlenoperationen voraus, die aber 
vom Träumer mit verblüffender Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch Jones, 
„Cber unbewußte Zahnbehandlung" (Zentralbl. f. Ps.-A. II. 1912. p. -11 f.;. 



28-1 



VI. Dia Tr.iumarbut. 



f 



geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat 
und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist, Er hat .sie nicht nur 
aus ihrem Zusammenhange gerissen und zerstüekt, das eine Stüek 
aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen- 
gefügt, so daß die zusammenhängend scheinend.- Traumrede hei der 
Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung 
hat er oft den .Sinn, den die Worte in den Trauingedan ken halten. 
bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn ab- 
gewonnen*. 'Bei nähcrem Zusehen unterscheidet man an der Traum- 
<rede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Binde- 
mittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir aus- 
gelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traum- 
rode. hat so den Aufbau eines Breceiengesteins. in dem größere Brocken 
verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwisehenmasse zusam- 
mengehalten werden. / 

In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur 
für jene Beden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der 
Bede haben und als ..Reden" beschrieben werden. Die anderen, die 
nicht, gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine 
akustische, oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind 
einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denktätigkeit vor- 
kommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das in- 
different gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die Lektüre 
eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle abzugeben. 
Alles aber, wa-- im Traume als Rede irgendwie auffällig hervortritt, 
unterwirft sieh der Zurüekführung auf reale, selbst gelialtene oder 
gehörte Red-. 

Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir 
bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen 
Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem ., harmlosen Markt- 
traum" auf S. 128, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu 

* In der gleichen Weise wie der Traum verführt auch die Neurose. Ich 
kenne eine l'alienlin, die daran leidet, <\.\Ü sie Lieder oJor Stücke vun solchen 
unwillkürlich und widerwillig hört (halluziniert), ohne deren Bedeutung für ihr 
Seelenleben verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die 
Analyse zeigt da&n, daß nie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen miß- 
bräuchlich verwendet, hat. „Leise, leise, fromme Weise". Das bedeutet für ihr 
Unbewußtes ; Froinnio Waise, und diese ist sie selbst. „U du selige, o du fröh- 
liche" ist der Anfang eines Weihnachlslicdes; indem sie es nicht bis zu ., Weih- 
nachtszeit" fortseLzt, macht sie daraus ein Braut Med u. dgl. — Derselbe Ent- 
stellungsmeclianismus kann sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Ein- 
fall durchsetzen. Warum wird eiuer meiner Patienten von der Erinnerung an ein 
Bedient heimgesucht, das er in jungen Jahren lernen mußte: 

„Nächtlich am Busento lispeln . . . .'" 
Weil sich seine Phantasie mit einem Stück diese* Zitats: 

..Nachtlich am Busen" begnügt. 
Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen Technik 
nicht, verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter" brachten einst unter ihren Illustra- 
tionen zu deutschen „Klassikern" auch ein Bild zum Sc hi 1 1 e r sehen „Siegesfosf, 
zu dem das Zitat vorzeitig abgeschlossen war. 

.,1'nd des frisch erkämpften Weibes 

Freut sieh der Atrid und stricll ". 
(Fortsetzung: l'm den Reiz des schönen Leib » 

Seine Arme hochbeglückt). 



Reden im Traum. '2:0 

]i aben. dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu Identifizieren, 
während ein Stück der anderen Rede: Das kenne, ich nicht, das 
nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harm- 
los zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend 
welche Zumutung ihrer Küchin mit den Worten zurückgewiesen: 
Das kenne ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun 
von dieser Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum 
genommen, um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in 
die Phantasie, welche dem Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, 
aber dieselbe auch verraten hätte. 

Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche 
ergeben : 

Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. 
Er sagt: Da geh' ich weg, das kann ich nicht sehen- (Keine 
deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauerbubcn und 
fragt: ,.Na, hat's geschmeckt?" Der eine antwortet): Na, 
not gut war's. Als ob es Menschenfleisch gewesen wäre. 

Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht 
nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven, 
aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreundliche 
alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und nötigt 
ihn (mau gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein zusammen- 
gesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab, 
er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehen's weg, das werden Sie 
noch vertragen" oder so ähnlich. Er muß also kosten und rühmt 
dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut" Mit seiner Frau 
wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit 
der Nachbarin als auch über die Qualität der gekosteten Speise. 
,.Das kann ich nicht seilen," das auch im Traume nicht als eigent- 
liche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen 
Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß 
er diese zu schauen nicht begehrt. 

Lehrreicher wird sieh die Analyse eines anderen Traumes ge- 
stalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel- 
punkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Wür- 
digung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr 
klar: Ich bin nachts ins Brückesche Laboratorium ge- 
gangen und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür 
dem (verstorbenen) Professor Fleischl, der mit mehreren 
Fremden eintritt und sich nach einigen Worten an 
seinen Tisch setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund 
Fl. ist im Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich 
begegne ihm auf der Straße im Gespräche mit meinem 
(verstorbenen) Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, 
wo sie einander wie an einem kleinen Tische gegenüber- 
sitzen, ich an der schmalen Seite des Tischchens vorn. 
Fl- erzählt von seiner Schwester und sagt: In drei- 
viertel Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das 
ist die Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich 
Fl. an mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen 



286 *'i Die Traomarbeit. 

ich P. denn mitgeteilt habe. Darauf ich. von merkwür- 
digen Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P. 
(ja gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Leben 
ist- Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: Non 
vixit. Ich sehe dann P. durchdringend an, unter mei- 
nem Blicke wird er bleich, verschwommen, seine Augen 
weiden krankhaft blau — und endlich löst er sich auf. 
Ich bin ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß 
auch Ernst Fleischt nur eine Erscheinung, ein Revenant 
war, und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche 
Person nur so lange besteht, als man es mag, und daß 
sie durch den Wunsch des anderen beseitigt werden kann. 

Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt 
rätselhaften Charaktere, — die Kritik während des Traumes selbst, 
daß ich meinen Irrtum, Xon vixit zu sagen anstatt Xon vivit, selbst 
bemerke; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum 
selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und 
die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, — daß ich „für mein 
Leben gern" die volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich 
bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun — was ich nämlich im 
Traume tue — die Rücksieht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz 
aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte 
Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So begnüge ich mich denn, 
zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes 
zur Deutung herauszugreifen. 

Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. 
durch einen Blick vernichte- Seine Augen werden dabei so merk- 
würdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene 
ist die unverkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war 
Demonstrator am physiologischen Institut, hatte den Dienst in den 
Frühstunden, und Brücke halte erfahren, daß ich einigemal zu spit 
ins Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünkt- 
lich zur Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg 
und bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte un. Das Über- 
wältigende waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er 
mich ansah, und vor denen ich verging — wie P. im Traume, der 
zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sieh an 
die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen des großen 
Meisters erinnern kann und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich 
in die Affekte des jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen 
können 

Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Xon vixit" ab- 
zuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich mich be- 
sann, daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern 
als gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann 
wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser 
.losef-Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu. 
lesen : 

Salut i patriae vixit 
non diu sed totus. 



Der Traum ,Koa vixit". 287 

'Aus. dieser Inschrift hatte ich hcrausgeklaubt, was zu der einen feind- 
seligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was 
heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja 
gar nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige 
Tage nach der Enthüllung des Fl eise hl -Denkmals in den Arkaden 
der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denkmal 
Brückes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern 
erwogen haben muß, wie mein hochbegabter und ganz der Wissen- 
schaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod beinen be- 
gründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren. 
So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund F. hieß 
mit dem Vornamen Josef*. 

Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer 
nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch non vixit, 
das mir die Erinnerung an das Josefs-Monument zur Verfügung stellt, 
zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch 
seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf 
achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche 
Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die 
erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen 
Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um 
die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denk- 
mal; aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat 
(der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichtete ich 
ihn. Ich habe da einen Satz von ganz besonderem Klange, gebildet, 
bei dem mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur 
cino ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier ent- 
gegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den An- 
spruch erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht 
stören wollen? An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser 
tief einprägt; in der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shake- 
speares Julius Cäsar: „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um 
ihn; weil er glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer war, .ehr' 
ich ihn, aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn" Ist das 
nicht der nämliche Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem 
Traumgedanken, den ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus 
im Traume. Wenn ich nur von dieser überraschenden Kollateral- 
verbindung noch eine andere bestätigende Spur im Trauminhalt auf- 
finden könnte! Ich denke, dies könnte folgendes sein: Mein Freund 
Fl. kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit findet, gar keine 
Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat Juli meines 
Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat Juli ist nach 
Julius Cäsar benannt und könnte darum sehr wohl die. von mir 
gesuchte Anspielung auf den Zwischengedanken, daß ich den Brutus 
spiele, vertreten**. 



* Als Beitrag zur Cberdeterniiuierung: «Heine Entschuldigung für mein Zu- 
spätkommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten 
"Weg von der Kaiser 3 osef -Straße in die Währiugerstruße zu machen hatte. 
♦♦Dazu noch Cäsar-Kaiser. 



288 VI - r>ie Tranmarbeit. 

Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus 
gespielt. Ich haba die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Ge- 
dichten vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar 
als 14jährigcr Knabe im Verein mit meinem um ein Jahr alleren 
Neffen, der damals aus England zu uns gekommen war, — auch so 
ein Revenant — denn es war der Gespiele meiner ersten Kinder- 
jahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten 
dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander ge- 
liebt und miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat. wie 
ich schon einmal angedeutet, überall meine späteren Gefühle im 
Verkehre mit Altersgenossen entschieden. Mein Neffe John hat seit- 
her sehr viele Inkarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite 
seines in meiner unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten 
Wesens wiederbelebton. Er muß mich zeitweilig sehr schlecht be- 
handelt haben, und ich muß Mut bewiesen haben gegen meinpn Ty- 
rannen, denn es ist mir in späteren Jahren oft eine kurze Recht- 
fertigungsrede wiedererzählt worden, mit der ich mich vereidigte, 
als mich der Vater — sein Großvater — zur Rede stellte: Warum 
schlägst du den John? Sie lautete, in der Sprache des noch nicht 
Zweijährigen: Ich habe ihn ge(sch)lagt, weil er mich gc- 
(sch)lagt hat. Diese Kinderszene muß es sein, die non vivit zum 
non vixit. ablenkt, denn in der Sprache späterer Kinderjahre heißt 
ja das Schlagen — Wichsen; die Traumarbeit verschmäht es 
nicht, s'ich solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität 
so wenig begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P., der mir 
vielfach überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kinder- 
gespiclen abgeben könnt«, geht sicherlich auf die komplizierte in- 
fantile Beziehung zu John zurück- 

Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen. 

g) Absurde Träume- Die intellek tuellcn Leistungen im 

Traume. 

Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das 
Element der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die 
Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, 
und was es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität 
der Träume den Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot, 
um im Traume nichts anderes als ein sinnloses Produkt einer redu- 
zierten und zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen. 

Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des 
Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in 
den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einigo Träume, 
die — wie man zuerst meint, zufällig — vom toten Vater handeln. 

I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren 
verloren : 

Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er 
ist mit dem Nachtzuge gefahren, da ist eine Entgleisung 
erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm ist 
dor Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht ihn 



Absurde Traume. 289 

dann auf dorn Bette liegen, mit einer Wunde über dem 
Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er wun- 
dert sich darüber, daß der Vater verunglückt ist (da 
er doch schon tot ist. wie or bei der Erzählung ergänzt). Die 
Augen sind so klar. 

Nach der herrschenden Beurteilung' der Träume hätte man sich 
diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst, während 
er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß dieser schon 
seit Jahren im Grabe ruht ; im weiteren Verlaufe des Träumens wacht 
diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er sich über den eigenen 
Traum noch selbst träumend verwundert. Die Analyse lehrt aber, 
daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen Erklärungen zu greifen. 
Der Träumer hatte bei einem Künstler eine Büste des Vaters be- 
stellt, die er zwei Tage vor dem Traume in Augenschein genommen 
hat. Diese ist es, die ihm verunglückt vorkommt. Der Bild- 
hauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet nach ihm vorgelegten 
Photographien. Am Tage vor dem Traume selbst hat der pietätvolle 
Sohn einen alten Diener der Familie ins Atelier geschickt, ob auch 
der dasselbe Urteil über den marmornen Kopf fällen wird, nämlich 
daß er zu schmal in der Querrichtung von Schläfe zu Schläfe 
ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungsmaterial, das zum Auf- 
bau dieses Traumes beigetragen hat. Der Vater hatte die Gewohn- 
heit, wenn geschäftliehe Sorgen oder Schwierigkeiten in der Familie 
ihn quälten, sich beide Hände gegen die Schläfen zu drücken, als ob 
er seinen Kopf, der ihm zu weit würde, zusammenpressen wollte. — 
Als Kind von vier Jahren war unser Träumer zugegen, wie Üas 
Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater die Augen 
schwärzte (die Augen sind so klar). — An der Stelle, wo der 
Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende, wenn er 
nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche zur Schau. 
Daß diese Furche im Traume durch eine Wunde ersetzt ist, deutet 
auf die zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer hatte 
sein kleines Töchterchen photographiert; die Platte war ihm aus der 
Hand gefallen und zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der wie 
eino senkrechte Furche über die Stirn der Kleinen lief und bis zum 
Augenbrauenbogen reichte- Da konnte er sich abergläubischer Ahnun- 
gen nicht erwehren, denn einen Tag vor dem Tode der Mutter war 
ihm die photographische Platte mit deren Abbild gesprungen. 

Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer 
Nachlässigkeit dos sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die 
Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle 
gewohnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich 
wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver- 
meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung 
urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität 
ist ein zugelassener oder gewollter. 

IL Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen 
Träumen (ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren): 

Der Vater hat nach seinem Tode eine politische 
P.ollo bei den Magyaren gespielt, sie politisch ge- 

Ptiüil, Traumdeutung, T. Aufl. 19 



290 VI. Die Trimmarbeit. 

einigt, wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Men- 
schenmenge wie im Reichstage; eine Person, die auf 
einem oder auf zwei Stühlen steht, andere um ihn her- 
um. Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette 
Garibaldi so ähnlich gesehen hat, und freue mich, daß 
diese Verheißung doch wahr geworden ist- 

Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die 
Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen 
Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloraaa 
Szell sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume 
gesehene Szene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Be- 
deutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle 
Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den 
Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traumbild ist aber die 
Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte Öster- 
reichs eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem 
Reichstage von Preßburg darstellt, die berühmte Szene des „Moriamur 
pro rege nostro"*. Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der 
Vater von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei 
Stühlen, also als S«tuhlrichter. (Er hat sie geeinigt; — hier ver- 
mittelt die Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß 
er auf dem Totenbette Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Um- 
stehenden wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatur- 
steigerung, seine Wangen glühten rot und röter - - - unwillkürlich 
setzen wir fort: Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns 
alle bändigt, das Gemeine. 

Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß 
wir gerade mit dem „Gemeinen" zu tun bekommen sollen. Das „post- 
mortale" der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach 
seinem Tode" im Trauminhalt- Das Quälendste seiner Leiden war 
die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Wochen ge- 
wesen. An diese knüpfen sich allerlei unehrerbietige Gedanken an. Einer 
meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor, 
bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft 
antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerze einer Ver- 
wandten, deren Vater auf der Straße gestorben und nach Hause ge- 
bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche 
fand, daß im Moment des Todes oder postmortal eine Stuhl- 
entleerung stattgefunden hatte. Die Tochter war so tief unglücklich 
darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die Erinnerung an den Vater 
stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche vorgedrungen, 
der sieh in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode reini 
und groß vor seinen Rindern dastehen, wer möchte das 
nicht wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten?- 

* Ich weil! Hiebt mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt ge- 
funden hal>\ in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als 
dosBon Quelle sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte, die der 
Träumer bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl 
Hehr kleiner Figuren; eine Reihe derselben behandelt die Greuel des Dreißig- 
jährigen Kriege«. 



Absurde Traume vom toten Vater. 29t 

Ihr Anschein ist nur dadurch zu Stande gekommen, daß eine völlig 
zulässige Redensart, bei welcher wir gewohnt sind, über die Absur- 
dität hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein 
mag, im Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir 
den Eindruck nicht abweisen, daß der Ansehein dor Absurdität ein 
gewollter, absichtlich hervorgerufener ist*. 

III. In dem Beispiel, das ich jetzt, anführe, kann ich die Traum- 
arbeit dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material 
gar kein Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, 
den mir die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Eerial- 
reiso eingegeben hat. Ich fahre in einem Einspänner und 
gebe Auftrag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der 
Bahnstrecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen 
fahren", sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht, 
als ob ich ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als 
wäro ich schon eine Strecke mit ihm gefahren, die man 

* Dio Häufigkeit, mit welcher im Traume lote Personen wie lebend auf- 
treten, handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührliche Verwunderung 
hervorgerufen und Bonderbare Erklärungen erzeugt aus denen unser Unverständnis 
für den Traum sehr auffällig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieser Träume 
eine sehr naheliegende. Wie oft kommen wir in die Lage uns zu denken: Wenn 
der Vater noch leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses Wenn kann der 
Traum nicht anders darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten 
Situation. So träumt z, B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe 
hinterlassen liat, bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geld- 
ausgabe, der Großvater sei wieder am Leben und fordere Rechenschaft von ihm. 
Was wir für die Auflehnung gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem 
besseren Wissen, daß der Mann doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der 
Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu erleben brauchte, oder die Be- 
friedigung darüber, daß er nichts mehr dreinzureden hat. 

Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten Angehörigen, 
findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der äußersten Ablehnung, 
der Darstellung eines verdrängten Gedankens, den man gerne als das Allorundenfc- 
barste hinstellen möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man_ 
sich erinnert, daß der Traum zwischen Gewünschtem und Healum keinen Unter- 
schied macht. So träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit 
gepflegt und unter dessen Tod schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden 
unsinnigen Traum: Der Vater war wieder am Leben und sprach mit 
ihm wie sonst, aber (das Merkwürdige war), er war doch gestorben, 
und wußte es nur nicht. Man vorsteht diesen Traum, wenn man nach „er 
war doch gestorben" einsetzt: infolge des Wunsches de« Träumers und 
zu „er wußte es nicht" ergänzt: daß der Träumer diesen Wunsch hatte. 
Der Sohn hatte während der Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht, 
d. h, den eigentlich crbarmungsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch 
endlich dieser Qual ein Ende machen. In der Trauer nach dem Todo wurdo 
selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten Vorwurf, als ob er durch- 
ihn wirklich beigetragen hätte, das Leben des Kranken zu verkürzen. Durch Er- 
weckung der frühinfantilsten Regungen gegen den Vater wurdo es möglich, diesen 
Vorwurf als Traum auszudrücken, aher gerade wegen d»r weiten weiten Gegensätz- 
lichkeit zwischen dem Traumerrcger und dem Tagosgednnkcn mußte dieser Traum' 
so absurd ausfallen. (Vgl. hiezu : Formulierungen über die zwei Prinzipien des 
seelischen Geschehens. Jahrbuch f. Ps.-A. HI, 1911.) 

Dio Träume von geliebten Toten stellen der Traumdeutung überhaupt schwie- 
rige Aufgaben, deren Lösung nicht immer befriedigend gelingt. Don Grund hiefür 
mag man in der besonders stark ausgeprägten Gcfühlsambivalenz suchen, welche 
das Verhältnis des Träumers zum Toten beherrscht. Es ist sehr gewöhnlich, daß- 
in solcheu Träumen der Verstorbene zunächst als lebend behandelt wird, daß e» 

19» 



JJ92 Vt Die TrzuninrbeiL 

sonst mit der Bahn fährt. Zu dieser verworrenen und un- 
sinnigen Geschichte gibt die Analyse folgende Aufklärungen: Ich 
hatte am Tage einen Einspänner genommen, der mich nach Dem- 
nach in eine entlegene Straße führen sollte. Er kannte aber den 
Weg nicht und fuhr nach Art dieser guten Leute immer weiter, 
bis ;ch es merkte, und ihm den Weg zeigte, wobei ich ihm einige 
spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von diesem Kutscher spinnt 
sich eine Gedankenverbindung zu den Aristokraten an, mit der ich 
später noch zusammentreffen werde- Vorläufig nur die Andeutung, 
daß uns bürgerlichem Plebs die Aristokratie dadurch auffällig wird, 
daß sie sich mit Vorliebe an die Stelle des Kutschers setzt. Graf 
Thun lenkt ja auch den Staatswagen von Österreich. Der nächste 
Satz im Traume bezieht sich aber auf meinen Bruder, den ich also 
mit dem Einspännerkutscher identifiziere. Ich hatte ihm heuer die 
gemeinsame Italienfahrt abgesagt („Auf die Bahnstrecke selbst kann 
ich mit Ihnen nicht fahren"), und diese Absage war eine Art Be- 
strafung für seine sonstige Klage, daß ich ihn auf diesen Reisen 
zu übermüden pflege (was unverändert in den Traum gelangt), 
indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung, zu viel des Schönen an 
einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte mich an diesem Abend zum 
Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher bei der Stadtbahnstation 
Westbahnhof ausgesprungen, um mit der Stidtbahn nach Purkersdorf 
zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er könne noch eine Weile länger 
bei mir bleiben, indem er nicht mit der Stadtbahn, sondern mit der 
West bahn nach Purkersdorf fahre. Davon ist in den Traum gekom- 
men, daß ich mit dem Wagen eine Strecke gefahren bin, die man 
sonst mit der Bahn fährt. In Wirklichkeit war es umgekehrt 
(und , .Umgekehrt ist auch gefahren''); ich hatte meinem 
Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit der Stadtbahn fährst, kannst 
du auch in meiner Gesellschaft in der Westbahn fahren. Die ganze 
Traumverwirrung richte ich dadurch an, daß ich anstatt ..Stadtbahn" 
— „Wagen" in den Traum einsetze, was allerdings zur Zusammen- 
ziehung des Kutschers mit dem Bruder gute Dienste leistet. Dann 
bekomme ich etwas Unsinniges heraus, was bei der Erklärung kaum 
entwirr bar scheint, und beinahe einen Widerspruch mit einer früheren 
Rode von mir (,.Auf dio Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht 
fahren 1 ') herstellt. Da ich aber Stadtbahn und Einspännerwagen über- 

daua plötzlich heißt, er sei toi, und daß er in der Fortsetzung: des Traumes doch 
wieder lobt. Das wirkt verwirrend. Ich habe endlieh erraten, daß dieser Woohsol 
von Tod und Leben dio Gleichgültigkeit des Träumers darstellen soll (,,Es 
ist mir dasselbe, ob er lebt oder gestorben ist"). Natürlich ist diese Gleich- 
gültigkeit keine reale, sondern eine gewünschte, sie soll die sehr intensiven, 
oft gegensätzlichen Gefühlseinstcllungen des Träumers verleugnen helfen, und 
wird eo zur Trauuidarstcllung seiner Ambivalenz. Für andere Träume, in 
denen man mit Toten verkehrt, hat oft folgende Regel orientierend gewirkt: 
Wenn im Traume nicht daran gemahnt wird, daß der Tote — tot ist. so stellt 
sieh der Träumer dem Toten gleich, er träumt von seinem eigenen Tod. Dio 
[•liitzlich im Traume auftretende Besinnung oder Verwunderung: Aber der ist 
ja langst gestorben, ist eine Verwahrung getreu diese Gemeinschaft und lehnt 
diu Todosbedetltung für den Träumer ab. Aber ich gestehe den Eindruck zu, 
daß dio Traumdeutung Träumen dioses Inhaltes noch liinge nicht alle ihre Ge- 
heimnisse entlockt liat. 



Die Absicht der Absurdität. 293 

haupt nicht zu verwechseln brauche, muß ich diese ganze rätselhafte 
Geschichte im Traume absichtlich so gestaltet haben. - 

In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die 
Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zuge- 
lassen oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im vor- 
liegenden Falle ist folgende: Ich brauche im Traume eine Absurdität 
und etwas Unverständliches in Verbindung mit dem ..Fahren", weil 
ich in den Traumgedanken ein gewisses Urteil habe, das nach Dar- 
stellung verlangt. An einem Abend bei jener gastfreundlichen und 
geistreichen Dame, die in einer anderen .Szene des nämlichen Traumes 
als „Haushälterin" auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich 
nicht auflösen konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, 
machte ich mit meinen erfolglosen Bemühungen, die Lösung zu 
finden, eine etwas lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit 
„Nachkommen" und ..Vorfahren". Sic lauteten, glaube ich. so: 

Der Herr befiehlt's, 
Der Kutscher tut's. 
Ein jeder hat's, 
Im Grabe ruht's. 

(Vorfahren) 

Verwirrend wirkte es, daß das zweite Bätsei zur einen Hälfte 
identisch mit dem ersten war: 

Der Herr befiehlt's, 
Der Kutscher tut's. 
Nicht jeder hat's, 
In der Wiege ruht's. 

(Nachkommen.) 

Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren 
sah, in die ..Fi garo"-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen 
Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren 
zu werden (Nachkommen zu sein;, wurden diese beiden Rätsel zu 
Zwischengedankon für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht 
mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher 
einmal in unseren Landen „Herr Schwager" zu sagen pflegte, konnte 
die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung ein- 
beziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat. lautet: 
Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein. 
Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. Wegen 
dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt 
löst sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß 
ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon 
vorgefahren. 

Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum- 
gedanken als eines der Elemente des Inhaltes das Urteil vorkommt: 
Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der 
unbewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde 
wird somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den 
Widerspruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung 



2J)4 VI - D ' 8 TraumnrbelL 

zwischen Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der 
motorischen Hcmmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist 
aber nicht mit einem einfachen „Nein" zu übersetzen, sondern soll 
die Disposition der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit 
dem Widerspruch zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht 
liefert die Traumarbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier wie- 
derum ein Stück des latenten Inhaltes in eine in ani feste 
Form* 

Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher 
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Ana- 
lyse gedeutete Traum von der Wagner Vorstellung, die bis morgens 
3 / 4 8 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert 
-wird usw. (siehe S. 234), will offenbar besagen : Das ist eine ver- 
drehte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer 's verdient, 
den trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat's, 
womit sie ihr Schicksal im Vergleiche zu dem ihrer Cousine meint. 
— Daß sich uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zu- 
machst solche vom toten Vater dargeboten haben, ist auch keines- 
wegs ein Zufall. Hier finden sich die Bedingungen für die Schöp- 
fung absurder Träume in typischer Weise zusammen. Die Autorität, 
•dio dem Vater eigen ist, hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervor- 
gerufen; die strengen Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind 
veranlaßt, zu seiner Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters 
scharf zu achten; aber die Pietät, mit der die Person des Vaters 
besondere nach seinem Tode für unser Denken umgeben ist, verschärft 
dio Zensur, welche die Äußerungen dieser Kritik vom Bowußtwerdcn 
abdrängt. 

IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater: 
Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner 
■Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten für eine Un- 
terbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen eines An- 
falles bei mir notwendig war. Ich mache mich darüber 
lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben, 
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, 
schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf 
dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Über- 
raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal 
betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden 
mußte. Es war, als er für das Haus T. . . . gearbeitet. 
Du hast also auch getrunken, frage ich. Bald darauf 
hast du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren 
bin, was mir als unmittelbar folgend vorkommt 

* Die Traumarbeib parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Ge- 
danken, indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So ähn- 
lich verführt Heine, wenn er die schlechten Verse de» Bayerkönigs verspottet» 
-will. Er tut es in noch schlechteren: 

Herr Ludwig ist ein großer foeb, 

Und singt er, so stürzt Apollo 

Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht, 

„Halt ein, ich werde sonst toll oh!'' 

- 



Absurdität drückt SpotJ and Uohn las. ,2'JÖ 

Dio Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absur- 
ditäten zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen 
uns als Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen 
Polemik in den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Ver- 
wunderung konstatieren wir aber, daß in diesem Traume die Po- 
lemik offen betrieben und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist, 
die zum Ziele des Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint 
unseren Voraussetzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu 
widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, daß hier der Vater nur 
eine vorgeschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen 
geführt wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vor- 
schein kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen an- 
dere Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es 
hier umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer, 
und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge- 
heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mit- 
spielt, daß nicht er in Wirklichkeit gemeint ist- Man erfährt diesen 
Sachverhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, 
nachdem ich gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für un- 
antastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer 
meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon 
ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes 
deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege 
eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr 
erfüllen konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spital); 
und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen l>egannen, 
geriet icli in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer Miß- 
helligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren 
Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren 
sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller 
vorwärts komme, der von der Behandlung dieses Patienten her 
sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der 
das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art 
sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslang dauern? Was sind 
vier bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal- 
wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr 
erleichtert worden ist? 

Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten 
Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der 
Traumgedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht wer- 
den. So verläßt der Satz : Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer usw. 
das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert 
getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen- 
mächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vor- 
nehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies, 
und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen 
Person bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Vater 
verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung 
anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur, 
daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen 



296 Vf, Die Traum»rbeit. 

darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, ein- 
mal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, ent- 
hält nicht* mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. 
Dio von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der 
große — Meynert. dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge- 
folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode 
der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum 
erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren 
einmal der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu be- 
rauschen, und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und 
an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte 
einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der 
männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Todkranken 
besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Be- 
schreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: „Sie wissen, 
icli war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie." 
So halte er zu meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen 
zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich 
aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater 
verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden 
Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig 
zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken, 
der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines 
Professors oder Hofrates, wäre, dann wäre ich freilich rascher 
vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater 
zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste Absurdität 
des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851, die mir 
von 185G gar nicht verschieden vorkommt, als würde die Diffe- 
renz von fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade dies soll 
aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. Vier 
bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich die 
Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die 
Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ, 
und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenutztes 
Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen 
vertrautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „Was 
sind fünf Jahre?" fragen die Traumgedanken. „Das ist für mich 
keine Zeit, das kommt nicht in "Betracht. Ich habe Zeit ge- 
nug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist. was Ihr auch 
nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu Stande bringen" 
Außerdem aber ist die Zahl 51. vom Jahrhundert abgelöst, noch 
anders, und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt 
darum auch mehrmals im Traume vor. 61 ist das Alter, in dem ,der 
Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich 
habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige 
Tage vorher zum Professor ernannt worden war. 

V. Ein anderer absurder Traum, da* mit Zahlen spielt. 

Einer meiner Bekannten, Herr M.. ist von keinem Ge- 
ringeren als von Goethe in einem Aufsatze angegriffen 



Ein absurder Coetbetraum. 297 

worden, wie wir alle meinen, mit ungerechtfertigt großer 
Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen Angriff natürlich 
vernichtet. Er beklagt sich darüber bitter bei einer Tisch- 
gesellschaft: seine Verehrung für Goethe hat aber unter 
d i e s e r persönlichen Erfahrung nicht gelitten. Ich s u c li e 
mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrschein- 
lich vorkommen, ein wenig a u.f zu klären. Goethe ist 
1832 gestorben: da sein Angriff auf M. natürlich früher 
erfolgt sein muß, so war Herr XL damals ein ganz jun- 
ger Mann- Es kommt mir plausibel vor, daß er 18 Jahre 
alt war. Ich weiß aber nicht sicher, welches Jahr wir 
gegenwärtig schreiben, und so versinkt die ganze Be- 
rechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in dem 
bekannten Aufsatze von Goethe „Natur" enthalten. 

Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn 
dieses Traumes zu rechtfertigen- Herr M., den ich aus einer Tisch- 
gesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen 
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer 
Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig; 
es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke 
ohne jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf 
dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach 
seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be- 
rechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klarzulegen; 
Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon, 
daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß 
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material 
des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir 
befreundeter Hedakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine 
höchst ungnädige, eine „vernichtende" Kritik über das letzte 
Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die 
ein recht jugendlicher und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt 
hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte 
den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be- 
dauert*, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin 
brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem 
Almgebriefe die Erwartung hervor, daß unsere persönlichen 
Beziehungen unter diesem Vorfalle nicht leiden würden. 
Die dritte Quelle, dieses Traumes ist die damals frische Erzählung 
einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der 
mit dem Ausrufe ,. Natur, Natur" in Tobsucht verfallen war. Die 
Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes 
«•honen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung 
des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es 
vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder- 
gebildeten bei uns von der „Natur" reden, und daß der Unglück- 
liche sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenig- 
stens nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kran- 
ken, als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte- 



*}98 VI. Die Trmum»rboit 

Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch 
meine« Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist 
man es selbst", hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den 
zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch 
Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie be- 
deutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß ich 
mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich suche 
mir die zeitlichen Verhältnisse .... ein wenig aufzu- 
klären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der 
Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgcdanken 
sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und 
Ihr seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber 
doch umgekehrt?" Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im 
Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann .".ngegriffen 
hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch 
heute den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich 
vom Sterbejahre Goethes an rechne, während ich den Para- 
lytiker von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ. 

Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum 
von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß 
ich es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines 
Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze. 
Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus. 
Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen Kranken und die ver- 
schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur" auf den Gegensatz 
an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie 
für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe. Ich 
kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit 
der Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und 
nun darf ich das „Er" in den Traumgedauken durch ein „Wir" er- 
setzen. „Ja, Ihr habt Recht, wir zwei sind die Narren." Daß „mea 
res agitur", daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, 
unvergleichlich schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag 
dieses Aufsatzes in einer populären Vorlesung war es, der mich 
schwankenden Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft 
drängte- - 

VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen 
Traume, in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er ego- 
istisch ist. Ich erwähnte auf S. 186 einen kurzen Traum, daß Pro- 
fessor M. sagt: „Mein Sohn, der Myop..." und gab an, das 
sei nur ein Vortraum zu einem anderen, in dem ich eine Rolle .spiele. 
Hier ist der fehlende Haupttraum, der uns eine absurde und un- 
verständliche Wortbildung zur Aufklärung bietet: 

Wegen irgend welcher Vorgänge in der Stadt Rom ist 
es notwendig, die Kinder zu flüchten, was auch geschieht. 
Die Szene ist dann vor einem Tore, Doppeltor nach an- 
tiker Art (die Porta romana in Siena, wie ich noch 
im Traume weiß). Ich sitze auf dem Rande eines Brun- 
nens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine weibliche 
Person — Wärterin. Nonne — bringt die zwei Knaben 



„Ceiercs uud Ungeseres." 29y 

heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht ich bin. 
Der ältere der beiden ist deutlich mein Ältester, das 
Gesicht des anderen sehe ich nicht; die Frau, die den 
Knaben bringt, verlangt zum Abschied einen Kuß von 
ihm. Sie zeichnet sich durch eine rote Nase aus. Der 
Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber, ihr zum Ab- 
schied die Hand reichend: Auf Geseres und zu uns bei- 
den (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. Ich habe 
die Idee, daß letzteres einen Vorzug bedeutet. 

Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, 
die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue Ghetto" 
angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der 
Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie 
so zu erziehen, daß sie freizügig werden können, sind in den zu- 
gehörigen Traumgedanken leicht zu erkennen. 

„An den Wässern Babels saßen wir und weinten." — 
Sicna ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom 
muß ich im Traume (vgl. S. 135) mir irgend einen Ersatz aus be- 
kannten örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta romana von Siena 
sahen wir ein großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es 
das Manicomio, die Irrenanstalt, sei. Kurz vor dem Traume hatte ich 
gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung 
an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen. 

Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man 
nach der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf 
Wiedersehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres. 

Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift- 
gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von 
einem Verbum „goiser" und läßt sich am besten durch „anbefohlene 
Leiden, Verhängnis", wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes 
im Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern". 
Ungeseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Auf- 
merksamkeit zuerst auf sich, macht mich aber zunächst ratlos. Dia 
kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug 
gegen Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Verständ- 
nis die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; 
der ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene. Kaviar 
fürs Volk, „noble Passionen": darin liegt eine scherzhafte Anspielung 
an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe, 
daß sie. jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen 
wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus- 
haltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom 
Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar gesalzen- 
ungesalzen und Geseres-Üngeseres fehlt es aber noch an einnm 
vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „gesäuert und un- 
gesäuert"; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus Ägypten hatten 
die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, 
und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur 
Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen, 
der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich er- 



3QQ VI. Die Tmumarbe:t. 

innerte mich, wie wir in den letzten Ostertagen in den Straßen der 
uns fremden Stadt- Breslau herumspazierten, mein Freund aus Berlin 
und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den Weg in eine ge- 
wisse Straße: ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, 
und äuß?rte dann zu meinem Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine 
später im Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, 
von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild \in 
die Augen: Dr. Herodes, Sprechstunde . . . Ich meinte: Hoffent- 
lich ist. der Kollege nicht gerade Kinderarzt. Mein Freund hatte mir 
unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der bi- 
lateralen Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung 
begonnen: „Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie 
der Kyklop. ■ ■" Das führt nun zur Rede des Professors im Vor- 
traume: Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Haupt- 
□UcIIg für das Geseres geführt worden. ( Vor vielen Jahren, als 
dicefef Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, 
noch auf der Schulbank saß, erkrankte er an einer Augenaffektion, 
die der Arzt für besorgniserregend erklärte. Er meinte, solange sie 
einseitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber such 
auf das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden 
heilt» auf dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber 
die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die ent- 
setzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Land- 
aufenthaltes kommen. Der schlug sieh aber jetzt auf die andere 
Seite. „Was machen Sie für Geseres?" herrschte er die Mutter 
an. ..Tst es auf der einen Seite gut geworden, so wird es auch 
auf der anderen gut werden." Und so ward es auch. 

Und nun die Beziehungen zu mir und den meinigen. Die Schul- 
bank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit er- 
lernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meines 
Ältesten übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den 
Mund lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung 
knüpfen lassen, ist nun leicht zu erraten- Diese Schulbank soll aber 
auch durch ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsich- 
tig und einseitig zu werden. Daher im Traume Myop (dahinter 
Kyklop» und die Erörterungen über Bi lateral ität- Die Sorge um 
die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige; es kann neben der körper- 
lichen Einseitigkeit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. 
,1a, scheint es nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade 
dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen 
Seite hin sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach der an- 
deren hin das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht her- 
zustellen. Es handelt gleichsam in Beachtung der bi- 
lateralen Symmetrie! 

So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er- 
scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten 
und es nicht gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzu- 
setzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede bestimmt war, duldete 
sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln 
konnte, daß das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so 



Kein« Urteilsleistnng der Traamarbeit. 301 

■wie in Wirklichkeit der Traum, verfährt im Schauspiel der Prinz, 
<ler sich zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom 
Traume aussagen, was Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedingun- 
gen durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet: „Ich 
bin nur toll bei Nord-Nord- West ; weht der Wind aus Süden, eo 
kann ich einen Reiher von einem Falken unterscheiden*." 

Ich habe also das Problem der Absurdität des Traume« dahin 
aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind — wenigstens 
nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen — , und daß die 
Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden 
Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgcdanken Kritik. Spott 
und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucks form vorliegen. Es liegt 
mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit, überhaupt durch das 
Zusammenwirken der drei erwähnten Momente — und eines vierten 
noch zu erwähnenden — erschöpft ist. daß sie sonst nichts leistet als 
eine Übersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr 
vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im 
Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit 
einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen 
Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren 
Inhalt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung 
über ein einzelnes Element, des Traumes auftritt, Erklärungsversuche 
gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Ein- 
wendungen, die sich aus solchen Vorkommnissen ableiten, an aus- 
gewählten Beispielen erledigen. 

Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbaro 
Betätigung der Urteilsfunkt, ion in den Träumen vor- 
findet, ist nicht etwa als Denkleist ung der Traum- 
arbeit aufzufassen, sondern gehört dem Material der 
Traumgedanken an und ist von dorther als fertiges 
Gebilde in den manifesten Traumin halt gelangt. Ich 
kann meinen Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, 
die man nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, 
den Empfindungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns her- 
vorruft, gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhait an und ist 
in die Deutung des Traumes einzufügen. 

I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereite angoführt. 
Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar 
ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen und weiß nicht, ob es 
der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum- 
stück, in dem ein „Misttrügerl" vorkommt, an das folgende Erinne- 
rung sich anschließt- Als junge Hausfrau äußerte sie einmal scherz- 
haft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre 



* Dieser Traum gibt nuoh ein gutes Beispiel für den allgemein gülligen 
Satz, dal) dio Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnorunz gesondert, 
nuf dem Boden des nämlichen Gcdaukenmaterials erwachsen sind. Dio Trnura- 
situation, daß ich meine Kinder aus der Stadt Rom fluch ?. ist übrigens durch 
die Rüekbeziehung auf einen analogen, in meine Kindheit fallend -n Vorgang ent- 
stellt. Der Sinn ist, da'J ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielon 
Jahren ein Aulall geboten hat, ihre Kinder auf einen anderen Baden zu versetzen. 



302 VIi Die Traumarbeit. 

nächst« Sorge die Anschaffung eines neuen Mistträger ls sein müsse. 
Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit 
Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung 
der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen". Wenn 
man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den 
Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten 
Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem 
es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum- 
darstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der 
Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil 
über den ganzen Traum vertreten sein. 

IL Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen Traum, 
der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach 
dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor erzählen. Der Traum 
wird analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf ein 
Verhältnis, das er während der Behandlung begonnen, und von dem 
er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen*. 

III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: 

Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser 
und Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei dio Idee, 
daß ich diese Gegend schon mehrmals im Traume ge- 
sehen habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er 
zeigt mir einen Weg, der durch eine Ecke in eine Re- 
stauration führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich 
nach Frau Doni und höre, sie wohnt im Hintergründe 
in einer kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe 
hin und treffe schon vorher eine undeutliche Person 
mit meinen zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit 
mir nehme, nachdem ich eine Weile mit ihnen gestan- 
den hin. Eine Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie 
sie dort gelassen hat. 

Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die ich 
damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was 
es bedeute: Ich habe schon davon geträumt**. Die Analyse 
lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedi- 
gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den 
Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in 
meiner Ehe Kinder bekommen habe. P. ist eine Person, mit 
der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin, 
die mich dann sozial und materiell weit überholt hat. die aber in ihrer 
Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können 
den Beweis durch eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las 
ich in der Zeitung dio Todesanzeige einer Frau Dona A..y (woraus 
ich Doni mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte TOB meiner 

* Dio noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: Das muß ich 
dem Doktor erzählen, bei Traumen während der psychoanalytischen Behandlung 
entspricht regelmäßig einem großen Widerstand gegen die Beichte des Traumes 
«ud wird nicht selten vom Vergessen des Traumes gefolgt. 

** Ein Thoinn. üher welehey sich eine weitläufige Diskussion in den letzten 
Jahrgängen der Revue philosophique angesponuija hat (I'aramnesie im Traume). 



Urteils- und GefuhlsuußerQngen nach dem Erwachen. 303- 

Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden 
sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona war 
mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem englischen 
Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes 
ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem 
Geburtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten 
Knaben. 

IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus 
dem absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische 
Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fort- 
dauer der Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete: 
„Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette 
Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, daß 
es doch wahr geworden ist. . . . (Dazu eine vergessene 
Fortsetzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in 
dieso Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Kna- 
ben, dem ich den Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit 
gegeben habe, die mich in den Knabenjahren, besonders seit meinem 
Aufenthalt in England, mächtig angezogen. Ich hatte das Jahr der 
Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen zu verwenden, 
wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit ihm hoch befriedigt 
schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken, wie die .unter- 
drück to Größensucht des Vaters sich in seinen Gedanken auf die Kin- 
der überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies einer der Wege 
ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene Unterdrückung 
derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses 
Traumer. aufgenommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß 
ihm damals der nämliche — beim Kinde und beim Sterbenden leicht 
verzeihliche — Unfall widerfahren war, die "Wäsche zu beschmutzen. 
Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhlrichter" und den Wunsch 
des Traumes: Vor seinen Kindern groß und rein dazustehen. 

V. "Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst ver- 
bleiben, 8 ich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen, 
heraussuchen soll, so werde ich's als große Erleichterung empfinden, 
daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, die bereits ,in 
anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum von Goethe, 
der Herrn M. angegriffen hat, scheint eine ganze Anzahl von Urteils- 
akten zu enthalten. Ich suche mir die zeitlichen Verhält- 
nisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig 
aufzuklären. Steht das nicht einer kritischen Regung gegen den 
Unsinn gleich, daß Goethe einen jungen Mann meiner Bekanntschaft 
literarisch angegriffen haben soll? ,,Es kommt mir plausibel 
vor, daß er IX Jahre alt war." Das klingt doch ganz wie das Er- 
gebnis einer allerdings schwachsinnigen Berechnung; und „Ich weiß 
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben" wäre ein Bei- 
spiel von Unsicherheit oder Zweifel im Traume. 

Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß dieso 
scheinbar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem "Wortlaute 
cioo andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum- 



30 1 VI. Die Tmumarbcit 

deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver- 
mieden wird. Mit dem Satze: „Ich suche mir die zeitlichen 
Verhältnisse ein wenig au f zuklären", setze ich mich an die 
Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des 
Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert hiemit die Bedeutung 
eines Urteils, welchem sich gegen den Unsinn der vorhergehenden 
Salze sträubt- Die Einschaltung, ..die mir unwahrscheinlich 
vorkommt", gehört zusammen mit dem späteren „Es kommt mir 
plausibel vor". Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich der 
Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte, er- 
widert: Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß der Aus- 
ruf „Natur, Natur', etwas mit Goethe zu tun hatte; es ist mir 
viel plausibler, daß er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung 
gehabt hat. Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt worden, aber 
nicht im Traume, sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die 
von den Traumgedankon erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt 
eignet sich dieses Urteil an wie irgend ein anderes Bruchstück der 
Traumgedanken. 

Die Zahl 18. mit. der das Urteil im Traume unsinnigerweiso 
in Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammen- 
hanges, aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß „ich 
nicht sicher bin, welches Jahr wir schreiben", soll nichts 
anderes als meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, 
in dessen Examen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben 
hatte. 

Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes 
kann man sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung 
der Deutungsarbeit mahnen lassen, daß man den im Traume herge- 
stellten Zusammenhang der Tr ! iumlx>standteile als einen unwesent- 
lichen Schein beiseite lassen und jedes Traumelement für sich der 
Ziirückführung unterziehen möge Der Traum ist ein Konglomerat, 
das für die Zwecke der Untersuchung wieder zerbröckelt werden soll. 
Mim wird aber anderseits aufmerksam gemacht, daß sieh in den Träu- 
men eine psychische Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zu- 
sammenhang herstellt, also das durch die Traumarbeit Gewonnene 
Mateiial einer sekundären Bearbeitung untorzieht. Wir haben 
hier Äußerungen jener Macht vor uns. die wir als das vierte der bei 
der Traumbildung beteiligten Momente später würdigen werden., 

VI. Ich sucho nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den 
bereits mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der 
Zuschrift des Gemeinderates frage ich: Bald darauf hast du ge- 
heiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren hin, was 
mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich ganz in 
die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem An- 
fall im Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 geboren; 
also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch die Wunsch- 
cifüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken herrschende 
Satz lautet: vier oder fünf Jahre, das ist kein Zeitraum, 
das ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser Schlußfolge ist 
nach Inhalt wie nach Form aus den Traum gedanken anders zu doter- 



Schlüsse im Traum. 305 

minieren: E3 ist der Patient, über dessen GeJuld der Kollege sich 
beschwört, der rnmittelbar nach Beendigung der Kur zu heiraten 
gedenkt. Die Art, wie ick mit dem Vater im Traume verkehre, er- 
innert an ein Verhör oder ein Examen, und damit an einen Uni- 
vcrtil ;itsh>lirx>.r, der in der Inskriptionsstunde ein Vollständiges Na- 
tionale aufzunehmen pflegt«. Gebjivn, wann? 1S5G. — Pfttm? Dar- 
auf suglo man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung, 
und wir Studenten nahmen an, der Hof rat ziehe aus dem Vornamen 
des Vaters Schlüsse, tue ihm der Vorname des Inskribierten nicht 
jedesmal gestattet hätte. Somit war.? das Schlußziehen des Traumes 
mir die Wiederholung des Schlußziehens, das als ein Stück Material 
ind&n Traumgedanke.i auftritt. Wir erfahren hieraus etwa.-, Neue.-. 
Wenn im Trauminbalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicher- 
lich aus den Traumgedanken ; in diesen mag er aber enthalten Bein 
als ein Stück dos erinnerten Materials oder er kann als logisches 
Band eine Reihe von Traumgedanken miteinander verknüpfen. In 
jedem Falle stellt der Schluß im Traume einen Schluß aus dm 
Tiaumgednnken dar*. 

Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das 
Verhör des Professors rr.iht sich die Erinnerung an den (zu meiner 
Zeit lateinisch abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner 
an meinen Studie.ngang. Die fünf Jahro, die für das medizinische 
Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich 
arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner 
Bekannten hielt man mich für verbummelt, zweifelt« man. daß ich 
-fertig" werden würde. Da entschloß ich mich schnell, meine 
Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig, trotz des Auf- 
schuhs. Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die ich meinen 
Kritikern trotzig entgegenhalte. ..Und wenn ihr es auch nicht glauben 
wollt, weil ich mir Zeit lasse; ich werde doch fertig, ich komme doch 
zum Schi u ß. Es ist schon oft so gegangen." 

Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze, 
denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen 
k;.nn. Und diese Argumentation ist nicht einmal abeurd, sie kennte 
ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im 
Traume ü b e r d i e Zuschrift d e B G e m e i n d e r a t e s 1 u s t i g, d e n n 
erstens war ich lSöl noch nicht auf der Welt, zweitens ist 
mein Vater, auf den sie sich beziehen kann, schon tot. Beide-; 
ist nicht nur an sieh richtig, sondern deckt sich auch völlig mit de,i 
wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer derartigen Zuschrift 
in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus der früheren Analyse 
(S. 295 f.), daß dieser Traum auf dem Boden von tief erbitterten und 
hohngefräukten Traumgedanken erwachsen ist: wenn wir außerdem 
noch die Motive zur Zensur als recht starke annehmen dürfen, so 
werden wir verstehen, daß die Traum arbeit eine tadellose Wider- 
legung einer unsinnigen Zumutung nach dem in den Traum- 

* Dioso Krgebuissc korrigieren in einigen Punkten meine früheren Aogai>Cn 
über die Darstellung der logischen Relationen (S. 213). Letztere beschreiben diu 
allgemeine Verhalten der Traumarlx it. berücksichtigen aber nicht' die fi'iusi.-n 
und sorgfältigsten "Leistungen derselben. 

Freud, Trum,, Irutun^ 7 A11.I. 20 



306 V1 - Di * Tranmarbeit. 

gedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen Anlaß hat. Die Ana- 
lyse, zeigt uns aber, daß der Träumart.eit hier doch keine freie 
Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß Material aus den 
Traumgedanken dazu verwendet werden mußle. Es ist, als kämen 
in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein -f- und — , 
ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor. und jemand, der diese Glei- 
chung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Operations- 
ireichen wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber dann 
beiderlei durcheinander. Die beiden Argumente lassen sich auf fol- 
gendes Material zurückführen. Es ist mir peinlich zu denken, daß 
manche der Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auf- 
lösung der Psychoneurosen zu Grunde lege, wenn sie erst tekannt 
geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden. So 
muß ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebens- 
jahre, mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im 
Gcmütsleben der später Kranken zurücklassen und — obwohl von 
der Erinnerung vielfach verzerrt und übertrieben — die erste und 
unterste Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. 
Patienten, denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pfle- 
gen die neugewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich be- 
reit erklären, nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie 
noch nicht am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte 
nach meiner Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, 
welche bei weiblichen Kranken der Vater in den frühesten sexuellen 
Regungen spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung S. 177 f.) Und doch ist 
nach meiner gut begründeten Überzeugung beides wahr. Ich denke 
zur Bekräftigung an einzelne Beispiele. b:-i denen der Tod «les Vaters 
in ein sehr frühes Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklär- 
bare. Vorlalle bewiesen, daß dis Kind doch Erinnerungen an die ihm 
so früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß, 
daß meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, deren Gül- 
tigkeit man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der "Wunsch- 
c-ri'ülliing. wenn gerade das Material dieser Schlüsse, deren Be- 
anstandung ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung ein- 
wandfreier Schlüsse verwendet wird. 

VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird 
eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlieh 
ausgesprochen. 

Der alte. Brücke muß mir irgend eine Aufgabe ge- 
stellt haben: sonderbar tjenu <j bezieht sie sich auf 
P .•• ii p a r a t i o n meines eigenen Untergestells, Becken 
und Beine, das ich vor mir sehe wie im Seziersaal, 
doch ohne den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne 
Spur von Grauen- Louise N. steht dabei und macht die 
A r b c i t b e i m i r. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht 
bald die obere, bald die untere Ansieht desselben, was 
sich vermengt. Dicke, fleischrote Knollen (bei denen 
ich noch im Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu 
sehen. Auch mußte etwas sorgfältig ausgeklaubt wer- 
den, was darüber lag und zerknülltem Silberpapier 



Verwanderang im Thrnme. 307 

g 1 i e h*. Dann war ich wieder im Besitze meiner Beine 
und machte einen Weg durch die Stadt, nahm aber (aus 
Müdigkeit) einen Wagen. Der Wagen fuhr zu meinem 
Erstaunen in ein Haustor hinein, das sich öffnete und 
ihn durch einen Gang passieren ließ, der am Ende ab- 
geknickt, schließlich weiter ins Freie führte**- Schließ- 
lich wanderte ich mit einem alpinen Führer, der meine 
Sachen trug, durch wechselnde Landschaften. Auf einer 
Strecke trug er mich mit Rücksicht auf meine müden 
Beine. Der Boden war sumpfig; wir gingen am Rande 
hin; Leute saßen am Boden, ein Mädchen anter ihnen, 
wie Indianer oder Zigeuner. Vorher hatte ich auf dem 
schlüpfrigen Boden mich selbst weiter bewegt unter 
steter Verwunderung, daß ich es nach der Präpara- 
tion so gut kann. Endlich kamen wir zu einem kl e i n B n 
Holzhaus, das in ein offenes Fenster ausging. Dort 
s e 1 7. t-c mich, der Führer ab und legte zwei bereitste- 
hende Holzbretter auf das Fensterbrett, um so den 
Abgrund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu über- 
schreiten war. Ich bekam jetzt wirklieh Angst für meine 
Beine. Anstatt des erwarteten Überganges sah ich aber 
zwei erwachsene Männer auf Holzbänken liegen, die an 
den Wänden der Hütte waren, und wie zwei Kinder 
schlafend neben ihnen. Als ob nicht die Bretter, son- 
dern die Kinder den Übergang ermöglichen sollten. 
Ich erwache mit Gedankensehreek. 

Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Aus- 
giebigkeit der Traumverdieht.ung geholt hat. der wird sich leicht vor- 
stellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse 
dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang 
entlehne ich dem Traume aber bloß das eine Beispiel für die. Ver- 
wunderung im Traume, die sich in der Einschaltung ..sonderbar 
genug" kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß des Traumes ein. Es ist 
ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im Traume der Arbeit 
assistiert. ..Leih' mir etwas zum Lesen" Ich biete ihr -,She" von 
Rider Haggard an. Ein , sonder bar es Buch, aber voll von ver- 
stecktem Sinne", will ich ihr auseinandersetzen; ..das ewig Weib- 
liche, die Unsterblichkeit unserer Affekte — — ". Da unterbricht sie 
mich: Das kenne ich schon. Hast du nichts? Eigenes? — ,,Nein, meine 
eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben." — Also 
wann erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die, 
wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas 
anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund 
mahnen läßt, und verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es 
mich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der ich so viel 
vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu 
schicken. „Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben 

* Staniol, Anspielung auf Stnnnius, Nervensystem der Fische, vgl. S. 280. 
** Die Ortliclikeit im Flure meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen der 
F&fteieu stehen; sonst aber mehrfach überbestimuit. 

20» 



JJ08 V1 - Die Tra"marljoit. 

doch nicht, sagen." Die Präpantion am eigenen Leib, die mir im 
Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume 
vtrbnndenc Se 1 bs t an al y se. Der alte Brücke kommt mit Recht 
hiezu ; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit tvaf es 
sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich 
zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die .sich an 
die Unterteilung mit Louise X. anspinnen, greifen zu tief, um !>ewußt 
zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das iii 
mir neb.dlci durch die Erwähnung der .She" von Rider Haggard 
geweckt worden ist. Auf dieses lbieh und auf ein zweites desselben 
Autors. ..Heart of the world -1 , geht das Urteil .sonderbar genug", 
und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen 
Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen 
wird, der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu über- 
schreiten ist. stammen aus der ,.She"; die Indianer, das Mädchen, das 
Holzhaus aus „Heart of the world' - . In beiden Romanen i>t eine Frau 
die Führerin, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, 
in ,.She," um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte. kaum je 
Betreten:-. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich bei dem 
Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich 
entsprach ihnen eijie müde Stimmung und die zweifelnde Frage: Wie 
weit werden mich meine Beine noch tragen"'' In der ..Site" endet das 
Al> Mi teuer damit, daß die Führerin- anstatt sieh und den anderen die 
Unsterblichkeit z' 1 holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod 
findet. Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traum- 
gedanken geregt. Das ..Holzhaus" ist sicherlich auch der Sarg, 
also das Grab. Auch in der Darstellung dieses unerwünschtesten 
aller Gedanken durch eine Wunsehcrfüllung hat die Traumarbeit ihr 
Meisterstück geleistet. Ich war nämlich schon einmal in einem Grabe, 
aber es war ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvicto. eine schmale 
Kammer mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die Skelette 
von zwei Erwachsenen gelagert waren. Genau so sieht das Innere 
des Holzhauses im Traume, aus. nur ist Stein durch Holz ersetzt. 
Der Traum scheint zu sagen: ..Wenn du schon im Grabe weilen 
sollst, so sei es das Etruskergrab", und mit dieser Unterschiebung 
verwandelt er die traurigste Erwartung in eine recht erwünschte. 
Leider kann er. wie wir hören werden, nur die den Affekt beglei- 
tende Vorstellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch 
den Affekt selbst. So wache ich denn mit ..Gedankenschreek" auf. 
nachdem sich noch die Ide- Darstellung erzwungen, daß vielleicht 
die Kinder erreichen werden, was dein Vater versagt geblieben, eine 
neuerliche Anspielung an den sonderbaren Roman, in dem die Iden- 
tität einer Person durch eine Generat ionsreihe von 2000 Jahren fest- 
gehalten wird. 

VIII. Ir. dem Zusammenhang eine? anderen Traumes findet sieh 
gleichfalls ein Ausdruck der Verwiiiclerunp; über das im Traume Er- 
lebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten und 
beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen 
den ganzen Traum dar Anahve unterwerfen müßte, auch wenn der 
Traum nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse- 



Ein Erklärungsversuch im Traum. 30$ 

besäße. Ich rcisi in der Macht vom 18. auf den 19. Juli :iuf der 
Südbahnstreck G und höre im Schlafe: ,-Hollthurn, 10 Minuten" 
ausrufen. Ich denke sofort an Holothuricn — ein natur- 
historisches Museum — . daß h i e r ein Ort ist, wo sich 
tapfere Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres 
L a n d e s li g r r n gewehrt haben, — Ja. die Gegen refor in a- 
tion in Österreich! — Als ob es ein Ort in Steiermark 
oder Tirol wäre- Nun sehe ich undeutlich ein k 1 e i n e s 
Museum, in dem dio Reste oder Erwerbungen Jieser 
Männer aufbewahrt werden. Ich möchte aussteigen, 
verzögere es aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem 
Perron, sie kauern auf dem Boden und halten die Körbe 
so einladend hin. — Ich habe gezögert aus Zweifel, 
ob wir noch Zeit haben, und jetzt stehen wir noch im- 
mer. — Ich bin plötzlich in einem anderen Coupe, in 
dem Leder und Sitze so schmal sind, daß man mit dem 
Rücken direkt an die Lehne stößt*. Ich wundere mich 
darüber, aber ich kann ja im schlafenden Zustand umgestiegen 
sein. Mehrere Leute, darunter ein englisches Geschwister- 
paar; eine Reihe Bücher deutlich auf einem Gestell an 
der Wand. Ich sehe ..Wealth of nations". ..Matter and 
Motion' 1 (von Maxwell), dick und in braune Lcinw.and 
gebunden. Der Mann fragt die Schwester nach einem 
Buche von Schiller, ob sie das vergessen hat. Es sind 
die Bücher bald wie die meinen bald die der beiden. 
Ich möchte mich da bestätigend oder unterstützend 
ins Gespräch mengen — — — . Ich wache, am ganzen Körper 
schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen sind. Der Zug hält 
in Marburg. 

Während der Niederschrift, fällt mir ein Traumstück ein, das 
dio Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwister- 
paar o auf ein gewisses Werk: It is from. . ., korrigier© 
mich aber: It is by. . • Der Mann bemerkt zur Schwester: 
Er hat es ja richtig gesagt. 

Dor Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl 
unvollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der 
Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim ersten 
oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist dio 
Erwähnung Schillers im Traume, der ja in Marburg, wenngleich 
nicht im steirischen, geboren ist**. Nun reiste ich diesmal, obwohl 
erster Klasse, unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war 
überfüllt, in dem Coupe hatte ich einen Herrn und eine Dame an- 
getroffen, die sehr vornehm schienen und nicht die Lebensart be- 

* Dioso .Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge 
dem Grundsätze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder- 
schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein -Stück der TrauiudarsUdlung. 

** Schiller ist nicht, in einem Marburg, sondern in Marbach geboren, 
wie jeder deutsche Gymnasiast Weiß, und wie auch ich wußte. Es ist dies wieder 
einer jener Irrtümer (vgl. S. 137), ilie sich als Ersatz für eine absichtliche Ver- 
fülschunu' an anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der „Psycho- 
pathologie des Alltagslebens" versucht h-.i. ■. 



310 V1 - Dl«-' Tiaumarbeit. 

saßen oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über 
den Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß \vurd'> 
nicht erwidert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen 
die Fahrtrichtung), beeilte sieh die Frau doch, den Platz ihr gegen- 
über am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme zu belegen; 
die Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das 
Offnen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den 
Lufthunger bald an. Es war eine heiße